Ausgabe 
23.6.1870
 
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Hessen. Darmstadt. Hauptmann Scherf vom Generalstabe der großherzoglich hessischen (25.) Division ist zur Dienstleistung beim General- Commando 3. Armee-Corps commandirt worden.

Friedberg. Am 20. Juni traf Seine Königliche Hoheit der Großherzog wieder zu län⸗ gerem Aufenthalte hier ein.

Aus Hessen schreibt man derFr. Ztg.: Seit 1866 nimmt, wie die amtlichen Veröffent- lichungen beweisen, die Zahl der Concourse in starken Proportionen zu, während in dem Jahre vom 1. Juli 1865 bis 31. Juni 1866 die Zahl der Concourse in den beiden rechtsrheinischen Provinzen des Großherzogthums blos 321 betrug, stieg sie 1866/7 auf 338, 1867/8 auf 412, 1868/9 auf 436, also eine Zunahme um mehr als 33 Prozent seit 4 Jahren. Hierbei sind die ungleich höher bezifferten s. g. Debitwesen(güt⸗ liche Arrangements vor Eröffnung des formellen Concurses) nicht mitgerechnet. Die Provinz Rheinhessen hält gleichen Schritt. Im letzten Jahr vor Ausbruch des Bruderkrieges betrug die Zahl der Fallimente 22, die Zahl der Rang- ordnungsverfahren 30; jetzt sind die entsprechenden Zahlen 45 und 40.

Preußen. Berlin. Die Münzenauete ist theils mit Rücksicht auf die anstrengenden Arbeiten der Bundesrathsmitglieder in den letzten Wochen, theils mit Röcksicht auf die demnächst erst zu Ende geführte Pariser Enquete über die Ausmünzung von 25 Frankenstücken und Beseitigung der Doppelwährung, bis zum September verschoben worden. In der Zwischenzeit wird mit den süd⸗ deutschen Regierungen wegen Mitbetheiligung an der Münzenquete verhandelt werden.

Der zwischen der Bundespost- und der Postverwaltung der Vereinigten Staaten von Amerika am 7. bis 23. April d. J. geschlossene Zusatzvertrag tritt am 1. k. M. in Kraft. Die Portosätze für Drucksachen und Waarenproben bleiben unverändert. Bei der Beförderung über Köln(via Belgien und England) kostet der ein- fache Brief(1 Loth einschließlich) frankirt 4 Sgr. oder 14 Kreuzer; unfrankirt das Doppelte. Bei der Beförderung über Bremen und Hamburg wird im Frankirungsfalle 3 Sgr. oder 10 Kreuzer, im Nichtfrankirungsfalle das Doppelte bezahlt. Un⸗ zureichend frankirte Drucksachen und Waarenproben sind nicht abzusenden, sondern als unbestellbar zu behandeln.

Die von den Berliner Blättern in üblicher Weise veröffentlichte rhetorische Statistik der letzten Reichstagssession weist diesmal folgende Resultate auf. Es haben in den 54 Sitzungen 182 Redner 2310 Mal das Wort ergriffen, und zwar vom Bundestische aus 26 Redner 379 Mal und 156 Abgeordnete 1931 Mal. Am häufigsten hat Lasker, und zwar 190 Mal, gesprochen; ihm folgen: Frhr. v. Hoverbeck 100, v. Hennig 95, Delbrück 77, Dr. Leonhardt 86, Miquel 73, Dr. Meyer ⸗Thorn 63, v. Luck 60, Grumbrecht 57, Graf Schwerin 53, Dr. Friedenthal 46, Fries und Dr. Friedberg 42, Dr. Schwarze 38, Dr. Prosch 37, Dr. Bähr und Dr. Wehrenpfennig je 35, v. Blanckenburg 34, v. Kardorff 32, Dr. Dambach 31 Mal 20. Der Bundeskanzler hat 30 Mal gesprochen, 141 Abgeordnete schwiegen gänzlich.

DieLiberale Correspondenz, das Organ der Fortschrittspartei schreibt: Bei der hervor⸗ ragenden Bedeutung, welche die Militärfrage bei den bevorstehenden Wahlen haben wird, ist es von Interesse, einmal die Ersparniß zu berechnen, welche dem Lande aus der Herabsetzung der Dienstzeit von drei auf zwei Jahre erwachsen würde. Es würde dadurch der Präsenzstand von 300,000 auf 200,000 Mann herabgesetzt werden, der Militäretat erführe also eine Verminderung

von 22,500,000 Thlrn. oder wenn wir rechnen, daß die Generalkosten für Uebungen, Offiziere, Bauten und dergleichen dieselben blieben, doch mindestene von 15 Mill. Thlin, Um so viel könnte also unsere Steuerlast unbedingt erleichtert werden. Dazu käme aber noch, daß hundert

wodurch also eine andere Vertheilung und efune Verminderung der Last des Einzelnen eintreten würde. Wichtiger aber noch als Beides würde die weitere Folge sein, daß die Vermehrung des Nationalreichthums dadurch schneller vor sich gehen würde, daß hunderttausend Arbeiter im kräftigsten Alter dann jährlich mehr Arbeiten leisten, damit mehr Produkte erzielen, also auch mehr Werthe schaffen würden.

Kassel. Hier geht das stark geglaubte Ge rücht, daß die Synodal⸗Angelegenheit, wahrschein⸗ lich auf Veranlassung des Grafen Bismarck, wie man hinzufügt, ad acta gelegt worden.

Der König von Preußen ist am 20. d. Morgens 7 Uhr hier angekommen und nahm hier auf die Industrie-Ausstellung in Augenschein, worauf er Mittags seine Reise nach Ems fortsetzte.

Baden. Karlsruhe. Der Großherzog begab sich am Vormittag des 20. d. nach Bruchsal, um den Kaiser von Rußland auf seiner Durchreise nach Stuttgart zu begrüßen, der gegen Mittag in Bruchsal eintraf. Im Laufe dieser Woche wird der preußische Generallieutenant v. Hartmann hier eintreffen, welcher auf Wunsch des Groß⸗ herzogs und mit Genehmigung des Königs von Preußen die großherzogl. Cavaleriebrigade einer Specialmusterung unterziehen wird.

Schweiz. Im Canton Neuenburg ist der

große Rath auf nächsten Montag einberufen, um über die Trennung der Kirche vom Staat einen definitiven Beschluß zu fassen. Fällt er, was allerdings noch nicht gesichert ist, zu Gunsten der Trennung aus, so wird vermuthlich nur eine Commisston eingesetzt werden, um über die Ein⸗ zelnheiten der Ausführung Vorschläge zu hinter bringen. Frankreich. Paris. Aus unterrichteten Kreisen verlautet, der Minister des Aeußeren, Herzog v. Gramont, werde bei der Beantwortung der Interpellation Mony's über die Gotthardt⸗ bahn die Erklärung abgeben, daß Frankreich sich keineswegs in Angelegenheiten von industriellem Charakter einzumischen beabsichtige; die Schweiz habe wiederholt verßchert, daß sie ihrer Neutra⸗ lität Achtung verschaffen werde. Der Minister werde ferner diplomatische Aktenstücke vorlesen, welche mit seinen Atußerungen übereinstimmen würden, und mit der ganz formellen Erklärung schließen, daß der europäische Friede niemals mehr gesichert gewesen sei als jetzt.

In der Sitzung des gesetzgebenden Körpers vom 20. d. kam die Gotthardtsbahn zur Sprache. Der Herzog v. Gramont sieht in derselben nur Handelsinteressen. Das Protokoll meint er schütze die Neutralität der Schweiz und Frankreich wache darüber. Der Minister der öffentlichen Arbeiten Plichon ist gegen die Unterstützung des Projekts einer Simplonbahn; für den Süden Frankreichs sei die Bahn durch den Mont-Cenis, für den Osten die Gotthardtsbahn ausreichend. Der Kriegsminister Leboeuf sagt, die Gotthardts⸗ bahn störe das militärische Gleichgewicht, sei aber ungefährlich. Hierauf erfolgte der Schluß der Debatte, bei der Thiers sich schweigend verhielt.

Italien. Aus Florenz schreibt man: Am 4. d. M. explodirte eine große Schwefelmine bei Lercara in Sieilien. Ein Einziger von drei hundert Verschütteten konnte gerettet werden, und dieser erzählt, daß die Anderen, als ihnen der Ausweg vor Augen verschüttet wurde, sich in die inneren Gänge flüchteten, wo nach und nach un⸗ geheuere Blöcke sich von der Decke ablösten und sie erdrückten. Man versuchte alles Mögliche, um noch einige dieser Unglücklichen zu retten, aber die Retlungsarbeit wurde bald so gefährlich, daß die dabei Beschäftigten auch umgekommen wären, wenn man die Arbeiten nicht bald eingestellt hätte. Der eingefallene Schacht heißt Sociale, und die umher liegende Gegend ist eine der ärmsten Sieiliens.

Amerika. Washington, 16. Juni. Seit zwei Tagen wird das Repräsentantenhaus durch eine aufgeregte Debatte über Cuba in An- spruch genommen. Die republikanische Partei ist gespalten; ein Theil unterstützt, von General

tausend Steuerzahler mehr im Lande wären, welche an den direkten Steuern Theil nehmen müßten,

Butler geleitet, die zurückhaltende Politik des Präsidenten, während ein anderer Theil unter der

Leitung von Banks und Logan für Anerkennung der Cubaner als kriegführende Macht spricht. Mit 103 gegen 86 Stimmen gelangte im Repräsen⸗ tantenhaus eine Resolution zur Annahme, welche den Präsidenten ermächtigt, gegen die barbarische Art und Weise zu remonstriren, in welcher der Krieg auf Cuba geführt ist, und, falls er dies für wünschenswerth hält, andere Regierungen zu Maßregeln aufzufordern, welche er etwa für nöthig hält, um von beiden Seiten eine Beobachtung der von den civilisirten Nationen anerkannten Kriegs-

gesetze zu sichern.

Darmstadt. Kürzlich starb ein Offizier, Hauptmann Pfaff, an den Blattern. Dieser Todesfall hat in allen Kreisen der Bevölkerung großen Schrecken verursacht, und es sind seildem die übertriebensten Gerüchte über die Ver⸗ breiung der Krankheit in Umlauf. Es erschiene sehr an⸗ gemessen, wenn man sich dazu entschließen würde, über die jeweilige Ausdehnung der Epidemie Bulletins zu ver⸗ öffentlichen.

Worms. Zu dem am 19. Juni begonnenen 3. mitlelcheinischen Bundesschießen hakten sich über 700 Schützen angemeldet. Um 11½ Uhr begann der Festzug durch die festlich geschmückten Straßen unter den Klängen der von drei Musikcorps executirten Musik nach dem decorirten Fesiplatze. Es nahmen 700 Personen an dem Bankette Theil, während die nach Tausenden zählende Volksmenge auf dem faßt 15 Morgen großen und durch Schaubuden und Künstler aller Art reichliche Unierballung bietenden Festplatze sich ergötzte. Der reichgeschmückte Gabentempel repräsentirt einen Werth von über 8000 fl. Um 3 Uhr begann das Schießen und bis spät des Abends währte der Festjubel.

Mannheim. Auf der am 7. d. hier abgehaltenen Versammlung des Vereins mittelrheinischer Aerzte erregte Hofrath Simon von Hiidelberg hohes Jutetesse durch Vorstellung einer Frau, deren Operations- und Kranken⸗ geschichte er in kurzem, klarem Vortrag ausführte. Bei der Patientin hatte er vor 10 Monaten die linke Niere wegen einer unheilbaren Harnleiterfistel operativ entfernt, und zwar mit so glücklichem Erfolge, daß die Frau schon nach sechs Wochen geheilt das Bett verlassen konnte. Sie sieht jetzt gesund und wohlgenährt aus, und es ist nicht der geringste Nachtheil des Mangels einer Niere zu beobachten. Diese kühne Operation, die in diesem Falle zum erstenmal am Menschen ausgeführt worden ist, hat nach den Erläuterungen bes berühmten Operateurs vor aussichtlich eine sehr große Tragweite für die künftige Be⸗ handlung einer Reihe von schweren, bisher für unheilbar gehaltenen Erkrankungen der Nieren, und wird sicher nicht verfehlen, in den wei testen medicinischen Kreisen das größte Aufsehen zu erregen.

Leonberg. Am 19. d. ist das Standbild Kepler's vom Bahnhof in Weil der Stadt in die Stadt gebracht und Nachmittags aufgestellt worden. Es ist eine gelungene Arbeit. Obgleich die Beiträge zu Kepler's Denkmal reichlich geflossen sind und mehr als 20,000 fl. betragen, so wird doch Weil der Stadt noch große Opfer seinem großen Sohne bringen müssen.

DieDarmst. Ztg. bringt folgenden Auf ren f!

Ein erschütterndes Unglück ist in Konstantinopel über die Vorstadt Pera hereingebrochen! Eine Feuersbrunst hat in 12 Stunden nahezu 3500 Häuser in 65 Straßen in Asche gelegt; über 1200 Menschen fanden in den Flammen ihren Tod; 15,000 Familien sind nahrungs- und ob⸗ dachlos geworden, darunter allein über 100 deutsche Familien; das deutsche Hospital wurde ein Raub des verhee⸗ renden Elements!!

Um das durch diese Katastrophe herbeigeführte

namenlose Elend einigermaßen zu mildern, reicht die bloß lokale Wohlthätigkeit nicht aus; Nach⸗ richten aus Konstantinopel besagen, daß auf rege Theilnahme auch in Deutschland gerechnet werde!

Die Unterzeichneten wenden sich daher an den oftbewährten Wohlthätigkeitssinn ihrer Mitbürger mit dem Bemerken, daß sie sowohl, als die Expe⸗ dition dieser Zeitung bereit sind, Geldbeiträge in Empfang zu nehmen und ihrer Bestimmung zu⸗ zuführen.

Zugleich ergeht an die übrigen Städte und Orte unseres Landes die dringende Aufforderung, zu demselben Zwecke Sammlungen zu veranstalten! Die Redactionen anderer Blätter werden um Aufnahme dieses Aufrufs gebeten!!

Darmstadt, am 20. Juni 1870.

(Folgen die Unterschriften.)

Bei der Expedition dieses Blattes, welche sich zur Entgegennahme von Beiträgen gerne bereit erklärt, ist bereits eingegangen: Von Hrn. St. 1 fl. Um Zusendung weiterer Gaben wird gebeten.

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