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113.
Erinnerungen eines Schlachtenmalers. In dem soeben erschienenen 8. Hefte der Monatsschrift„Die Waffen nieder!“ veröffent⸗ licht der berühmte russische Maler Wereschagin ergreifende Schilderungen seiner Erlebnisse im russisch⸗türkischen Kriege. Wir entnehmen dem Aufsatz folgende Stellen:„Um besser zu be⸗ greifen, was der Krieg ist, beschloß ich, mich über alles mit eigenen Augen zu unterrichten: ich habe den Feind mit der Infanterie ange⸗ griffen und— es kam auch vor— die Sol— daten zum Sturm geführt; ich habe an den Kavallerie-Ueberfällen und Treffen theilge— nommen und ging mit Marinesoldaten an die Attacke größerer Schiffe mittelst eines Minen— trägers. Bei diesem letzteren Anlaß wurde ich für meine Neugierde mit einer ernsten Wunde bestraft, welche mich beinahe ins Jen— seits gebracht hätte, um dort meine Beobach— tungen fortzusetzen. Andererseits aber hat dieser Versuch mir die Gelegenheit geboten, Beobachtungen anzustellen, wie es mit den Ver— wundeten im Kriege beschaffen ist— und meine Bilder haben dies dargestellt. Es ist schwer wiederzugeben, mit Worten zu schildern, was ein Gefecht oder die Hitze des Gefechts ist, indem jede Minute in demselben etwas Neues, Unerwartetes bringt. Die Theilnahme am Gefecht wirkt allerdings nicht blos nur auf mich, sondern auch auf Jeden aufregend; die Leute werden geradezu wahnsinnig, schimpfen und schreien derart, daß zu Ende des Kampfes alle, vom General bis zum Soldaten, heiser werden. Trotzdem man durch die Kampfwuth hingerissen wird, ist man sich der Nähe des Todes stets bewußt, und als ich ins Feuer kam, habe ich stets erwartet:„Bald, gleich wird's mich erreichen.“ Dabei dachte ist stets: Und hast du es nöthig gehabt, dich hierher vorzudrängen, hast du dich nicht in der Ferne halten können?— Jetzt, Bruder, bezahle deine Voreiligkeit...“ Während ich dabei gehörig beschossen wurde, habe ich doch. nein, nein, ich habe sogar die neben meinen Ohren vorbeisausenden Kugeln und Granaten beugend begrüßt Bemerkenswerth ist die That— sache, daß bei allen Kriegen, in allen Gefechten die beiden kämpfenden Parteien innig davon überzeugt sind, daß sie unmittelbar nach Gottes Weisung und unter dessen unmittelbarem und besonderem Schutze wirken. Nicht blos bei der Kriegserklärung, sondern auch vor den Schlachten und während der Gefechte wird Gott genannt und auf verschiedene Art ange— rufen. Während der großen Schlacht bei Plewna haben die Russen vom frühesten Morgen Gottesdienste um Gewährung des Sieges ab—
gehalten, während die Türken den ganzen Tag hindurch unaufhörlich den Namen Allahs an-
riefen! In dem gegebenen Fall hat die Praxis die auf die Einwirkung und den Schutz Gottes zu Gunsten der einen oder der andern Partei gehegten Hoffnungen nicht gerechtfertigt. Bei den Russen betrugen die Abgänge von der Front nahezu 18,000 Mann, während bei den Türken ungefähr 15,000 blieben. a t schon Gelegenheit zu sagen, daß jede Voraus⸗ berechnung bezüglich der Hilfe für die Ver⸗ wundeten im Ernstfalle unzulänglich erscheint. Man bereitet sich auf die Aufnahme von 5000
Verwundeten vor; es zeigt sich aber, daß es
deren 10,000 gibt! Dort fehlt es an Chinin, hier an Chloroform. C 1 bra wird damit getrieben, daß man,(ächt russisch,) anstatt des theuren Chinins irgend ein wir— kungsloses weißes Gemenge verabreicht. Den für die Verwundeten bestimmten Wein, Thee
u. s. w. trinken,(ächt russisch,) häufig die Offi⸗
ziere aus. Man verbindet die Verwundeten
mit aller Hast, und es bleiben dennoch 3
tagelang unverbunden und unverpflegt. Sehr
Ich hatte
Ein arger Mißbrauch
belehrend ist es, den Verbandsplatz am nächsten Tage nach der Schlacht zu besuchen.—„Nun,
stämmigen Soldaten, dessen fieberglühende Wangen dunkelroth wie Päonien gefärbt sind. — Besser, Euer Hochwohlgeboren, viel besser, mit Gottes Hilfe werde ich mich jetzt erholen.“ — Er wird die heutige Nacht nicht über— leben,“ bemerkt zu mir der Arzt auf Fran⸗ zösisch.—„Nun, und wie steht's mit dir?“ —„Besser, Euer Hochwohlgeboren; jetzt ist's mir leichter, nur da oberhalb gibt es jetzt etwas, als ob—“—„Der Brand zeigt sich,“ sagt wiederum der Doktor,„in wenigen Stun— den ist es vorbei.“— So kommt mir ein junger Kosacke in Erinnerung, welcher mit blassem, wachsgelbem, von wunderbaren kastanienbraunen Haaren umrahmtem Gesichte vor mir darlag und der mit leiser, stets mehr und mehr absterbender Stimme flehte, man möge ihn in die heimathlichen Steppen an den Don senden:„Dort werde ich mich erholen, bringen Sie mich weg, bringen Sie mich so— bald als möglich weg!“ Einen Tag nachher hat er sich an mich mit derselben Bitte gewendet, und er wurde weggebracht, nur nicht an den Don, sondern in das— Massengrab. Ich weiß nicht, wie in anderen Armeen die barmherzigen Schwestern arbeiten Ich kann sagen, daß die russischen barmherzigen Schwestern sich als wahre Heldinnen zeigten und nicht blos jene, welche aus Selbstverleug— nung dienten, sondern auch solche, die mit Ge— halt angestellt waren. Alle, ohne Ausnahme, kannten keine Ermüdung, wohnten eng und er— bärmlich, speisten in der Eile, was immer und wo immer, und waren nie unwillig. Nach Abschluß des Waffenstillstandes, nachdem die Nerven durch Ueberanstrengung auf das äußerste abgespannt waren, erlagen die Armen in Folge der Erschöpfung und des Typhus zu Dutzen— den. Die Aerzte verloren manchmal die Kräfte, die barmherzigen Schwestern niemals; die Aerzte verloren manchesmal die Geduld in— mitten des sie umgebenden Jammer- und Klage— geschreies— die Schwestern aber nie.— Einem an mehreren Stellen Verwundeten nähert sich der Arzt nicht anders als mit einer starken Eigarre im Munde— während ein Schwester— chen, nachdem es sich über einen solchen Ver— wundeten gebeugt hat, sich so lange nicht auf— richtet, bis es alles gewaschen und verbunden hat. Und wie oft müssen sie trösten, beruhigen, versöhnen, wie viele Briefe schreiben und solche vorlesen, Einnahmen und Ausgaben einschreiben und dergleichen!... Man hat mir deshalb Ausstellungen gemacht, daß ich Schattenseiten des Krieges, blos entsetztliche Seiten zum Vor— wurf genommen habe; ich antworte aber darauf, daß nicht wenige im höchsten Grade dramatische Sujets vorhanden waren, vor welchen ich direkt zurückgewichen bin, indem ich mich nicht im Stande fühlte, dieselben auf der Leinwand wiederzugeben. Mein Bruder, welcher beim General Skobeleff Ordonnanz war, wurde beim dritten Sturm auf Plewna getödtet, und nachdem der Ort, wo er fiel, vom Feinde bald besetzt wurde, konnte ich seinen Leichnam nicht bergen. Als sich nach 3 Monaten Plewna ergeben hatte, ging ich an jene Stelle und fand dieselbe mit Leichen der Gefallenen oder richtiger, mit deren Skeletten bedeckt. So viel ich ihn auch suchen mochte, sah ich blos überall mir entgegengrinsende Schädel und hie und da noch mit Hemden und Fetzen bekleidete Skelette, die mit den Händen irgendwo in die Ferne hinwiesen. Welcher von ihnen war mein Bruder? Ich habe die Kleiderreste genau betrachtet, die Schädelknochen, die Augenhöhlen und ich hielt es nicht
wie gehts dir heute?“ fragte der Doktor einen
——
lange konnte ich dem lauten Weinen nicht Einhalt
gebieten. Trotzdem setzte ich mich nieder und entwarf eine Skizze dieser in vollem Sinne des Wortes an Dantes Bilder der Hölle erinnern— den Stelle. Ein solches Bild mit meiner Ge— stalt inmitten aller dieser Skelette, dieselben auseinanderwerfend, wollte ich wiedergeben; aber sogar nach einem Jahre, nach zwei Jahren schnürten mir dieselben Thränen die Kehle zu, sobald ich mich an diese Leinwand machte, und sie ließen mich nicht fortsetzen— so daß ich nicht im Stande war, dieses Bild zu vollenden....“
Die Rose von Jericho.
Die Rose von Jericho, auch Auferstehungs— blume genannt, wächst in den unfruchtbaren Einöden von Palästina, bei Jericho, ferner in Arabien, Egypten und der Sinaihalbinsel und ist eine eigenthümliche Wüstenpflanze. Schon die alten Egypter und Griechen schrieben dieser Rose wunderthätige Kräfte zu, auch spielte sie in der mittelalterlichen Heilkunde, sowie in der Traumdeutekunst und Kartenschlägerei eine wichtige Rolle und auch heutzutage knüpft sich an dieselbe im Morgenlande wie im Abend— lande in Folge der ihr innewohnenden Kraft noch mancher Aberglaube. Wenn der Sommer in aller Gluth des Südens eintritt, wirft die Jerichorose ihre Blätter und Blüthen ab und die Zweige rollen sich in Gestalt einer Kugel zusammen; brennende Ostwinde lockern die Pflanze aus der Erde und entführen sie meilen— weit an das Meer. Auf dieser Wanderung wird die Jerichorose von den eingeborenen Beduinen an bekannten, zugänglichen Orten ge— sammelt und nach Bethlehem auf den Markt gebracht. Kommt die Jerichorose nun, nach— dem sie an dem Meeresstrande angelangt ist, mit dem Wasser in Berührung, so entfaltet sie sich, die Samengefäße springen auf und die Samenkörner werden durch die im Orient regelmäßig wiederkehrenden heftigen Westwinde wieder zurück in die verlassenen Einöden ge⸗ trieben, wo sie die kahle Wüste wiederum an— genehm beleben. Jeder kann die eben geschil⸗ derte, höchst interessante Erscheinung an jeder dieser Wunderpflanzen bequem wahrnehmen, wenn dieselbe in ein genügend großes Gefäß mit kaltem Wasser gelegt wird. Schon nach einer Stunde beginnt das Schauspiel, die Rose entfaltet sich bis zu ihrer doppelten Größe. Alsdann stellt man sie in ein Glas und richtet die Höhe des Wassers so, daß die Zweige etwa einen Centimeter hervorstehen; gewöhnlich zeigen sich die hübschen, grünen Blätter in den ersten Tagen, manchmal erst in einigen Wochen. Das Wasser muß wenigstens einmal in der Woche gewechselt werden und zwar bei möglichster Schonung der Pflanze, die man sich nach und nach mit lebhaftem Grün bedecken sieht, das sich Monate lang leicht erhalten läßt. Ent⸗ sernt man die Jerichorose aus dem Wasser, so rollt sie sich wieder zusammen und trocknet aus wie zuvor und das seltsame Schauspiel kann dann von neuem wiederholt werden. Wer Mühe und Sorgfalt nicht scheut, kann der Jerichorose selbst ihre zarten, schmucken Blüthen entlocken, wenn sie nach mehrtägiger Anfeuch⸗ tung in lockere Erde gepflanzt und gepflegt wird, wie jede andere edle Pflanze.
Herr Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichsplatz in Cöln
hat uns den Debit des
allein ächten Cölnischen Wassers
übertragen und empfehlen dasselbe per Glas zu M. 1.75 Dutzend „ Dutzend„
aus; die Thränen floßen in Strömen, und
Die Exped. des Oberh. Anzeigers.


