was weiter geschehen kann und soll. Es ist darum die Pflicht eines Jeden, der es mit der evang. Kirche, ja mit unserem Volke überhaupt wohl meint, nach Kräften das Seine zu thun, damit die nun endlich in Angriff genommene Verfassungs— arbeit einen guten Erfolg habe, und mithin vor allen Dingen, daß durch die bevorstehenden kirch— lichen Wahlen die Bedürfnisse und Wünsche der Gemeinden zu ihrem vollen, unverkürzten Ausdrucke kommen. Um so dringender ist dies zu wünschen, da der von der Regierung veröffent lichte Verfassungsentwurf an sehr er— heblichen Mängeln leidet und einer gründlichen Verbesserung und Umge⸗ staltung bedürsen wird, um den gehofften Nutzen bringen zu können. So, um nur auf Eines auf merksam zu machen, ist der Grundsatz der kirch— lichen Selbstregierung und Selbstverwaltung in demselben entschieden nicht vollständig und con- sequent genug durchgeführt: namentlich ist die oberste Kirchenbehörde noch viel zu viel in Ab- hängigkeit gestellt, als daß man sagen könnte, die evang. Kirche ordne und verwalte hiernach ihre Angelegen— beiten selbstständig. Ein sehr bedenklicher Punkt it ferner, daß nach dem Entwurf die evang. Kirche des Landes in drei Sonderkirchen getrennt werden soll: eine lutherische, reformirte und unirte, während doch seit langer Zeit alle evang. Gemeinden des Landes sich als Eins an— gesehen haben und als Eins behandelt worden sind. Es würde gewiß den meisten Gemeinden im höchsten Grade überraschend und befremdend erscheinen, wenn demnächst verfügt würde, daß sie mit anderen, vielleicht Nachbargemeinden künftighin nicht mehr zu demselben Kirchenverband gehören sollten, weil die eine lutherisch, die andere refor- mirt sei, während doch dieser Unterschied sich im Leben längst verwischt hat.
Darum, ihr evangelischen Männer! erwäget bei Zeiten und ernstlich, wen ihr für die hohe und heilige Sache, um die es sich hier handelt, als die Männer eueres Vertrauens und euere Ver— treter erwählen wollt. Unverständig wäre es gewiß, wenn sich Jemand darum von der Wahl ausschließen wollte, weil er mit der Art und Weise des Vorgehens, wie sie von der Regierung beliebt ist, nicht einverstanden ist, weil er es z. B. für besser ansehen würde, daß die Landes- synode unmittelbar durch die Gemeinden, in directen Wahlen ernannt würde, anstatt auf dem vorgeschriebenen indirecten Wege, oder daß ihr nicht dieser, sondern ein anderer Entwurf vor— gelegt, oder auch ganz freigelassen würde die Ver⸗ fassung, wie sie sie wünscht, selbst zu entwerfen. Man kann darüber verschiedener Ansicht sein: jedenfalls hat vielfältige Erfahrung gelehrt, daß bei angeordneten Wahlen die Wahlenthaltung unter allen Umständen der verkehrteste und un— klugste Weg ist, den man einschlagen kann. Wirkt lieber auf dem Wege, der nun eröffnet ist, kräftig mit, als daß ihr geschehen lasset, daß die neue Verfassung ohne euch und dann vielleicht sehr gegen eueren Willen zu Stande kommt.
Verschiedener Ansicht kann man auch darüber sein, oh es zweckmäßig ist, daß nach dem Edicte die Wählbarkeit auf solche Männer beschränkt sein soll, welche an Gottes dienst und Abendmahl Theil nehmen, da es doch unstreitig gar Manche giebt, deren Theilnahme an dem Verfassungswerke sehr erwünscht wäre, und die sich doch aus mancherlei Gründen dem kirchlichen Leben mehr oder weniger entfremdet haben. Die Absicht bei dieser Bestim— mung ist nur die gewesen, solche auszuschließen, die sich seit lange vollständig und grund— sätzlich von der Kirche geschieden und dadurch gezeigt haben, daß sie ihr innerlich nicht mehr zugehören,— also Personen, welche unzweifelhaft doch nur in seltenen Ausnahmefällen in Vorschlag hätten kommen können. Es ist daher auch absicht— lich in dem Edict nicht von fleißiger oder regelmäßiger Theilnahme am Gottesdienst die Rede, sondern nur von Theilnahme überhaupt. Mag man also die Fassung des fraglichen Para— graphen für zweckmäßig ansehen oder nicht; den Gemeinden wird dadurch bei den bevorstehenden
von dem Ministerium des Inneren
Wahlen die Möglichkeit nicht abgeschnitten sein, ihren Willen, wenn derselbe anders nur einmüthig und kräftig auftritt, zur Geltung zu bringen. Somit sei die wichtige Angelegenheit der neuen Kirchenvorstandswahlen Allen, die es an— geht, angelegentlich empfoblen. Die Reichstags— wahlen sind von hoher Wichtigkeit; aber die Kirchenvorstandswahlen, wenn auch deren Bedeu— tung weniger hervortritt und in die Augen fällt, stehen ihnen an Wichtigkeit in nichts nach und verdienen mindestens dieselbe allgemeine und leb— hafte Aufmerksamkeit und Theilnahme. 8
Eröffnung des deutschen Reichstags.
Berlin, 21. März, 1 Uhr Mittags. So— eben ist der deutsche Reichstag vom Kaiser mit folgender Thronrede eröffnet worden:
Geehrte Herren!
Wenn Ich nach dem glorreichen aber schweren Kampfe, den Dentschland für seine Unabhängig— keit siegreich geführt hat, zum ersten Male den deutschen Reichstag um Mich versammelt sehe, so drängt es Mich vor Allem, Meinem demüthigen Dank gegen Gott Ausdruck zu geben für die weltgeschichtlichen Erfolge, mit denen seine Gnade die treue Eintracht der deutschen Bundesgenossen, den Heldenmuth und die Manxeszucht unserer Heere und die opferfreudige Hingebung des deut— schen Volkes gesegnet hat. Wir haben erreicht, was seit der Zeit unserer Väter für Deutschland erstrebt wurde: die Einheit und deren organische Gestaltung, die Sicherung unserer Grenzen, die Unabhängigkeit unserer nationalen Rechtsent— wickelung. Das Bewußtsein seiner Einheit war
in dem beutschen Volke, wenn auch verhüllt, doch
stets lebendig; es hat seine Hülle gesprengt in der Begeisterung, mit welcher die gesammte Nation sich zur Vertheidigung des bedrohten Vaterlandes erhob und in unvertilgbarer Schrift auf den Schlachtfeldern Frankreichs ihren Willen ver— zeichnete, ein einiges Volk zu sein und zu bleiben. Der deutsche Geist, welcher in dem deutschen Volke lebt und seine Bildung und Gesittung durchdringt, nicht minder die Verfassung des Reiches und stine Heeres-Einrichtungen, bewahren Deutschland inmitten seiner Erfolge vor jeder Versuchung zum Miß brauche seiner durch seine Einigung gewonnenen Kraft. Die Achtung, welche Deutschland für seine eigene Selbstständigkeit in Anspruch nimmt, zollt es bereitwillig der Unab— hängigkeit aller anderen Staaten und Völker, der schwachen, wie der starken. Das neue Deutsch— land, wie es aus der Feuerprobe des gegenwär— tigen Krieges hervorgegangen ist, wird ein zu— verlässiger Bürge des europäischen Friedens sein, weil es stark und selbstbewußt genug ist, um sich die Ordnung seiner eigenen Angelegenheiten als sein ausschließliches, aber auch ausreichendes und zufriedenstellendes Erbtheil zu bewahren. Es hat Mir zur besonderen Genugthuung gereicht, in diesem Geiste des Friedens ixmitten des schweren Krieges, den wir führten, die Stimme Deutsch— lunds bei den Verhandlungen geltend zu machen, welche auf der durch die vermittelnden Bestre— bungen Meines auswärtigen Amtes herbeigeführten Conferenz in London ihren befriedigenden Abschluß gefunden haben. Der ehrenvolle Beruf des ersten deutschen Reichstags wird es zunächst sein, die Wunden nach Möglichkeit zu heilen, welche der Krieg geschlagen hat und den Dank des Vater— landes denen zu bethätigen, welche den Sieg mit ihrem Blute und Leben bezahlt haben. Gleich— zeitig werden Sie, geehrte Herren, die Arbeiten beginnen, durch welche die Organe des deutschen Reiches zur Erfüllung der Aufgabe zusammen— wirken, welche die Verfassung ihnen stellt: zum Schutze des in Deutschland gülligen Rechts und zur Pflege der Wohlfahrt des deutschen Volkes. Die Vorarbeiten für die regelmäßige Gesetzgebung haben leider durch den Krieg Verzögerungen und Unterbrechungen erlitten; die Vorlagen, welche Ihnen zugehen werden, leiten sich daher unmittel— bar aus der neuen Gestaltung Deutschlands ab. Die in den einzelnen Verträgen vom November vorigen Jahres zerstreuten Verfassungsbestimmun—
verfassung ihre geordnete Zusammenstellung und ihren gleichmäßigen Ausdruck finden. Die Be⸗
laufenden Ausgaben des Reiches bedarf der ge⸗ setzlichen Regelung; für die von der königlich
norddeutschen Gesetze in Bayern wird Ihre Mit⸗ wirkung in Anspruch genommen werden. Die Verfügung über die von Frankreich zu leistende Kriegskosten-Entschädigung wird nach Maßgabe der Bedürfnisse des Reiches und der berechtigten Ansprüche seiner Mitglieder mit Ihrer Zustimmung getroffen und die Rechenschaft über die zur Kriegführung verwendeten Mittel Ihnen so
gestatten.
Die Lage der für Deutschland rückerworbenen Gebiete wird eine Reihe von Maßregeln erheischen, für welche durch die Reichsgesetzgebung die Grund— lagen zu schaffen sind. Ein Gesetz über die Pensionen der Offiziere und Soldaten und über die Unterstützung ihrer Hinterbliebenen soll für das gesammte Heer die Ansprüche gleichmäßig regeln, welche der gleichen Hingebung für das Vattrland an den Dank der Nation zustehen. Geehrte Herren! Möge die Wiederherstellung des deutschen Reiches für die deutsche Nation auch nach Innen das Wahrzeichen neuer Größe sein, möge dem deutschen Reichskriege, den wir so ruhmreich geführt, ein nicht minder glorreicher Reichsfrieden folgen, und möge die Aufgabe des deutschen Volkes fortan darin beschlossen sein, sich in dem Wettkampfe um die Güter des Frie— dens als Sieger zu erweisen. Das walte Gott!
— 21. März. Die feierliche Eröffnung des Reichstages erfolgte nach vorangegangenem Gottes⸗ dienste um 1% Uhr. Der Kaiser ward bei der
war neben dem Throne eine Tribüne für die Kaiserin, die Kronprinzessin und die Prinzessinnen hergerichtet. Die Gesammttribünen über dem Eingange waren dem diplomatischen Corps reser— virt, welches vollzählig anwesend war. Die Zu— hörerplätze waren überfüllt, im Saale etwa 400 Personen: Reichstagsmitglieder, höchste Staats beamte, Generalität und Geistlichkeit. Kurz nach 1 Uhr trat der Kaiser ein. Ihm voran schritten Graf Moltke mit dem Reichsschwert, Kriegsminister v. Roon mit dem Scepter, Graf Redern mit der Krone und Feldmarschall Graf Wrangel mit dem Reichsbanner. Dem Kaiser folgten der Kron— prinz und die hier anwesenden regierenden Reichs- fürsten. Der Kaiser, durch enthustastische, vom Alterspräsidenten v. Franckenberg ausgebrachte Hochs begrüßt, bestieg den Thron und verlas die Thronrede unbedeckten Hauptes. Die Rede wurde mehrfach von stürmischem Beifall unterbrochen. Graf Bismarck erklärte alsdann den Reichstag für eröffnet, worauf der Kaiser unter abermaligem Hoch, ausgebracht von dem bayerischen Bevoll— mächtigten, Grafen Bray, den Saal verließ.
— 21. März. Die erste Sitzung des deut— schen Reichstages wurde um 3½ Uhr von dem Alterspräsidenten v. Frankenberg-Ludwigsdorf mit einer kurzen Ansprache eröffnet. Hierauf be— grüßte derselbe unter lebhaftem Beifall die süd— deutschen Abgeordneten, erklärte die Sitzung für eröffnet und schlug vor, bis auf Weiteres die Geschäftsordnung des norddeutschen Bundes an— zunehmen. Da kein Widerspruch erfolgte, ernannte der Präsident zu Schriftführern Schenk v Stauffen⸗ berg(Bayern), Eysold(Sachsen), Schöning und Unruh-Bomst. Der Präsident theilte sodann mit, daß 220 Wahlacten eingelaufen seien.
— Graf Bismarck ist vom Kaiser in den
Fürstenstand erhoben mit dem Titel Fürst von Schönhausen, Graf Moltke erhielt das
Großkreuz des eisernen Kreuzes.
— Die„Nordd. Allg. Ztg.“ schreibt:„Es ist für uns von wesentlichem Interesse, daß die neueste Pariser Regierung(Centralcomite) den Friedensvertrag auszuführen gedenkt. Wir können daher der weiteren Entwicklung der Dinge ruhig
zusehen.“
gen sollen in einer neuen Redaktion der Reichs 0 theiligung der einzelnen Bundesstaaten an den
bayerischen Regierung beabsichtigte Einführung der
schleunig vorgelegt werden, als es die Umstände
Anfahrt enthustastisch begrüßt. Im Weißen Saale
Ent


