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Gießen, Mittwoch, den 24.

1897.

*

Poftztg. Nr. 3239 a. Telephou⸗Nr. 112.

Ausgabe Gießen.

Postztg. Nr. 3239. Telephon⸗Nr. 112.

Redaktion:* Kreuzplatz Nr. 4. 2

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.

Lokales und Provinzielles. * Gießen, 23. Febr. Zu der am 8. März beginnenden Schwurgerichtsperiode sind bereits drei Termine angesetzt. Dieselben be treffen: 1. Straßenraub, 2. Münz ver⸗ brechen, 3. Meineid.

* Gießen, 23. Febr. Die Vorstände des Kuratorfums der Rennbahn Gießen 1897 und derWanderer G. R.⸗G. erlassen ace an die Sportskameraden ein

undschreiben, wonach der neue Sport platz an der Hardt am 30. Mai d. J. mit einem großen Rennen eröffnet werden soll. 5 wird der Hoffnung Ausdruck perliehen, daß die Vereine der Nachbar⸗Gaue, sowie die sämtlichen Kameraden des Gaues 9 des D. R.⸗B., besonders die des Nordbezirks, an dieser ersten Veranstaltung sich beteiligen werden. Das Programm wird noch später bekannt gegeben.

* Gießen, 23. Febr. Zu den Wohlfahrts⸗ einrichtungen, die der hessische Pfarrverein für seine Mitglieder in erster Linie der Verwirk⸗ lichung entgegengeführt hat, gehört die Sterbe kasse, welche neben dem Lebensversicherungs verband eine sehr zweckdienliche und nicht zu unterschätzende Einrichtung ist, die den Mit⸗ liedern sowohl wie auch den außerhalb des Pfarrvereins stehenden Geistlichen den Eintritt in dieselbe unter den vorteilhaftesten Bedingungen ermöglicht. Der Vorstand ist zusammengesetzt aus den Herren: Nebel⸗Laubach als Vorsitzender, Rötchen⸗Freienseen als Schriftführer und Wagner⸗ Ettingshausen als Rechner. Den Aufsichtsrat sollen Mitglieder aus der Provinz Rheinhessen und Starkenburg bilden. Infolge dieser Grün⸗ dung haben sich unter einzelnen Mitgliedern des Pfarrvereins Meinungsdifferenzen bemerkbar ge⸗ macht, die schon Austritte zur Folge hatten.

* Gießen, 23. Februar. Heute Vormittag fand auf dem Amtsgericht hierselbst eine Aus⸗ einandersetzung der Witwe Löber mit den anderen Erbberechtigten der Hofraithe Neustadt Nr. 10 statt. Das Resultat war, daß die Witwe Löber allein das Verfüguagsrecht über die Liegenschaften hat, welche aus der etwa vier Morgen großen Hofraithe und etwa hundert Morgen Acker⸗ und Wiesenland bestehen. Wir hören, daß in aller Kürze das ganze Besitztum verkauft werden wird, wodurch die Möglichkeit erwächst, daß durch rationelle Bebauung des Geländes zwischen der Neustadt und dem Stadt⸗ bach(Bachgasse) endlich an dieser Stelle der Altstadt Luft, Licht und zeitgemäße Verhältnisse geschaffen werden.

* Gießen, 23. Februar. Wie aus dem Inseratenteil ersichtlich, findet das Konzert der Dragoner⸗Kapelle aus Hofgeismar in Verbindung mit dem Auftreten des Mimikers Roéevska⸗Rogge am nächsten Freitag,

Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile

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8 Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.

Ueber die Leistungen sowohl der Kapelle als des Mimikers äußert sich der in Letmathe er scheinendeMärkische Volksbote wie folgt: Wohl keine der bisher hier aufgetre tenen Militärkapellen hat ein solch dankbares Publikum gefunden als die Kapelle der Hofgeis⸗ marer Dragoner, welche vorgestern Abend hier⸗ selbst ein größeres Konzert veranstaltete. Keine hat aber auch durch ihr fleißiges und exaktes Spiel so die Gunst des Publikums sich verdient als diese. Helle Begeisterung rief sogleich die erste der 12 Nummern des Programms hervor, der vom Herrn Kapellmeister Foitzik(mit Be nutzung von Heroldstrompeten) komponierte Kommandeur-Marsch; derselbe mußte auf Wunsch noch zweimal wiederholt werden. Eine weitere Glanznummer bildeten die in den ver schiedensten Nüancierungen zum Vortrag ge⸗ brachtenNebelbilder und allseitiges Erstaunen rief das geradezu kunstfertige Xylophon⸗Solo hervor. Auch die Violin⸗Solos fanden rauschen den Beifall. Eine schöne Abwechselung boten die zwischen dem 2. und 3. Teile eingelegten Darstellungen des Mimikers Herrn Gotthard Roévska⸗Rogge. Derselbe wußte die Dar⸗ stellungen berühmter Männer aus Vergangenheit und Gegenwart z. B. der alte Fritz, Napoleon III., Liszt, Windthorst, Bismarck, Kaiser Wilhelm J., Kaiser Friedrich u. a. mit einer täuschend en Aehnlichkeit wiederzugeben. Auch dieser Künstler erntete reichsten Beifall.

* Gießen, 23. Februar.(Besitzwechsel.) Das dem Herrn Schreinermeister Kinkel gehörige Haus, Rittergasse 19 belegen, ging heute für den Preis von 22 000 Mark in den Besitz des Herrn Hoflohnkutscher Karl Huhn über.

* Gießen, 22. Febr. Die s. Zt. viel be⸗ sprochene Ehescheidungs-Affaire des Lieu⸗ tenants v. Autenried ist nun gerichtsseitig am Freitag voriger Woche durch Urteil erledigt. Die von Autenriedsche Ehe wurde ge⸗ schieden und der Ehemann für den schul digen Teil erklärt.

* Gießen, 23. Febr. Der 28 Jahre alte Bahnarbeiter Reuschling von Klein-Linden wurde heute Vormittag von der Strafkammer wegen Sittlichkeitsverbrechens aus 8 178, Abs. 3 des R.⸗St.⸗G., begangen an seiner 74 Jahre alten Schwiegermutter zur höchsten zulässigen Strafe, nämlich 2 Jahre Gefängnis verurteilt.

X. Leihgestern, 23. Febr. Einem lange gefühlten Bedürfnis hat endlich unsere Kreis⸗ behörde Rechnung getragen. Die projektierte Kreisstraße, welche kuͤnftig in gerader Linie vom Bahnhof Großen⸗Linden durch Leihgestern nach Steinberg führt, ist in Angriff genommen. Es ist nur zu hoffen, daß unsere Straßenbaubehörde mit Beginn des Frühjahrs die Ueberbrückung des Baches vornimmt und auch damit eine

Grünberg, 22. Februar. Die von den Interessentenkreisen gemachte Eingabe an das großh. Kreisamt, die Maß- und Gewichts revision am hiesigen Orte abzuhalten, hat, Dank den eifrigen Bemühungen unserer städti⸗ schen Behörde, insofern einen erfreulichen Erfolg aufzuweisen, als jetzt nur noch kleinere Gewichte und Maße auf dem Gießener Aichamte einer Revision unterworfen sind, dahingegen Wagen und eiserne Gewichte auf Kosten der Steuer⸗ zahler am Orte geaicht werden. Daß für die Diäten und die Transportkosten der Atchwerkzeuge auch noch der ohnedies schon schwer mit Steuern belastete kleine Geschäftsmann aufkommen muß, ist ein wunder Punkt der heutigen Wirtschafts⸗ ordnung.

K. Grünberg, 22. Februar. Daß die Gießener Zeitung mit ihrem kürzlich von hier gebrachten Berichte über dasfürchterliche Erdbeben noch leichtgläubige Leser ge funden hat, geht wohl aus der Thatsache hervor, daß ein Bauersmann von einer entfernteren Ortschaft einer gerichtlichen Vorladung desErd bebens wegen nicht Folge leisten wollte und in einem Schreiben an das hiesige Amtsgericht unter Bezugnahme auf dieschreckliche Begeben⸗ heit sein Nichterscheinen motivierte.

B. Grünberg, 22. Februar. Der hiesige Musikverein, von dessen Leistungen wir schon öfters in anerkennenswerter Weise berichten konnten, begeht in diesem Jahre die Feier seines 55jährigen Bestehens. Von den Begrün⸗ dern des Vereins lebt nur noch Herr Kull⸗ mann, dem es hoffentlich vergönnt sein wird, dieser für ihn sehr ehrenvollen Feier beizu wohnen.

* Butzbach, 22. Februar. In der letzten Sitzung des Stadtvorstan des stand u. a. die Frage der elektrischen Beleuchtung der Stadt auf der Tagesordnung und wurde beschlossen, daß die großh. Bürgermeisterei von verschiedenen Firmen Offerten betreffs Einrich⸗ tung einer elektrischen Beleuchtung der Stadt einfordern soll. Die Neuanlage soll so sein, daß eine Abgabe von Kraft von dem Elektrizitäts⸗ werke au die zu errichlende Pumpstation statt⸗ findet. Zur Bestreitung der Kosten für die An⸗ lage sind die durch die außerordentliche Holz⸗ fällung infolge Vergrößerung des Exerzierplatzes zu vereinnahmenden Beträge für verwertetes Holz, die im Voranschlage mit 30000& vor⸗ gesehen waren, und die noch in Reserve gehal⸗ tenen 50000. städtischer Obligationen vorge⸗ sehen. Ferner wurde beschlossen, daß für die Stadt neue weiße Straßenschilder mit schwarzen Buchstaben und für die Häuser neue Nummern, jede Straße für sich, angeschafft werden sollen. Die Holzfällung am großen Exerzierplatz und die notwendige Holzfällung behufs zweier bezw. 300 Meter und 600 Meter langen Schieß⸗ stände ist beendet und wird nunmehr mit der

Einebnung begonnen, die bis zum 1. April fertig sein muß.

* Darmstadt, 22. Februar. Der Verband der hessischen landwirtschaftlichen Ge nossenschaften, welcher zur Zeit nahezu 500 Vereine mit 40000 Mitgliedern umfaßt, feiert im Juni in Mainz, dem Gründungs⸗ orte des Verbandes, das Fest seines 25jährigen Bestehens. Der Verbandsdirektor, Kreisrat Haas⸗Offenbach, hat bereits ein Rundschreiben an die Genossenschaften erlassen, worin er um Beiträge zur Bilduug eines Jubiläumsfonds bittet. Für die Feier sind zwei Tage in Aus⸗ sicht genommen. Am ersten Tage soll ein fest⸗ licher Verbandstag mit Festmahl, am Abend Konzert in der Stadthalle oder der städtischen Anlage stattfinden. Für den zweiten Tag ist eine Rheinfahrt geplant. Vielleicht wird auch eine Festvorstellung im Theater oder eine ähn⸗ liche Nummer dem Festprogramm eingeflochten. Auch soll den Festtheilnehmern ein kleines An⸗ denken behändigt werden.

Mainz, 22. Februar. In dem Lager⸗ schuppen des Agentur⸗Gebäudes der nieder⸗ ländischen Dampfschifffahrts⸗Gesellschaft brach heute Nacht auf bis jetzt unaufgeklärte Weise Feuer aus, das erst gegen 7 Uhr früh entdeckt wurde. Die, dort aufgestapelten Tepich⸗, Tuch⸗ und Leinenballen sind vom Feuer zerstört. Der Schaden wird auf etwa 5000&& geschätzt. Mainz, 20. Februar. Das hiesige Schöffengericht verurteilte vor Kurzem die beiden Inhaber der Schuhfabrik von Beck und Rosenfeld wegen Uebertretung der Ge werbeordnung zu je 25 x Geldstrafe, weil sie junge Leute von 14 bis 16 Jahren länger als 10 Stunden täglich beschäftigt hatten. Während der Schöffengerichtsverhandlung hatte der Mitangeklagte Beck den Einwurf erhoben, daß er stets auf Reisen sei und mit dem Ge⸗ schäftsbetrieb selbst nichts zu thun habe. Das Schöffengericht erklärte jedoch in seinem Urteile, daß die Angeklagten, da sie beide Inhaber der Firma seien, auch beide strafrechtlich für ihren Fabrikbetrieb haftbar seien. Beck legte gegen dieses Urteil Berufung ein, die vor der hiestgen Strafkammer erneut zur Verhandlung stand. Die Verteidigung führte aus, daß nach konstanter Rechtsprechung die Teilhaberschaft allein keinen Grund zur Bestrafung bilde, wenn im Geschäftsbetrieb etwas Strafbares vorkomme. Es müsse vielmehr jedem Teilhaber die Schuld nachgewiesen werden. Becks Teilhaberschaft allein mache ihn für technische Fehler während seiner fast das ganze Jahr andauernden Ab⸗ wesenheit nicht verantwortlich. Der Staatsan⸗ walt und die Strafkammer schlossen sich diesen Ausführungen an. Das Gericht sprach B. Fe

Briefkasten. K. H.⸗Leihgestern. Siehe Inseratenteil.

abends 8 Uhr in Steins Saalbau statt. Ihre erste Liebe.

Novelle von E. don Bischdorf.

(Fortsetzung.)

Sie konnte sich das Vergnügen nicht versagen, Lossen diefen kleinen Hieb beizubringen. Er wurde noch verdrossener. Nun wollte das Frauenzimmer auch noch anfangen, logisch zu werden! Als ob sie überhaupt verstehen könnte, was das WortLogik tigentlich heißt!

Wenn ich das wirklich gesagt habe, entgegnete

er kurz,dann muß ich wohl an jenem Tage die

Welt durch eine rosige Brille angeschaut haben, die mir die Wahrheit entstellte.

Wieder mußte Regine den Vergleich zwischen ihm und Felix ziehen, wie sie es schon unendlich oft gethan. Aber, wie ihr Gatte bei der Gegen⸗ überstellung mit dem Idealmenschen Lossen stets verlor, so diente nun alles, was der wirkliche, seinet erdichteten Herrlichkeit entkleidete Lothar sprach, nur dazu, Regine über die guten Eigen⸗ schaften iyres Mannes aufzuklären, für welche sie bis dahin blind gewesen. Nun sah sie ihn, wie er war: unermüdlich thätig in seinem Berufe, den er mit ganzer Seele liebte, klaglos die kleinen Mühen, mutig und gefaßt die größeren Schicksals⸗ schlage ertragen. Sie fing an zu begreifen, daß i etwas Heiliges ist um die Arbeit; daß diese allein dem Leben sittlichen Wert verleiht und nicht tin vielseitiges Dilettieren in Kunst und Wissen⸗ schaft.

Felix redete, wie er lebte, sprach nicht heute Ueberzeugungen aus, von denen er morgen keine Uhuung mehr hatte. Wie hohl und albern er⸗

schienen ihr Lossens tönende Worte, die mit seinem Gesen in so grellem Widerspruche standen!

große Kalamität beseitigt.

Dieser innere Zwiespalt in Lossens Sein, der Abstand zwischen der Bildung seines Geistes und derjenigen seines Herzens, beschäftigte Reginens Ge⸗ danken auch beim Heimwege. Sie schritt mit Lottchen und Karin durch die Felder, während die anderen weiter gefahren waren zum Morsum⸗Kliff.

Die Kühle des Abends that ihr wohl. Sie band die Blumen zum Strauß, welche die Kleine ihr pflückte, und grübelte über den Gegenstand ihrer ersten Liebe nach. Da offenbarte sich ihr wieder etwas Neues. Mit Beschämung wurde sie sich bewußt, daß auch sie nicht frei war von jenen Fehlern, die bei ihm so abstoßend auf sie wirkten. Auch sie war durch ihre Liebhabereien von dem eigentlich Wesentlichen, von ihrem Berufe als Haus⸗ frau und Mutter abgekommen. Auch sie schwelgte gerne in hohen Gefühlen, denen ihr Handeln nicht entsprach. Hatte sie nicht über der vektüre von Ada Negri der kranken Pächterin, über der stimmungsvollen Malerei der eigenen Kinder ver⸗ gessen? Würde ihr Gatte ihr jetzt noch helfen, sich aus einer Träumerin in ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu verwandeln, wie er selbst es war? An ihrem guten Willen sollte es fortan nicht fehlen.

Sie seufzte. Gewiß war sie ihm mit ihren Talenten, deuen zu Liebe sie ihre Pflichten ver⸗ nachlässigte, ebenso zuwider geworden, wie ihr vossen mit seinen hochgeistigen Bestrebungen, die ihn nicht hinderten, dieselben leichtsinnigen Streiche zu be⸗ gehen, wie der beschränkteste Tölpel. Sie wollte am liebsten garnicht mehr an Lossen denken!

Aber diese schmerzlichen Tage der Ernüchterung hatten sie mehr gelehrt, als Jahre. Nicht nur über ihren Gatten, auch über sich selbst hatten sie ihr die Augen geöffnet.(Fortsetzung folgt.)

Angenommen. Humoreske von Graf Günther Rosenhagen. (Nachdrud verboten.) (Fortsetzung.)

Die täglichen Spaziergänge, die Ellen zu ihrer Erholung mit ihrer Mutter unternehmen mußte, wurden immer weiter, die Absagen, die die Eltern mit Rücksicht auf das Befinden ihrer Tochter auf die zahlreich einlaufenden Einladungen schrieben, immer häufiger, die Geschenke, mit denen der alte Geheimrat das Rot auf die Wangen seines Kindes zurückzuzaͤubern versuchte, immer wertvoller, die Tage, an denen die Köchin Fräulein Ellens Lieb⸗ lingsgerichte auf den Tisch brachte, mehrten sich von Woche zu Woche, die Besuche ihrer Freun⸗ dinnen, die sie zu zerstreuen und zu erheitern ver⸗ suchten, nahmen täglich zu. aber alles war ver⸗ gebeus, der Brief kam nicht und der vermochte doch allein zu helfen!

Und nun waren es nur noch acht Tage dazu war es noch mitten im Winter, wo die Tage bekanntlich viel kürzer sind als im Sommer!

Da faßte sie sich endlich endlich ein Herz und fragte bei der Redaktion, der sie die Arbeit einge sandt hatte, lelephonisch an Rückautwort bezahlt. Morgens um 10 Uhr gab sie die Depesche auf in drei Stunden konnte nach ihrer Berechnung die Antwort da sein. Sie verlebte die Zeit wie eine Fieberkranke, wie eine Mörderin, die sagt:in drei Stunden wirst du geköpft, wenn nicht die Gnade des Königs dir doch noch das Leben wiederschenkt.

Aber aus den drei Stunden, in denen sie der Antwort harrte, wurden drei Tage drei Tage, die ihr trotz der Winterszeit entsetzlich lang vor⸗ kamen und drei endlose Nächte. Die Aufregung,

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in der sie lebte, die Unruhe, die sie quälte, die Ungewißheit über die Gestaltung ihres ganzen ferneren Lebens dies alles trug dazu bei, sie wirklich krank zu machen.

Endlich, am vierten Tage mittags kam die Antwort, sie riß das Telegramm auf und las: Dankend abgelehnt, sonst nichts, und sie hatte doch für zehn Worte die Rückantwort bezahlt!

Das war der erste Gedanke, der sie bei dem Lesen des kurzen Bescheides ergriff, dann aber machten sich ihre Sorgen und ihr Kummer in einem Thränenstrom Luft, und sie weinte die bittersten Thränen, sie weinte wie alle Kinder Israels zu⸗ sammen, da sie an den Wässern Babylons saßen und weinten.

Was nun? Jetzt war es vorbei mit ihrem Leben, mit ihrem Glück, sie selbst hatte es ver⸗ scherzt und verspielt. Wie sollte sie das Dasein fernerhin ertragen, wie sollte sie vor ihren Eltern, vor ihren Angehörigen die Auflösung ihrer Ver⸗ lobung erklären und rechtfertigen? Alfred zürnte ihr noch immer seit dem Tag, da er sie ver⸗ lassen, war kein Brief zwischen ihnen gewechselt worden nur leere Briefbogen hatten die Kouverts enthalten, die er in regelmäßigen Zwischenräumen gerade so wie sonst schickte, um durch das Aus⸗ bleiben jeglicher Korrespondenz die Eltern nicht zu beunruhigen und um jeglichen Verdacht zu ver⸗ meiden.

So war es zwischen ihnen verabredet worden, erst der Ausgang der Wette sollte den alten Brief⸗ verkehr wieder herstellen, oder ihn für immer ab⸗

brechen. (Schluß folgt.)

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tung.

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