Ausgabe 
18.3.1854
 
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ntelligenz-Blatt

fuͤr die

rovinz Oberheſſen im Allgemeinen,

den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.

Sonnabend den 18. März

1854.

Der Kleiderſchrank. Humoreske (Fortſetzung.)

Sie haben ſie alſo gekannt? rief Benſen.

Ob ich ſie gekannt habe? Ich ſah ſie noch im Wickelkiſſen. Ich war eine arme Verwandte von dem Kanter, und lebte in ſeinem Hauſe. Man hieß mich nur Bäschen Johanna, obſchon ich eigentlich nur Wirthſchaf terin bei dem Kantor war. Aber man hatte mich ſo lieb, daß kein Menſch das geahnt hätte ich ward gehalten wie das eigene Kind. So ging's bis Carolinchen zu Jahren kam. Und dann ward es auf einmal ganz anders. Erinnern Sie ſich denn nicht mehr? Merken Sie noch gar nichts?

Gar nichts! ich kann mich nicht mehr entſinnen! verſetzte Benſen.Meiner Treu, ich erinnere mich nicht mehr, Amen!

Auch nicht, wenn ich Ihnen den Namen des Grafen doch nein, ich will ihn lieber nicht nennen! fuhr Bäschen Johanna fort.Kurzum, der Graf hatte einen Sohn, ſeinen älteſten, einen gar ſchmucken, luſtigen, kecken Kavalier, fein und freigebig wie ein alter Ritter! der ſah ſie, ſah Caroline, war ganz verblüfft von ihrer Schönheit, wußte ſich an ſie zu machen, ſagte ihr alle moglichen ſchöͤnen Sachen, gewann ihr Herzchen kurzum, die alte Geſchichte. Liebe bricht alle Stränge, manchmal auch Herzen, aber es gibt immer wieder Närrinnen, die ſich bethören laſſen! Eines Abends als wir zu Bette gingen, Carolinchen und ich im September waren es gerade zwölf Jahre, kam ſie zu mir und ſagte:Bäschen, Johanna, glaubſt Du, mein Vater werde mir verzeihen? Was denn? ſag ich;was ſollte er denn nicht ver jeihen? Er iſt ja ein Chriſt!Ei nun, meinſt Du, er werde einer Perſon verzeihen, die ſich über ihn ſtellen will? ſagt ſie;einer Perſon, die den niedrigen Stand verlaſſen will, worin er lebt? Ha ha, ruft ſie mit einem wilden fröhlichen Lachen,was würde er wohl denken, penn er mich in einer ſchönen Equipage mit vier Braunen fahren ſähe, und die Leute ſtünden dabei und zogen tief vor mir die Hüte, und wenn man ihn fragte: was ſeine Tochter die gnädige Gräfin mache? Wär's nicht wunder ſchön, eine Gräfin zu ſein? Ich ſagte nein, oder kam zuf etwas anders zu reden, oder ſchalt ſie eine Thöͤrin, ich weiß nicht mehr, was ich ihr ſagte. Es war ſo zjübſch, ſie in dem Kämmerchen auf- und abgehen zu ſehen, ſolz wie eine Gräfin, wie ſie ſich mit ihrem einen Pan

toffel fächelte, als wenn es ein Fächer wäre, und wie ſie ſich drehte und ſchwenkte, als hätte ſie ein Hofkleid an mit einer langen Schleppe. Und doch hatte ſie nichts auf dem Leibe als ihr Unterröckchen und zeigte dabei ihr wunderhübſches nacktes Füßchen! Und was geſchah?...

Sie hat ſich gewiß erkältet und die Schwindſucht bekommen! rief Benſen.

O nein es kam noch weit ſchlimmer! Entfüh⸗ rung Schande Tod! ſagte Bäschen Johanna.

Eines Morgens, noch im ſelben Monat, ward ſie ver mißt, und der alte Kantor hatte ſeither keine frohe Stunde mehr. Er ſchien zu wiſſen was mit ihr vorging, auch ohne daß man es ſagte. Er fragte niemals wieder nach ihr, und als er acht Tage ſpäter einen Brief von Caro⸗ linen erhielt, worin ſie ihm meldete, daß ſie nun eine Graͤfin werden ſollte, und reich und angeſehen, und daß ſie ihn noch immer liebe und verehre da zerriß er den Brief in tauſend Fetzen und ſagte nur:O mein armes thörichtes Kind!

Und das war ſie auch! ſagte Samuel Benſen; er hat ſie gewiß nicht geheirathet!

Nein, und ſie ſchrieb auch niemals wieder. So ward das Haus duͤſter und öde. Der Kantor aber ging eines Tages in Carolinchens Kämmerchen, und nahm das alte eichene Schränkchen, worin ſie ihre Kleider gehabt hatte. Da leerte er alle Schubladen auf den Boden, warf die Kleider und Baͤnder und Schürzen und Tücher und Hüte dazu, und hieß mich Alles in's Feuer werfen. Der Schrank aber war ein altes Familienſtück, das ſich ſchon ſeit Menſchenaltern in ſeiner Sippſchaft fortgeerbt hatte; und der Kantor hatte ſonſt all ſeine werthvollen Papiere darin aufbewahrt. Seine Kapitalbriefe und Schuldſcheine und Verträge und Quittungen waren alle in der großen Schublade zu unterſt. Die oberſte Schub lade aber hatte einen falſchen Boden, und unter dieſem bewahrte er diejenigen Papiere auf, die ihm am wer theſten waren: die Briefe, die er mit Sophie, ſeiner ſe ligen Frau, gewechſelt hatte; den letzten Brief, den ſie ihm noch vor ihrem Tode geſchrieben hatte; ferner Earo linens erſtes Schreibeheft und die Briefchen, die ſie ihm aus Braunſchweig geſchrieben, als ſie dort auf der Schule war. Und wie er nun Carolinens ganzen Kleidervorrath auf den Boden geworfen hatte, öffnete er auch das ver borgene Fach, und las und las in den Briefen und weinte, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Ich konnte ihn kaum zum Mittagsbrod herunterbringen, und als er kam, er keinen Biſſen. Und ein Monat um den andern