„Berliner Tageblatt“ zufolge, wegen Verbreit— ung anarchistischer Schriften zu fünfzehn Tagen Gefängniß und zehnjähriger Ausweisung aus dem Canton Bern gerichtlich verurtheilt.
Belgien. Brüssel, 7. Sept. Die auf heute angesetzte Manifestation der katholischen Partei nahm gegen 1½ Uhr ihren Anfang, indem sich der aus einer sehr großen Anzahl von Theilnehmern bestehende Zug um diese Zeit in Bewegung setzte. Die den Zug in dichten Schaaren begleitende Menschenmenge suchte als— bald die Ordnung zu stören, indem sich vielfach Gruppen in den Zug drängten, die Theilnehmer belästigten, die Bewegung hemmten und Fahnen und Embleme zerrissen. Polizeimannschaften, Gendarmerie und berittene Abtheilungen der Bürgergarde suchten die Ordnung wieder her— zustellen. Mehrere Verhaftungen wurden vor— genommen; auch kamen auf beiden Seiten Ver— wundungen vor. Die Zahl der Verwundeten beträgt gegen hundert. Einige wurden schwer verletzt. Das Gerücht, daß 3 Personen todt seien, hat sich nicht bestätigt. In mehreren an— deren Städten haben bei der Rückkehr der Theil— nehmer der klerikalen Kundgebung auf den Bahn— höfen Ruhestörungen stattgefunden.
— 8. Sept. Der Bürgermeister untersagte die für nächsten Sonntag beabsichtigte Mani— festation der Lehrergenossenschaft. Ein Theil der gestern verhafteten Personen ist wieder in Frei⸗ heit gesetzt worden.
Frankreich. Paris, 7. Sept. Die„Schwarze Bande von Montceau les Mines“ hat ihre Un— thaten wieder begonnen: Am Fuße des Kreuzes von Magny wurden 7 Dynamitpatronen gefun— den; der Zerstörungsversuch mißlang indessen, weil die Zündschnur erloschen war. Auch hat eine Anzahl Personen wieder Drohbriefe erhalten.
— 8. Sept. General Millot ist heute von Futschen abgereist. General Brieère-Delisle ist gestern angekommen und hat das Commando übernommen.
Großbritannien. London, 8. Sept. Gestern fand ein eruster Krawall in Worthing zwischen der Heilsarmee und der Skelettarmee statt; ein Salutist feuerte in die Volksmenge und verwundete mehrere Personen; er wurde verhaftet.
Italien. Rom, 8. Sept. Der König und Prinz Amadeus trafen auf der Reise nach Neapel heute auf dem hiesigen Bahnhofe ein und setzten, von Depretis begleitet, unter lebhaften Ova— tionen seitens der Bevölkerung die Reise fort. Der Königszug traf um 4 Uhr Nachmittags in Neapel ein. Der König, der Herzog von Aosta und Depretis wurden von Mancini, dem Prä— fecten, dem Maire, vielen Deputirten und Sena— toren und einer großen Zahl von Notabilitäten empfangen.
— Der Gesundheitsrath war gestern zu einer Sitzung zusammen getreten; wie versichert wird, schloß sich derselbe der Aufhebung der
Quarantäne an der österreichischen und der schweizer Grenze an. — 8. Sept. Alle Journale sprechen leb—
hafte Anerkennung über das Verhalten des Königs aus, welcher anstatt in der Ville Copodimonte im Königspalaste zu Neapel abgestiegen sei, wo— selbst doch erst jüngst zwei Cholerafälle vorgekom— men seien. Der König, Prinz Amadeus, Depretis und Mancini besuchen die dortigen Spitäler. Rußland. Warschau, 8. Sept. Der Kaiser und die Kaiserin sind nebst dem Großfürsten Thronfolger, den Großfürsten Georg, Wladimir und Nikolaus dem Aelteren, sowie dem sonstigen Gefolge gestern Vormittag in Wilna eingetroffen und von der zahlreich herbeigeströmten Bevöl— kerung enthusiastssch begrüßt worden. Nachmit— tags setzten der Kaiser und die Kaiserin ihre Reise hierher fort. Die massenhaft herbeige— strömte Bevölkerung, welche in ihrer Bewegung in keiner Weise beschränkt wurde, empfing das kaiserliche Paar und die Mitglieder der kaiser— lichen Familie überall mit stürmischen Ovationen. Die Herrschaften sind heute früh hier in Warschau angelangt und haben sofort dem Gottes dienst in der
griechisch-katholischen Kirche beigewohnt. Sodann begaben sie sich zu den Manövern der Truppen auf dem Nokotowskifeld, die um 2 Uhr endigten. — 9. Sept. Vom Bahnhofe begaben sich die Majestäten in die griechische Kathedrale, hernach in die katholische Alexanderkirche und stiegen sodann im Palais Lazienki ab. Nachdem das kaiserliche Paar noch der Truppenparade bei— gewohnt, kehrte dasselbe gegen 3 Uhr Nach— mittags nach dem Palais zurück. Die Stadt war prächtig geschmückt und Abends illuminirt. Die Gemahlin des General-Gouverneurs über— reichte der Kaiserin gestern bei der Ankunft derselben Namens der Damen Warschaus ein prachtvolles Bouquet. Bei der Truppenrevue waren 80,000 Mann in der Parade aufgestellt. Zu dem morgen stattfindenden Balle bei dem General-Gouverneur sind zahlreiche Bürger— Familien geladen worden.
Egypten. Kairo. Die Militärbehörden haben nunmehr Saras, ein etwas oberhalb des großen Kataraktes gelegenes Dorf, zur Basis der Nilexpedition, anstatt Wady Halfa, gewählt. Der Transport von Wady Halfa nach Saras wird per Eisenbahn erfolgen, wodurch der zweite Ka— tarakt und sechs Meilen gefährliche Schifffahrt vermieden werden. Oberst Colville telegraphirt aus Dongola, daß der Scheich Haraui die Unter— werfung seines Stammes angezeigt hat. Hier⸗ durch wird die ganze Route zwischen Meravi und Dongola offen.
Alexandrien, 9. Sept. Lord Northbrooke und General Wolseley sind an Bord der„Iris“ hier augekommen. Dieselben wurden von Nubar Pascha im Namen des Khedive empfangen und sind alsbald nach Kairo weitergereist.
Amerika. New⸗PVork. Bei den Staats— wahlen in Maine siegten die Republikaner und wurde der republikanische Candidat zum Gon verneur gewählt. Auch in den beiden Kammern der Staatslegislatur werden die Republikaner über die Majorität verfügen.
China. Shangai, 8. Sept. Einem Tele— gramm der„Times“ vom 6. September zufolge, hätten die chinesischen Behörden bekannt gegeben, daß, nachdem der Krieg erklärt worden, Shangai als neutral und Woosung als blokirt erklärt worden sei. Eine Bestätigung dieser Nachricht fehlt. Die Hauser der Fremden jeder Nationa— lität wurden von schinesischen Soldaten geplündert.
— Nach einer Meldung der„Agence Havas“ von heute wollen die Chinesen die Einfahrt
des Flusses bei Shanghai sperren. Die Con⸗ suln haben dagegen Protest erhoben. Japan. Nangasakr, 8. Sept. Die japa⸗
nesische Gesandtschaft in London dementirt die Meldung, daß Japan die Souveränetät über die Loochoo-Juseln beansprucht habe.
Aus Stadt und Land.
Friedberg. Die Franksurter Bäcker sind dem Bei⸗ spiel ihrer Collegen in den benachbarten Städten gefolgt und haben einen Abschlag des Brodpreises eintreten lassen. Wann folgen die Friedberger?
i. Friedberg. Der Erziehungs-Verein „Mathilden-Stiftung“ in Friedberg hielt am letzten Montag Nachmittag auf hiesigem Rathhaus unter dem Vorsitze des Kreisraths Dr. Braden seine Jahresver— sammlung ab. Leider war dieselbe— wohl der Ungunst des Wetters wegen— nur schwach besucht, was um des— willen gewiß zu bedauern ist, weil unter unseren vielen Vereinen der in Frage stehende Verein zur Erziehung verwahrloster Kinder unstreitig einer der wohlthätigsten ist und darum allseitige Beachtung und Theilnahme ver— dient. Die zunächst vorgelegte Rechnung über Einnahme und Ausgabe während des letzten Rechnungsjahres wurde — vorbehältlich der genaueren kreis amtlichen Prüfung— unbeanstandet gutgeheißen. Erfreulich war dabei, daß auch Vermächtnisse— im Betrage von 200 Mark, wenn wir nicht irren— darin aufgeführt werden konnten. Möchten solch rühmliche Beispiele Nachahmung finden; wer mit einer der Wohlthätigkeit bestimmten Summe wirklich Gutes stiften will, findet hier treffliche Gelegen— heit dazu. Der von Decan Meyer vorgetragene Jahres- bericht führte die drei Punkte aus:„Wie stand's mit unsern Kindern bei ihrer Aufnahme, wie steht's jetzt mit ihnen und was wird aus ihnen?“ Auf das Nähere kann hier nicht eingegangen werden; nur so viel sei gesagt: Wer die Darlegungen gehört hat, wie groß das leibliche oder sittliche Elend einst war, dem sie entrissen werden mußten, und wer ferner vernommen hat, wie 9 verwahrloste Kind während der 19 Jahre des Bestehens des Vereins durch denselben schon gerettet und zum
braven Menschen erzogen worden ist, der hat sich gewiß gesagt:„Ja, es muß bier geholfen werden, und es kann durch den Verein geholfen werden, und gern will auch ich, daß es geschehe, mein Scherflein beitragen!“ Be⸗ sonders erwähnenswerth ist noch das Lob, das weitaus den meisten Pflegeltern gespendet werden konnte. Es ist gewiß eine erfreuliche Thatsache, daß es in unserem Kreise an Familien nicht fehlt, die geneigt und geeigenschaftet dazu sind, solche Kinder liebevoll bei sich aufzunehmen und sich einen Gotteslohn an ihnen zu verdienen. Zum Schluß wies der Bericht noch darauf hin, wie aus ver⸗ schiedenen Gründen es wünschenswerth sei, daß die Stift⸗ ung in den Besitz eines eigenen Mutterhauses gelange. In der darauffolgenden Diskussion wurden zwar die Vorzüge der Familienerziehung vor der Anstaltserztehung mit Ent— schiedenheit betont; indessen stimmte man doch darin über— ein, daß neben der ersteren immerhin ein Pflegehaus nöthig sei zur vorläufigen Aufnahme neuer Pfleglinge, sowie um allzeit in der Lage zu sein, auch älteren Pfleg: lingen ein vorübergehendes Heim bieten zu können, wenn sie dessen dringend bedürften. Sollte darum das seither von der Stiftung benützte hiesige Versorgungshaus in der Folge nicht mehr ausreichend sein, so wird man allerdings dem Gedanken an Gründung eines eigenen Vereinshauses näher treten müssen. Wir aber wünschen dem Verein ein fröhliches Gedeihen und recht viel theil— nehmende Herzen und offene Hände. Es handelt sich dabei um das Lebensglück armer Kinder; es handelt sich aber auch um das Wohl der menschlichen Gesellschaft, und es ist besser und edler, wie bei der Diskussion be⸗ merkt wurde, man baut Erzlehungshäuser, als Zuchthäuser.
Vilbel. Trotz der derzeitigen sehr kühlen Witterung, hat man dermalen hier über große Hitze zu klagen, welche namentlich in den Köpfen mancher Grundbesitzer den höchsten Grad erreicht zu haben scheint. Es trägt hierzu im wesentlichen die projectirte Konsolidatlon der rechts von der Nidda gelegenen Gemarkung Vilbel mitbei. Zur Abstimmung hierüber war vom Großherzoglichen Kreisamte Friedberg Termin auf den vergangenen Samstag von Vormittags 9— 12 Uhr anberaumt gewesen. Der Termin konnte aber nicht abgehalten werden, da offenbar Drohungen, Versprechungen und sonstige Abstimmungs⸗ beeinflussungen vorgekommen waren, welche die Vornahme der Abstimmung als nicht geboten erscheinen ließen. Unter Anderem fehlte aus uns bis jetzt unbekannten Gründen ein zur Abstimmungscommission gewähltes Ge— meinderathsmitglied und dauerte es immerhin eine merk— bare Weile, bis für das fehlende Commissions mitglied der Ersatzmann, bezw. ein anderes Gemeinderathsmitglied requirirt werden und zur Stelle sein konnte. Weiterhin wurde mehreren Geschäftsleuten,(Metzgern, Gastwirthen) gedroht, daß wenn sie nicht gegen die Konsolldatton stimmten, ihnen kein Fleisch mehr abgekauft, bezw. ihre Wirthschaft nicht mehr besucht würde und was derglelchen Machinationen mehr waren. Ueber die angeblichen Schat— tenseiten bezw. angebliche Nachtheile der Konsolidatson schwirren hier Gerüchte(von den Gegnern ausgehend) in den Lüften herum, welche nur geeignet sind, jeden klar denkenden, stimmberechtigten oder nicht stimm— berechtigten Menschen in Zweifel zu versetzen, ob er wirklich im 19. Jahrhundert, in einer Stadt mit an⸗ nähernd 4000 Seelen und 1½ Stunden entfernt von Frankfurt a. M. lebt. Vielen von diesen Betheiligten sst es ja manchmal nicht zu verdenken, wenn sie gehörte Ansichten Anderer unterstützen und vertreten, weil sie es meistens nicht besser verstehen, aber es sind leider hlerorts auch geistig sehr begabte Leute bei den Gegnern, welche offenbar aus Privat-Interessen gegen ihre Ueberzeugung stimmten und agitirten. Am allermeisten hierbei ist aber die Handlungsweise einzelner Gemeinderathsmitglieder aufgefallen. Bekanntlich kann doch ohne Majoritäts⸗ beschluß des Gemeinderaths in der Konsolidation Nichts geschehen und kein Geld aus dem Gemeindesäckel zur Verarbeitung verwendet werden. Unsere derzeitigen Stadtväter haben in Gegenwart eines kreisamtlichen Beamten in einer Gemeinderathssitzung für die Konsolt— dation gestimmt, den Abstimmungsmodus mit 4 Procent Geländeabzug aufgestellt, sämmelich unterschrieben und die nöthigen Gelder zur sofortigen Inangriffnahme der Vorarbeiten bewilligt, und trotz dieser Handlung haben einige Gemeinderathsmitglieder in ganz auffallender Weise gegen die Konsolidation agitirt und Stimmen für das Nichtzustandekommen der Konsolidatson geworben. Etwas Anderes wäre es gewesen, wenn diese charakter festen Männer als Gemeinderathsmitglieder dagegen ge— stimmt und später als Privatmänner dafür gestimmt bätten! Hoffentlich werden diese Zeilen manchem noch im Dunkel lebenden hiesigen Bürger klar machen und eingedenken lernen, daß, ehe man wählt oder abstimmt, man nur richtig handelt, wenn man die Schatten- und Lichtseiten einer Sache selbst für sich genau prüft und dann erst abstimmt, nicht aber daß man einseltig handeln und Drohungen, Versprechungen, oder sonstige Beein⸗ flussungen respectiren soll. Wir sind der Ansicht, daß bei einer nochmaligen demnächstigen Abstimmung ein sehr günstiges Resultat für die Konsolidation erzielt werden wird, denn die Erfahrung hat gelehrt, daß in dieser Sache auf einen Hieb kein Baum fällt. Es muß noch mehr Licht in die Sache kommen; bekanntlich muß der Bauersmann zu allem Guten theilweise gezwungen werden, wir pflanzten vielleicht heute noch keine Kartoffel, wenn es seiner Zeit nicht von den Regierungen streng befohlen und überwacht worden wäre.
Alzei. Im Schuljahr 1883/84 waren in unserem
Schullehrer-Seminar 10 Lehrer thätig und wurde die
Anstalt von 81 Schülern besucht, davon waren aus Rhein- hessen 60, ars Starkenburg 20 und aus Oberhessen 1.
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