ntelligenz-Blatt
fuͤr die
Provinz Oberheſſen
N im Allgemeinen, die Areiſe Friedberg, Vilbel und Nidda
im Beſonderen.
auumler's Brief e 'riefſtelle JE 78. Sonnabend den 18. September 1852. buch Treue Hand geht durchs ganze Land. 896 10 fallt ſein Blick auf das offene Schreibpult, gemeine aus welchem ein paar Rollen Geld ihm entgegenſcheinen. deneverhäl Von W. O. v. Horn. Da mag dem armen Kerl denn doch die Verſuchung — Wathnnenl(Schluß) 10 171 50 101 5 einer einzigen Rolle Geld e 8 koͤnnteſt du ein glücklicher Menſch werden; brauchteſt nicht ite n Aufſätz In der Stadt Prag wohnte der berühmte und men⸗ mehr ein ſo armſeliges Leben 10 führen! Alles 199588 ſchenfreundliche Doktor K..., ein alter Junggeſelle, iſt ſtill, Niemand zu ſehen, noch zu hören. Was hindert
0 in einem großen ſchönen Hauſe. r Pere, Am Morgen des Johannisfeſtes, als er eben an ſeinem Schreibpult ſitzt, wird er eiligſt zu einem Bekannten gerufen, deſſen Söhnlein ein Bein gebrochen hatte. Auf 5: der Stelle nimmt der Doktor Stock und Hut und eilt da⸗ * Stamm Er vergißt aber in der Eile ſeinen Pult und ſeine 1 44 Freu e zu verſchließen. Das Haus iſt unbewacht uch und Alles darin ſteht offen!— Da kommt ein Menſch g mit einem breitkrämpigen Hut, in ſchwarzen, rußigen
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ela. Hemdsärmeln, über denen ein braunes Wamms herab⸗ 1 hing, deſſen Aermel unten zugebunden waren, damit man offmann. Alerlei, wie in einen Sack, hineinſtecken konnte. Denkt
1. A k. Euch nun noch enge ſchmutzige Hoſen und derbe Schnür⸗ 8 ſiefel dazu, und Ihr habt ein Bild von dem ſeltſamen
Geſellen. Hier zu Land würden die Leute auf der Gaſſe bet zuſammenlaufen, wenn ſo Einer ſich ſehen ließe; in Prag
aber kennt man dieſe Art von Leuten ſchon. Es ſind de ſeunterritl die Drahtflechter aus dem ſüdlichen Oeſterreich, aus dem kunde Siebenbürgen, die umherziehen und für die ſpar⸗ a ſamen Hausfrauen die irdenen Kochtöpfe mit Draht um⸗ ſechten, daß ſie nicht ſo leicht zerbrechen. Sie halten ſich n in Prag auf, nehmen mit dem ſchlechteſten Nacht⸗ ie e partier vorlieb und bekommen ihre Dienſte bald gut, bald ſhlecht belohnt, ſind aber mit Allem zufrieden. Jährlich on einmal kehren ſie in ihre Heimath zurück und bringen das, „Tafeln ns ſie erübrigt haben, den Ihrigen. Aber wehe dem,
bon dem die Andern berichten, daß er ſich im Ausland
uer. ſglecht betragen oder geſtohlen habe! 5 9 rs 1 fl. 30 f. Wer den guten ehrlichen Namen der Siebenbürgi— . ſhen Drahtflechter in der Fremde befleckt hat, der darf
a ne wieder auf Reiſen gehen, ſondern hat das Nachſehen, llotiz nenn die Andern fröhlich hinausziehen in die weite Welt.
Ein ſolcher Drahtbinder kommt am Johannistage
Lauheil u Prag in das Haus des Doktors K......„ wo er 8 züher ſchon manches Gröſchel zum Geſchenk erhalten hatte.
den Hut in der Hand, naht er ſich beſcheiden dem Zimmer. Bode. die Thür ſteht offen, aber Niemand iſt drinn. Er thut
1 enen Schritt hinein, um zu ſehen, ob der Hausherr etw
ä uuf dem Ruhebett ſitze, aber auch da iſt Niemand zu
dich zuzugreifen?— Doch— Nein, ſagt eine Stimme in ſeinem Herzen, du ſollſt nicht ſtehlen! Du ſollſt lieber arm und ehrlich bleiben, als reich und ſchlecht werden. Aber weil heute viele Landſtreicher durch die Straßen ziehen, viele Gauner und Strolche umherſchweifen und mauſen; weil ein Anderer, der da hereinguckte, nicht ſo bedenklich im Zugreifen iſt, wie du, ſo ſollſt du jetzt hier Wache halten, bis der Herr wiederkommt! So denkt er und damit drückt er den Hut auf ſein ſchwarzes Haar und ſetzt ſich auf die Schwelle der Thür nieder.
Mehrere Stunden waren ſo vergangen, da kommt endlich der Doctor... von ſeinem Kranken zurück. Schon von ferne ſieht er die offene Thüre und beim Ge— danken an den heutigen Tag, wo Tauſend Diebereien vor— zukommen pflegen, erſchrickt er tüchtig über ſeine Vergeß—⸗ lichkeit und iſt vollkommen überzeugt, daß er Alles aus⸗ geleert finden werde; aber wer beſchreibt ſein Erſtaunen, als er den Drahtbinder mit ſeinem ſchwarzen Geſicht, den Hut tief in die Augen gedrückt und das Kinn auf die Hand geſtützt, daſitzen ſieht, ſo trotzig, als wollte er's mit Jedem aufnehmen, der es wagen würde, da herein zu wollen.
Als der Drahtbinder den ihm bekannten Hausherrn kommen ſieht, ſteht er auf, zieht ehrerbietig den Hut ab, und ſtammelt in gebrochenem Böhmiſch einige Worte, die ihn entſchuldigen ſollen, daß er hier geſeſſen. Doch der Doktor fällt ihm in die Rede und fragt: Was führt dich auf die Schwelle meiner Thüre?— das Almoſen, gnädi— ger Herr, das Sie mir geben, ſo oft ich nach Prag komme!
Aber du haſt mich ja nicht zu Hauſe gefunden, ſagte der Doktor.
Darum hab' ich warten wollen, bis Sie kämen, er⸗ wiedert der Drahtbinder.
Aber du fandeſt ja Alles offen, hätteſt dir ja nehmen können, verſetzt der Doktor.
Bewahre, gnädiger Herr, entgegnete der Draht- flechter, das wäre geſtohlen. Der Drahtbinder iſt arm,
aber ehrlich.


