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Intelligenz-Blatt
fuͤr die Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen, den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.
M A1.
Sonnabend den 27. Mai
1854.
Das Großherzogthum Heſſen nach Geſchichte, Land, Volks Staat und HOertlichkeit.
Von Dr. Ph. A. F. Walther. (Fortſetzung.)
Noch gar manches Eigenthümliche in Brauch und Sitte findet ſich aber auch im Hinterlande.
Die Hinterländer bilden einen ſehr kräftigen Schlag Menſchen, wenn nicht Armuth ihre nachtheiligen Wirkun— gen auf das Gedeihen ausübt. Characteriſtiſch ſind bei ihnen die vorherrſchend helle Hautfarbe und blonde Haare. Das Vaterland der Hinterländer erfreut ſich bei den übri— gen Bewohnern des Großherzogthums keiner beſonders günſtigen Meinung, namentlich die Rheinheſſen und Star— kenburger denken ſich das„Buchfinkenland“, wie ſie es nennen, als eine Art Sibirien. Die nicht zahlreichen Dörfer und Flecken des Hinterlandes bieten allerdings keinen ſonderlich freundlichen Anblick dar. Der Boden iſt im Ganzen ſteril und eigentlicher Wohlſtand findet ſich nirgends allgemein. Die Dörfer liegen zerſtreut, ohnehin durch zahlreiche Gebirgskegel ſehr iſolirt. Doch finden ſich auch hier und da ganz reinliche, nette Bauernhäuſer und die ſonſt verwahrloſte Haltung der Wohnhäuſer iſt eher ein Zeichen von Armuth, als Geſchmackloſigkeit; die an die Wände der Bauernhäuſer gemalten Tulpen, Gänſe und Gockel zeugen von einigem, wenn auch noch ſehr unent— wickeltem Kunſtſinn. In dem Eſtricht ſind die Häuſer in moſaikähnlicher Manier mit ſteileingefügten Schieferſtücken ausgepflaſtert. Die Möbel und Getäfel der Bauern und Bürger ſind größtentheils maſſiv aus Eichenholz, da die Tanne unter allen Forſtbäumen am wenigſten vorkommt. Das Temperament des Hinterländers iſt im Ganzen mehr gutmüthig und heiter als lärmend und roh. Gröbere Verbrechen gehören bei ihnen zu den Seltenheiten. Achtung vor dem Geſetz und Sinn für Religion ſind bei dem Land— volk herrſchend und an Sonntagen ſieht man die Bewoh— ner von Filialorten, welche/ ja eine Stunde von dem Pfarrorte entfernt liegen, zur Kirche in größerer An— zahl ziehen. Unter ſeinen guten Eigenſchaften ragen beſonders hervor: 1) ſein Fleiß. Er erſtreckt ſich nicht blos auf ſein Feld. Wegen des unfruchtbaren Bodens müſſen die Hinterländer auf andere Erwerbsquellen denken. Viele arbeiten in den Bergwerken und in den Eiſenhüutten bei Biedenkopf, andere und zwar wohl die Meiſten beſchäf— tigen ſich mit Verarbeitung der Wolle. Man ſieht ſehr haufig Weiber und Mädchen, welche immer ihres Weges gehend emſig ſtricken. Um Licht zu erſparen legen ſie
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ſich des Abends früh zu Bette, und ſtricken ſo lange bis ſie einſchlafen. Namentlich zeichnen ſich die Bewohner des Dorfes Holzhauſen durch raſtloſe Thätigkeit aus. Sobald ſich das Laub der Bäume zu färben beginnt, wer— den große Quantitäten Strümpfe und ſonſtige wollene Strickwaaren verpackt und in die Städte der Rhein- und Maingegend verſendet und hauſirend abgeſetzt. Wer kennt nicht die Strumpfleute mit ihren kräftigen Geſtalten, blauen Kitteln und gewaltigen Stöcken? Ebenſo reiſen in jedem Jahre, namentlich aus dem Breitenbacher Grunde, viele Weibsperſonen zum Schneiden und Einſcheuern der Erndte in die Wetterau und Mannsperſonen zum Dreſchen der Früchte bis zum Rhein. 2) ſeine Genügſamkeit. Kar⸗ toffeln, Speck, Brod und Branntwein ſind die Hauptnah⸗ rungsmittel der Hinterländer. Bei Beluſtigungen dient als Getränk Schnaps und Bier oder auch ein Gemiſch deſſelben„Schnapsbier“ genannt. 3) ſeine Friedfertigkeit. Auf Kirchweihen, Jahrmärkten und in Wirthshäuſern hört man nur ſelten von Streitigkeiten und ſehr ſelten arten ſie zu körperlichen Mißhandlungen aus. Auch die Prozeßſucht des Hinterländers ſoll nicht derjenigen anderer Landestheile gleichen.— Die Bewohner des Lahnthals oder f. g. alten Amts Biedenkopf ſind weniger aufgeweckt und intelligent, wie die des Grundes Breitenbach. Sie hängen ſehr am Alten; Verbeſſerungen in ökonomiſchen und ſonſtigen Ein— richtungen finden deßhalb bei ihnen wenig Anklang, wäh— rend die intelligenteren Bewohner des Grundes Breiten— bach für die angeführten Verbeſſerungen viel empfänglicher ſind. Dem Wanderer zeigt dieß ſchon der Anblick der Wieſenthäler. Waͤhrend im Grunde Breidenbach gar manche Wieſengründe ſchoͤn angelegt und bebaut ſind, lie— gen im alten Amt Biedenkopf ganze Strecken an den Ufern der Lahn noch unbebaut.
(Fortſetzung folgt.)
Miszellen.
Dieſer Rothſchild iſt und bleibt doch der merkwürdigſte Literat unſerer Zeit. Seine Bücher und Journale lieſt kein Menſch, und dabei haben ſie doch die meiſten Ausgaben und werden fortwährend am höchſten honorirt.
Enthuſiasmus. Ein junges Fräulein, welches mit ihrer Mutter im Concertſaal ſaß und bei obligatem Floͤten— ſpiel vom Vortrag eines Adagio hingeriſſen wurde, rief ganz entzuͤckt:„Mutter, der junge Mann bläſt mir aus der Seele!“
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