Ausgabe 
12.8.1890
 
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hafen. Beide Schiffe umfuhren die Insel nach dem Nordhafen. Staatssecretär v. Bötticher bestieg um Uhr das demPfeil angehängte Boot und um 3 ¼ Uhr trafen die Schiffe an der Landungsbrücke ein, wo der bisherige englische Gouverneur, die Officierwache, Marinesoldaten, der Arzt und der Gesandte Eisendecker sie erwarteten. Staatssecretär v. Bötticher begab sich in Begleitung des Korvetten-Kapftäns Geißler, der Geheimräthe Wermuth und Lindau, und des Gouvernementssecretär Gätke nach dem Gouver⸗ nementshause, wo englische Matrosen die Ehren wache hatten. Der Gouverneur verlas hier den bezüglichen Artikel des Abkommens, worauf v. Bötticher die Verwaltung übernahm. Um Uhr wurde die deutsche Flagge unter Hoch⸗ rufen und dem Gesang des LiedesDeutschland, Deutschland über Alles gehißt. Der Staats⸗ secretär brachte ein Hoch auf die Königin von England aus, welches der Gouverneur mit einem Toaste auf Kaiser Wilhelm erwiederte. Gegen 4 Uhr begaben sich die Herrschaften nach dem Conversationshause zum Essen. Bei demselben brachte Staatssecretär v. Bötticher folgenden Toast aus:Hochverehrte Herren! Man mag draußen in der Welt darüber streiten, ob das Ereigniß, das sich heute auf dieser schönen grünen Insel vollzogen hat, von weltgeschichtlicher Be deutung ist oder nicht. Für Helgoland ist es ein Ereigniß, dem die Bewohner mit Zagen entgegensehen; denn es ist nicht leicht, Verhält⸗ nisse, unter denen man sich wohl befunden, auf⸗ zugeben. Aber die Einwohner sehen mit vollem Vertrauen dem Kommenden entgegen; für uns Deutsche ist es ein Beweis, daß auf dem Wege friedlicher Vereinigung zwischen Ihrer britischen Majestät und unserem allergnädigsten Kaiser ein Abkommen getroffen wurde, das für Deutschland erfreulich ist; für uns ist es ein Glück, diesen Tag zu erleben, der die freundschaftlichen Be ziehungen zwischen den hohen Regierungen beweist, und daß beide Hand in Hand gehen und im Frieden für ihre Bevölkerung sorgen wollen; in voller Freundschaft und Kameradschaft mit Ihnen, Herr Gouverneur, hegen wir die Hoffnung, daß Deutschlands und Englands Regierungen stets freundliche Beziehungen unterhalten, daß beide Heere sich nie trennen, daß die hohe Weisheit, welche die englische Herrscherin jetzt bei diesem Anlaß bewiesen, sie stets lenken möge. Wir Deutsche hegen eine besondere Sympathie für die britische Königin; sie ist die Mutter unserer Kaiserin Friedrich, die Großmutter unseres erhabenen Herrn. Wir wünschen Ihrer Majestät ein langes Leben und eine gesegnete Regierung. Sie lebe hoch! Der englische Gouverneur Barkly toastete mit leiser, bewegter Stimme auf den Kaiser Wilhelm II., der Badedirector Michels im Namen der Einwohner auf den neuen Herrscher. Staatssecretär v. Bötticher dankte mit warmen Worten im Namen der Ein wohner und der Nachfolger dem abgehenden Gouverneur für alles Gute und für den ausge streuten Samen, dessen Früchte nun geerntet werden könnten. Während des Festmals wurde der Erlaß des Kaisers angeschlagen. Der Erlaß des Kaisers an den Reichskanzler, datirt von heute, in welchem bestimmt wird, daß bis zur verfassungsmäßigen Regelung der Ver hältnisse Helgolands auf dem Wege der Reichs gesetzgebung die Regierung über die Insel im Namen des Kaisers auf Grund der bestehenden Gesetzgebung, unter Schonung der vorhandenen Verwaltungsorganisation durch den Reichskanzler geführt werde. Eine Bekanntmachung des Reichs kanzlers besagt, daß auf Grund dieses Erlasses die Verwaltung Helgolands unter Oberleitung des Reichkanzlers einem Seeoffizier mit dem TitelGouverneur von Helgoland und einem Civilbeamtem mit dem TitelKaiserlicher Com missär für Helgoland übertragen worden ist. Der Geschäftskreis des Gouverneurs und des Commissärs wird dahin abgegrenzt, daß dem ersteren die Verwaltung des Hafens, einschließ⸗ lich der Hafenpolizei, der Seezeichen und des

Seesachen, dem Commissär dagegen die Civil verwaltung, insbesondere die Verwaltung der communalen Angelegenheiten, der Polizei, der Kirchen und Schulen, der Domaͤnen, der Steuer⸗ und Zollsachen, der Seebadeanstalt und der Rechtspflege obliegt. Die Verwaltung und Rechts pflege wird bis auf weiteres nach den gegen⸗ wärtig auf Helgoland geltenden Rechtsnormen Namens des Kaisers geführt. Die bisherige Zuständigkeit der Behörden bleibt übrigens unverändert. Zum Gouverneur wurde der Kapi tän zur See Geiseler, zum Commissaͤr der Ge⸗ heime Regierungsrath Wermuth ernannt.

Ausland. Oesterreich-Ungarn. Wien, 8. Aug. Der Czechenführer Dr. Rieger wird heute hier mit den Ministern conferiren betreffs der Ein führung der czechischen Sprache im inneren Ver⸗ kehr der Gerichte. Prager Blätter melden ge⸗ rüchtweise, Ta rffe wolle demissioniren, Nachfolger desselben werde Gautsch oder Schönborn. Brünn. Die von der Polizei bei hiesigen Arbeiterführern vorgenommenen Haussuchungen förderten zahlreiche socialistische Schriften und Correspondenzen mit ausländischen Arbeiter führern zu Tage. Infolge dessen stellte die Brünner Staatspolizei die Thätigkeit des poli tischen ArbeitervereinsEintracht, welcher der Herd der socialistischen Propaganda und die Seele der Arbeiterbewegungen in Brünn gewesen, ein und beantragte bei der Statthalterei die Auf lösung desselben.

Schweiz. Bern, 8. Aug. In dem Berg⸗ dorf Les Ouches am Fuß des Montblanc hat eine geheime Versammlung von Anarchisten statt⸗ gefunden. Wie verlautet, fahndet die Polizei in Chamounix nach angeblich von Paris dorthin gebrachten Explosivstoffen.

Belgien. Brüssel, 10. Aug. Zu der heute hierselbst stattfindenden großen socialistischen Ma⸗ nifestation zu Gunsten des allgemeinen Stimm rechts brachten zahlreiche Extrazüge aus der Provinz eine bedeutende Anzahl von Theilnehmern. Die Zahl derselben wird auf 40,000 geschäaͤtzt. Die Ordnung wurde überall aufrecht erhalten. Um 1¼ͤ Uhr erhob sich ein starkes Gewitter, wodurch die Manifestanten auseinandergesprengt wurden. Sämmtliche Gruppen des Zuges hatten Fahnen und Plakate an ihrer Spitze, auf welchen die Forderung nach dem allgemeinen Stimmrecht zu lesen war.

Die Entlassung des Generals van der Smissen, zumal die kühle, geschäftsmäßige Form des königlichen Erlasses ohne Hinzufügung eines Wortes der Anerkennung erregt hier peinliches Aufsehen. General van der Smissen war mit Leib und Seele Soldat, und selbst seine Ueber griffe in dieser Beziehung, wie 1886 im Hennegan bei der Streikbewegung, sowie kürzlich in Laeken anläßlich des Schloßbrandes, sind auf jenen ihm in Fleisch und Blut übergegangenen Mili⸗ tarismus zurückzuführen. In ihm verliert Belgien nicht nur seinen besten General, sondern auch alle Hoffnung auf die von ihm gewünschten Reorgantsationen der Armee, vor Allem aber auf die Einführung des persönlichen Dienstes, dessen Anhänger im Publikum immer mehr werden.

Lüttich. Der Socialisten-Congreß verspricht von besonderer Wichtigkeit zu werden. Wie ver lautet, wird der Papst an denselben ein instruc tives Schreiben richten. Eine Anzahl Bischöfe und Kardinäle wird an dem Congreß theilnehmen.

Frankreich. Paris. DemXIX. Sidcle wird aus sicherer Quelle der Wunsch des Kaisers Wilhelm bestätigt, die Reise nach Frankreich zu unternehmen, sobald er überzeugt wäre, daß die französische öffentliche Meinung auf ein solches Ereigniß vorbereitet sei.

England. Cowes, 8. Aug. Nach dem Frühstück in Portsmouth wohnte der Kaiser gestern den Schießübungen auf Wahleisland bei und betheiligte sich an einigen mit Erfolg, dann besichtigte er die Uebungen der Torpedoboote. Abends kehrte der Kaiser nach Schloß Osborne zurück, woselbst Familientafel stattfand, zu welcher

der Bucht glänzend erleuchtet. In Westeoweg veranstaltete man zu Ehren des Kaisers ei prächtiges Feuerwerk. Der Kaiser traf heuß

Später begab sich der Kaiser mit dem Peinzeh von Wales und dem Herzog von Connaught ah Bord derHohenzollern und derIrene. U 7 Uhr heute Abend wird sich der Kaiser Osborne von der Königin verabschieden un alsdann mit dem Prinzen von Wales an Bo derOsborne speisen. Die Abreise mit di Hohenzollern erfolgt gegen 10 Uhr Nach Serbien. Belgrad. Ein Gerücht wf wissen, daß Königin Natalie die Absicht habe

selben als Aebtissin vorzustehen; das andere Ve mögensdrittel würde sie ihrem Sohne vermachel 8. Aug.

gebrochen. nach dem Aufruhrgebiete.

eingetroffen und von Kalser Alexander sowie dei anderen Mitgliedern des Kaiserlichen Hauses au, Bahnhof empfangen worden. Amerika. New⸗Pork, 8. Aug. Heute haf ein Ausstand des Dienstpersonals der Newyor Central- und der Hudson-River-Eisenbahn be. gonnen. Der Verkehr zwischen Buffalo ung Newyork stockt. Alle Weichenwärter verließen ihre Posten. Seit Abends 7 Uhr sind keine Züge vom Hauptbahnhofe abgelassen worden. Im mexpikanischen Staate Sonora haben in letzter Zeit Kämpfe zwischen den Paqul⸗ Indianern und den mexikanischen Truppen stalk gefunden, in welchen die Mexikaner siegreich waren San Salvador. Von Mexiko wird gemelde daß sich das diplomatische Corps in Guatemaß um die Wiederherstellung des Friedens bemüh und die Vertreter Großbritanniens, Frankreichs, Deutschlands und Spaniens der Einladung des Gesandten der Vereinigten Staateg in Guate mala nachgekommen sind und ihre Vermittelung angeboten haben. Der Prätendent, Genern Ayala, welcher Präsident von San Salvadon werden will, hat den Sitz seiner Regierung in Senzuutepeque an der Grenze von Honduras aufgeschlagen. Der Guerrillaführer Genera Miranda befehligt die Truppen Ayala's. Fall! die San Salvadorer ihn fangen, so wird en

erschossen.

Aus Stadt und Land.

bd. Bad⸗Nauhelm. Leßte Woche sind 582 Personm im Ganzen jetzt 6753 Fremde hiet angekommen.

Gießen, 8. Juli. Heute Morgen ertrank in de hiesigen Militär Badeanstalt an der Lahn ein in det 6. Compagnie des hlesigen 146. Inf. Regiments dienender Soldat Namens Momberger aus Kohden, dem Vernehmen nach in Folge Reißens der Schwimmleine, an welchen M. befestigt war.

Allerlei.

st. Frankfurt. Paul Lindau, der sich für kur Zeit in Frankfurt aufhält, hat gestern sein neues Schal spielDie Sonne dem Intendanten Claar und d Mitgliedern des Frankfurter Schausplels, die bei Besetzung der Novität in Frage kommen, vorgelesen un ist nunmehr definitiv festgesetzt worden, daß Lindau neues Stück seine Premiere im Frankfurter Schaust hause und zwar schon Mitte September erleben sol Im Frankfurter Opernhaus wird Ende August, ungefis in der Zeit vom 20. bis 30., derRing des Nibelungen von Richard Wagner(Rheingold,Walküre,Seel fried undGötterdämmerung) zur Aufführung gebrach

Cassel. Die durch das letzte Unwetter in Oba

Dunkelheit wurden die Schiffe und Nachten,

Vormittag zu Wagen hier ein und besuchte de Prinzen von Wales an Bord derOsbornel 14

mit zwei Dritttheilen ihres Vermögens ein groß Nonnenkloster in Rußland zu gründen und den

Nach einem Telegramm deß! serbischen Consuls in Monastir ist unter dei Arnauten des Bezirks Dibra ein Aufstand aus Die Türkei sandte sieben Bataillone

Rußland. Petersburg, 8. Aug. Der Groß herzog von Hessen ist gestern Abend in Peterhelf

hessen angerichteten Hagelschäden belaufen sich nach d Abschätzung der Sachverständigen des Kreis ausschusss auf 1,200,000 Mark.

Jena. Die Burschenschaften begingen ihren 75 fa rigen Gedeaktag. Der letzte Dienstag war der Hauptt! des Burschenschaftsfestes; er brachte den Festzug, di Festspiel und den Festeommers.

Köln, 9. Aug. Ein Elsenbahnunfall erelgnete fi gestern Nachmittag gegen Uhr zu Kalk. Etwa 20 Schritte von dem dortigen Bahnhof entfernt entglelss an dem Herzstück einer Weiche ein nach Deutz bestimmei Güterzug. Wohl 15 Wagen sind ganz oder zum Th

Leuchtfeuerwesens und aller sonstigen technischen

auch Salisbury geladen war. Bei einbrechender

zertrümmert. Vom Zugpersonal wurde Niemand verles