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Nr. 207.
Zweites Blatt.
Aovanement preis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., ins Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mr. 1.50.
Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberheffische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obft- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Samstag, den 6. September 1902.
Gießener
11. Jahrgang.
Insectionspreis: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberbeffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Bfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28. Fernsprechanschluk Nr. 362.
Nenelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Drud und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei,( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen
Ueber die Frage der Herkunft unserer Rekruten.
( Von Dr. M.- Gießen.)
( Nachdruck nur mit genauer Quellenangabe.) Im Jahre 1897 erschienen in der Wochenschrift ,, Die Nation" unter dem Titel„ Die heutige Grundlage der Deutschen Wehrkraft" von dem Münchener National ökonomen Geh. Nat Brentano einige Artikel, die mit Rett Aufsehen erregten und den Ausgangspunkt für eine zahlreiche Reihe von Veröffentlichungen bildeten. Ein mehrjähriger Streit entbrannte über die Frage „ Liefert Industrie- oder Agrarstaat mehr Soldaten?" ein Streit, der durch den deutschen Landwirtschaftsrat nunmehr vor kurzem ein Ende gefunden, welches einstweilen die Ueberlegenheit der ländlichen Bevölkerung ins rechte Licht stellt.
Damals wies Brentano vermittelst einer allerdings originellen Methode, beruhend auf der Grundlage der Statistik über die Herkunft der Ersatzrekruten nach, daß die„ borherrschend industriellen" Teile unseres Vaterlandes in den Jahren von 1893-96 512 014 Rekruten dem Heere geliefert, wohingegen die vorherrschend agrarischen nur 247 945. Damit war seiner Meinung nach der Beweis erbracht, daß mit der zunehmenden Industrialisierung Deutschlands Wehrkraft eine Schädigung nicht erfahren habe, und daß ein weiteres Hineinwachsen in den Industriestaat um so weniger zu Bedenken Anlaß gebe, als ja ein solcher eine ungleich größere Menschenzahl ernähre, folglich auch eine größere Anzahl Soldaten aufbringen könnte.
Man hatte sich bis dahin gewöhnt, die Erwerbsund Daseinsverhältnisse des flachen Landes als gut zu bezeichnen; gar manches Loblied war zu Ehren seiner Bewohner gesungen; man sah in den Industriegegenden nur die verfümmerten, ums Dasein kämpfenden Proletarier, die täglich ihrem eintönigen Berufe nachgehen mußten, die von Krankheit aller Art heimgesucht, nur ein elendes Leben fristeten und frühzeitig dem Mangel an„ Licht und Luft" zum Opfer fielen. Im Gegensatze hierzu blieb das Land mit seinen Bewohnern die Pflanzstätte gesunder Menschen, die in der ,, freien Gottesnatur" gesund und kräftig heranwuchsen, gute Soldaten und Staatsbürger abgaben und ein weit höheres Alter erreichten, als die Industriebevölkerung. Als nun Brentano feststellte, daß die Verhältnisse auf dem Lande nicht so sich verhielten, daß insbesondere nicht die agrarische Bevölkerung, sondern die industrielle der„ Jungbrunnen unserer Armee" sei,
war man umsomehr überrascht.
Gar bald erhoben sich, wie schon oben gesagt, zahlreiche Kämpfer für und wider; Brentano und seine Schüler auf der einen, Sering, Ballod- beide Berliner Akademiker- und der deutsche Landwirtschaftsrat auf der andern Seite.-
Zunächst kam der Streit um den Vorrang zwischen Stadt und Land auch in den Tägesblättern der ver
hiedenen Richtungen zum Austrag, wo er natürlich weidlich von jedem einzelnen für seine Zwecke ausge
nutzt wurde.
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Dann bewies aber Ballod in rühriger Weise die Unrichtigkeit der von Brentano angegebenen Zahlen; die damals nur noch 36 Prozent betragende landwirtschaftliche Bevölkerung stellte nach ihm 52,9 Prozent aller Refruten, in Wirklichkeit wohl noch mehr. Er zeigte die Fehler der ersten Veröffentlichung, wie Brentano nicht nur das ganze Handwerk in Stadt und Land, sondern auch nach Handel und Verkehr dem Industriestaate gutgeschrieben habe, trotzdem die ländlichen Handwerker doch im Nebenberuf zum großen Teile die praktische Landwirtschaft ausübten. Es sei ferner, so führt Ballod aus, eine Ungeheuerlichkeit, 5/6 der gesamten landwirtschaftlichen Bevölkerung für die in der Induſtrie beschäftigte Menge in Anspruch zu nehmen und nur 1/6 der gesamten Industriebevölkerung den landwirtschaftlichen Gebieten zuzurechen. Im Anschluß hieran warf derselbe die Frage auf, wie es mit der Erhaltung der Grundlage der deutschen Wehrkraft, der landwirtschaftlichen Bevölkerung stehe und auch hier kommt er zu anderen Resultaten, wie Brentano, der sprochen. Die Wehrkraft muß eine Verminderung erfahren, wenn die agrarische Bevölkerung im Osten Deutschlands in ihrer absoluten Zahl weiter herabgeht, wie es bisher leider zu verzeichnen ist. Trotz des hohen Geburtenüberschusses hat nämlich thatsächlich die Summe der Landbewohner um einige 100 000 abgenommen,
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eine Abnahme, die ausschließlich durch den Zug zur Stadt" erklärlich wird. Soviel über die eine Schrift von Ballod.
Die einmal angeschnittene Frage über die Wehrhaftigkeit wurde in der Folge immer zu beantworten gesucht. In den Schmollerschen Jahrbüchern, in den Grenzboten, in dem Zentralblatt für allgemeine Geſundheitspflege, in den staats- und socialpolitischen Forschungen erschienen zahlreiche Arbeiten, die alle von verschiedenen Gesichtspunkten aus an die Sache herantraten und uns ein gut Stück in der Erkenntnis weiter führten, zumal alle mehr oder weniger wieder lebhafte Erörterung hervorriefen Vor allem gilt dieses der Untersuchung des Bonner Hygienikers Prof. Kruse über " den Einfluß des städtischen Lebens auf die Volksgesundheit."
Zwar fällte dieser über die Wehrkraft selbst kein bestimmtes Urteil, weil ihm hierfür das statistische Material absolut ungenügend erschien; aber an der Hand einer wohl verarbeiteten Statistik kommt er zu folgenden interessanten Schlußfolgerungen, die im Auszug hier Platz finden sollen.
1) Im Säuglings- und Kindesalter ist die Sterblichkeit in den Städten größer als auf dem Lande.
2) Das städtische Leben erhöht die Sterblichkeit der erwachsenen Männer um ein Bedeutendes; nicht der Aufenthalt in der Stadt, sondern die Art und Weise der Beschäftigung ist der Grund dafür.
3) Weitaus am größten ist die Sterblichkeit der Männer in den Bezirken der Kohlen- und Eisenindustrie.
4) Die Sterblichkeit der Frauen ist wenig verschieden in Stadt und Land.
5) Die Sterblichkeitsverhältnisse haben sich zwar in den letzten Jahrzehnten gebessert; der Gegensatz zwischen Stadt und Land aber besteht unvermindert fort;( ist nach Ballod sogar noch stärker geworden.) 6) Die eheliche Fruchtbarkeit ist in den Städten geringer als auf dem Lande.
7) Von einer förperlichen Entartung der städtischen Bevölkerung kann nicht gesprochen werden.
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Indem Prof. Kruse hier den Weg zur Wahrheit über den dornigen Pfad der Statistik" schreitet, liefert er allerdings indirekt manchen Beweis für eine Ueberlegenheit der ländlichen Bevölkerung über die der Stadt und somit auch für eine höhere Wehrkraft der Landleute, ohne deren Schattenseiten übrigens gänzlich unbesprochen zu lassen.
Einen ganz besonders schlagenden Beweis für unsere spezielle Frage liefert in der Folgezeit sodann der frühere Hauptmann Dr. Bindewald, ein Beweis so voller Tha sachen, daß die Angelegenheit dadurch wohl zu einem Ruhepunkte gekommen ist. Diese Arbeit soll uns im folgenden etwas eingehender beschäftigen. Er hat an der Hand des Urmaterials bestimmter Gr satzbehörden sich ausschließlich mit der Frage der Herkunft unserer Rekruten beschäftigt, wobei ihm seine militärische Erfahrung sehr zu statten fam. Er verzeichnet die Ergebnisse der Wusterung für 3 städtische und 3 ländliche Bezirke mit strenger Unterscheidung der städtischen und ländlichen Herkunft. Hier zeigt sich so recht wieder die Ueberlegenheit in der Brauchbarkeit der ländlichen und der landgeborenen Bevölkerung zum Waffenhandwerk. Die Gemusterten ländlicher Herkunft, die auf dem Lande geblieben sind, übertreffen die Gemusterten städtischer Herkunft, die in den Städten zur Gestellung famen, durchschnittlich um 8,2 Laugliche auf 100 Vorgestellte. Der Unterschied ist beträchtlich, obwohl die beiden größten der in Betracht gezogenen Städte, Halle a. S. und Hannover als gut angelegte und gesunde Orte anzusehen sind. Namentlich gilt dieses von Hannover, das die relativ besten Musterungsresultate aufweist; es ist ungemein weit gebaut, in Waldungen die herrliche Eilenriede- und Parks Herrenhausen- eingebettet, seine Induſtrie weit ins Land hinausgeschoben, so daß die Arbeiter vielfach an den Vorzügen ländlicher Wohn- und Ernährungsweise teilnehmen. Die dritte Stadt, die Bindewald in den Bereich seiner Untersuchungen zieht, ist Linden von mittlerer Größe, ganz Fabrikstadt, das Zentrum der cinst von Hannover ausgeschlossenen Industrie, wenn schwunden ist. Daß es zu unterst unter den drei Städten steht, wird aber auch mit den Vorherrschen der Textil- Industrie zusammenhängen, weil sie im Gegensatz zu den in der Umgebung im Landkreis Hannover stark vertretenen Industrien der Steine und Erden die Arbeit faserniert und sich mit minderem
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Menschenmaterial begnügen kann. Die Differenz nun zwischen der Tauglichkeitsziffer der Stadtgeborenen von Linden und der Landgeborenen im besten der dret Landkreise, dem fruchtbaren Saaltreise, ist fast 12 Proz., gegen den weniger fruchtbaren Landkreis Uelzen 10 Broz., gegen den stark industriellen Landkreis Hannover 7 Proz.; die Differenz zwischen Hannover Stadt und Band ist immer noch 4,4 Proz.
Des ferneren äußert sich Bindewald über die Gründe für solche starken Unterschiede und spendet der ländlichen Bevölkerung, ihrer Arbeit, reichen Beifall.
In einer anderen von ihm ausgearbeiteten Tabelle setzt er die militärische Brauchbarkeit mit der Berufsthätigkeit der in Stadt und Land zur Musterung gefommenen Leute in Beziehung. Da ergiebt sich denn das überraschende Resultat, daß in jedem dieser Berufe stets die Stadtbewohner hinter der Landbevölkerung zurückstehen, die stärksten unter den Stadtleuten, die Schmiede und Schlosser, stellen nicht mehr taugliche Leute, als der Mittelschlag der ländlichen Arbeiter. Fürwahr, ein überraschendes Resultat!
Um so mehr hat die ländliche Bevölkerung Grund sich über ein solches Ergebnis zu freuen, als es anerkanntermaßen dem ganzen Bauernstande schlecht geht und er trotzdem also im stande ist, der Industrie überlegene Soldaten hervorzubringen und noch an diese hinterher reichlich Menschenmaterial abzugeben.
Die vorläufige gründliche Klärung nach der Herfunft unserer Soldaten verdanken wir nicht zuletzt dem deutschen Landwirtschaftsrat, der in seiner letzten Februarsigung diese Frage zum Referat erhoben hatte, nachdem er übrigens sich schon vor 10 Jahreu mit derselben Frage beschäftigt hatte.
In formvollendeter, aber nur Thatsachen enthaltender Rede führt der Referent Prof. Sering aus, daß alle Untersuchungen ausnahmslos zu der Erkenntnis führten: Das Landleben als solches, die derartige Wohn- und Ernährungsweise, die Arbeit und häufige Bewegung in reiner Luft, ist geeignet, gesündere Menschen hervor. zubringen, als das Stadtleben, das im Gegenteil die förperliche Entwicklung ungünstig beeinflußt." Aehnlich äußerte sich der Korreferent Frhr. von Cetto- Reichertshausen, der sein Wort schloß mit dem Ausspruch des Dichters:„ Es sproßt der Stamm der Riesen aus Bauernmark hervor."
Den, der sich näher für diese Frage interessirt, verweisen wir auf die eben erschienene Veröffentlichung des deutschen Landwirtschaftsrats..
In der Zeit des bewaffneten Friedens", wo alljährlich Hunderttausende unserer Söhne ihrer Wehrpflicht nachkommen müſſen, ſind obige Ausführungen von besonderem Interesse. Denn einmal geht Deutschland mit Riesenschritten der Industrialisierung entgegen, und diese nicht zu leugnende Thatsache fordert gebieteriſch weitere Maßnahmen zum Schuße der industriellen Arbeiter, falls nicht unsere Wehrkraft in Zukunft darunter leiden soll. Dann aber auch ist es auf der anderen Seite recht und billig, alle mögliche Fürsorge der uns noch gebliebenen agrarischen Be völkerung angedeihen zu lassen, damit sie vor wie nach sowohl brauchbare Mitglieder der Wehrkraft zuführen, als auch„ frisches Blut" in die Städte der Industrie abgeben kann.
Vermischtes.
* Budapest, 5. Sept. Die Polizei verhaftete den von vielen Polizeibehörden gesuchten internationalen Taschendieb Froschl. Er wurde in dem Angenblick verhaftet, als er eine goldene Taschenuhr stehlen wollte.
* Peking, 5. Sept. Die Kaiserin- Mutter hat denjenigen Beamten, welche an den Verhandlungen betreffend das Friedens- Protokoll und die Räumung Tientsins sich beteiligt haben, den hohen Stern- Orden verliehen, welcher ge wöhnlich nur an Fremde verliehen wird.
meinem Neubau Goethe allzu rosig von der Zukunft im Industriestaat ge- auch der ländliche Charakter dort noch nicht ganz ent- stattgefunden.
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* New- York, 5. Sept. Die legten Meldungen aus Castris berichten über einen neuen Ausbruch des Soufrière. Weiter wird berichtet: der Dampfer Sart aus Martinique tommend teilte mit, ein neuer Ausbruch habe am 30. August 2000 Einwohner seien umgekommen. Das hier gebildete Viele Einwohner verließen die Insel. Hilfs- Komitee zur Sammlung von Geldern für die Opfer von Martinique hat den Gouverneur von Caftris telegra phisch ersucht, mitzuteilen, ob neue Hilfsgelder erforderlich wären, um sofort einen Aufruf an die Bevölkerung richten zu können.


