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Nr. 149. Zweites Blatt.

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Mrati'bttlaqe«: Cberbeffifdie Familit»zet1u«a (râalich) Oberh ssische Zeitschrift für S .«dwirtschaft, Cbfh uwb Gartenbau, sowie die ©ie&e*er Seifenblase« (wochenllich). DuS Blatt erscheint an alle» Werktagen nachmittags.

Dienstag, den 1. Juli 1902.

Gießener

11. Jahrgang.

JmsertionSpreiS r Die einspaltige Petitzeile für Giehen wie: ganz Oberbessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pf., sonst 16 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3082.

Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28.

Meueste 'AaHnHten

(Gießener PageStatt) Unabhängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)

für Obertzeftc» und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalaarcigcr sür Gietzcn und Umaeblma.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei (gegr 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

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Kinderarbeit und Kinderverbrechen.

Unter diesem Titel veröffentlicht die schwedische Schriftstellerin Ellen Key im Apcilheft derNeuen deutschen Rundschau" eine Arbeit, der wir Nachstehendes entnehmen: Die an den Kindern verübten Verbrechen verlangen eine wirksame Schutzgesetzgebung für Frauen und Kinder, welche infolge dec Entwertung der mensch­lichen Arbeitskraft durch die Maschinen zum Mitverdienst in die Fabrik gedrängt werden. In England erreichte die Kinder- und Frauenarbeit zuerst den höchsten Punkt. Die Armenhäuser schickten in die Wollwebereien von Lancashire ganze Ladungen Kinder, die abwechselnd an denselben Maschinen arbeiteten und in denselben schmutzigen Betten schliefen. Kinder von 45 Jahren arbeiteten 1418 Stunden. Bis dahin unbekannte Krankheiten, zunehmende Verrohung, Unwissenheit und eine verkümmerte Bevölkerung waren die Folgen davon. Trotz derZehnstundenbill" ist nach dem Bericht eines Arztes die Körpergröße und das Gewicht bei den Lancashicc-Kiudecn noch immer niedriger als anderswo. Von 2000 untersuchten Kindern waren nur 151 wirklich gesund und stark, während 198 in hohem Grade ver­krüppelt und die anderen mehr oder weniger leidend waren. Ebenso furchtbar traten die Folgen des Aus­beutungssystems in Sachsen, Belgien, Elsaß und in den Rheinprovinzen zu Tage. Es giebt noch jetzt Orte, wo die Kinderarbeit ebenso entsetzliche Formen hat, wie in England vor 1848. So hat manz. B. in Rußland bei den Bastmattenwebereien Kinder von 3 Jahren ge­funden und Massen von Kindern unter 10 Jahren mit einer Arbeitszeit, die bis auf 18 Stunden stieg. In Deutschland zeigt die Spielwaaren-Fabcikation grausige Ziffern von Kinderarbeit. Die industrielle Hausarbeit beschäftigt hier 45jähr., die Fabriken dürfen erst 14jährige Kinder aufnehmen. In Dänemark und der Schweiz gilt dieselbe gesetzliche Altersgrenze. In Italien stammen die meisten Krüppel aus den Schwefelgruben Siciliens. Mit 1214 Jahren sind viele der dort be­schäftigten Kinder erwerbsunfähig. In Spaniens Magnesium-Gruben werden Mengen von Kindern zwischen 6 bis 8 Jahren verwendet, die durch die giftigen Dämpfe von schweren Krankheiten befallen werden. In Frankreich wagt der Sozialist Millerand bis jetzt nur den Elfstundentag für Kinder zu fordern, was auf die dortigen Zustände genügendes Licht wirft.

Eine Entartung der Bevölkerung in Fabrikdistrikten ist die nötige Folge solcher Zustände. Die Kinder­arbeit rächt sich aber auch in der Industrie selbst. Der schulgebildete Arbeiter ist für dieselbe nützlicher, als der ungebildete. Beweis dafür sei der Aufschwung der deutschen Industrie über die englische, was der besseren Schulbildung zuzuschreiben sei. Die intelligenten Arbeiter sind es, die die neuen Arbeitsmethoden am leichtesten lernen, selbst neue Erfindungen machen und den Produktionswert der Arbeit steigern. Je mehr Arbeiter ein Land von dieser Klasse entwickelt, desto besser kann es den Konkurrenzkampf aufnehmen.

In eindringlicher Weise mahnt Ellen Key an die Pflichten, welche die Gesellschaften den unteren Schichten der Großstadt gegenüber hat. Es sei nicht genug, daß die Aerzte die Krankheiten heilen. Man mutz mit aller ' Energie der Gesundheitsfürsorge ben breitesten Raum anweisen. Dazu müssen vor Allem gesunde häusliche Verhältnisse geschaffen werden. Die Außenarbeit der Frau bringt die Verwahrlosung der Kinder mit sich. Der Wohnungsmangel hat das Schlafburschensystem zur Folge. Das Unbehagen treibt den Mann oft ins Wirtshaus. Unsittlichkeit und Trunksucht sind die Folgen und verursachen physische und psychische Krank­

heiten, mit denen die Kinder schon geboren werden. Darum gilt es vor allem, die häuslichen Verhältnisse zu bessern.

Auch die Lebensdauer steigt mit besseren Gesund- Heitsverhältnissen. In Deutschland sterben z. B. in aristokratischen Familien in fünf Jahren von 1000 Kindern 57, in Berlins armer Bevölkerung 345. Eine andere Untersuchung aus Halle zeigt, daß die Zahl der Todtgeborenen in der oberen Klasse 21 von 1000 be­trug, in der Arbeiterklasse 55. Die Militäraushebungen in Großstadt und Fabrikbezirken sprechen in dieser Be­ziehung gleichfalls eine nicht mißzuverstehende Sprache.

Deutschland ist auf dem Gebiet der Sozialpolitik Bahnbrecher gewesen. Seit Jahrzehnten bemüht man sich, bessere soziale Zustände zu schaffen. In diesem Augenblick steht wieder ein Gesetzentwurf zur Beratung, der auf größere Einschränkung der Kinderarbeit abzielt. Ganz läßt sich dieselbe heute noch nicht unterdrücken. Tausende von Familien sind aus den Miterwerb von Frauen und Kindern angewiesen. Auch kann die Ge­samtheit nicht alle zur Beseitigung erforderlichen Mittel aufbringen. Daß es aber noch unverständige, sich liberal nennende Armenverwaltungen gibt, welche die ihnen unterstellten Pflegekinder in Familien geben zu einem Pflegegeld, das schon im Voraus eine Mitarbeit des Kindes bedingt, anstatt eine wohlgeordnete, gesund- heitsföcderliche Anstaltspslege zu erstreben, reigt von sozialer Rückständigkeit. Wenn wir Deutsche darum stolz sein können auf das, was in sozialpolitischer Be­ziehung schon geleistet worden ist, so brauchen wir bei der Lektüre von Arbeiten â la Ellen Key aber nicht gerade an die Spielwarenindustrie und Aehnliches zu denken. Das Gute liegt auch hier näher.

UtrmifcNes.

* Die Stadtverordneten in Krefeld beschlossen am 27. Juni in geheimer Sitzung die Aufnahme einer Anleihe von 4 Millionen Mark zur Beschaffung der Garnisoneinrichtungen. Die Militärverwaltung wird die Aufwendungen der Stadt in üblicher Weise verzinsen.

* ©in Mord aus Eifersucht. Ein etwa 60 Jahre alter Schuhmacher geriet in München mit einem an einem anderen Tische sitzenden Mann, der einen Stelzfuß trug und offenbar ein Bettler ist, in Streit, weil dieser sich mit seiner auch schon bejahrten Frau eingelassen hatte. Es kam zu einer Schlägerei, bei der schließlich der Schuhmacher mit einem Spazier- stock erschlagen wurde. Er starb nach einer halben Stunde.

Der Militärstaat als Landwirt. Eine absonderliche Neuerung hatdas in Augsburg garnisonirende 4. bayer. F.-A.-Regt. eingeführt. Es hat unmittelbar vor der Stadt mehrere Wiesen gepachtet und ließ dort durch einen Teil seiner Mannschaften den Heuertcag einheimsen. Vielleicht pachtet man auch noch Aecker, und der Militärfiskus kann dann unter die notleidenden Landwirte gehen. Die billigeren Arbeitskräfte hat er wenigstens vor ihnen voraus.

* Rheiueä (St. Gallen), 30. Juni. Auf dem Rhein ist ein mit 5 Burschen besetztes Boot umgekippt. Zwei ertranken, die übrigen wurden gerettet.

ö. Riepe, Kreis Aurich, 27. Juni. Das t'/s jährige Söhnchen des Landwirts de Boer, hier, fiel in ein Butter­milchgefäß, in welchem es ertrank.

* Bromberg. Mit seiner Schärpe erhängte sich in seiner Wohnung dec Oberleutnant Kleinhans vom hiesigen 129. Infanterie-Regiment. Kleinhans litt an I einer bösen Krankheit und sollte ins Lazareth gebracht

werden. Man nimmt an, daß er deshalb Hand an sich gelegt hat.

* Wien, 30. Juni. In der Fabrik der ersten österreichischen Jutespinnerei und Weberei in Simmering ist ein großer Brand ausgebrochen. Eine halbe Million Kilo Jute ist verbrannt. Der Schaden wird auf 150 000 Kronen berechnet

Schnellfahrt Paris-Wien.

Wien, 30. Juni. Marcel Renault wird wahr­scheinlich nicht disqualifiziert, da er ohne eigenes Verschulden die Kontrollstation Floridsdorf durchfuhr. Bei der Spott- kommission wurden noch mehrere andere Proteste eingereicht. Erster wird wahrscheinlich ZborowSky (Mercedes), Zweiter Henry Farman (Panhard). Dec Rennfahrer Oury hat in St. Pölten einen schweren Schulterbruch davongetragen; dort ist Durand in den Wagen hineingefahren und mußte die Fahrt aufgeben. In Amstetten erlitt ein anderer Fahrer durch Sturz Verletzungen an einem Auge und an den Armen. Henry Farman ist ohne Kontrollkarte von Salzburg hier eingetroffen. Der in Floridsdorf verunglückte Baron Forest (Mercedes) wäre ohne den Unfall knapp vor dem Ziel be- I stimmt Sieger geworden.

* *

Die einzige deutsche Fabrik, deren Wagen sich an der Schnellfahrt beteiligten, Mercedes in Cann­statt-Stuttgart, hat somit die besten Erfolge davon­getragen. Der oben erwähnte Baron Forest ist der Stiefsohn der Baronin Hirsch. Er machte diesmal seine erste Fahrt und interessiert sich erst seit Kurzem für den Automobilsport; seine Frau ist die Wittwe des vor einiger Zeit verstorbenen Chololadefabrikanten Menier und führt dessen großen Rennstall in kleinerem Maßstab, weiter. Die Zahl der Unfälle, die sich aus dieser Schnellfahrt ereigneten, ist anscheinend nicht gering, sehr schwere Unfälle sind aber glücklicherweise nicht vorgekommen. Der Fahrer Max ist, nach einer Meldung desN. W. Tgbl.", bei Plans Hun­dert u ndsünf zig Meter tief abgestürzt. Maxist wie durch ein Wunder nur leicht verletzt; sein Wagen von 40 Pferdekräften liegt zertrümmert im Abgrund.

* Versicherung gegen Zwllltuge. Bei Gelegenheit der Erkrankung des Königs Eduard wurde der verschiedenen merkwürdigen, aus dem Kontinent nicht üblichen Versicherungs- zweige Erwähnung gethan, die in England kultiviert werden. Die originellste unter den originellen Versicherungen, die man bei einzelnen Londoner Assekuranzgesellschaften ab- schließen kann, ist, so schreibt daS Neue Wiener Tazblatt, die Versicherung gegen Zwillinge! Sie ist von ingeni­ösen Versicherungstechnikel n für jene Familienväter erdacht worden, die eS gerade nicht als Segen betrachten würden, wenn der Himmel sie mit Zwillingen beschenken würde; ein Mann in kleinen Verhältnissen, selbst wenn er über ein weites liebendes Vaterherz verfügt, braucht eS ja auch that­sächlich nicht als angenehme Ueberraschung zu empfinden, wenn er neben das schon parat stehende Kinderwägelchen plötzlich und unvermutet noch ein zweites stellen muß ein solches Ereignis kann für einen bescheidenen Haushalt zu einer das Budget in schwerer Weise gefährdenden Katastrophe werden. Und so haben manche englische Versicherungsge- skllschasten auch für besorgte Familienväter eine Artttata- strophenversicherung" in ihr Programm ausgenommen; man kann sich für eine geringe Prämie bei ihnen gegen daS Er­scheinen von Zwillingen veisichern, ja, wenn sich ein Un- glücklicher, von besonders bösen Ahnungen bedrängt zeigt, so nehmen sie auch Versicherungen gegen Drillinge und Vierlinge entgegen. Höher geht es dann wohl nicht mehr. Selbstverständlich sind die VersickerungSsummen gewöhnlich keine sehr bedeutenden; dem Versicherten ist es ja in erster Linie nur darum zu thun, die Auslagen auf die Hand zu erhalten, die ihm aas einer nicht regulären Familienoer- mehrung erwachsm

LLLL2L2L2L2LLLLL2L2L M LLLLLL2LLLLLLL2LLLLL Jedermann kann sieh überzeugen

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