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Au die Wähler des zweiten hessich Wahlkreise!?
Die Reichstagewabl vom 20. Februar naht heran. Sie gilt für fünf Jahre, weil das frühere verfassungsmaßige Recht de 1 Wähler, alle drei Jahre den Mann ihres Vertrauens zu bestimmen, durch die seither herrschenden Parteien zerstört worden ist. M dieser erhöhten Bedeutung der Wahl wächst unsere Pflicht zu sorglicher Auswahl unseres Candidaten.
Hierbei gilt es nicht blos, einen Mann zu wählen, dessen Herz warm schlägt fur die Macht und das Ansehe Deutschlands, denn im Gegensatze zu Parteien, die sich allein als die Stützen des Reichs ansehen, sind wir der Ansicht, daß die Eigenschaft eines warmen Herzens für Macht und Ansehen des Reichs keinem Candidaten, auf den im Uebrigen das Vertrauen ein Partei sich lenkt, fehlen wird. Um so mebr sehen wir auf noch andere Eigenschaften, deren Mangel man häufig durch tönende Wort von der Förderung des Reichs und durch haltlose Versprechungen äußerer Vortheile für bestimmte Bevölkerungsklassen zu ersetzen suchts
Wir wünschen uns einen Abgeordneten, der nicht blos frei von persönlicher Verbitterung und verkehrter Oppositionssuch sondern auch frei von dem Einflusse der Regierung nur dem Volke dient, dessen Vertretung ihm obliegt. f
Wir finden die Gewähr ruhiger und sicherer Weiterentwicklung des Reiches nicht blos in der Unterstützung der Regierun durch die Volksvertretung, sondern wir fordern überall da die tapfere Gegenwehr unseres Vertreters, wo die Regierung auf falschen Wege und mit den Rechten und Freiheiten des Volkes im Widerspruche ist.
Wir sind nicht der Meinung, daß auf der Stärke unseres Heeres, an ver rütteln zu wollen, keinem patriotischen Man einfällt, allein die Sicherbeit des Vaterlandes beruhe; auch unser Heer wurzelt im Volke und nimmt seine Stälke nicht blos ar außerer Waffendressur, sondern wesentlich aus der freien Entwicklung der materiellen und geistigen Kräfte der Nation. Daher sol unser Vertreter überall, wo es angeht eine weise Sparsamkeit üben und beim Uebermaße der Anforderungen der Regierung an di Leistungsfähigkeit des Volkes sich stets auf dessen Seite stellen, auch stets für gerechte Vertheilung der öffentlichen Lasten bemüht sein
Daß die Interessen der Landwirthschaft, der Gewerbe, des Handels zu fördern seien, sehen wir als die Aufgab jedes Candidaten zum Reichstage an; in diesem Bestreben werden alle Parteien einig sein. Wir wünschen uns aber einen Vertreter der daneben bemüht ist, die idealen Interessen hochzustellen, deren Pflege unser Vaterland stark gemacht hat. Wir verlangen, daß unser Vertreter den Plänen der seither berrschenden Parteien, welche darauf hinauslaufen, die selbstständige Thätigkeit des Volkes auf wirthschaftlichem Gebiete und die Theilnahme desselben am politischen Leben auf ein möglichst geringes Maß zu beschränken, entschie denen Widerstand entgegensetze, daß er eintrete füt das allgemeine gleiche direkte Wahlrecht, für die Freiheit der Wahl, der Nede, der Presse, für freies Vereins- und Versammlungsrecht, auch Gleichheit Aller vor dem Gesetze ohne Unter⸗ schied der Parteien und Confessionen und daß er die große Zahl vielfach noch unbekannter öffentlicher Fragen, welche die Zukunft birgt, stets in freisinnigem und volksfreundlichem Geiste beantworte. a
Wir fordern von unserem Vertreter ein warmes Herz auch für das Wohl der minder bemittelten Klassen, aber Widerstand gegen die Neigung der Regierung, die Staatehülfe da aufzudrängen, wo die Selbsthülfe durch freie Entfaltung der Volks⸗ kräfte möglich ist. Endlich wünschen wir von unserem Vertreter, daß er thätig mitwiike an dem größten Werke, welches die nächstt Zeit bringen wird, an dem Ausbau unserer Rechtseinheit durch Schaffung eines einheitlichen Civilgesetzbuchs.
Einen Mann, der allen diesen unseren Anforderungen an einen Vertreter des Wahlkreises eutspricht, haben wir gefunden in der Person des
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Herrn Rechtsanwalts Dr. Gutfleisch zu Gießen. 6
Derselbe hat durch sein seitheriges öffentliches Wirken in allen Aemtern der Selbstverwaltung, sowie im Landtag und Neichstag den Beweis geliefert, daß er alle Eigenschaften eines wahren freisinnigen Volksvertreters hat, maßvoll in deß Jorm, nachgiebig, wo unnützer Streit droht, stark und fest in der Opposition, wo er diese nach leidenschaftslosem Ermessen für nöthig findet, stets bereit, zu geben dem Kaiser, was des Kaisers ist, aber auch dem Volke, was des Volkes ist.
Mit großer Freude baben wir es begrüßt, daß Herr Dr. Gutfleisch trotz seiner Belastung mit öffentlichen und Berufs“ pflichten sich bereit erklärt hat, dem einstimmigen Rufe unserer zahlreichen Vertrauensmänner aus allen Theilen des Wahlkreises Folg zu leisten und die Candidatur für diesen Kreis zu übernehmen. Ueberall aus dem Wahlkreise erfahren wir den freudigen Zur unserer Wähler über diese glückliche Wahl, und so rufen wir in froher Zuversicht, daß uns der Sieg nicht fehlen werde,
Herrn Rechtsanwalt Dr. Gutfleisch zu Gießen
als unseren Candidaten aus, alle Wähler auffordernd, am Wahltage dem Manne, der sich in den Dienst unserer guten Sache gestel hat, vertrauensvoll ihre Stimme zu geben.
Büdingen, Butzbach, Friedberg und Vilbel im Januar 1890.
Das freisinnige Wahl⸗Comité des zweiten hessischen Wahlkreises.
Verantwortlicher Redacteur: Carl Bindernagel.— Druck und Verlag von Carl Bindernagel.
Hierzu Unterhaltungsblatt Nr. 5 und eine Beilage.


