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Nr. 249 N

Gießen, Somabend, den 23. Oktober

1897.

Postztg. Nr. 3319. Telephon ⸗Nr. 112.

Ausgabe

Gießen.

ische Landeszeitung

Postztg. Nr. 3319. Telephon⸗Nr. 112.

Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.

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Lokales und Provinzielles.

* Gießen, 22. Okt. Die am Sonntag, den 11. Oktober, in der Rosenau zu Frankfurt a. M. abgehaltene, von fast 200 Teilnehmern besuchte außerordentliche Generalversammlung des Vereins akademisch gebildeter Lehrer im Großherzogtum Hessen nahm(wie schon kurz gemeldet worden ist) Stellung zu dem bon der Regierung vorgelegten Besoldungsent⸗ wurf. Einstimmig wurden folgende Sätze un⸗ genommen:1. Die akademisch gebildeten Lehrer Hesseus begrüßen dankbar den vom Staatsmini⸗ sterium der Kammer der Stände vorgeleten Ge⸗ setzentwurf, die Besoldungen der Staatsbeamten betreffend, als einen erfreulichen Fortschritt und ein hochwichtiges Werk für die gesamte Beamten⸗ schaft des Landes. Die hessische Regierung sst damit einem wiederholt in den Kammern ge⸗ außerten Wunsche entgegengekommen. 2. Die akademisch gebildete Lehrerschaft Hessens sieht sich sedoch veranlaßt, ihre alte Bitte um Gleich⸗ stellung mit den Richtern unterster In⸗ tanz in Rang und pensionsfähigem Gehalt lermit erneut zum Ausdruck zu bringen. Dieser Grundsatz ist eine Forderung der Standes⸗ ehre() und erscheint im Interesse des Staates bes er bildet den wesentlichen Inhalt der

tandesbestrebungen der akademisch gebildeten Lehrer All⸗Deutschlands, ist in vielen Staaten anerkannt und in Bayern und Baden bereits hurchgeführt. Die Versammlung beauftragte den Vorstand einstimmig, vorstehende Sätze mit Erläuterungen in Form einer Petition an die Regierung und an die beiden Kammern der

* Gießen, 22. Oktober. Menschliches Elend. Unter dieser Spitzmarke veröffentlichten wir vor einigen Tagen ein trauriges Bild aus Mainz. Das dort erscheinendeJournal weiß über den schlimmen Fall noch folgende Mit⸗ teilungen zu machen: Die Familie 15 vor etwa

Stände gelangen zu lassen.

Jahresfrist von Höchst a. M. nach hier verzogen.

Der kranke Mann konnte nichts verdienen und der geringe Verdienst der Frau reichte für drei Köpfe nicht aus. Von dem vorhandenen Hausrate mußte versetzt oder verkauft werden, um das Mötigste zu bestreiten, bis nur noch das Aller⸗ unenkbehrlichste vorhanden war. Auf die öffent⸗ liche Wohlthätigkeit hat hier die Familie keinen Anspruch, da sie das Recht des Unterstützungs⸗ wohnsitzes noch nicht besitzt, und in Höchst um Unterstützung nachzusuchen, konnte sie sich nicht entschließen. Am vergangenen Sonntag Morgen begab sich der Mann mit dem letzten, was er für verkäuflich hielt, in einen Laden der Himmel⸗ gasse, um es zu versilbern, allein die betreffende Geschäftsinhaberin sah dem Armen die Not an und schenkte ihm einen halben Leib Brot sowie etwas Latwerg, womit sich die Familie bis zum Montag Abend ernährte. Am Montag Nach⸗ mittag war der durch Hunger, Kummer und Krankheit nicht mehr ganz zurechnungsfähige Mann aufs Armenamt gegangen, hatte die von dem Hausherrn eigenmächtig 2 Exmission geklagt und auch sofort 10 4 Ab chlags sagen auf die Miete erhalten, wovon er sich indessen einen Strick kaufte und in seiner Verzweiflun

auf dem Friedhofe machte. Der Rest des Geldes

wurde später bei ihm vorgefunden. Nach der Geburt des in der Nacht vom Montag zum Dienstag zur Welt gekommenen Kindes war es zunächst die Hebamme Rückert, welche mit un⸗ ermüdlichem Eifer bei ihr bekannten Familien Gaben für die Bedürftigen einsammelte, bis durch die Blätter auch weitere Kreise auf das herrschende Elend aufmerksam gemacht wurden. Bereits vorgestern Abend trafen Eßwaren, Weiß⸗ zeug für die Wöchnerin und den kleinen Welt⸗ bürger, sowie Bargeld ein, und gestern Abend konnte Schreiber dieses konstatieren, daß sich hierzu noch weitere Weißzeugvorräte, Kleider für Frau, Mann und Kinder, stärkende Weine und ein Geldbetrag angesammelt hatte, welcher nach Abzug des Preises für ein neues Bett noch die Summe von 134 l. repräsentierte. Außerdem lagen noch verschiedene Bestellungen vor, welche den Mann zur Abholung von Gegenständen aller Art und Bargeld aufforderten. Wahrhaft rüh⸗ rend ist die Opferwilligkeit der Arbeiter einer hiesigen Werkstätte, welche eine Sammlung unter sich veranstaltet hatten, vor Ablieferung des Be⸗ trages aber einen Vertrauensmann in die Woh⸗ nung der Armen schickten, um sich zu überzeugen, ob ihre sauer verdienten und freiwillig geopferten Groschen auch angebracht seien. Dieser war beim Anblick der Not derart ergriffen, daß er sofort 50 auf den Tisch legte mit dem Be⸗ dauern, nicht mehr zu besitzen. Die Stadt hat inzwischen dafür Sorge getragen, daß die Leute vorläufig wohnen bleiben können.

* Gießen, 22. Oktober. Die Jury zur Beurteilung der eingegangenen Entwürfe für das auf dem Marktplatze zu errichtende Kriegerdenkmal konnte wegen Behinderun des Professors Schaper⸗Berlin, der bekanntlt Mitglied der Jury ist, nicht zusammentreten. Als Zeitpunkt der Erledigung dieser Aufgabe haben die Mitglieder der Kommission Ende November ins Auge gefaßt.

a. Gießen, 22. Oktober.(Stadttheater.) Die gestrige Wiederholung des Lustspiels Renaissance wurde von dem gut besetzten Hause recht beifällig aufgenommen. Es ist erfreulich, daß die Lustspiele bald einmal durch etwas Gehaltreicheres unterbrochen werden sollen. Mit großer Genugthuung lesen wir, daß Shake⸗ spearesKaufmann von Venedig in Vorbe⸗ reitung ist. Ein Abend, der einem der modernen Dramatiker gewidmet würde, wäre auch sehr an⸗ gebracht. Wie steht es mit Ibsen, Hauptmann oder Sudermann?

* Gießen, 22. Okt. Am Samstag, den 6. November, findet auf Lonys Bierkeller seitens des hess. FechtvereinsWaisenschutz (Verband Gießen) ein Familienabend statt, zu dem auch Nichtmitglieder des Vereins Zutritt haben.

* Gießen, 22. Okt. Trotz des erfolgten Tadels in öffentlicher Stadtverordnetenversamm⸗ lung wegen der unzulänglichen Eisenbahn⸗Barriere an der Mündung der Liebigstraße in die Frankfurterstraße ist an dieser Einrichtung nicht

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Kuzeigent 10 Pfg. für die spaltige Petitzetle.

getöteten Tiere hat übrigens die Eisenbahnver⸗ waltung wegen Schadenersatz verklagt.

* Gießen, 22. Oktober. Bei der An⸗ nahme von Koupons der deutschen und preußischen Anleihen ist gegenwärtig Vor⸗ sicht geboten. Die nach dem 1. Oktober d. Is. fälligen Koupons der bisherigen Aprozentigen Eaischen Reichsanleihe und der preußischen Kon⸗ sols haben, nachdem der Zinsfuß dieser Wert⸗ papiere auf 3 ½ Prozent herabgesetzt ist, soweit sie zur Abstempelung eingereicht worden sind, den nunmehrigen geringeren Zinsertrag in blauer Stempelfarbe aufgedruckt erhalten. Wahrschein⸗ lich sind indessen viele dieser Koupons nicht zur Abstempelung eingereicht worden und es dürfte mitunter der Versuch gemacht werden, sie zu dem früheren höheren Wert in Zahlung zu geben. Selbstverständlich haben auch diese Koupons trotz des fehleuden Aufdrucks nur noch den herabge setzten Wert.

* Grünberg, 21. Oktober. Mit dem 31. Oktober wird die hiesige Turnhalle ihrer Be⸗ stimmung übergeben werden. Das Gebäude ist in Backsteinrohbau ausgeführt und keinem archi⸗ tektonischen Stil angepaßt, trotzdem aber ent⸗ spricht dasselbe vollständig dem Sinn der deut⸗ schen Turnerei. Die Grenzen der Architektur find damit keineswegs überschritten worden. Zwei äußere Giebelbauten und ein etwas höher 1 Mittelbau bilden das gesamte Ge⸗ äude. Bei dem Bau der Turnhalle hat man den Anforderungen, die die Neuzeit an ein der⸗ artiges Institut stellt, Rechnung getragen; dies gilt sowohl von den sanitären Einrichtungen, als auch von den Sicherheitsmaßregeln. Der Innen⸗ bau umfaßt neben Bühne, Wirtschaftsräumen ꝛc. einen 18 Meter langen und 13 Meter breiten Turnsaal. Mit der Eröffnung der Turnhalle wird hierorts einem langgefühlten Bedürfnisse Abhilfe gethan, das sich bei jedweder größeren Veranstaltung bisher gezeigt. Nicht allein der Sache der Turnerei soll dieses Institut dienen, sondern auch für das Gesamtwohl unserer Ein⸗ wohnerschaft soll sich dasselbe dienstbar erweisen. Von diesen Gesichtspunkten aus betrachtet und um das Gedeihen des Instituts zu fördern und zu kräftigen, dürfte man allseits demselben ein gesteigertes Interesse entgegenbringen.

n. Grünberg, 21. Oktober. Von einer Naturseltenheit wurde uns heute berichtet, nämlich, daß in dem Garten des Herrn Schuh⸗ machermeister Gondler eine größere Menge reifer Erdbeeren entdeckt wurden, während eine Anzahl anderer Erdbeersträucher in voller Blüte stand.

* Groß ⸗Umstadt, 21. Oktober. In der Klagesache des früheren Landtagsabgeordneten Sparkassenrechners Lautz dahier gegen den Reichstagsabgeordneten Hirschel, den Land⸗ tagsabgeordneten Ohl und den Scheerenfabri⸗ kanten Bock, beide von hier, wegen Beleidigung durch die Presse, wurde gestern vom hiesigen Schöffengerichte das Urteil verkündigt. Die Ver⸗ handlung fand schon am letzten Mittwoch statt, wobei etwa 20 Zeugen vernommen wurden und die 4 Rechtsanwälte Dr. Osann IL Darmstadt,

das Mindeste geändert, sodaß binnen kurzer Zeit zwei wertvolle Hunde dort von der Eisenbahn überfahren wurden. Der Eigentümer eines der

Dr. v. Brentano-Offenbach, Metz-Darm⸗ stadt und Grünewald⸗Gießen in die Plaidoyers

edition: Kreuzplatz Nr. 4.

1 gg, begangen durch Zeitungsartikel in der Volkswacht, resp. der Beihilfe für schuldig er⸗ kannt und zu einer Geldstrafe von 25 resp. 10 Mark, sowie zur Tragung von je einem Drittel der Kosten verurteilt. Bock dagegen wurde von Strafe und Kosten freigesprochen. Das letzte Drittel der Kosten wurde dem Kläger Lautz auferlegt.

* Worms, 20. Oktober. Ein Rekrut des Inf.⸗Regts. Nr. 118 zog sich heute durch Un⸗ vorsichtigkeit eine schwere Verletzung zu. Er hatte das beim Essen gebrauchte spitze Messer offen in die Tasche gesteckt(); infolge irgend einer Bewegung drang dieses dem Manne in den Unterleib und verletzte ihn derart, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird.

Vermischtes.

Ein Zirkuskönig. Aus Amsterdam wird derN. Fr. Pr. geschrieben: Gleich wie Franz Renz hat auch Oskar Carré, und zwar infolge des Todes seiner zweiten Frau, der bekannten früheren englischen Artistin Ada Smith(Leon) seine erste Frau, eine geborene Amalte Salamousky, fand bekanntlich bei der entsetzlichen Eisenbahnkatastrophe bei Kirchlingen im Mai 1891 ihren Tod vor einigen Wochen seinen Zirkus aufgelöst und zu Scheveningen einen glänzenden Abschied vom Publikum genommen. Er hat sich Amsterdam als festen Wohnsitz gewählt und im Zirkus Carré auf der Amstel Wohnung genommen. Ein Mitarbeiter des Amsterdamer Handelsblattes hat den abgetretenen Zirkuskönig interviewt. Aus seinem Berichte darüber dürfte folgende charakteristische Stelle allgemeines Interesse haben: Auf die Frage, ob er mit den Mitgliedern seiner Gesellschaft noch Fühlung behalte oder ob er alle Bande gelöst habe, antwortete Oskar Carré:Ich bleibe nur mit meinen Kindern in Korrespondenz, die wie Sie wissen bei der Gesellschaft ihres Onkels Salamonsky in Rußland sich befinden. Aber mit den Anderen, nein, mit denen bemühe ich mich nicht mehr. Meine Pferde und Alles, was zur Truppe gehörte, hat Salamonsk9 übernommen. Ausgenommen meine Lieblingspferde. Haben Sie diese behalten?Nein, ich habe sie nach meinem letzten Auftreten in Scheveningen totgeschossen. Unwillkürlich so bemerkt der Interviewer er⸗ innerte ich mich der acht Trakehner Hengste, die der Di⸗ rektor stets selber vorführte seiner letzten Nummer und einWie traurig! entschlüpfte meinen Lippen. Ja, ja, ich wollte nicht, daß sie in andere Hände kämen. Ich hätte sie vorteilhaft verkaufen können, wenn ich ge⸗ wollt hätte. Aber ich stellte mir vor, fie müßten dann vielleicht dereinst vor dem Wagen gehen. Das wollte ich nicht.

Ein Frauen ⸗Ausstand in Paris. Ein Frauen⸗Ausstand droht in den Pariser Vierteln Vendöme und Gaillon, zwischen der Madeleine und der Börse, aus⸗ zubrechen. Es sind die Arbeiterinnen der vornehmen Damenkleidermacher, die in diesen Vierteln ihren Sitz haben. Trotz des Gesetzes, das die Dauer der Frauenarbeit beschränkt, lassen die Betriebsinhaber ihre Gehilfinnen bis 10 oder 11 Uhr abends arbeiten. Wenn die Arbeitsinspektoren kommen, sind die Arbeiterinnen in Nebenzimmern verschwunden, der Arbeitssaal steht leer. Da die meisten der Arbeiterinnen sehr weit entfernt wohnen, sind sie zur späten Stunde den Angriffen der Taugenichtse ausgesetzt, die in den einsamen Vierteln und Straßen nie fehlen, und werden oft ihres Wochenlohnes beraubt. Die Arbeiterinnen getrauen sich nicht, dergleichen Beraubungen anzuzeigen, denn dadurch käme auch der Mißbrauch der verbotenen Nachtarbeit heraus und die Betriebsinhaber würden die beraubten Arbeiterinnen noch obendrein fortschicken. Deshalb bereiten die Arbeiterinnen

eintraten. Hirschel und Ohl wurden der Be

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und geistigen Umnachtung einen Selbstmordversu

In Seenot.

Skizze von Hermann Rückner. (Schluß.)

Edith hatte einmal eine Brandstätte besucht, und da hing noch aus einem der öden, von Rauch geschwärzten Fenster ein Seil herab, an welchem ein Unglücklicher die Rettung versucht haben mochte, und das ganze Grausige der Todesgefahr hatte ihr beim Anblick dieses einen, halb verkohlten Seiles in dem ausgebrannten Fensten deutlich vor Augen gestanden. Was aber war das gegen die ver⸗ zweiflungsvollen Anstrengungen, die sie hier vor sich sah! In welch erbittertem Todeskampfe auf der weiten, brüllenden See hatten diese Männer gerungen ohne Hilfe, ohne Aussicht auf andere Hilfe, als ihnen ihre starken Muskeln, ihre Kenntnis der großen Gefahr bot! Und doch war, das wußte sle, diesen Helden kein Angstruf, kein Notschrei ent⸗ flohen! Sie alle kannten den Tod, sie alle hatten mit dieser schweren See nicht zum erstenmale ge⸗ rungen, sie alle, von denen kaum einer nach über⸗ standener Gefahr daran dachte, mit seinem Helden⸗ kume prahlen zu wollen oder überhaupt nur davon zu reden!

Sie sah kein ruhiges Hafenwasser, kein still vertraut liegendes Schiff, sondern eine wilde, ge⸗ harnischte Schaar mit drohend gesenkten Lanzen

wilden Gischt ausspeiend und im jähen einen Haufen schwach ge⸗ dessen Festigkeit ihren

Rossen, Ansturze donnernd gegen fügter Planken anstürmen, Hufen nicht stand halten konnte, dessen schwere Masten und Segelbäume ein einziger Anprall brechen konnte wie die dürren Zweige eines Baumes. Sie sah die unerschrocken und übermenschlich arbeitenden Männer, die ohne Speise und Trank, ohne ein Stündchen ungestörter Ruhe, denn wer konnte in solcher Seenot daran denken, dem wilden, erbittertem Heere Zoll für Zoll abzuringen suchen, die mit ihrem Blute, mit ihren heilen Gliedern jedes Manöver des Schiffes bezahlen mußten; und sie alle hatten doch Weib und Kind daheim, und sie hatten doch ein Leben zu verlieren, wenn es auch nur das armselige Leben eines hart und ischwer arbeitenden und ringenden Seemannes war, eines schlichten Mannes, der seinem Berufe nachging! Helden! Helden! Für kargen, kläglichen Sold, Helden, deren Beruf es war, schwer be⸗ drohten Schiffen ein sicherer Lenker zu sein über Klippen und Bänke, ein Retter in Sturmesnot an fremder Küste, Helden, gegen die all das, was ste an Manneskraft und Mannesmut bisher kennen gelernt hatte, zu kläglichem Nichts versank!.. Das Blut kehrte in ihre Ae 0 uchtete und ihre Hand hörte auf zu zittern. 11 15 stand der Oheim, der schlichte, alte

auf dampfenden und vernichtend daherbrausenden

Mann, diese rauhe, in sich gekehrte, verwitterte

Gestalt wie oft, o wie oft rang auch er mit den störrischen Wogenreitern um das nackte bischen Leben!

Fest blickte ihr leuchtendes Auge auf den ruhig und regungslos vor ihr stehenden Greis.

Onkel, ich danke Dir für diese Belehrung.

Da krachte eine Treppe unter schwerem Tritt, eine Schirmmötze und ein gebräuntes Gesicht mit dem Kalkstummel im Munde erschien in der Logis⸗ kappe und gleich darauf sprang ein vierschrötiger Mann in groben Zoillichhosen und rauher Fries- jacke an Deck.

Der einzige Unversehrte, Edith, raunte ihr der Alte zu,zwei find über Bord gewaschen und die fünf anderen sind schwer verletzt an Land geschafft.

Laut rief er zum Gruße:Hallo, Peters?

Hallo, Käpt'n Kädensteg?

Schlecht Wetter gehabt?

Ging an, Käpt'n, ging verdammt an! Mußten vier Tage die See halten, war'n schweres Stück Arbeit, konnten ihn nicht über Steg bringen, weil die Fock zum Teufel war. S is schon das zweite Mal in diesem Jahre; noch so'n Wetter hält der Schooner nicht mehr aus, dann muß sich der Staat nach'nem andern Lootsenfahrzeug und nach andern Lootsen umsehn.

Peters, wollt man eben meiner Nichte da zeigen, wie'n Schiff aussieht, das draußen schlecht

Wetter gehabt hat.

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jetzt einen Ausstand vor. Der Lootse nahm linkisch den Kalkstummel aus den Zähnen und scharrte etwas mit dem Fuße; es war der schwache Versuch zu einer Verbeugung. Er mochte selbst fühlen, wie unvorteilhaft er sich der graziösen Fran gegenüber ausnehmen mochte und errötete.

Na, atjüs ok, Peters!

Die Männer schüttelten sich kräftig die Hand und nach Sitte der Seeleute reichte der Lootse auch Edith die Hand zum Abschiede.

Helden, tönte es in ihrer Brust,Helden! Da stand er, schüchtern wie ein Knabe, linkisch und verlegen, er, dem sie den Staub von den Füßen küssen könnte, er, der so hoch stand über allem, was sie bisher für mutig, heldenhaft ge⸗ halten hatte, über den sich duellierenden Offizieren, den mit ihren Schmissen renommierenden Studenten, da stand er, und wagte kaum ihre zarten Finger mit seiner rauhen, borkigen Hand zu umschließen.

Edith fühlte, wie ihr das Wasser in die Augen drang, und hastig, einer plötzlichen Regung folgend, ergriff sie mit ihren weißen Händen die rauhe Rechte des Seelootsen; dann sank sie halb ohn⸗ mächtig in den Arm ihres Oheims, der sie sogleich an Land geleitete.

Edith, Du wolltest mal einen Seesturm mit⸗ mee