1886.
Jamstag den 21. August.
N 98.
Oberhessischer Anzei
cr.
Wird hier und in Bad⸗Nauheim Montag, Mittwoch und Freitag Abend ausgegeben. a
Kreisblatt für den Kreis Friedberg.
Erscheint dreimal wöchentlich und zwar Dienstag, Donnerstag und Samstag.
Annoncen: die einspaltige Petitzeile 15 Pf., lokale
die l 5 0 Anzeigen und behördliche aus dem Kreise 11 Pf., Reclamen 30 Pf.; ein Beleg kostet 9 Pf— auswärtigen Einsendern(soweit Letztere nicht Jahresconto bei uns haben), welchen der Betrag nicht beigefügt ist, werden stets per Post nachgenommen.
Annoncen von
Betreffend: Maßregeln gegen das Zigeunerunwesen.
Amtlicher Theil.
Friedberg den 18. August 1886.
0 i i Das Großherzogliche Kreisamt Friedberg an die Großherzoglichen Bürgermeistereien, das Polizeicommissariat Wickstadt und die Gendarmerie des Kreises.
a Um dem Unwesen der im Reichsgebiet umherziehenden Zigeunerbanden und den hierdurch der Bevölkerung erwachsenden Belästigungen wirksam entgegen zu treten, sind auf Veranlassung des Reichskanzlers eine Reihe von Maßregeln vereinbart worden, wovon wir Ihnen das Nachstehende zur Kenntnißnahme und Daruachachtung mittheilen.
I. Was zunächst die ausländischen Zigeuner anbelangt, so ist 15 angeordnet worden, daß denselben, mögen sie einzeln, in kleinen Trupps, oder bandenweise auftreten, unter allen Umständen, 8 nöthigenfalls unter Anwendung der zulassigen Zwangsmittel der Eintritt in das Reichsgebiet zu untersagen ist, und wenn es 2. dessen ungeachtet Zigeunern gelungen ist, Eingang in das Reichsgebiet zu finden, so ist dem Weiterzug derselben in das Junere
energisch entgegen zu treten.
Wir machen es Ihnen daher zur Pflicht beim Eintreffen ausländischer Zigeuner in Ihren Gemeinden
und Bezirken dieselben uns unverzüglich zuführen zu lassen, unter vorheriger telegraphischer Benachrichtigung. 9. Mitglieder von Zigeunerbanden, welche sich einer Uebertretung der Strafgesetze(3. B. Bettel, Feld- und Forst-, Jagd- oder Fischerei⸗ frevel, Drohung, Diebstahl u. s. w.) schuldig gemacht haben, sind sofort festzunehmen und ist deren gerichtliche Verhaftung
alsbald zu veranlassen.
II. Was die inländischen Zigeuner betrifft, d. h. diejenigen welche im Reichsgebiet ihren dauernden Aufenthalt genommen haben und unter zeitweisem Verlassen ihres Wohnsitzes in Deutschland umherziehen, so bedarf es auch gegen diese eines schärferen Vorgehens und ist daher 1. die Frage, ob solche Zigeuner als deutsche Reichs angehörige zu betrachten sind, in jedem einzelnen Falle uns zur Ent—
scheidung vorzulegen,
2. die des Landstreichens„Bettelns, Nichtbeschaffung eines Unterkommens, oder sonstiger strafbarer Handlungen schuldigen inländischen Zigeuner, sind gerade so zu behandeln wie die Angehörigen ausländischer Zigeunerbanden. 3. Empfehlen wir Ihnen, besorgt zu sein, daß die schulpflichtigen Kinder von den fraglichen Banden abgesondert und zum Schulbesuche
angehalten werden.
Betreffend: Unfallversicherungspflicht der Ziegeleibetriebe. ö Das Großherzogliche Kreisamt Friedberg an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche mit der Erledigung unserer Verfügung vom 5. d. Mts.— Kreisblatt Nr. 92— noch im Rückstande
sind, werden hieran erinnert mit Frist von acht
Tagen.
Dr. Braden. Friedberg den 19. August 1886.
J. V.: Dr. Wallau.
Deutsches Reich.
Darmstadt. Das Regierungsblatt, Beilage Nr. 23, enthält:
1. und 11. Oeffentliche Anerkennung von edlen Thaten.
111. Uebersicht der für 1886 genehmigten Umlagen der israel. Religionsgem. im Kr. Mainz.
IV. Bekanntmachung, die Erhebung einer Umlage für 1883/86 in der israel. Rel.-Gemeinde Nieder-Weisel betr.
V. Uebersicht der für 1886/87 genehmigten Umlagen in den israel. Religionsgeme des Kr. Gteßen.
VI. Verzeichniß der Vorlesungen ꝛc., welche im Wintersemester 1886/87 an der Technischen Hochschule zu Darmstadt gehalten werden.
VII. Ordens verleihungen.
VIII. Abwesenheitserklärung.
IX. Dienstnachrichten. Es wurde: Dem evang. Pfarrer Benemann zu Frankfurt die Pfarrstelle zu Vilbel, dem evang. Pforramtskand. Fritsch zu Schwarz die Pfarrstelle daselbst übertragen; dem evang. Hofkaplan Kellner zu Schönberg die 3. Pfarrstelle zu Worms über— tragen; dem Schulamtsasp. Eißfeller aus Groß- Felda eine Lehrerstelle zu Ober-Ofleiden übertragen; der auf
die Lehrerstelle zu Steinbach präs. Schullehrer Hoffart
zu Weiten⸗Gesäß, der auf die 1. Lehrerstelle zu Ilben— stadt präs. Schullehrer Ahlbach zu Mühlheim, der auf die Lehrerstelle zu Kirch- Beerfurth präs. Schulamtsasp. Blumenscheln aus Nieder-Kainsbach bestätigt; dem Schul— verwalter Deffaa zu Horchhelm eine Lehrerstelle daselbst, der Schulamtsaspirantin Schmalzel aus Hechtsheim eine Lehrerinnenstelle zu Nieder-Olm, dem Schullehrer Jost zu Dauernheim eine Lehrerstelle zu Raibach übertragen; dem Schulamtsasp. Elfert aus Metzlos eine Lehrerstelle zu Rumpenheim übertragen; dem Ferd. Schopbach aus Alsfeld das Patent als Geometer 1. Kl. für den Kreis Friedberg ertheilt; dem Schulamtsasp. Nleolat aus Ober⸗Mörlen eine Lehrerstelle zu Ockstadt übertragen.
Xx. Dienstentlassungen.
XI. Charakterertheilungen.
— Der Heizer bei den Oberhessischen Eisen-
bahnen Waag wurde zum Lokomotivführer und
der Hilfsheizer Gernand aus Bruchenbrücken
zum Heizer ernannt. 5
Berlin. Ueber ein Unwohlsein des Kaisers auf der Reise von Gastein nach Babelsberg wird dem„Bayr. Kourier“ aus Salzburg berichtet: „Bei dem gegen 8 Uhr stattfindenden Abend— Essen wurde Kaiser Wilhelm von einem ploͤtz—
lichen Unwohlsein überrascht, so daß die Leib— ärzte darauf drangen, daß der Kaiser sich sofort zur Ruhe begebe. Die für den nächsten Tag Mittags 1 Uhr anberaumte Abfahrt mußte ab— gesagt werden. Kaiser Wilhelm verbrachte die Nacht jedoch in ruhigem Schlafe und hatte sich gegen 9 Uhr Morgens wieder so kräftig ge— fühlt, daß die Weiterreise auf Abends 6 Uhr bestimmt anberaumt werden konnte. Am Bahn— hof empfing ihn nur der Statthalter Graf Thun. Der Kaiser reichte dem Grafen die Hand mit den Worten:„Auf Wiedersehen, aber wenn sich Anfälle, welche mich gestern überraschten, öfters wiederholen sollten, dany“— die letzten Worte ließ Kaiser Wilhelm unausgesprochen und machte nur eine bezeichnende Geste. Sichtlich tief be— wegt erwiederte Graf Thun:„Majestät, hoffent— lich kommen noch die erfreulichen Nachwirkungen der Gasteiner Kur, die Euer Majestät Wieder— kehr ermöglichen.“
— Der Freundschafts-, Handels- und Schiff— fahrtsvertrag zwischen dem Deutschen Reiche und dem Sultan von Sansibar ist nunmehr in Kraft getreten. Nachträglich hat sich der Sultan damit einverstanden erklärt, daß der Zoll fuͤr Tabak von 25 auf 5 pCt. ad valorem herabgesetzt werde.
— 19. Aug. Der Bundesrathsausschuß für
Handel und Verkehr hielt heute eine Sitzung ab, in welcher Graf Arco- Wallberg für das Consulat in Kairo vorgeschlagen wurde. Paul Deroulede, der Deutschenfresser und Wanderapostel des Deutschenhasses bei den Völkern, reist gegenwärtig in Rußland und hält Reden. Jetzt ist er aber, wie sich die„Kölu. Ztg.“ aus St. Petersburg telegraphiren läßt, auf unmittelbaren Befehl des Katsers bedeutet worden, daß er bei der ersten gegen Deutsch land aufhetzenden Rede aus Rußland ausge— wiesen werden würde.
Königstein, 20. Aug. Das hier weilende erbgroßherzoglich badische Paar wird heute noch und der Herzog von Nassau am 2. September unser Städtchen wieder verlassen.
Ausland.
Oesterreich-Ungarn. Gastein, 19. Aug. Gestern brachte Fürst Bismarck dem österreichi— schen Kaiser anläßlich seines Geburtstages seine mündlichen Glückwünsche dar, nachdem er sich bereits in die Gratulantenliste eingeschrieben hatte. Fürst Bismarck verweilte eine halbe Stunde bei dem Kaiser von Oesterreich.
Frankreich. Paris. Zwischen den Fran— zosen und dem Fuhrer der Aufständischen am Niger, Samory, ist ein Vertrag abgeschlossen, wonach das linke Ufer des Niger den Franzosen verbleibt; überdies verpflichtete sich Samory, die Franzosen gegen den Sultan von Segu, der die Fahrt am Niger flußabwärts behindert, zu unterstützen.
Großbritannien. London. Offiziell wird gemeldet: Das Cabinet beschloß die Zu— rückberufung der afghanischen Grenzeommission nicht, es unterhandelt vielmehr noch mit Ruß— land. Es bestehe die Absicht, die Commission vor Beginn des Winters nach Indien zurückzu— rufen. Ueber das Datum der Zurückrufung werde aber erst nach Eingehen der russischen Antwort beschlossen werden.
— 17. Aug. Der Sozialist Williams er— klärte heute vor dem Richter, er könne die ihm am 13. d. M. auferlegte Geldstrafe nicht zahlen. Williams wurde für zwei Monate ins Gefangniß abgeführt. Der sozialdemokratische Bund beruft nächsten Sonntag eine Monstre-Versammlung in Trafalgar ein. Resolutionen werden vorge
schlagen, welche die Freilassung Williams und die Freiheit des Wortes für alle Parteien sordern.


