Ausgabe 
17.4.1869
 
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von Bretzenheim wegen des Verbrechens des an seiner Frau verübten Giftmordes verhandelt. Die Verhandlung bietet voraussichtlich in psychologischer Beziehung interessante Momente dar und gibt Material zu einer Vergleichung mit dem Prozeß gegen Jacobi und Chorinsky. Die Vertheidigung ist, wie wir hören, in den Händen des Herrn Dr. Lambinet, der sich schon bei verschiedenen Gelegenheiten als bedeutender Redner ausgezeichnet haben soll Ob er diesmal seiner Aufgabe ge- wachsen sein wird, darauf werden wir spaͤter zurückkommen. Wir unterlassen nicht daran zu erinnern, daß dieser junge Gelehrte namentlich auf dem Juristentag zu Wien durch einen Toast die allgemeine Aufmerksamkeit erregt hat.

Im

Preußen. Berlin, 13. April. Reichstag gelangte heute der Bundeshaushaltsetat für 1870 zur ersten Berathung. Präsident Del⸗ brück theilt mit, daß drei Entwürfe zur Erhöhung der eigenen Einnahmen des Bundes dem Bundes rathe vorliegen, nämlich in Betreff der Brannt weinsteuer, der Aufhebung der Portofreiheit und der Einführung des Wechselstempels. Die beiden ersten Vorlagen werden dem Reichstage in dieser Woche zugehen, das Wechselstempelgesetz jedoch noch nicht. Was die Zehn⸗Millionen-Anleihe betreffe, so glaube er nicht, daß die Bundes- Regierungen Willens seien, die Matrikularbeiträge um diese Summe zu erhöhen. Die Ueberweisung des Etats an die Commission wird abgelehnt.

DieProv.⸗Corresp. begrüßt die Rede Lavalette's als ein Ereigniß, welches segensreichen Einfluß auf die Stimmung in Europa ausüben werde. Diese Aeußerungen des Ministers, kurz vor den Neuwahlen, seien zugleich eine neue Be währung der selbstbewußten inneren Kraft der kaiserlichen Regierung und da sie ersichtlich dem Geiste des französischen Volks entsprechen, eine wirkliche Friedensbürgschaft.

Die Auswandernng ist fortwährend außer ordentlich stark. Vorige Woche gingen 2000, vor einigen Tagen 1000 Personen hier durch nach Hamburg und Bremen. Weitere Zuzüge sind bis ia den Spätsommer angesagt.

Siegen. Die Stadt Siegen hat ein großes Brandunglück betroffen. Der Klubb, ein Complex von 26 Häusern, im Mittelpunkt der Stadt, in einer Doppelreihe mit der Rückseite aneinander gebaut, der älteste Stadttheil, ist ein Raub der Flammen geworden und nur noch ein Schutthaufen. Das Feuer, dessen Entstehen bis jetzt noch un bekannt ist, griff mit einer solchen rapiden Schnelligkeit um sich, daß in kaum einer halben Stunde die 26 Häuser sämmtlich brannten.

Marburg. Sanitätsrath Dr Horstmann, seit langen Jahren an unserer Universität als Privatdocent thätig und namentlich das Fach der gerichtlichen Medicin in ausgezeichneter Weise ver⸗ tretend, ist zum Professor ernannt worden.

Bayern. München. Die Nachricht des Wiener Fremdenblattes, daß Preußen verlange, daß die süddeutschen Staaten ihm auch im Frie⸗ den den Oberbefehl über die Truppen übertragen sollen, ist, wie aus bester Quelle versichert wird, gänzlich unbegründet.

Baden. Mannheim. Nach einer Corre- spondenz desSchw. M. aus Chicago will Friedrich Hecker demnächst Deutschland besuchen.

Oesterreich. Wien. DiePresse meldet, daß der Kaiser durch den demnächst nach Florenz zurückkehrenden österreichischen Gesandten Baron v. Kübek dem Könige von Italien das Großkreuz des Stesans⸗Ordens und dem Kronprinzen Hum⸗ bert das goldene Vließ übersendet. Letzteres besitzt Victor Emanuel bereits.

Die polnische Fraktion des Abgeordneten hauses hat, wie verlautet, in einer stürmischen Clubsitzung beschlossen, daß sämmtliche polnische Abgeordnete, wenn die Hauptpunkte der Resolution des galizischen Landtags auch von dem Plenum des Abgeordnetenhauses verworfen werden, an den ferneren Berathungen nicht mehr theilnehmen und in die Heimath zürückkehren sollen.

Schweiz. Beyn. Das eidgenössische Militär- Departement hat den Bericht über seine Geschäfts⸗ führung im Jahre 1866 veröffentlicht. Laut

demselben betrug die schweizerische Armee am 31. Dezember v. J. im Ganzen 200,020 Mann, von denen 35,138 Mann auf den Auszug, 50,559 auf die Reserve und 64,323 auf die Landwehr kommen. Nach den Waffengattungen vertheilen sie sich, wie folgt: 2044 Genie, 868 Pontonniere, 451 Guiden, 4070 Dragoner, 14,116 Scharf schützen und 160,336 Mann Infanterie. Mit Inbegriff von 15,000 Peabodygewehren waren ultimo Dezember im Ganzen 126,993 Stück vor⸗ räthig. Die ordentlichen Ausgaben endlich betrugen im Jahre 1868 2,300,000 Fr., die außerordent⸗ lichen 140,000 Fr.

Der Bau der St. Gotthards-Bahn ist also definitiv beschlossen, und zwar will man die tiefe Linie mit einem Tunnel einer Uebergangs linie vorziehen. Dieser lange Tunnel würde, zwischen Göschenen und Aiolo, eine Länge von 14,300 Meter haben und in 8 Jahren vollendet werden können. Man rechnet bei der tiefen Linie auf größere Sicherheit, Regelmäßigkeit und Be quemlichkeit des Betriebs und auch um viermal geringere Betriebskosten, als bei der oberen Linie.

Frankreich. Paris. Im gesetzgebenden Körper erklärte der Kricgsminister Marschall Niel bei Vertheidigung der Nützlichkeit der großen Militär-Commando's, in achttägiger Frist 600,000 Mann auf den Kriegsfuß stellen zu können, constatirt aber die Beurlaubung von 28,000 Mann des Contingents und von 11,000 Freiwilligen in die Heimath.

DerConstitutionnel veröffentlicht einen Brief Persigny's, datirt den 13. April, worin derselbe die Gerüchte über angebliche ministerielle Combinationen welche Persigny anriethe oder an welchen er Theil habe, dementirt. Der gesetz gebende Körper verwarf ein Amendement, welches Beseitigung der kaiserlichen Garde und Herab setzung des Efsectivstandes der Armee verlangte. Die spanische Regierung hat mit den Häusern Gebr. Sulzbach in Frankfurt a. M. und Oppenheim, Alberti und Comp. dahier, im Vereine mit der Banque de Paris, der Société générale, Mallet und der von Stern repräsentirten Gruppe eine Anleibe von 250 Millionen effektiven Franken in 3 proc. Exterieurs abgeschlossen.

Ein Beleg für die Verschwendung von Staatsgeldern in Frankreich möge in folgenden übertrieben hohen Gehalten gefunden werden. Es erhalten: der Herzog von Magenta etwa 140,000 fl. jährlichen Gehalt und daneben noch Dienstwohnung, Pferderationen und soastige Neben-Einnahmen; der Marschall Vaillant 110,000 fl.; Marschall Niel etwa 90,000 fl. u. s. w. u. s. w. ä Belgien Brüssel. Hiesige Blätter zeigen eine bedeutende Verschlimmerung in dem Zustande der Ex-Kaiserin von Mexico an. Man muß sie streng bewachen und das Schloßgitter in Laeken schließen, da sie erst unlängst einen Fluchtversuch gemacht hat.

Großbritannien. London. Das be⸗ kannte rad icale deutsche BlattHermann, welches seiner Zeit Prof. Kinkel dahier gründete, ist aus Mangel an Mitteln in andere Hände über⸗ gegangen und wird von jetzt an diese Zeitung für Preußen und den Nordbund eintreten.

Spanien. Von allen Provinzen Spaniens ist es Andalusien, und unter allen andalusischen Städten wieder Sevilla, wo der Versuch dem Grundsatze der Glaubensfreiheit und freier Re ligionsübung Geltung zu verschassen bis jetzt den meisten praktischen Erfolg gehabt hat. Zur Abend⸗ andacht am Charfreitag waren in der evangelischen Kapelle nicht weniger als 500 Personen versam melt, und 180 empfingen das Abendmahl. Am Ostersonntag war der kleine Saal überfüllt, so daß man, wie in Madrid, sich bald nach einem größeren Raum wird umsehen müssen. In Se villa und Cordova, sowie in anderen Theilen Andalusiens, geht diese religibse Bewegung schon deßhalb rascher als im übrigen Spanien, weil der Boden schon seit länger vorbereitet war.

In Ex wiederung auf eine Anfrage erklärt

Serrano, amtliche Kenntniß von einer Depesche zu haben, nach welcher die Lage auf Cuba sich verschlimmert habe. In einer Versammlung

von Progressisten erklärte Prim Maßen, daß er niemals einer bourbonischen oder tarlistischen Restauration dienen werde, und for⸗ derte die Anhänger der September Revolution

zum festen Zusammenhalten auf, damit die Freiheit

keinen Schaden leide.

Portugal. Lissabo n. Sämmtliche Blätter tadeln energisch die Abfassung des Tele gramms der portugiesischen Regierung bezüglich dee Weigerung Dom Fernando's.

Italien. Florenz. DieItalia militare veröffentlicht den Entwurf einer neuen Armeeorga⸗ nisation. Die Armte soll danach künftig einge:

theilt werden in die Activ⸗Armee und die Reserve.

Gesammtmacht 620,000, wovon 400,000 Mann die Activ⸗Armee bilden. Die Bildung der Reserve soll provinzweise geschehen.

Rußland. Nach einem Circularschreiben der geheimen Polizei in Warschau an sämmtliche Polizei- und Zollbehörden an der österreichischen und preußischen Grenze soll es wiederholt vor gekommen sein, daß im Ausland erschienenen, in Rußland aber wegen hochverrätherischer oder revelutionärer Tendenz verbotenen Büchern Titel blätter und einige Anfangsseiten erlaubter Schriften vorgedruckt waren, wodurch die Bücherrevisoren getäuscht und die verbotenen Drucksachen ohne weitere Beanstandung nach dem Innern Rußlands und Polens spedirt wurden. Das Rundschreiben empfiehlt daher den Grenzbehörden die schärfste Ueberwachung dei Einfuhr von Büchern.

5 Friedberg. Die Vorbereitungen zu der nahe bei Darmstadt unter dem Protectorat der Frau Prinzessin Ludwig zu gründenden Blödsinnigen⸗Anstalt sind jetzt so weit gediehen, daß dieselbe voraussichtlich im August d. J. eröffnet werden wird. Zum Lehrer und Vorsteher dieser Anstalt ist, nachdem Hr. Taubstummen⸗Lehrer Billasch dahier ein ihm gemachtes vöchst ehrenvolles Anerbieten Familienverhältnisse wegen abgelehnt hat, Hr. Lehrer Roth von Ober⸗Seemen, ein in jeder Beziehung tüchtiger Schumann von dem Vorstande des Vereins für Gründun einer Idioten-Anstalt ernannt worden. Derselbe wird si zum Zwecke der genaueren Bekanntmachung mit der Er⸗ ziehungsweise der Blödsinnigen demnächst zu einem länge⸗ ren Aufenthalte in die Blödsinnigen Anstalt zu Langen⸗ hagen bei Hannover begeben. Wenn man bedenkt, daß einige Hundert Blödsinnige in unserm Lande und zwar saft alle in den ärmlichsten Verhältnissen sich beftuden, so wird man gewiß die baldige Eröffnung der genannten Anstalt mit Freuden begrüßen, und wied jeder nach Ver mögen dazu beitragen, daß die Aust ill, welche ausschließ⸗ lich durch milde Beiträge unterhalten werden soll, in den Besitz der Mitiel kommt, welche erforderlich sind, um schon von vornherein einer großen Anzahl, später aber allen diesen Unglücklichen Hülfe angedeihen lassen zu können. Es wird darum gebeten, den Collecteur der An⸗ stalt, welcher sich gegenwärtig in unserer Stadt befindet, von wo er sich in alle Orte unserer Provinz begeben wird, nicht leer aus dem Hause ziehen zu lassen. Auch die kleinste Gabe wird mit Dank angenommen.

* Friedberg. In der Nacht vom 15. 16. d. wurde in einem Bosquek des hiesigen Bahnhofes ein eiwa 810 Tage altes Kind aufgefunden. Dasselbe war in ein weißes Kopftissen gehüllt. Man hat den kleinen Passagier, wie verlautet, vorläufig in dem hiesigen städtischen Krankenhaus untergebracht.

Friedberg. Am Donnerstag⸗Abend hald 9 Uhr beobachtete man hier und in Nauheim in nordwestlicher Rich⸗ tung eine sehr lebhaft rothe Färbung des Himmels, welche längere Zeit sichtbar war; höchst wahrscheinlich ein Nordlicht.

E. Nauheim. Die Badesaison hat hier bereiis be⸗

gonnen, wenn vorläufig auch nur von unserer Jugend srequentirt. Bei einem Spaziergange nach Friedberg am Nachmittage des 14. d. sahen wir nämlich einen Trupp Knaben in den jedenfalls noch etwas kühlen, bescheidenen Wellen der Usa zwischen hier und Friedberg herumplätschern. Die früben Badegäste schienen Schulknaben zu sein. Man darf wohl annehmen, daß die Bäder ohne elterliche Er⸗ laubniß genommen werden, was oen Einsender zu dieser öffentlichen Mittheilung an die betreffenden Eltern veranlaßt.

Frankfurt. Der zweite Pferdemarkttag fiel erheb⸗ lich desser als der erste aus. Tüchtige Lücken wurden in den Pferdebestand der Händler geschlagen. Auch unter den auf den öffentlichen Plätzen aufgestellien Arbeits- pferden mittleren und leichteren Schlags wurde aufgeräumt; namentlich hatten sich viel Landleuke zur Deckung ihres Bedarfs daselbst eingesunden.

Frankfurt. Nach den statistischen Ausweisen der norddeutschen Postverwaltung war der Briefverkehr im vorigen Jahre von allen Orten des norddeutschen Post⸗ bezirks in Frankfurt iaativ am stärksten, denn auf jeden Einwohner kamen durchschnitllich 54 Briefe.

Mainz. In der heutigen Assisen⸗ Sitzung wurde gegen Ernst Blum, 20 Jahre alt, früher Spenglerlehrling, jetzt ohne Gewerbe zu Mosbach in Baden wohnhaft er⸗ kannt. Derselbe war angeklagt, zu Bingen in dem Hotel zur Belle vue, wo er unter dem Namen eines Baron von Katz einlogirt war, zum Nachtheil eines neisenden Engländers zwei Koffer erbrochen und daraus verschtedene

wiederholter

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