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Zur Reichstagswahl.
Der„Oberhessische Anzeiger“ vom Heutigen enthält eine Ansprache an die Wähler, welche offenbar darauf berechnet ist, die
467 protestantische Bevölkerung des Wahlbezirks mit Mißtrauen gegen mich zu erfüllen.
Ich babe seither allen Verdächtigungen und Angriffen gegen meine Person und meine politische Wirksamkeit gegenüber ge— schwiegen, von der Ueberzeugung geleitetet, daß jeder urtheilsfähige Mann deren Grund und Zweck schon von selbst herausfinden
werde. In diesem Falle muß ich aber mein Stillschweigen brechen.
Meine Stellung zur katholischen Kirche in kirchlicher Hinsicht ist die, welcher jeder Protestant, der überhaupt noch den Namen eines solchen verdient, einnimmt. In politischer Hinsicht stehe ich dagegen auf dem Standpunkte der Gleichberechti⸗ gung, der Freiheit und Selbstständigkeit jeder Kirche und Religionsgesellschaft. Nach meiner Auffassung hat jede Kirche, als eine vom Staate verschiedene Corporation, ihre inneren Angelegenheiten nach Gutdünken zu ordnen; in allen bürger— lichen und staatsbürgerlichen Beziehungen aber müssen die kirchlichen Anstalten und ihre Diener den Staatsgesetzen unterworfen sein. Dies gilt gleichmäßig von der protestantischen, wie der katholischen Kirche, von den Dissidenten-Gemeinden wie den Israeliten.
Ich habe diese meine Ansicht kürzlich bei einer größeren Versammlung in Büdingen öffentlich ausführlich entwickelt,
Stimmt nun bei dem gegenwärtigen Wahlkampfe die katholische Partei für einen Candidaten, von dem sie voraussetzt, daß derselbe sich nicht dazu verstehen wird, in die inneren Angelegenheiten ihrer Kirchengemeinschast einzugreifen, so handelt sie, wie jede andere Partei in ähnlichen Fällen handeln wird, die ohne Aussicht einen eignen Candidaten aufstellen zu können, für denjenigen unter den aufgetretenen ihre Stimme in die Wagschale wirft, von dem sie wenigstens keine Schädigung ihrer Interessen befürchten zu müssen glaubt. Diese Stimmen zurückzuweisen, wäre der Stellung eines Vertreters des ganzen Volks unwürdig. Die national⸗ liberale Partei, oder, wie sich solche hier zu Lande nennen läßt, die„Joitschrittspartei“ ist anderwärts derselben Meinung; in Hannover nimmt sie die Unterstützung der Regierung, in Breslau die Hülfe der katholischen Partei an; dort, weil sonst die Particularisten(Welfen)— hier, weil sonst die Social-Demokraten siegreich aus der Wahlurne hervorgehen würden.
Ob es wahr ist, was der Eingangs erwähnte Artikel berichtet, daß die katholischen Geistlichen des Wahlbezicks öffentlich auf— gefordert hätten, für mich zu stimmen, kann ich natürlich nich“ wissen. Wenn ich aber die Glaubwürdigkeit dieser Mittheilung nach der Wahrheit der übrigen meine Person betreffenden Veröffentlichungen des sog.„vereinigten freisinnigen Wahlcomites“ bemessen darf, so ist diese Nachricht entschieden nicht wahr!
Im Uebrigen bin ich, was die Herren auch sagen mögen, bei weitem freisinniger, als sie Alle zusammen; mir fällt es gar nicht ein, irgend Jemanden darum anzufeinden, daß er sich einen Candidaten zur Reichstagswahl nach seinem Geschmack sucht. Ich gehe soweit, zu sagen: die Fortschrittspartei in Friedberg hat die völlige Berechtigung, sich selbst zu be⸗ räuchern, Andere zu lästern, zu verläumden, die Confessionen gegen einander zu hetzen; man würde sehr unrecht thun, sie an dieser Beschäftigung zu hindern.
Gießen am 28. Februar 1871.
Wilhelm Buff.
Zur Reichstagswahl!
* 2 29239* Antwort auf Aufrage aus dem 2. Oberhessischen Wahlbezirk.
(Im Oberbessischen Anzeiger d. d. 25. Februar 1871.) Mehrere Tage vor Ausgabe der Tagesordnung zweiter Ständekammer für Samstag den 25. Februar waren die Waͤhler des 2. Oberhessischen wilche mich ohne meine Anregung als Reichstagscandidaten aufgestellt hatten, zu Besprechungen mit mir nach Södel(Samstag den 25 Februar, Abends 5 Uhr), Friedberg, Nauheim und Altenstadt eingeladen worden. Mit Bedauern sah ich Freitag den 24. Februar auf der Tagesordnung, daß mehrere von mir mitunterzeichnete Anträge in Betreff Oberhessischer Eisenbahnen, die mir wegen ihrer Wichtigkeit und Schwierigkeit von verschiedenen Seiten z. B. auch von Herrn Postmeister Breutano in Friedberg warm empfohlen waren, am nächsten Tage verhandelt werden sollten. In Vorauesicht der— auch eingetretenen Möglichkeit, daß erst nach meiner am 25. Februar, Nachmittags 12 uhr, festgestellten Abreise nach Friedberg(Södel) diese Verhandlung stattfinden werde, theilte ich sofort am Freitag und Samstag vor der Sitzung schriftlich und mündlich den Herren Landtagsabgeordneten Kolb, Hallwachs, Zimmer, Curtman und Anderen meine Ansichten mit, fand deren Beistimmung und habe nun auch mit Befriedigung erfahren, daß ganz, ihnen und meinen Erwactungen gemäß, nach den Reden meiner geehrten Mitantragsteller, welchen Heeren ich, als Vertreter der Stadt Friedberg, für ihre Unterdützung einer meinem Wabltreis, wie der ganzen Provinz hochwich'igen Angelegenheit herzlich danke, die zweite Ständekammer nahezu einstimmige Beschlüsse gefaßt habe. Die Nummer- Protokolle weisen nach, daß ich, so lange ich diesem Landtag angehöre, auch während dieser Wahlagitation bis
Samstag den 25. Februar 12 Uhr noch nicht eine Sitzung versäumt habe. a5. J 3 1 meiner Wähler stelle ich ruhig anheim, ob ich unter den obigen Verhältnissen anders als geschehen handeln konnte, und
hoffe, daß diese von einem rabulistischen anonymen Fürsprecher meines Gegenkandidaten, Herrn Hofgerichtsrath Buff, angelegte Mine unschaͤdlich
für die liberale Sache verpuffen werde. a Dr. von Wedekind, Landtagsabgeordneter.
475 Wahlbezirks von den vereinigten freisinnigen Wahlcomité's desselben,


