meldet:„Die Stadt Paris wird, wie wir hören, um nicht die Gewohnheit zu verlieren, demnächst beim gesetzgebenden Körper um die Erlaubniß einkommen, 520 weitere Millionen anzuleihen, und weiß man noch gar nicht, ob diese Summe hinreichen wird, um die Liquidation Haußmann zu Ende zu führen.“
— Der„National“ erzählt von einem Wort wechsel, der vor einigen Tagen zwischen Herrn Schneider und Herrn Emil Ollivier sich erhoben. Während Herr Pelletan seine Rede hielt, rief der Siegelbewahrer in Einem fort dem Präsidenten zu:„Rufen Sie zur Ordnung! Mein Herr, rufen Sie zur Ordnung!“ Und der Präsident— ließ den Redner ruhig weiter reden. Nach Aufhebung der Sitzung schritt Herr Schneider in den Halb⸗ kreis hinab. Da trat Herr Ollivier auf ihn zu und sprach:„Sie haben, mein Herr, keine Ihrer Pflichten erfüllt.“„Sie mögen wissen, mein Herr,“ versetzte Herr Schneider, indem er sich bedeckte,„der Präsident der Kammer braucht von Niemanden Befehle anzunehmen. Man vergißt das nur zu oft.“„Vergessen Sie, wem Sie Das da verdanken?“ versetzte der Minister, auf das von Herrn Schneider getragene Abzeichen der Ehrenlegion deutend.„Mein Herr,“ entgeg- nete dieser,„ich vergesse nichts, weder Worte noch Personen.“ Und der Präsident wandte dem Siegelbewahrer den Rücken. Seitdem, scheint es, ging Herr Ollivier zu Herrn Schneider und dürfte der Streit beigelegt worden sein.„Man muß jedoch gestehen,“ bemerkt schließlich das Blatt, „vaß der Siegelbewahrer bei der Gelegenheit etwas zu sehr außer Acht gelassen hat, daß der Präsident der Kammer kein Beamter des Kaiser— reichs, sondern der Erwählte der Abgeordneten ist.“
Holland. Haag. Die zweite Kammer nahm am 21. d. die Verhandlung über den An— trag auf Aufhestung des Verbotes aller fremden und privaten Lotterien wieder auf. Die Meinun— gen waren sehr verschieden; eine Reihe von Amen— dements wurden eingebracht, die alle verworfen wurden und endlich ergab die Abstimmung mit 48 gegen 18 Stimmen, daß fernerhin die An- kündigung ausländischer Lotterien erlaubt ist, da— gegen das Collectiren für dieselben verboten bleibt.
Spanien. Madrid. Die Commission der Anhänger Espartero's ist mit dem Resultat ihrer Zusammenkunft mit dem General Prim nicht zu— frieden. Der General soll erklärt haben, die Regierung, im Befitze der kategorischen Weigerung des Herzogs von Vittoria, müsse sich fügen.— Vier Engländer wurden in der Nähe von Gibraltar von Räubern aufgehoben.
— Die Cortes nahmen definitiv den Gesetz— entwurf über die Civilehe an. General Prim erklärte feierlich im Namen der Regierung, Spa— nien sei an den Ereignissen in Portugal voll— ständig unbetheiligt. Er fügte hinzu, die Union ließe sich nur durch die Liebe der beiden Völker, niemals durch Gewalt verwirklichen.— Telegramme aus Lissabon melden, daß der Herzog von Sal— danha erklärt hat, die Bewegung habe nichts mit der Idee einer iberischen Union gemein.
— Der Herzog von Montpensier ist mit der Haltung seiner Parteigänger unzufrieden und wird demnächst ein Manifest veröffentlichen. Man ver— sichert, Montpensier verlange, daß ein Votum der Cortes über seine Candivatur rasch provoeirt werde.
Portugal. Lissabon. Im Congreß wurde am 24. d. das Decret, wodurch derselbe suspendirt wird, verlesen. Anläßlich verschiedener Zeitungsartikel, welche den Herzog von Saldanha beschuldigen, daß er die Iberische Union anstrebe, schwuren die Deputirten feierlich, die Unabhängig keit Portugals auftecht zu erhalten.
Frankfurt. In Mainz wirb am 5. September ber Congreß des internationalen Arbeiter vereins abgehalten werben. In ber letzten Jahresversammlung in London war Paris in's Auge genommen, man hat es aber für zweckmäßiger erachtet, einen andern Ort zu wählen, weil mehrere Mitglieber des Vereins während der letzten Un⸗ ruhen in Paris verhaftet wurben.— Von der im Laufe bieser Woche bahier stattgehabten Versammlung des Cen— tralcomites ber katholischen Vereine Deutschlands ist
Regensburg als Ort für bie nächste Generalversammlung gewählt worben.
Wiesbaden. Die Spielhölle hätte beinahe wieber ein Opfer verschlungen. Am Abend des 24. wollte sich ein Fremder, der sein Geld verspielt hatte, in ben Kur⸗ saalanlagen erschießen; der Schuß fehlte jedoch und der Unglückliche wurde in seine Wohnung gebracht.
Mannheim. Am 24. Mai wurde die Leiche eines hiesigen jungen Mannes im Rhein geländet. Derselbe, einjähriger Freiwilliger, war nicht körperlich stark genug die Strapazen des Militärdienstes zu ertragen, wurde aber trotz seiner leidenden Gesundheit nicht freigegeben. Daraufhin scheint der Unglückliche den Entischluß gefaßt zu baben, sich selbst zu tödten.
Stuttgart. Die vierte Versammlung des Verbandes deutscher Müller und Mühlen-Interessenten wird am 29., 30., 31. Mai und 1. Juni 1870 dahier im Saale der Liederhalle stattsinden.
Langensalza. Am 22. Mai wurde hier ein Denk⸗ mal für die im Gesecht von Langensalza im Jahre 1866 gefallenen preußischen Landwehrmänner enthüllt.
Berlin. In einer der letzten Broschüren über den Berliner Krösus„Dr. Bethel Henry Strousberg, bio— graphische Characterisik von Ernst Korf(Berlin bei Eichter)“, wird ein Verzeichniß seiner jetzigen Besitzthümer mitgetheilt, wonach ihm gehören: zu Dortmund die Gustav Arndi'schen Schienenwalzwerke, jetzt im Anbau etwa zwei Millionen Thaler repräsentirend; zu Neustadt die Hütte, Blechwalzwerke, mit Porta Eisensteinfeldern, und verbunden mit der Hütte Olhfresen, nebst Bau der Kohlenbahn; zu Hannover die berühmte Egestorff'sche Maschinenfabrik, welche jetzt jährlich 200 Locomotiven liefert, also gerade drei Viertel mehr, als zur Zeit ihres Gründers und um ein Viertel mehr, als die Berliner Borsig'sche Fabrik jährlich zu liefern vermag(in der Vorstadt Linden gehört dazu eine eigene Colonie für 2000 Arbeiter); zu Alt⸗ wosser der„Gottes-Segen-Schacht“, Eisensteinwerke, früher Besitz des Herrn von Mutius, auf eine Million Thaler geschätzt; zu Ziborow in Böhmen Montanwerke; zu Antwerpen die Südcitadelle, erstanden für 14 Millionen Francs, an deren Stelle jetzt ein neuer Stadttheil gebaut wird, der den Namen Port Strousberg tragen soll; zu Berlin das großartige Viehmarktetablissement vor dem Rosenthaler Thore, nebst Schlachthäusern, Viehbörse und Eisenbahn auf ungeheurem Terrain, das sammt den Bauten auf zwei Millionen Thaler zu stehen kommen dürfte und welches Etablissement in der Kürze dem Verkehr übergeben werden soll; in Berlin die Markthalle am Schiffbauer⸗ damm, welche erst auf 10 Jahre gepachtet ist, jedoch mit Verkaufsrecht; zu Berlin das Palais Nr. 70 in der Wil— helmsstraße, erbaut 1868, mit allem auf eine Million Thaler geschätzt; zu Berlin die Häuser unter den Linden Nr. 17 und 18, worin sich 113 Bureaus mit über 250 Beamten finden(auch die Redaction der Post), gekauft für ¼ Million, außerdem zwei Häuser in der Jägerstraße, die Gerson'sche Villa in der Thiergartenstraße, der Moritz— hof, liegende Gründe vor dem Kottbuser Thor, vor dem Schönhauser Thor und am Hippodrom; in Wien die Palaitz Rohan, Pratexstraße und Jägerzeile; zu Neiden⸗ burg 2 Grundstück⸗; Görlitz 1 Grundstück; in Ost⸗ preußen die Herrschaft Groß-Pesten, 15,000 Morgen; in Wesipreußen die Herrschaft Luianneck, 9000 Morgen, die Herrschaft Radawitz, 14,000 Morgen, die Herrschaft Wom⸗ veller, 8500 Morgen; in Posen die Herrschaften Polnisch Lissa, 10,000 Morgen, Laube 8500 Morgen, Tarnowo 6000 Morgen; in Brandenburg die Rittergüter Dievensee, 2000 Morgen, Dahlewitz 3000 Morgen; in Böhmen die kaisecliche Domäne Zbirow, 45,000 Oesterreichische Joch (elwa 102,000 Morgen), angekauft für 9 Millionen Fl., woselbst das altczechische Schloß im früheren Stil pracht⸗ voll verziert wird, um der Familie Strousberg im Sommer zur Villeggiatur zu dienen; im Königreich Polen die Grasschaft Krasnofielce, 108,000 Morgen. Die letzt— genannten 12 Güter umfassen einen Flächenraum von über 300,000 Preußischen Morgen oder von über 13 Quadratmeilen, also beinahe so viel als das souveräne Fürstenthum Reuß⸗Schleitz und mehr als noch einmal so viel als das Fürstenthum Reuß-Greiz. Ueber den Erwerb verschiedener anderer Besitzungen schweben neue Verhand— lungen. Wie man weiß, haben Eisenbahnactien, wenn auch nicht immer direkt, als Mittel zum Ankauf so vieler Herrlichkeiten gedient. Dr. Bethel Henry Strousberg schuf in den acht Jahren, die er Schienen legt, anfangs als Bevollmächtigter, dann selbstständig, folgende Bahn— strecken oder hat sie eben jetzt im Bau: Tilsit-Insterkurg, Ostpreußische Südbahn(Pillau-Königsberg und Königs⸗ berg⸗Lyck), Berlin-Görlitz, Rechte Ober-Uferbahn, Märkisch⸗ Posener Bahn, Halle-Sorau⸗Guben, Hannover-Allenbecken (incl. Deister Zweigbahn), Ungarische Nor dostbahn, sechs Rumänische Bahnen, eine Russische Bahn, zusammen 414 Meilen lang. Von den Rumänischen Bahnen sind die ersten Strecken in diesen Tagen eröffnet worden.
Luzern. Nach Berichten eines Augenzeugen fielen die Proben am 22. Mai mit der Rigi-Locomotive sehr günstig aus. Auf einer Steigung von 25 Procent zog sie zwei Wagen, mit Schwellen und über siebenzig Ar— beitern beladen, ohne alle Schwierigkeit. Dabei fiel am meisten auf, wie der Zug auf jähem Abhange plötzlich zum Stehen gebracht werden konnte, worin für den künftigen sicheren Betrieb, wie begreiflich, eine Haupt— garantie liegt.
Die Nigibahn.
Ueber die profectirte Eisenbahn auf den Rigt geht der„Neuen Preußzischen Zeitung“ aus der Schweiz ein Privatbrief zu, der mehrere interessante Einzelheiten enthält. Die Redaction der„Neuen Preußischen Zeitung“ selbst hat noch manches hin-
zugefügt. Wir entnehmen dem Artikel Folgendes: Die Bahn ist seit October v. J. wirklich in An⸗ griff genommen und zwar mit solcher Energie, daß man die Strecke von Fitznau bis Rigi⸗Kaltbad noch im Spätsommer d J zu befahren gedenkt. Nachdem man in Erfahrung gebracht hatte, daß in Amerika im Staate New⸗Hampshire an dem Mount Washington, einem Berge von ungefähr gleicher Höhe und Terrainbeschaffenheit mit dem Rigi, eine Eisenbahn mit gezahnten Stangen und Rädern in bewährter Thätigkeit sei, sandte man einen Ingenieur dorthin ab. Der Bericht dieses Technikers erhob die Ausführbarkeit des schon vorher von drei ausgezeichneten schweizerischen Ingenieuren(dem Obersten Näff zu St. Gallen, A. Zschokke in Aarau, und Riggenbach, Porsteher der großen Maschinenwerkstätte zu Olten) entwor— fenen Plan der Rigibahn zur Gewißheit, so daß, nachdem sich im September v. J. ein Comite ge— bildet und die Actien innerhalb weniger Wochen vollständig untergebracht hatte, man sofort Hand an das Werk legte.
Die Bahn wird so angelegt, daß sie von Staffel zu Staffel immer belohnendere Anblicke auf den herrlichen See und das prachtvolle Ge— birgspanorama gewährt. Hier die totographische Schilderung der Bahnlinie und die Darstellung der Einrichtung der Bahn selbst, wie sie jener Artikel entwirft:
Wenn man, von Luzern, also vom westlichen Ende des Sees, ausfahrend, das Seekreuz zwischen dem Alpnacher und Küßtnachter Seearm passirt hat, erblickt man bald darauf eine wespentaillen- artige Verengerung des Sees durch zwei sich einander entgegenstreckende Vorgebirge, die beiden
„Nasen“, von denen die untere(rechts) der Aus⸗
läufer des Bürgensteins, die obere(links) der Ausläufer des Fitznauer Stockes ist. Unter letz- term, nordwestlich von besagtem Engpaß, liegt das bisher unbedeutende, nicht einmal von dem Dampfschiff angelaufene Dorf Fitznau(zwischen Wäggis und Gersau); und von hier aus hat der kühne Näff die Bahn tracirt, und zwar so, daß die mittlere Steigung nur 21 pCt.(?) beträgt, bedeutend weniger als auf der entsprechenden amerikanischen Bahn. Der eiserne Viaduct und der Tunnel beim Schnurtobel, die schwierigste Partie der Bahn, deren ganze Länge bis Rigi⸗ Staffel auf ungefähr zwei deutsche Meilen veran⸗ schlagt ist, sind der Vollendung nahe. Doch wird die Bahn einstweilen nur bis zum Plateau von Rigi⸗Kaltbad(südwestlich von Kulm, südlich von Rigi⸗Staffel und westlich von Rigi ⸗Scheideck) geführt werden. Wie bei der erwähnten ameri⸗ kanischen Bahn kommt auch bei der Rigibahn in die Mitte des Geleises eine gezahnte Stange zu liegen, in welche ein in der Mitte der Längenachse angebrachtes Zahnrad eingreift. Die Locomotive, welche zur Erleichterung der Last zugleich den Tender in sich befassen wird, soll dem Zug nicht vorgespannt werden, sondern wird denselben schie— ben. Bei der Bergfahrt sitzen die Reisenden rück⸗— wärts, mit dem Gesicht gegen Süden gewendet, um der Aussicht willen. Auch wird man sowohl aus schuldiger Vorsicht als aus Rücksicht auf den Genuß der wechselnden Naturseenerie nur langsam fahren. Zudem sind alle möglichen Vorkehrungen zu raschem Bremsen getroffen. In der illustrirten „Allgemeinen Familienzeitung“(Stuttgart, Schön⸗ lein, 1870, Heft 3), findet man bereits eine Ab- bildung des Viaduets über den Schnurtobel, mit erläuterndem Text von Mylius.
Die Rigibahn wird, wie oben gesagt, zunächst nur bis zum Rigi⸗Kaltbade führen. Schon bis— her schlug man in günstigen Sommern, auf Grund statistischer Ermittelungen, die Zahl der Rigibe— sucher jährlich auf ungfähr 50,000 an, eine Zahl, die bereits(bei mäßigem Fahrpreise) die Renta⸗ bilität der Bahn verbürgt. Nach den an der Roßtrappe im Harz seit Eröffnung der Bahn von Halberstadt nach Thale gemachten Erfahrungen, glaubt man jedoch mit ziemlicher Gewißheit an— nehmen zu dürfen, daß die Zahl der Rigibesucher
infolge der dargebotenen Erleichterungen sich bald
verdoppeln wird, einge Hoffnung, die auf keinen Fall zu sanguinisch genannt werden kann.


