Ausgabe 
18.12.1884
 
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stehe nicht hier, freigesprochen zu werden. Auch in der Nachmittagssitzung wurde ausschließlich über das Elberfelder Dynamit-Attentat verhan delt. Gegenüber den schweren belastenden Aus sagen der Zeugen, des Polizei-Commissärs Gott schalk, der Frau Dr. Hartmann, des Kellners Brenke und des Mitangeklagten Küchler, sämmt⸗ lich aus Elberfeld, verharrt Reinsdorf bei dem System des Leugnens. Er versucht alle ihm nachtheiligen Aussagen als wahrheitswidrig zu verdächtigen, beschuldigt auch den Untersuchungs richter, die Aussagen von Zeugen in der Vor⸗ untersuchung nach Gefallen protokollarisch fest gestellt zu haben. Bei der Vernehmung suchte er Darlegungen über die Theorien der Anar chisten mit groben Ausfällen gegen die Fürsten zu verbinden, was der Präsident energisch ver hinderte. 16. Dez. Im Hochverrathsprozeß wurde heute Vormittag die Beweisaufnahme in dem Bachmann'schen Attentat geschlossen. Die Angaben Bachmann's wurden von allen Zeugen bestätigt und beurkundet, daß Reinsdorf den Vor schlag gemacht habe, das auf dem Markt in Elberfeld stehende Kriegerdenkmal in die Luft zu sprengen und im Kursaale zu Wiesbaden ein Dynamit-Attentat begehen zu wollen. Reins dorf bestreitet Alles. Zeuge Palm aus Elber⸗ feld deponirt: Reinsdorf sagte, man dürfe nicht blos von Dynamit schreiben, man müsse es auch anwenden; wer ihn verrathe, werde von London oder von Amerika aus getödtet. Reins dorf habe unter der Adresse des Zeugen mehrere Male durch Postanweisung Gelder im Betrage von 12 Lst. aus London erhalten, auch ge sagt, daß er Geld aus Amerika empfangen. Reinsdorf beschuldigt den Zeugen, er habe ihm kein Geld gegeben, dasselbe vielmehr unter

schlagen. Der Zeuge bleibt fest bei seinen An gaben. Der Zeuge belastet Reinsdorf in Be

treff der Anstiftung der Elberfelder Explosion. Reinsdorf, sehr aufgeregt, erklärt Alles für Phantasie und Unwahrheit. Zwei Schutzleute, welche den in Luxemburg aufgegriffenen ange klagten Bachmann nach Elberfeld transpor- tirten, sagen aus, Bachmann habe noch unter wegs gestanden, daß ihn Reinsdorf zur Aus führung der Explosion überredet und ihm dafür Geld versprochen. Klempner Stuhlmann(Elber feld) recognoscirte Reinsdorf bestimmt als den⸗ jenigen, welcher Blechbüchsen zum Dynamit Attentat bei ihm bestellt habe. In der Nach mittagssitzung begann die Beweiserhebung über das Niederwald-Attentat. Sattlergeselle Rupsch bekennt sich nichtschuldig, er behauptet, das Attentat verhindert zu haben. Reinsdorf habe ihn bestimmt, nach Rüdesheim zu gehen, das Dynamit-Attentat auszuführen, um den Kaiser zu tödten. Er ging scheinbar darauf ein, wollte aber mit dem ihm gegebenen Geld den Festlich keiten beiwohnen und das Dynamit in den Rhein werfen.Ich sollte Dynamit in die Fahrstraße legen, über welche der Kaiser fahren mußte. Ich sollte zuerst allein reisen, da aber genügend Geld vorhanden war, sollte Küchler mitreisen, was mir unangenehm war, da ich nun Aufpasser hatte. In Rüdesheim wollte Küchler mich bestimmen, Dynamit unter das Kaiserzelt zu legen, was ich ablehnte, als zu gefährlich. In Wahrheit wollte ich das Attentat verhindern. Rupsch theilte die bekannten Details über das Legen, Durchschneiden der Zündschnur, die Explosion bei der Festhalle mit. Er ver blieb, trotzdem der Präsident die Unglaubwürdig keiten seiner Aussagen betonte, allenthalben bei seinen Behauptungen. Hierauf wurde Küchler vernommen, der sich an Reinsdorf nur scheinbar angeschlossen haben will, um sein Vorhaben auszuforschen. Nach Rüdesheim sei er gegangen, um das Attentat irgendwie zu verhindern, was er dadurch bewirkt, daß er einen ungeeigneten Ort zur Legung des Sprengstoffes gewaͤhlt habe.

Ausland. Oesterreich-Ungarn. Wien, 15. Dec.

gesetzes über Cattaro an, ferner die Ausnahme verfügungen für Wien, Kornenburg, sowie das Rekruten-Contingent pro 1885 15. Dec. Gestern verhaftete in Urfahr bei Linz ein höherer Wiener Polizeibeamter vier Anarchisten. Die vorgefundenen Bestandtheile einer Buchdruckerpresse, Projectile und Flug schriften wurden beschlagnahmt. In Wiener Neustadt wurden in Werkstätten und Arbeiter- logis gründliche behördliche Durchsuchungen vor genommen, wobei zahlreiche gravirende Verhaft ungen, Dynamit in großer Menge und wichtige Correspondenzen vorgefunden wurden. Pest, 15. Dec. Das Unterhaus genehmigte das provisorische Budget bis Ende Februar, nachdem die äußerste Linke dasselbe als eine Vertrauensfrage ablehnte und Tisza an das Vertrauen der Majorität appellirte. 16. Dez. Baron Paul Sennyey wurde durch ein königliches Reseript zum Präsidenten des Oberhauses ernannt und die Ernenunng in der heutigen Sitzung verkündet. Belgien. Brüssel, 16. Dez. Die ge⸗ mäßigte Fraction der liberalen Vereinigung be schloß in einer gestern abgehaltenen Versamm⸗ lung, sich von der alten liberalen Vereinigung zu treunen; zur Ausarbeitung eines neuen Regle⸗ ments wurde eine Commission niedergesetzt. Frankreich. Paris, 13 Dee Der Municipalrath lehnte mit 69 gegen 2 Stimmen den Antrag der Socialisten Vaillant und Cha⸗ bert, für die nothleidenden Arbeiter disponible Wohnungen zu verlangen, ab. DerTemps meldet aus Brüssel, daß die Afrikanische Gesell schaft davon verständigt worden sei, daß elf portugiesische Truppenschiffe an der afrikanischen Küste gelandet seien, um von dem unteren Congolande Besitz zu nehmen. 16. Dec. Die Kammer lehnte bei der Berathung des Budgets des Innern das Amen⸗ dement auf Abschaffung des geheimen Fonds mit 308 gegen 194 Stimmen ab. Eine Depesche des Admirals Courbet vom 13. d. meldet: Der Commandant Lacroix unternahm einen Verstoß gegen die neuen Werke des Feindes, welche die französischen Stellungen bedrohen. Die Chinesen wurden vertrieben. Großbritannien. London, 15. Dec. Observer glaubt, daß die Forderung Deutsch lands und Rußlands wegen Vertretung bei der egyptischen Schuldencasse England gezwungen habe, ernstlich ein Verständniß mit Frankreich zu erstreben. Wenn man nicht falsch berichtet sei, so gibt England die Zinsenreduction auf und will zu den ursprünglichen Vorschlägen Northbrook's zurückkehren, falls dadurch die Lösung der finanziellen Schwierigkeit zu er reichen wäre. 16. Dec. Durch die Explosion unter dem Bogen der London Bridge wurde die Brücke selbst nicht beschädigt, in vielen Waarenläden und Häusern wurden aber die Fenster zertrümmert. Ueber die Urheber der Explosion ist noch Nichts ermittelt. 16. Dec. Bisher ist nicht die geringste Spur des Thäters entdeckt worden. Ein Mit glied des Gemeinderaths beantragt eine Belohn ung von fünf tausend Pfund für die Entdeckung des Thäters auszusetzen. Italien. Rom. DieLiberta behauptet, zwischen Italien und England würden wegen Besitzergreifung eines Gebietes in Afrika seitens Italiens thatsächlich Verhandlungen gepflogen; die Verhandlungen seien aber noch nicht ab⸗ geschlossen. Rußland. Gatschina, 16. Dezbr. Der Kaiser und die Kaiserin empfingen gestern in feierlicher Audienz Schakir Pascha, welcher dem Kaiser den Imtiazorden und der Kaiserin den Schawketorden überreichte.

Egypten. Kairo. Ein Telegramm aus Debbek vom 15. December meldet: General

Wolseley ist mit dem Generalstabe heute hier eingetroffen und setzte seinen Marsch nach Korti

Das Abgeordnetenhaus nahm die Regierungs vorlagen betreffs Verlängerung des Ausnahme

fort. Telegramme aus Korti melden, daß

Gardeinfanterie und dem Kameelreitercorps ein⸗ getroffen ist. Der Weg von Dongola war aut, Lebensmittel reichlich vorhanden und der Einfluß des Mahdi täglich abnehmend.

16. Dec. Aus Korti wird gemeldet, es sei ein Bote aus Khartum angekommen, welcher 11 Tage zur Reise gebraucht habe. Derselbe berichte, General Gordon befinde sich wohl; er habe den Aufständigen eine schwere Niederlage bereitet, indem er die Forts bei Anderman in die Luft sprengen ließ.

Aus Stadt und Land.

W. Bad⸗Nauheim, 15. Dez. Heute wurde dahier Reallehrer Reuß von Darmstadt, Sohn des Lehrer Reuß von hier, beervigt. Sein früher Tod, er starb an einem unheilbaren Lungenleiden, wird von Allen, die ihn näher kannten, tief bedauert, denn er war ein strebsamer, pflicht eifriger und begabter Lehrer, ein treuer Freund und ein zärtlicher Gatte und Vater. Sein großes Leichenbegängniß legte Zeugniß hierfür ab, wie denn auch der Geistliche seine guten Eigenschaften am Grabe hervorhob.

b. Dorn Assenheim, 15. Dez. Vor einigen Tagen wurde in Friedberg bei Gastwirth Gärtner ein dahier angekauftes Schwein geschlachtet, welches 530 Pfund wog. Das Schwein war jung und gezüchtet und gemästet von Oeconom Thomas Weitz IV. dahter. Aehnliche Prachtexemplare sind seit Jahren in dem Stalle des genannten Landwirths keine Seltenheit.

Allerlei.

Frankfurt, 15. Dez. Heute Vormittag fand eine genaue Durchsuchung der ganzen Kaserne in der Gutleut straße nach soetaldemokratischen Schriften statt. Sogar die Kleider der Soldaten wurden durchforscht. In den Wohnungen der Einjährig- Freiwilligen vollzogen die Offiziere die Haussuchung.

Wien, 15. Dez. In den ungarischen Kohlengruben der Staatsbahn bei Anina verbrannten und erstickten 50 Arbeiter in Folge der Stickluft und des Kohlen oxydgases, hervorgerufen durch Entzündung angehäuften Kohlenstaubs. Die Verunglückten hinterlassen hundert unmündige Waisen. 30 Arbeiter wurden gerettet. Die Ursache des Unglücks liegt in der Verwendung von ungeschützten Lampen statt der Sicherheitslampen. Wien, 15. Dez. Heute Nacht brach im Carltheater Feuer aus. Ein Nachtwächter wurde verwundet, die Vorstellung jedoch nicht unterbrochen. Das Carltheater ist nur durch ein wahres Wunder gerettet worden. Die Signalleitungsdrähte, an den Brandobjekten anliegend, verloren durch die Hitze ihren Stützpunkt und begannen zu klingeln, wodurch der Wächter aufmerksam wurde. Prag. Ein furchtbares Verbrechen wurde hier ver⸗ übt. Man zog dort den seit drei Tagen verschwundenen Gastwirth Petran als Leiche aus dem Canal und con statirte, daß der Todte erwürgt worden war. Schon am folgenden Tage entdeckte man den Mörder. Er heißt Hrdlicka, und Petran hatte von ihm im Juni das Wirths geschäft übernommen. Den Mord vollführte er um 3 Uhr

lokal hatte. Als er Petran erwürgt, kleidete er die Leiche vollständig an, schleppte sie auf die Gasse und warf sie in den Canal, damit es den Anschein habe, daß der Mord auf der Gasse geschehen sei. Der Thäter raubte dem Ermordeten 36 fl.

Rom. Einem Telegramm derNeuen Freien Presse zufolge ist hier ein Herr und eine Dame, welche sich als Ehevaar C. Fels aus Stuttgart eingeschrieben und vor 14 Tagen imHotel Minerva abgestiegen waren, seit vergangenen Montag unter der Angabe eines Ausfluges nach Tivoli, unter Zurücklassung der Kleider und Schmuck sachen verschwunden. Es wird die Vermuthung aus gesprochen, daß es sich nicht um ein Ebepaar, sondern um ein Liebespaar handle, das den Tod in den großen Wasserfällen gesucht hat.

Gerichtssaal.

Gießen. Schwurgerichtsverhandlung am 15. l. M. gegen Heinrich Winter von Leihgestern, wegen Körper verletzung mit tödtlichem Erfolg. Derselbe war ange klagt, daß er am 6. August l. J. im Felde bei Leihgestern den Karl Ott von da mittelst einer Schäferschippe vor⸗ sätzlich an der Gesundbeit beschädigt und dadurch den Tod desselben verursacht habe. Die Geschworenen er: kannten den Angeschuldigten jedoch für nichtschuldig und wurde derselbe demgemäß von Strafe und Kosten frei⸗ gesprochen.

Handel und Verkehr. Friedberg, 16. Dez. Fruchtber. Waizen M. 16.25. Korn M. 16.00, Gerste M.

Friedberg, 17. Dez. Buttermarkt. Butter kostete per Pfd. M. 0.85 1.00, Eier 1 Stück 8 Pf.

Grünberg, 13. Dez. Fruchtpreise. Weizen M. 16.50, Korn M. 16.30, Gerste M. 14.50, Hafer M. 12.70, Erbsen M. 15.70, Samen M. 22.

J. A. Windecker

[Stewart mit dem Generalstabe, der berittenen

empfiehlt Feinstes Vorschußmehl, per Pfund 19 Pf. g 45

Nachts, da er von früher her den Schlüssel zum Schank⸗

1516, Hafer M. 12.00, Alle Preise verstehen sich auf 100 Kilo 200 Zollpfund. 1

in

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