die Aedaction
0 ſich tägſich Aer deilagen
r'ſchen Buch⸗ ſchienen und oͤberg durch
änder „ ohne Lehrer,
Agen
ntelligenz-Blat
fuͤr die
Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen, den Negierungsbezirk Friedberg
im Beſonderen.
7 Sonnabend den 3. April
1852.
Der Uing. Eine Erzählung von Ernſt Ritter. (Fortſetzung.) Endlich war ſie zum Thore hinaus. Als ſie die
weite Ebene im Mondſcheine vor ſich ſah, ward ſie zur rüſtigen Wanderin. Sie ſchürzte ihe Gewand feſt um ihre
üften und ging vorwärts, bis der Tag graute. In 1 Feldberg erquickte ſie ſich mit einem Frühſtücke und ſagte
den Leuten; ſie ſei auf einer Wallfahrt begriffen. Ihrem Sinne und Herzen nach war ſie es auch. Das Staunen, welches ſich in den Blicken ihrer Wirthe malte, ein ſo junges zartes Geſchöpf um dieſe Stunde und allein an⸗ kommen zu ſehen, verlor ſich bei dieſer Erklärung, denn wirklich gibt es in Friedberg ein Gnadenbild, das das Ziel manches frommen Ganges iſt. Dann nahm ſie den vier— ten Platz in einem Wagen, der ein altes Ehepaar und deſſen Tochter nach Regensburg brachte, und am Abend des zweiten Tages war ſie an den Pforten des Kloſters, in das ſie ſich zu begeben gedachte.
Sie klingelte; man ließ ſie ein und die Pforte ſchloß ſich hinter ihr. Die Nonnen waren in der Kirche, ſie ging auch hinein und ward natürlich als Fremde bemerkt; ihre Andacht zog ihr ſogleich das neugierige Wohlwollen der Aebtiſſin zu, die ſie freundlich aufnahm, als ſie ſie zu ſprechen begehrte. Sie erzählte ihr, ohne ſich zu nennen, den Theil ihrer Geſchichte, der ſich auf das Ehebündniß bezog, in das ihr Vater ſie zwingen wollte, und bat um Aufnahme und Schutz. Die Seelenreinheit, die aus ihren Geberden leuchtete, nahm die gutmüthige Dame gleich zu ihren Gunſten ein, und ſie gewährte ihr ein vorläufi— ges Aſyl. Nur wenige Tage blieb die Aebtiſſin in Unge⸗ wißheit, wer ihr Schützling ſei, denn Baſe Elsbeth hatte, als kaum die unerhörte Kunde von Victorien's Flucht er⸗ ſchollen war, mit praktiſchem Sinne auch ſogleich errathen, wohin ſie ſich gewendet hatte. Sie erinnerte ſich gar wohl an Victorien's Aeußerungen, als ſie das Bild der ſchönen Welſerin zuerſt mit ihr ſah, und dann hatte ſie ſelbſt ihr vor Kurzem von dem wohlwollenden Weſen jener Aebtiſſin bei Regensburg erzählt, in deren Schutze ſie Victorie jetzt vermuthen zu können glaubte. Sie gehörte einer Familie an, die Elsbeth wohl bekannt, ja, die ihr nach reichs— ſtädtiſcher Weiſe im ſiebenten Grade verwandt war, und ſchrieb daher augenblicklich an den richtigen Ort.
Sobald Elsbeth ſicher war, daß ihre Nichte auf eine Weiſe aufgehoben ſei, die allen böſen Leumund zum Schwei⸗
gen bringen mußte, vertraute ſie dem alten Herrn den Zu— fluchtsort ſeiner Tochter; dieſer war zwar höchlich erzürnt, indeſſen wußte ihn Elsbeth wieder zu beſchwichtigen und ihn endlich zu dem Beſchluſſe zu bringen, Victorie ſs lange im Kloſter zu laſſen, bis ſie ſelbſt wieder heraus verlan— gen würde. Herr Langenwärter meinte: ſie würde das eingezogene Leben doch nicht lange aushalten, und Els— beth's Bemühungen, ihm einen richtigen Begriff von dem Charakter ſeiner Tochter beizubringen, waren vergebens. Der Himmel aber hatte beſchloſſen, daß Vater und Kind ſich nicht mehr wiederſehen ſollten. Victorie war nicht vier Wochen aus dem Hauſe, als ein Schlagfluß Herrn Langenwärters Leben plötzlich endete. Elsbeth, die fürchtete, daß Victorie ſich die ſchrecklichſten Vorwürfe machen würde, ihren Vater in ſeinen letzten Lebenstagen verlaſſen zu haben, und daher augenblicklich zu ihr eilte, fand ſie zwar tief betrübt, aber vollkommen ruhig. Sie hatte den Schritt mit Zuratheziehung ihres Gewiſſens gethan, und die Folgen lagen in Gottes Hand. Dieſe Ueberzeugung fand Elsbeth mit Staunen in dieſer ſchwa— chen Mädchen⸗Seele. Sie war in ſich beruhigt, mit ſich ſelbſt einig, Gottes Fügungen vertrauend, und entſchloſſen auf Robert zu harren. 5 Victorien's Lage war jetzt von eigenthuͤmlicher Art. Mit zwanzig Jahren ſah ſie ſich im Beſitze eines großen Vermögens. Die Vormundſchaft ließ in den erſten Jahren das große Handelsgeſchäft fortbeſtehen, und auch ſpäter vertraute es Victorie der Leitung eines bewährten frühe— ren Buchhalters an, den ſie zum Theilnehmer erhob. Ihre bedeutenden Einkünfte verwendete ſie zum Beſten jedes Hülfsbedürftigen, der in ihr Bereich kam, denn ſie ſelbſt blieb im Kloſter und lebte nach deſſen Regeln; ſie trug das Kleid einer Novize, erfüllte alle Pflichten derſelben, nahm aber den Schleier nicht, weil ihr Bräutigam ja jeden Tag kommen und ſie an die Erfüllung ihres Verſprechens mahnen konnte.— Sie entzog ſich nicht den Beſuchen, die von außen zahlreich zu ihr kamen, nahm ſie aber nur un⸗ ter der beſtehenden Kloſterregel an. Baſe Elsbeth machte die Reiſe zu ihrer Nichte in jedem Jahre und brachte ein paar Wochen bei ihr zu. Spekulirende Mätter und deren Söhne ſuchten ſie heim, andere wendeten ſich mit direkten Heirathsanträgen an ſie. Victorie lachte darüber und ſchlug ſie aus; ſie wußte, daß ſie Niemanden das Herz durch eine abſchlaͤgige Anwort brach; ſie ſagte zu Elsbeth: „Mich kennt und liebt doch Niemand als Robert.“
(Schluß folgt.)
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