Einzelbild herunterladen

weit größere nationalöconomische Bedeutung, als man bei dem verhältnißmäßig geringen Consum bisher wohl annahm. Die alljährlich geförderten circa 900,000 Centner Kohlen werden fast nur von Haushaltungen oder auch zu landwirthschaft lichen Zwecken verbraucht, während dagegen die Industrie einen nur sehr untergeordneten Nutzen davon zu ziehen wußte. Vergleicht man damit die Resultate, welche in anderen braunkohlenreicheren Gegenden, in der Provinz Sachsen, in Böhmen und a. a. O. durch den Braunkohlenbrand zum Betriebe von Dampfmaschinen und zu überhaypt jeder größeren Feuerungsanlage erreicht worden sind, so entsteht die Frage, warum nicht auch die Wetterauer Kohle auf die gewerbliche Entwickelung der Umgegend von Einfluß war. Liegt der Grund in der vielleicht geringeren Güte unserer Kohlen? ist er in deren geringerer Transportfähigkeit zu suchen, oder liegt derselbe nicht vielmehr in äußeren Umständen, in der unrichtigen Art der Verwendung und in den ungünstigen Transportverhältnissen?

Was zunächst die Güte der Kohlen angeht, so ist die beste böhmische Braunkohle der Wetterauer allerdings vorzuziehen, auch ist jene mehr für den Versandt geeignet, weil sie überhaupt werthvoller, und dann auch weil sie fester ist. Die sächsische Kohle, vorzüglich die Schweelkohle, besttzt die Eigenschaft, durch Wärme teigartig klebrig zu werden und in diesem Zustande sich durch Druck zu harten, zum Versand sehr gꝛeigneten Briquetts pressen zu lassen. Diese vorzügliche Eigenschaft, bei 600 Wärme gewissermaßen zu schmelzen, geht der Wetteraukohle ganz und gar ab, und es ist auch bis jetzt noch kein einziges Mittel gefunden worden, derselben durch Formen oder Druck eine solche Consistenz zu geben, wie sie für den weiteten Transport wünschenswerth wäre. Alle Versuche, dieselbe durch Stempelpressen oder Schlickeisen'sche Schraubenpressen mit Ziegelschneider oder durch englische Radpressen in Briquetts zu verwandeln, um ihr in dieser Form einen weiteren Absatz zu verschaffen, sind entweder gar nicht, oder nur un⸗ vollständig gelungen; denn wenn auch die Erfolge anzuerkennen sind, welche das neuere Preßverfahren auf den leichteren Transport der Kohlen selbst ausübt, so ist doch dadurch das Absatzgebiet der; selben nicht erweitert und deren Verwendung nicht eigentlich vermehrt, besonders nicht auf den Fabrik- consum ausgedehnt worden. Und in der That, die Wetteraukohle für größere Entfernungen trans- portfähig zu machen, kann böchstens deren weitere Einführung als angenehmes Zimmerheizungs⸗ material bezwecken; für die Industrie dagegen ist und bleibt dies ein vergeblicher Versuch. Der Grund davon liegt sehr nahe: Die Steinkohle nämlich, welche hier zu Lande mit in Concurrenz tritt, hat bekanntlich einen doppelt bis mal so großen Breunwerth als die Braunkoble, das heißt: mit 2 bis Centnern Braunkohle ent⸗ wickle ich durch deren Verbrennung nicht mehr nutzbare Wärme als durch 1 Centner Steintohle. Mit andern Worten: durch 1 Etr. Steinkohle kann ich ebensoviel Dampf von einer gewissen Spannung erzeugen als mit 2 bis Centner Braunkohlen. Kostet daher in einer Gegend 1 Ctr. Steinkohle 30 Kreuzer, so kann ich dafür (natürlich unter Vorausjetzung entsprechender Feuerungsanlagen) ebensogut Braunkohlen brennen, wenn dieselben 15, resp. 12 kr. der

Centner kosten. Also unter sonst gleichen Um: ständen würde den rationellen Fabrikanten nur der Kostenpunkt zur Wahl des einen oder andern Brennmaterials bestimmen. Nun kostet aber die Braunkohle bei gleicher Transportentfernung natür lich 2 bis mal so viel an Fracht als eine gleichwerthige Menge Steinkohle, kann also nur in solchen Entfernungen von den Bergwerken für die Industrie Werth baben, wo sich deren Ver⸗ kaufspreis(Bergwerkspreis nebst Fracht) nicht höher stellt als ¼ bis ½ von dem Ortspreis der Steinkohle.(¼ bis 1/0); weiterhin kann jene mit dieser schlechterdings nicht mehr concurriren. Es ist also die ungeheure Kohlen- ablagerung in der Wetterau nur dann mit vollem Vortheil zu verwerthen, wenn sie an Ort und Stelle oder doch nicht sehr weit von den Berg

werken zu technischen Zwecken Verwendung finden kann. Dann aber auch ist es von der größten Wichtigkeit, daß der Preis dieses Brennmaterials nicht unnöthig erhöht werde, daß die Kosten für Aufbereitung, für Klötzformerei, für's Pressen von Briquetts wegfallen, mit einem Worte, daß eine Verbrennungsmethode Eingang finde, bei welcher die Kohlen im rohen Zustande verbraucht werden. Es betragen z. B. die Kosten für Klötzformerei in der Wetterau 3 kr. per Ctr., während die fertigen Klötze zu nur 12 kr. per Ctr. verkauft werden; bei richtiger Art der Verwendung würden also die Kohlen nur 9 statt 12 Kreuzer kosten, mithin durch Umgehung der Formerei 25%% er spart sein. Um also von Seiten der Industrie die Kohlenlager der Wetterau am vortheilhaftesten auszubeuten, sind folgende 3 Punkte nicht aus dem Auge zu verlieren:

1) verhältnißmäßig niedriger Preis der Kohle, 2) Verwendung derselben im ungeformten Zu-

stande, 3) Verwendung derselben möglichst nahe bei den Bergwerken.

Was zunächst den Preis angeht, so dürfte derselbe für die ungeformte Kohle nirgends 9 Kreuzer per Ctr. übersteigen, und bei diesem Preise wird man vernunftgemäß einer Kohle von dem Brennwerth der Wetterau zu Kesselheizungen u. s. w. den Vorzug geben, denn es wäre damit gegen die Steinkohlenheizung eine ganz erhebliche Er sparniß verbunden, eine Ersparniß von 25, be ziehungsweise sogar 60%, doch setzt dies:

Zweitens die richtige Verwendung der Kohle voraus. Man hat besondere Feuerungen für die ungeformte, erdige Braunkohle der Wetterau vor⸗ geschlagen, darunter Treppenröste und Füllöfen. Ein uns bekannter Versuch mit Treppenrostfeuerung ist nicht geglückt, ebensowenig dürften sich Füllöfen empfehlen, welche bei mäßigem, genau bemessenem Luftzutritt eigentlich eine höhere Verbrennungs- temperatur erfordern, als die Wetteraukohle, be sonders wenn sie nicht vollständig trocken ist, sie besitzt. Es sind aber gewisse chemische Eigenschaf⸗ ten derselben bekannt, welche den Fingerzeig geben zu einer rationellen, äußerst vortheilhaften Ver- werthung.

Jedes Brennmaterial, welches hauptsächlich durch langgezogene Flammen wirkt,(also nicht Glühstoffe wie Holzkohle und Coaks) muß in sich die Grundstoffe zur Bildung von flammgebenden Gasarten tragen und ist zur Flammfeuerung um so vorzüglicher, je mehr sich gewisse Kohlenwasser⸗ stoffverbindungen durch die bei Verbrennung ent stehende Hitze daraus entwicklen. Die Braunkohle der Wetterau besitzt zwar die zur Bildung ge nannter Gasarten nöthigen Grundstoffe, hat aber, wie überhaupt jede Braunkohle den Nachtheil des verhältnißmäßig zu großen Wassergehaltes, welcher zu seiner Verdampfung eine größere Menge der bei der eigenen Verbrennung erzeugten Wärme ab- sorbirt und dadurch die Heizkraft sehr abschwächt. Wird aber ganz dieselbe Kohle rasch einer Tem- peratur ausgesetzt, welche ihre eigne Verbrennunge⸗ temperatur übersteigt, so scheint weniger Wasser zu verdampfen und ein Theil desselben durch chemische U nsetzung in Kohlenwasserstoff und Kohlenoxpdgas verwandelt zu werden, welche Gasarten ibrerseits wiederum bei gehörigem Luftzutrit unter bedeutender Wärmeentwickelung zu Wasser und Kohlensäure verbrennen. Auf diesem chemischen Vorgange scheint wenigstens die Erscheinung zu beruhen, daß die wasserhaltige, träge brennende Braunkohle mit der kohlenstoffreichen, rusenden, hitzig brennender Steinkohle gemengt, eine erstaunliche Masse flammendes Gas liefert, und zwar weit mehr, als beide Brenn- materialien für sich allein verbrannt zusammen liefern würden. Diese Gasbildung ist so lebhaft, daß bei kleineren Feuerungsanlagen, Stubenöfen u. s. w. leichte Explostonen entstehen, welche sogar das Auseinandertreiben des Ofens zur Folge haben können. Bei großen, stets bellflammend unter- haltenen Feuern dagegen kommen Explosionen nicht vor, weil sich daselbst die Gase bei ihrem Entstehen auch sofort entzünden, sich also nicht an- sammeln können. Dieses Verhalten der Wetterauer

Kohle hat den Weg gezeigt, auf welchem sich die- selbe am vortheilhaftessen zu technischen Zwecken nutzbar machen läßt. Steinkohlen mit gleichen Theilen, oder unter Umständen mit 2 und selbst 3 Theilen, Braunkohlen gemengt, liefern ein Brenn- material, welches allen Anforderungen der Kessel⸗ heizung entspricht und besonders bei Nieder- und Mitteldruckdampfspannungen mit dem größten Vor theil Verwendung findet.

Dieser Mischbrand von Stein- und Braun- kohlen ist denn auch wirklich schon in der Praxi eingeführt, hat die gewünschten technischen eso geliefert und ist mit genz nennenswerthen Gelder⸗ sparnissen verbunden, welche in Zahlen ausgedrückt, fast unglaublich scheinen, sich aber factisch auf 25% in einzelnen Fällen noch weit höher be rechnen. Allerdings setzt dieses Brennmaterial eine richtig construirte Feuerungsanlage, vor Allem eine nicht zu kleine Rostfläche und hinlänglich weiten Kamin voraus.

Beispielweise können wir anführen: eine Dampf maschine von 8 Pferden Kraftäußerung mit Bouil⸗ leurkessel von circa 400 Quadratfuß Heizfläche braucht bei einer Normaldampfspannung von 3 Atmosphären auf einem Rost von 15 Quadratfuß bei einem Fuchsquerschnitt von 4 Quadratfuß in 12 Stunden Centner Steinkohlen mit 7 Centnern Braunkohle.

Eine andere Dampfmaschine von circa 25 Pferden Kraft, welche früher bei einer Dampf spannung von 2 bis Atmosphären täglich 30 Ctr. Steinkohle brauchte, erreicht jetzt denselben Zweck mit 15 Ctr. Steinkohlen und 15 Ctr. Braunkohle per Tag, erspart also täglich die Preis- differenz zwischen Braun- und Steinkoblen für 15 Ctr.; was dem betreffenden Etablissement jäh⸗⸗ lich circa 1500 fl. Ersparniß ausmacht.

Eine Anlage von 2 eisernen Gasretorten, welche continuirlich hell glühend erhalten werden, brauchte früher per Woche 55 bis 60 Ctr. Stein- kohlen und braucht jetzt 18 Ctr. Steinkohlen und 50 bis 60 Ctr. Braunkohlen und erspart damit gegen früher 50% also gerade die Hälfte vom Geldbetrag.

Zwar sind auch Versuche mit diesem Brenn- material fehlgeschlagen, doch war dann entweder der Mangel an gutem Willen von Seiten der Heizer daran schuld, oder es war der Versuch in mangelhaft construirten, oder wenigstens für diese Art Brennmaterial nicht zweckentsprechend einge richteten Feuerungen angestellt worden.

Der Rost muß etwa 3 bis 4 tiefer liegen als bei Steinkohlenfenerung, um das Brennmaterial dicker schichten zu können, und die Rostoberfläche ist um circa ½ größer zu nehmen als die Rost⸗ fläche für gute Steinkoblenfeuerung. Es empfiehlt sich, auf sogenannten Klinkerrost diese Verbrennung vorzunehmen, d. h. das Brennmaterial auf ein bleibendes Bett von glühenden Schlacken über dem Roste zu schichten, womit eine Art Vorheizung der zutretenden Verbrennungsluft bezweckt wird.

Will man aber von dem ungeheuren Kohlen- schatz der Wetterau den vollen Vortheil ziehen, so müssen die Consumenten sich auch den niedrigen Preis der Kohlen ganz zu Nutzen machen, dürfen dieselben besonders durch Fracht nicht unnöthig er höhen, mit einem Worte die Industrie muß drittens in der Nähe der Kohlengruben Fuß fassen, wie sie dies bereits in Sachsen, in Böhmen, bei Cassel und anderwärts mit so glücklichem Erfolge gethan hat. Um aber dies zu ermöglichen, müssen der In- dustrie vorerst die Mittel geboten werden, durch die bestmöglichsten Verkehrswege die Rohmaterialien, beziebungsweise die Steinkohlen herbei und die Fabrikate fortzuschaffen, das heißt das Braunkohlen- revier der Wetterau muß durch Eisenbahnen auf⸗ geschlossen und der Industrie zugänglich gemacht werden. Der unberechenbare Nationalreichthum des Landes, welcher jetzt in Form eines todten Capitals im Schooße der Erde ruht, wird von dem Moment eine Quelle des Wohlstandes für die ganze Gegend, wo die erste Locomotive das Kohlenrevier der Wetterau durchbraust. Es wäre darum an der Zeit, bei den jetzt auftauchenden Bahnprojecten diesen Gegenstand gebührend mit⸗ zuerwägen. C. 8.