Und Butzliun Marz
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61— 16 12 Bütgermeifter Kran b. —
Intelligenz-Vlatt
fuͤr die
Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen, den Regierungsbezirk Friedberg
im Beſonderen.
Mittwoch den 24. März
1852.
Amtlicher Theil.
Die Großherzoglich Heſſiſche Regierungscommiſſion des Regierungsbezirks Friedberg a die Gr. Bürgermeiſter resp. Beigeordneten und Polizei⸗Commiſſäre, ſowie an die Gr. Gensdarmerie
des Regierungsbezirks.
Letreffend: In Unterſuchungsſachen gegen Johannes Vogel von Vil⸗ del wegen Diebſtahls, hier die Arretirung des Friedrich Götz von Langenbergheim.
Wir beauftragen Sie hierdurch, auf Friedrich Götz
wn Langenbergheim zu fahnden und ihn im Betretungsfalle uns verhaftet zuzuführen. g Friedberg den 16. März 1852.
Shen ieee.
Der Ring. Eine Erzählung von Ernſt Ritter.
(Fortſetzung.) Sie war in einem Zuſtande, der den Scherz nur ils eine Erſtarrung aufkommen läßt; es war ihr, als ſei lein Blut mehr in ihren Adern, und ſtatt des Lebens ein tiſiges Zittern, das ſie in krampfhafter Bewegung hielt; ſe fühlte wohl: daß in dieſem Augenblicke das Glück vor ür wich, aber ſie fühlte es wie Jemand, der träumt und ticht die Hand ausſtrecken kann, um es zu halten. Sie glaubte zu ſterben und ſetzte ſich vernichtet auf die ſtei— nerne Bank. Robert erſchrack über ihre Schwäche, und es dauerte eine Zeit, bis er ſie wieder etwas aufzurichten vermochte. b
„Ich könnte nichts thun, um Dich zu erwerben,“ ſagte ſie,„Ich ſehe es jetzt, daß ich zu Allem zu ſchwach bin; nur treu kann ich Dir ſein, bis ich ſterbe.“
„Aber Du wirſt nicht ſterben, und ich hole Dich bald,“ rief er muthig aus;„laß' uns nicht länger ſo ge⸗ nartert bei einander bleiben; noch eine ſolche Stunde und ich ſchieße mich todt. Gehe heim, ich laufe heute noch ein Stück Weges und Gott ſegne Dich!“
So trennten ſie ſich. Wie im Traume ſchlich ſie nach der Stadt zurück, öffnete das Haus, fand ihr Zim⸗ ner, ihr Bett,— und erwachte mehrere Tage nicht zum Bewußtſein.— Als ſie zu ſich kam, ſaßen die Baſe Els—⸗
beth und der Vater einträchtig neben ihr; er hatte den Groll wegen des Korbes in der Dankbarkeit um der Baſe treue Pflege für ſein Kind ertränkt. Beide waren freundlich und ſorglich um Victorie beſchäftigt. Aber ihr erſter Gedanke beleuchtete auch die ganze ſchreckliche Ver— gangenheit; doch ſprach ſie kein Wort, das daran erin— nerte. Ihr Vater zeigte ſein Bewußtſein des Vorgefalle— nen nur durch eine nie da geweſene Zärtlichkeit für ſie. Er mochte ſeine Rohheit gegen Robert bereuen, doch ſprach er's nicht aus. Aus des jungen Menſchen Entfernung und Victorien's plötzlicher Krankheit errieth die Baſe den Zuſammenhang. Es blieb etwas unausgeſprochenes Trü— bes zwiſchen dieſen drei Menſchen, das Elsbeth, die die Heiterkeit liebte und gern plauderte, am läſtigſten war; denn wenn es zwiſchen vertrauten Menſchen nur einen Gegenſtand gibt, den ſie nicht berühren dürfen, ſo haben ſie ſich gar nichts mehr zu ſagen. Dennoch hatte Elsbeth eine Scheu, Victorien's Herzensgeheimniſſe mit derſelben zu beſprechen; ihre eigene Zurückhaltung war ihr ein Wink zu ſchweigen.
Bald kam Alles wieder in's gewöhnliche Geleiſe. Victorie ging wieder aus, und der Vater ſaß wieder im Comptoir.
Es war ein Frauenkloſter in der Stadt, das nun aufgehoben iſt. Victorie beſuchte ſeit ihrer Krankheit deſ— ſen Kirche oft, weil der Weg dorthin nur kurz war. Einſt begleitete ſie Elsbeth. Die ſieben Leidenſtationen waren durch ſieben Altäre verſinnlicht, und jeden Altar ſchmückte ein Bild von Hans Holbein.
Die Beiden beſahen ſich die ſinnvollen Schildereien. —„Sieh' wie ſchön und wie ſonderbar,“ ſagte Victorie zu Elsbeth, und zeigte auf eins der Bilder. Es war eine reich verzierte Tafel, die in der Form eines Schreines, wie dieß gewöhnlich bei den alten frommen Bildern der Fall war, zum Zurücklegen eingerichtet war. Auf dem Hauptfelde war das Chor einer Kapelle mit prachtvollem goldenen Schnitzwerke abgebildet. An den Stufen, die an das Chor hinauf führen, ſaß eine Nonne, mit dem Rücken gegen den Beſchauer gewendet, nach dem Haupt⸗ altar blickend; es war eine junge ſchöne Geſtalt im ſchwar— zen Talar mit weißem Schleier, der Ordenstracht der Dominikanerinnen; aber der Schleier war in die Höhe gehoben und zeigte den ſüßeſten Nacken und ſchlankeſten Hals entblößt und jugendlich, ſo ſchoͤn, daß das Auge des Jünglings mit Schwärmerei auf dieſen holden Formen hätte ruhen müͤſſen; ja es war ein Schimmer uͤber dem


