Kanzlers mit Windthorst in der Krisis insofern eine Rolle gespielt hat, als der Kanzler sich weigerte,„seinen Verkehr mit Abgeordneten einer Controle zu unterwerfen.“ Nach der„Nat.-Ztg.“ hat Fuͤrst Bismarck dem Kaiser zum letzten Male am Samstag den 15. Vortrag gehalten und ihn seit diesem Tage überhaupt nicht mehr gesehen. Auch hat der Kaiser nach dieser Quelle am Montag auf dem Reichskanzleramte durch den Cabinetsrath v. Lukanus mündlich anfragen lassen, ob jener Bericht des Fürsten Bismarck an ihn bereits abgegangen sei. Die hiesigen Blätter verzeichnen das mit Bestimmtheit auftretende Ge— rücht, Fürst Bismarck habe den Kaiser gebeten, auf den Titel eines Herzogs von Lauenburg verzichten zu dürfen. Auf das eingehend begrün dete Entlassungsgesuch des Ministers Grafen Herbert Bismarck ist ein Bescheid noch nicht erfolgt. Nach dem„Berliner Tageblatt“ wird als Nachfolger Maybach's, dessen Rücktritt baldigst zu erwarten sei, der Chef des Ingenieurcorps, Generallieutenant v. d. Golz, bezeichnet.
— Unter den Mitgliedern der internationalen Arbeiterschutz-Conferenz zeigt sich große Ueber; einstimmung, das Institut der Fabrikinspectoren in gleichmäßiger Weise zu gestalten und auszu— dehnen.— Den„Berl. Pol. Nachr.“ zufolge ist das Fortschreiten der Arbeiten der Arbeiter— schutzeonferenz derartig, daß am 29. Marz der Schluß erwartet wird. Alle drei Commissionen gelangten bereits zu bedeutungsvollen Beschlüssen: Nur über 14 Jahre alte Leute sollen Arbeit in Bergwerken verrichten, Frauenarbeit ist in Berg— werken unter Tag allgemein unzulässig; Fabrik arbeit der Kinder ist von der gesetzlich beendeten Schulzeit abhängig, Nachtarbeit der Kinder unter 14 Jahren verboten. Dieselben dürfen über— haupt nicht länger als 6 Stunden täglich mit Pausen von mindestens ½ Stunde beschaͤfligt werden. In ungesunden und gefährlichen Be trieben ist Kinderarbeit ausgeschlossen. Die Sonntagsruhe ist von allen Seiten zugestanden mit Ausnahme von bestimmten Fällen, wobei es sich um Continuität der Production oder um Betriebe handelt, in welchen nur in bestimmten Zeiten des Jahres gearbeitet werden kann. Jedoch soll der Arbeiter mindestens jeden zweiten Sonn tag frei haben.
— 21. März. Das Herren-Haus geneh— migte die Uebertragung der Bergabtheilung an das Handelsministerium und erledigte Berichte in Eisenbahnsachen.
— 21. März. In Köpenick wurde nach dem Fr. J. eine am Montag einberufene socialdemo— kratische Versammlung verboten, weil der kleine Belagerungszustand herrscht. Die Socialdemo— kraten widersetzten sich dem Verbot und rotteten sich vor dem Versammlungslokale zusammen, sodaß die Polizei und Gendarmen einschreiten mußten. Am Dienstag und am Mittwoch wieder— holten sich die Zusammenrottungen und nahmen gestern einen bedrohlichen Charakter an. Der gestrige Aufruhr in Köpenick war sehr ernster Natur. Während bei den Unruhen der vorher gehenden Tagen planlos gejohlt und den Be— amten Widerstand geleistet wurde, war gestern eine gewisse Organisation zu bemerken. Der „Voss. Ztg.“ wird sogar geschrieben, daß die Ruhestörungen von Berlin aus ganz planmäßig angefacht worden seien. Aus der Menge wurde mit Revolveru auf die Gendarmen, welche blinde Schüsse abgegeben hatten, geschossen. Es gelang den Gendarmen, die Aufrührer zum Theil in die Müuggelheimer Straße(Socialdemokraten— revier) zu treiben. Als hier der Gendarm Müller einem Ruhestörer in einen Hausflur nachdrang, erhielt er von diesem einen Schuß durch die Brust und einen zweiten in den Kopf. Müller war nach wenigen Minuten eine Leiche. Der Thäter, Tischler Biene, wurde verhaftet. Auch ein anderer Polizist wurde verletzt. Die Rädels— führer waren Erwachsene, nicht halbwüchsige Bursche. Nach Köpenick wurde Militär gelegt.
Halle a. S., 21. März. Die„Saale⸗ zettung“ meldet, auf Requisition des Reichsge⸗
richtes seien mehrere Ausländer wegen bewiesenen Hochverraths verhaftet worden.
Braunschweig, 21. März. Dem„Tage⸗ blatt“ zufolge ist der Streik auf der Grube Prinz Wilhelm und den Nordschacht-Gruben nach Aufbesserung des Lohnes und Entlassung einer Anzahl fremder Arbeiter beseitigt. Auf allen Braunkohlengruben herrscht Ruhe und unge— störter Betrieb. f
München, 21. März. Abgeordnetenhaus. Das Centrum erklärt sich bereit, die gestrichenen Forderungen des Cultusetats infolge der erfolgten Ausschließung der Altkatholiken nochmals durch zuberathen.
Ausland.
Dänemark. Kopenhagen, 22. März. Der Kriegsminister theilte im Folkething die Zurück nahme der Vorlage betreffend die Befestigung Kopenhagens von der Seeseite mit. Der Fuhre der Linken nahm wieder die Vorlage auf, damit, der Minister die Zurücknahme motivire. An— statt der zurückgezogenen Vorlage brachte der Kliegsminister darauf zur dritten Lesung der Budgetvorlage im Folkething eine Creditforde— rung zu demselben Zwecke ein.
Großbritannien. London. Nach dem Blaubuch empfiehlt die königliche Commission für die Untersuchung der Marine- und der Kriegs verwaltung die Einsetzung eines Marine- und Armeerathes. Derselbe soll die Ausgabenbudgets der Marine- und Heeresverwaltungen berathen, bevor das Ministerium dieselben feststellt, ferner alle Fragen erledigen, welche dem Seewesen und dem Laudheer gemeinsam sind.
Portugal. Lissabon. Die portugiesische Expedition, bestehend aus 2 Officieren und 300 Negern, ist in der Nähe des Nyassasees niedergemetzelt worden.
Serbien. Belgrad, 22. Marz. Die Skup—⸗ schtina nahm die provisorische Handelsconvention mit England an. Die Regierung erklärte, ein definuwer Vertrag sei deshalb nicht abgeschlossen, um Eude 1892 nach Ablauf der Verträge neue handelspoluische Vereinbarungen eingehen zu können. Eine Commission sei mit den Vorarbeiten betraut.
Bulgarien. Sofia. Der„Agence Bal— canique“ zufolge leistete die hiesige Bank bereits ungefähr eine Million Abschlagszahlung, auf die russischen Occupationskosten.— Es heißt, zwei Offiziere seien als muschuldig in der Panitza affaire verhaftet worden.
Aus Stadt und Land.
? Friedberg. Die Schlußfeier der hiesigen Real- schule und des Progymnasiums hat einen böchst würdigen und erhebenden Verlauf genommen. Verfasser dieses liebt sein Friedberg, interessirt sich nicht am wenigsten auch für seine Schulanstalten und muß mit einem Gefühl in— niger Befriedigung bekennen, daß er seit längeren Jahren keiner so schönen Feter in der Realschule beigewohnt hat. Der festlich geschmückte Casinosaal, den die Gesellschaft in dankenswerther Weise unentgeltlich überlassen hatte, erwies sich als sehr geeignet. Er war allerdings bis auf den letzten Platz besetzt, aber eine treffliche Venttlation ließ keine drückende Luft aufkommen. Uebrigens würde man auch gerne etwas Hitze mit in den Kauf genommen haben, um die Deklamattonen der Schüler, die zum Theil wahre Musterleistungen waren, um die stimmungsvoll da— zwischen verwebten Gesänge und Musikstücke, die sämmt lich vortrefflich ausgeführt wurden, anzuhören. Alles gipfelte aber in der Ansprache des Direktors. Derselbe sprach in bewegten Worten von den Schicksalsschlägen, die die Schule in den letzten Jahren erlitten, und konnte die erfreuliche Mitthetlung machen, daß das letzte Jahr glücklicherweise ein im ganzen ruhiges und zu gedeihlschem Arbeiten geeignetes gewesen sel, sodaß über 900 0 der Schüler das Ziel ihrer Klasse erreicht hätten. Auch uns⸗ rer Stadtverwaltung, die sich um das Aeußere der Schule verdient gemacht, wurde mit anerkennenden Worten des Dankes gedacht. Alsdann wandte sich der Direktor an die 28 Abiturienten, indem er ihnen zum Abschied ein dringliche Lehren und herzliche Segenswünsche mit auf den Lebensweg gab. Der Tag der Feier, der 22. März, führte schließlich den Redner dahin, an den Geburtstag des unvergeßlichen Kassers Wilhelm zu erinnern, und er schloß mit einem Hoch auf den Enkel des großen Friedens fürsten und seinen treu zu ihm stehenden Verbündeten, unsern Großherzog. Hterauf ertönten noch die Klänge des„Heil dir im Ssegerkranz“, und als Nachklang hallte wohl in allen Herzen ein freudiges„Glückauf“ für die
Anstalt, die ein so schönes Fest geboten. 1 Friedberg, 23. März. Soweit es der beschränkte
Raum des Anzeigers gestattet, moͤge ein Wort über gestrige Concert des Musikvereins vergönnt sein. D Kritik hat diesmal eine leichte und dankbare Aufgabe Die beiden Chorwerke,„Prinzessin Ilse“ von Schulz
und Mendelssohn's„Erste Walpurgssnacht“, beide geeignet sich durch hren Wohlklang und Melodien reschthum Freundz zu erwerben, wurden krotz der hohen Anforderungen welche besonders der Mtttelsatz des Mendelssohn'sch Werkes an die Kraft und die Ausdauer der Sänger stellt mit wohlthuender Frische und Begeisterung, sicher und präels zum Vortrag gebracht. Die Soltsten, welche sich mit dankenswerther Liebenswürdigkelt dem Musikverein
1 für den gestrigen Abend zur Verfügung gestellt hatten dene sind uns ja thellweise liebe Bekannte. Neu war ung ache galt H. Hormann, derselbe verfügt über einen sympathischensshen 51 Tenor, den er vorzugsweise zur Darstellung von Liedern abe
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heiteren und freundlichen Gepräges gut zu verwenden weiß. Einen ernsteren, ja thetlweise düsteren Charakter trugen die Gesangsvorträge der anmuthigen und stimm begabten Altistin, Frl. Haas, einer Schülerin Stockhausens bekundete diese schon durch die Auswahl ihres Programms, doß Effeethaschen nicht ihre Sache ist, so zeigte sie be sonders durch den Vortrag der reizenden Artetta von Bononeint(t um 1750), daß sie den starren streng⸗ klassischen Formen die ihnen innewohnende Seele zu en locken weiß. Dem Verlangen nach einer Zugabe ent; sprach die Künstlerin auf das bereitwilligste durch den Vortrag eines der polnischen Lieder von Chopin:„Mäd⸗ chens Wunsch.“ Ueber J. Geissell brauchen wir wohl kein weiteres Wort zu verlieren; sein warmempfundene Vortrag ist ja hier bekannt. Wer das Glück hatte, nach dem Concert den von den Künstlern in ungezwungener Abwechselung in ltebenswürdiger Welse zugegebenen Liedern lauschen zu dürfen, wird an seinem Vortrag der Löwe'schen Ballade„Prinz Eugen“ seine Freude gehabt haben. Auf richtige Anerkennung zollen wir dem Klavierspiele des Seminarlebrers Gatzert, der außer der Begleitung sämmt— 1 licher Vocalvorträge, welche in seinen Händen ruhte, uns Doane noch durch die ausgezeichnete Wiedergabe der Rubin Abr b stein'schein Klaviersonate erfreute, deren einziger Fehler I hals des ist, daß ihr Finale etwas zu lang ist und desbalb ers] end ee müdend wirkte. Schließlich können wir uns ein von olf Herzen kommendes Wort des Dankes und lobender An- ite, erkennung für den wackeren Dirigenten, Seminarlehren Schmidt, nicht versagen 9 W. Friedberg. Wir sind in der angenebmen Lage,
der biesigen Bevölkerung eine große Freudenbotschaft mit— zutheilen. Dem Vorsitzenden des hlesigen Stadtkirchen⸗ bauvereins, Professor Weiffenbach, ist nämlich von Groß⸗ berzoglichem Ministertum, auf eine im August vorigen
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t Jabres gemachte Eingabe hin, die Genehmigung zur Ver— 115 anstaltung einer Geldlotterte für Herstellung unserer Stadt— cculbof kirche zugegangen. Möge durch diese hocherfreuliche That⸗ Inu: sache, mit welcher ein neuer wesentlicher Schritt in unserer Naur Vereinssache gethan ist, die trotzdem noch fort und fort U Scde
dringend nöthige Privatwobltbätigkeit nicht lahm gelegt, Ve sondern zu neuem kräftigen Effer angespornt werden.
d Assenberm. Unsere seit Beginn d. J gegründete an Freiwillige Feuerwehr hielt am verflossenen Sonntag ihre 100 un erste größere Uebung ab, zu der auf ergangene Einladung led eine Abordnung der Friedberger Freiwilligen Feuerwehr 0 erschienen war. Die vorgefuͤhrten Fuß und Geräthe⸗ gina Exereitien zeigten, daß die Mannschaft für die kurze 5 9
Zeit ihres Bestehens recht tüchtiges geleistet und den guten Willen hat, sich immer mehr zu vervollkommnen, so daß 1390 sie ihren Mitbürgern in der Stunde der Gefahr eine 0 zuverlässige Hülfe sein wird. 1 Gießen, 20. März Schwurgerichtsverhandlung. Angeklagt war heute Wilhelm Breiter J. von Vilbel wegen
Meinelds. Das Urtheil lautete auf eine Zuchtbausstrafe 18 von 1 Jahr 6 Monaten, 5 Jahre Ehrverlust und dauerndem 95 Verlust der Fäbigkelt, als Zeuge oder Sachverständiger 1 0 vernommen werden zu können.— 21. März. Die heutige. bie Verhandlung geht gegen Johann Georg Häuser von 9 Bobenhausen und Johannes Kretschmar von da, wegen 1 8 Mords, begangen am eigenen Vater resp. Stiefvater. 100 Die Vernehmung der beiden Angeklagten nahm heute den* ganzen Vormittag in Anspruch, für die ganze Verhand⸗ lung, zu welcher etwa 40 Zeugen erschienen, sind zweit 5 Tage vorgesehen.— 22. März. Die Verhandlung wurde beute fortgesetzt und Joh. Häuser von Bobenbausen zum I Tod verurtheilt und Kretschmar zu 12 Jabren Gefängniß. Iden Darmstadt, 22. März. Gestern starb hier der fen großh. Oberstkammerberr und General-Lieutnant a la s. 1 0
v. Grolmann im 78. Lebensjahre. Mit ihm ist der letzte I 88 ehemalige hessische Kriegsminister aus dem Leben geschleden.
Allerlei.
Bern, 20. März. In Ober-Wallis ist infolge großen ö Schneefalls der Verkehr unterbrochen. Die Stmplonpost mußte umkehren. Es besteht große Lawinengefahr; das Dorf Saasgrund ist schwer bedroht. Im Berner Ober— land ist ebenfalls tiefer Schnee gefallen.
Rom, 20. März. Der Tiber gleicht einem großen See. Das Pantheon und die anliegenden Straßen sind N überschwemmt. Von Umbrien, aus den Abruzzen und aus Toskana wird weiteres Anschwellen der Nebenflüsse 90 Sam des Tibers gemeldet. Wenn der 30 Mm. übersteigende ern
Sturmregen andauert, so ist zu befürchten, daß die Noth Menz noch größer werden könnte als im Jahre 1870. Der Wee Wasserstand beträgt jetzt schon 14 Mtr., nur 3 Mtr. weniger, als im genannten Jahre. Der Schaden in der Campagne ist groß. Der plötzlich angeschwollene Strom hat viele Hütten zerstört, Thiere mit fortgerissen und Saaten vernichtet. An alle bedrohten Punkte sind Truppen hinbeordert. In Sardinien ist die Noth groß, besonders
in der Provinz Cagliari.


