Ausgabe 
11.9.1852
 
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ſchaft hinſchweifen. Wohl fühlte ſie, daß die Bewunde⸗ rung, die ihr aus allen Geſichtern entgegenſtrahlte, das Werk ihres eigenen Verdienſtes ſei, denn hätte ſie jene große Gabe der Natur, ihre Stimme, vernachläßigt, ſo wäre ſie nicht im Stande geweſen, jene hervorzurufen. Ihre Wangen rötheten ſich und die Augen leuchteten von edlem Stolze, als ſie das Piano mit feſter Hand anſchlug; aus ihrer anſcheinend ſchwachen und zarten Bruſt ſtrömte nun rührende Melodie eines polniſchen Liedes in reiner, ſonorer, klagender Stimme. Thränen traten Manchem in's Auge und jedes Herz ſchlug ſchneller. 5

Der Geſang war zu Ende, aber das Schweigen der Bewunderung dauerte fort. Giovanna lehnte ſich erſchöpft gegen die Stullehne, und ſenkte die Augen zu Boden. Als ſie ſie wieder erhob, bemerkte ſie einen Herrn, der ſie ſtarr anſchaute, als ob er noch immer dem Nachhall in ſeinem Innern lauſchte. Um ihn aus ſeinen Träumen zu wecken, führte ihn der Herr des Hauſes zu Giovanna hin. Erlauben Sie, Signora, ſprach er,daß ich Ihnen einen Landsmann vorſtelle, Graf Leon Roszynski.

Die Dame erbebte; ſie verbeugte ſich ſchweigend, heftete die Augen auf den Boden, und wagte nicht, ſie wieder zu heben. Bald darauf ſchützte ſie Unwohlſein vor, was ihre blaſſen Züge auch vollkommen bekräftigten, und zog ſich zurück.

Als am folgenden Tage Giovanna's Dienerin die Grafen Selka und Roszynski anmeldete, ſpielte ein eigen⸗ thümliches Lächeln um die Lippen der erſteren; und wie jene nun eintraten, empfing ſie den letztern mit der kalten und formellen Höflichkeit eines Fremden.Sie hielt die Gefühle ihres Herzens im Zaum und zwang ihre Züge zu einem gleichgültigen Ausdruck. Aber aus Leon's Beneh⸗ men ging klar hervor, daß ſich ſeiner ein unerklärliches Vorgefühl in Beziehung auf ſie bemächtigt hatte, ohne daß er ſie jedoch entfernt wieder erkannt hätte. Die Grafen waren gekommen, um ſich zu erkundigen, ob ſie ſich von ihrem Unwohlſein erholt habe. Leon bat um die Erlaub niß, wiederkommen zu dürfen.

Aber wo war ſein Weib? warum ſprach er nie von ihr? Unaufhörlich legte ſich Giovanna, nachdem jene fortgegangen, dieſe Fragen vor. J

Wenige Abende ſpäter trat Graf Leon traurig und gedankenvoll bei ihr ein. Er vermochte Giovanna, eines ihrer polniſchen Lieder zu ſingen; ſie hatte es, wie ſie ihm ſagte, als Kind von ihrer Amme gelernt. Roszynski, außer Stande, die hohe Bewunderung, die er ſchon lange gefühlt, langer zurückzuhalten, erfaßte in fieberhafter Auf⸗ regung ihre Hand und rief aus:Ich liebe Sie! Sie zog die Hand zurück, ſchwieg einige Minuten ſtill und ſprach dann langſam, beſtimmt und ſpöttiſch: Aber ich liebe Sie nicht, Graf Roszynski.

Leon erhob ſich. Er preßte die Hand gegen die Stirne und ſchwieg. Giovanna blieb kalt und ruhig. Das iſt die Strafe des Himmels, fuhr Leon gleichſam mit ſich ſelbſt ſprechend fort,daß ich meine Pflicht gegen ein Weib nicht erfüllte, das ich freiwillig, aber ohne Ueberlegung nahm. Ich that ihr wehe, und werde nun dafür geſtraft. Giovanna kehrte die Blicke nach ihm. Leon fuhr fort:Jung und mit einem noch ungerührten Herzen heirathete ich eine Fürſtin, die faſt zehn Jahre älter, von excentriſchen Gewohnheiten und reizbarem Tem peramente war. Sie behandelte mich wie einen Unterge benen. Sie verſchwendete das Vermögen, welches meine Eltern mit ſo viel Mühe zuſammengeſcharrt hatten, und ſchämte ſich dennoch meines Namens, weil meine Abſtam⸗ mung eine geringe war. Zu meinem Glück liebte ſie Be⸗ ſuche und andere Vergnügungen. Sonſt hätte ich, nur um

ſnachul ſie los zu werden, ein Spieler oder etwas noch Schlim. all ord meres werden können; ſo aber brauchte ich nur zu Hauſe 0 zu bleiben, um ihr nicht zu begegnen, denn dort war ſie.

ſelten. Ich legte mich nun auf das Studium, anfangs 141% zwar nur aus Langeweile, bald aber aus wahrer Freude 5 10 müll an dieſer Beſchäftigung. Die Lektüre bildete mein Herz 1360 och den 1 und meinen Charakter. Ich wurde ein anderes Weſen. N Nahm Vor einigen Monaten ſtarb mein Vater, meine Schweſter n Gone des ging nach Litthauen, während meine Mutter in ihrem n e e Alter und bei ihren Ideen gänzlich unfähig war, meinen in der ite Kummer zu verſtehen. Als daher meine Frau in die e ml backen Bäder reiſte, um ihre zerrüttete Geſundheit wieder herzu 1 2 Gall Karl ſtellen, kam ich hieher in der Hoffnung, einige meiner frühe- z Galen and un ren Freunde zu treffen... da ſaßh, ich Siet 3 00 me Giovanna erröthete wie eine Ertappte; ſchnell aber bak aku,

5* 1 1 1 1 9 1 1 5 e und fragte in ruhigem. Scherz; an ee ach 7 8 ie doch wohl nicht unter Ihre früheren ifa un 111

. mige in Ich weiß nicht. Ich war irre. Es iſt ſeltſam; die nabe, aber von dem Augenblick an, da ich Sie bei Graf Selka fag gente a0 ſah, überkam mich ein mächtiger Liebestrieb; und zwar! 0 44 kein neues Gefühl, ſondern es war, wie wenn eine lange verborgene, unentwickelte Empfindung plötzlich hervorbräche und ſich in eine unwiderſtehliche Leidenſchaft verwandelte. Ich liebe Sie, ich bete Sie an, ich.... Die Prima Donna unterbrach ihn nicht mit einem fung, bete Worte, aber mit einem Blick, der ihn zurückſchreckte, ihn Eudlkrc do gende z erſtarren machte. Stolz, Zorn, Hohn ſaß in ihrem Lächeln, ae sed g Satyre ſchoß aus ihren Augen. Nach einer Pauſe wie, derholte ſie langſam und mit Nachdruck:Mich lieben Sie, Graf Roszynsky? .So wil es mein Schickſal, erwiderte er.und 9 fe 0 57 5 trotz Ihrem Zorne will ich doch nicht dagegen kämpfen. C ababer werde Ich fühle, es iſt mein Fatum, daß ich Sie ewig lieben 175 5 fi zn 1 ſoll; und ich fürchte, es iſt mein Fatum, daß Sie mich f n. Ach when nie lieben ſollen. Es iſt ſchrecklich. waen, Gdem die Jus Giovanna bemerkte die Bewegung des Grafen und ige auger den ward mit Wehmuth erfüllt.Ja, ſprach ſie,wenn un⸗ ie der ſere erſte, reine, glühende, leidenſchaftliche Neigung uner⸗ Dr. widert bleibt, verſchmäht wird, verhöhnt wird, dann kommt Aunptttür ein Schmerz über uns, der dem des Todes faſt gleichkommt. W Sie machte eine heftige Anſtrengung, um ihre Aufre⸗ ae, A n gung zu bergen. Sie ermannte ſich auch wirklich in ſo ah ſuiwiltgen Aae weit, daß ſie das Folgende mit einer Art Heiterkeit hin, s Witwe und dere zufügen konnte. ſlben zufſehenden In

Sie ſind wenigſtens aufrichtig geweſen, Graf Ros 1 12 1 pe zynzky, ſprach ſie;ich will ihrem Beiſpiele folgen, in- N 115 Gul dem ich Ihnen eine kleine Geſchichte erzähle, welche in 7 40 eine St Ihrem Lande vorgefallen iſt. Ein armes Mädchen wurde Weedgaff

ann Gärten und und Fauerbacher G Alber öffentlich meif Flurſchütz Georg

dort als Leibeigene eines reichen Herrn und Meiſters ge boren und erzogen. Als ſie kaum fünfzehn Jahre alt war, riß man ſie aus einem Stande glücklicher, ländlicher Frei⸗

heit der Freiheit, der Demuth und Zufriedenheit Hhüuglich der Güterſt heraus, damit ſie als Hausmagd in dem Schloſſe diene. atem eva gen Wer ſie dort nicht auslachte, ſchalt ſie. Ein einziges ue 8 tiges Wort ward an ſie gerichtet, und dieß kam von dem ie

Sohne des Herrn. Sie hegte und pflegte dieß Wort und Der bewahrte es wie einen Schatz; dadurch aber, daß ſie ihr

Gefühl ſo lange verborgen halten und bezähmen mußte, Nobiliar⸗ ward endlich aus der Dankbarkeit eine aufrichtige Zunei une deng

gung. Was kümmert ſich aber ein Weltmann um die Liebe einer Liebeigenen? Sie ſchmeichelt ja nicht einmal ſeiner Eitelkeit. Der junge Edelmann verſtand die Quelle ihrer Thränen und ihres Kummers nicht; er ſchenkte ſie ſeiner Verlobten wie man ein Thier wegſchenkt.

(Schluß folgt.)

ö n 0. ochun

Belfille, Dis