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a ſſigſte beſten wie über ukunft taates je der Län⸗ p. u. ſ. w moͤglichſt
New⸗
Intelligenz-Blatt
fuͤr die
Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen, den negierungsbezirk Friedberg
im Beſonderen.
M 15.
Sonnabend den 21. Februar
1852.
Der Uing. Eine Erzählung von Ernſt Ritter. (Fortſetzung.)
So war der kleinen Victorie Vater, ſo ihre Mutter. Dieſe mußte ſie verlieren, jenen behalten. Nur die Seele der Erſteren hatte ſie geerbt; ſie war ſanft, demüthig wie die Selige, die ſie meiſt aus der Baſe Elsbeth Er— zählungen kennen gelernt hatte, und wenn ſie eine Siege— rin war, wie ihr Name es ausſprach, ſo hatte ſie nur den Sieg über den Hochmuth und die Eitelkeit ohne Kampf errungen. Als ſie zehn Jahre alt war, ſaß ſie einſt auf einem Schemel zu den Füßen der Baſe.
„Sage mir, wie die Mutter angezogen war nach ihrem Tode,“ bat ſie zum hundertſten Male. Elsbeth war eben ſo unermädlich in Antworten.„Sie hatte ein lan— ges weißes Gewand an, und ihre Flechten habe ich ihr rund um das Sargkiſſen gelegt; ſie faßten es wie ein dunkler Saum ein; in der Hand aber hielt ſie eine weiße Lilie, die ich ihr hineingelegt hatte, weil ich kein ſprechenderes Sinnbild für ihre reine Seele finden konnte; ſie ſtarb auch gerade, als die Lilien ſich aus dem dunkeln Erdenſchoße erhoben.“
„Und der Ring?“ fragte Victorie weiter.
„Den Ring zog ich von ihrem Finger, ehe man den Sarg ſchloß, reihte ihn an ein goldenes Kettchen, und
hängte ihn Dir um den Hals; denn von allen Schaͤtzen,
die Dir die Mutter hinterlaſſen hat, iſt dieſer Ring der köſtlichſte. Ihre Augen waren bis zuletzt auf das Wort: „Hoffnung“ gerichtet, und als ſie's nicht mehr unterſchei— den konnte, richtete ſie den Blick nach Oben, ſagte:„In Deine Hände befehle ich meinen Geiſt,“ und hoffte in den Himmel hinein, als es auf Erden aus damit war.— Victorie, es iſt etwas Erhabenes, eine fromme Seele ſterben zu ſehen; ſie war durch die lange Krankheit ſo leicht geworden, als wäre ein Theil ihrer Hülle ſchon in die Lüfte aufgelöſt geweſen. So lag ſie da wie ein Ver— kündigungs⸗Engel mit dem Lilienſtengel in der Hand, und verkündete mit ſtummen Lippen den Frieden und die Se— ligkeit der Verſtorbenen.“
Sie ſchwiegen Beide; dann ſagte die kleine Victorie:
„Ich freue mich ſo, daß ich den Ring nicht verloren habe,
ehe ich wußte, was er werth war, denn nun gebe ich ſchon darauf Acht, wie auf meinen Augapfel.“ „Das iſt recht, Victorie,“ ſagte Elsbeth, ihr über
die Stirne fahrend,„und jetzt weine nicht länger, denn
ſiehe, es iſt eine ſchöne Zuverſicht in dem Worte, das auf dem Ringe ſteht; ſo lange der Menſch recht von Herzen hoffen kann, ſo lange bleibt er fromm und gut, denn er weiß, daß die Hoffnung von Oben kommt, und daß er mit ſeinem Vater im Himmel in gutem Vernehmen ſteht, ſo lange der ſie ihm läßt.“
„Baſe Elsbeth,“ ſagte das Mädchen,„mir iſt es doch, als konne ein armes Kind wie ich, das ſeine Mut— ter in der Wiege verloren hat, keine rechte Heimath auf der Erde finden.“
„Finde Du ſie nur im Himmel, ſo wird ſie Dir auch hier nicht fehlen,“ ſagte die Baſe,„Du haſt ja noch den Vater, der für Dich ſorgt, und mich und Deinen Spielkameraden, den Robert.“
„Rede nicht von Robert,“ ſagte Victorie erröthend.
„Haſt Du ihn nicht gern?“ fragte Elsbeth verwun— dert,„und er iſt doch ſo ein braver Bube. Dein Vater iſt auch darin ein Glückskind: thut unſereines Jemanden etwas Gutes, ſo iſt zehne gegen eins zu wetten, daß es einen Schlingel trifft. Er hat aber recht viel Freude au ihm, und kann ihn ſchon ordentlich brauchen.“
Victorie erwiderte, als ob ſie das Geſagte nicht ge— hört hätte:„Wie war denn der Vater, als die Mutter ſtarb?“
„Ach Kind,“ ſagte Elsbeth,„die Männer ſind nicht ſo wie wir. Er hat recht ſehr geweint, hat ſich und allen Dienſtboten Trauer angelegt, und dann hat er bald im ſchwarzen Rock ebenſo gut rechnen können, als im brau— nen; hernach ging er auch wieder zum Kartenſpiel, und es war ihm weiter nichts anzumerken. Das iſt ſo Regel.“
Victorie ſagte:„Ich glaube nicht, daß es juſt ſo ſein muß, der liebe Gott hat doch den Buben kein ande— res Herz geſchaffen, als den Mädchen.“
„Ganz anders“ erwiderte Elsbeth.„Trau Du nie einem Manne, dann wirſt Du ſicher fahren. Nur die Frauen ſind treu und wahr, und verſtehen zu lieben. Deine Mutter war auch hierin ein Engel.“
Victorie antwortete kein Wort mehr; ſie nahm ihren Strickſtrumpf eifrig vor, und die Baſe wurde zu einem Geſchäfte abgerufen. Da klingelte es an der Hausthüre, und nachdem der Wartende ſo lange geſtanden hatte, bis die Magd zum Drücker trat, ging dieſer auf, und der leichte Schritt eines Knaben, der drei Stufen auf einmal überſpringt, konnte erkannt werden. Victorien's kleines Herz klopfte laut, das Blut ſtieg ihr in's Geſicht, und ſie ſtrickte immer emſiger. Robert trat ein, halb wie ein be—


