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Gießen, Sonnabend, den 9. Januar
Poftztg. Nr. 3239 a. Telephon⸗Nr. 112.
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Ausgabe
Gießen.
Postztg. Nr. 3239a. Telephonu⸗Nr. 112.
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Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.
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Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen t 10 Pfg. für bie Zspaltige Petitzeile.
Aus dem Verwaltungsbericht der Stadt Gießen für das Rechnungsjahr 1895/96. V. Sozialpolitische Gesetze. 5
Bei Ausführung des Gesetzes über die Kranken- versicherung kommt für die städtische Verwaltung neben den bestehenden 14 Betriebskrankenkassen und einer Innungskrankenkasse vorzugsweise die Ortskranken⸗ kasse, daneben auch noch die Gemeindekrankenversicherung in Betracht.
Die Ortskrankenkasse hat im Jahr 1895 durch⸗ schnittlich 2778 männliche und 408 weibliche Mitglieder gezählt mit 14672 Krankheitstagen der männlichen und 3889 der weiblichen Mitglieder(gegen 2530 und 343 Mit⸗ glieder mit 14 135 und 2239 Krankheitstagen in 1894). Verstorben sind im Laufe des Jahres 26 männliche Mit⸗ glieder und ein weibliches(4 männliche mehr, ein weib⸗ liches weniger als im Vorjahr).
Die Kasse hat die nachstehenden Rechnungsergebnisse aufzuweisen:
1895. 1894. A. Einnahmen. 1 7 1. Kassenbestand 3850 98 1173 68 2 Zinsen 762 60 573 62 3. Gesamtbeiträge 8 48599 95 48074— 4. Ersatzleistungen Dritter 298 93 265 70 5. Sonstiges(worunter 1507
% 68 F für Besorgung
von Geschäften der In⸗
validitäts- und Alters-Ver⸗
Fd 2097 87 1619 62 6. Aus verkauften Wertpa⸗
pieren 2087 5——
zusammen 57647 48 51706 62 B. Ausgaben.
1. Aerztliche Behandlung. 9111 21 10821 31 2. Arznei und sonstige Heil⸗
mitte! 5654 31 5638 32 3. Krankengelder. 12916 72 13697 11 4. Unterstützung an Wöch⸗
e 362 04 199 20 5. Sterbegeldee 1208— 893— 6. Verpflegungskosten in
Krankenanstalten 5 2679 65 3302 20 7. Vorlage f. Berufsgenossen⸗
I. ee 399 76—— 8. Zurückgezahlte Beiträge 272 01— 9. Verwaltungskosten(dar⸗
unter die obigen 1507 4
68 für Geschäfte der
Invaliditäts⸗ und Alters⸗
Versicherung.. 5932 38 5839 99
895 85. 10. Sonstige Ausgaben 425 34 717 67 11. Kapitalanlagen 13028 95 5993 62 zusammen 52886 22 47092 42
sonach Rest, einschl. der Aus⸗
ande 4761 26 4614 20
Das Kapitalvermögen der Kasse betrug Ende 1895 31710 4 28 gegen 20 681„ 33„ im Vorjahre
und hat sonach nunmehr die Summe der Zehntel der Beiträge überschritten, welche nach 8 32 des Kranken⸗ versicherungsgesetzes seit Bestehen der Kasse alljährlich mindestens hätten dem Reservefonds zugewiesen werden müssen; die— im vorigen Berichte erwähnte— zwangs⸗ weise Außerkraftsetzung des ganzen, freie ärztliche Be⸗ handlung und Arznei für die Familienangehörigen der
Kassenmitglieder gewährenden,§ 22 des Statuts ist sonach wieder entbehrlich geworden.
Auch im Jahre 1895 war die Beteiligung an der, für die unständigen gewerblichen Arbeiter und für etwa freiwillig sich Versichernde bestimmten, Gemeinde—⸗ kranken versicherung sehr gering; es gehörten der Kasse durchschnittlich 6 Mitglieder mit zusammen 68 Krank⸗ heitstagen an, sodaß die Rechnung bei 48„ 48 Einnahme an Mitgliederbeiträgen wiederum einen Zuschuß aus der Stadtkasse erforderte, und zwar von 35, 7 gegen 108, 78 im Vorjahre.
In Ausführung des Gesetzes über die Unfallver— sicherung ist die Stadt für ihre eigenen Betriebe Mit⸗ glied der Gas⸗ und Wasserwerks-, der Tiefbau⸗, der land⸗ und forstwirtschaftlichen und der Nahrungsmittel⸗ industrie⸗-Berufsgenossenschaft. Für 1895 wurden dazu an Umlagen entrichtet vom städtischen Gas- und Wasser— werk 548, 5„ und von der Stadt selbst 874, 83.
In den bei Einführung der Alters- und In⸗ validitäts-Versicherung für unsere Stadt ge— troffenen Einrichtungen sind Aenderungen nicht eingetreten. Die Bürgermeisterei besorgt nach wie vor die Geschäfte der Versicherung für diejenigen Personen, welche weder der Ortskrankenkasse noch einer der Betriebskrankenkassen an⸗ gehören; die Zahl dieser Versicherten betrug am Schluß des Berichtsjahres 2290 bei 1150 Arbeitgebern; an Marken wurde im Jahr 1895 verwendet ein Betrag von 18 902, 94, für deren Einziehung eine Vergütung von 5 pCt. 8 945, 14 f gewährt wurde.— Die vierwöchentliche auf Kosten der Stadt erfolgende Erhebung der Beiträge in den Wohnungen der Arbeitgeber hat einen Aufwand von 523, 81 J verursacht, d. h. von rund 45,5, im Jahr für einen Arbeitgeber und von rund 22,5 m für einen Versicherten.
Im Genuß von Altersrente waren in Gießen im ganzen 23 Versicherte und zwar in
1. Klasse(106 80 J jährlich) 12 2. 1(135. 7) 7 ,, ee e 530— 4„(io„ 0, 1 0 4
Invalidenrenten, von 111 4 60„ bis zu 141, 60 jährlich, beziehen dahier 9 männliche und 8 weib⸗ liche Personen.
Lokales und Provinzielles.
* Gießen, 7. Januar.(Sitzung der Stadt— verordneten.) Oberbürgermeister Gnauth eröffnet um 31½ Uhr die Sitzung. Es erfolgt die Vorlage der Rechnung pro 1895/96. Der Oberbürgermeister konsta⸗ tiert, daß sich dieselbe in der Betriebsrechnung um 70 304 A, günstiger, als der Voranschlag angenommen, gestaltet habe. Besonders seien die Ueberschüsse aus dem Vorjahre um 21 672/ in Einnahmen höher, denen auch eine Weniger⸗Ausgabe von 24991/ gegenüberstehe, so daß bei dieser Position allein ein Plus von 46 663, er⸗ wachsen sei. Hierzu kommen noch 2000, aus dem Reservefond, der nicht angegriffen zu werden brauchte und 9874, Betriebskapital, so daß zusammen diese 3 Posi⸗ tionen 58 537 // ausmachen. Der Rest des Ueberschusses von 11767, ergiebt sich aus den verschiedenen anderen Positionen. Der Oberbürgermeister erklärt, daß nach der Uebersicht der laufenden Rechnung eine Erhöhung unserer kommunaleu Lasten resp. des Steuer⸗Koeffizienten nicht erforderlich sei. Die Rechnung wird zur Prüfung der Finanzkommission übertragen, zu deren Vorsitzenden Stadtv. Scheel auf Antrag des Seniors der Versamm⸗ lung, des Stadtv. Homberger ernannt wird.— Die
Oberrechnungskammer hat in der Rechnung pro 1894/95 mehrere Posten gerügt. Es handelt sich um Einnahmen
aus Mietsverträgen, welche die Bürgermeisterei ohne Sank⸗ tion der Stadtverordnetenversa umlung abgeschlossen hat. Das Kollegium genehmigte nachträglich diese Vermietungen. — Der Oberbürgermeister erklärt, daß es bis jetzt nicht gelungen ist, die Erkennbarmachung der lokalen Kirchensteuern auf den Steuerzetteln in gleicher Weise wie die der Landeskirchensteuer durchzusetzen. Es sei, wie erinnerlich, nicht gelungen, mit den evange⸗ lischen Kirchengemeinden hierüber zu einer Verständigung zu kommen. Ein Versuch die Angelegenheit in der Form der Einsprache gegen den geplanten Ausschlag solcher Steuern für 1896/97 zu bringen, wurde von der zustän⸗ digen Aufsichtsbehörde bezüglich der evangelischen Kirchen⸗ gemeinde unter der Motivierung zurückgewiesen, daß ein derartiger Einspruch nicht begründet werden könne; so lange die von der Stadt Gießen gewünschte— an sich nicht unbillige— Modifikation der Steuerzettel vom Ministerium nicht angeordnet sei, könne aus dem der⸗ maligen Erhebungsverfahren ein berechtigter Einwand gegen die Erhebung der kirchlichen Lokalumlage nicht her⸗ geleitet werden. Man habe damals von Seiten der städt. Verwaltung die Sache beim Ministerium nicht weiter ver⸗ folgt, weil inzwischen dieselbe Frage auch den Städtetag für das Großherzogtum beschäftigt habe und von diesem einstimmig ein Gesuch an das Ministerium gerichtet wurde, daß in denjenigen Gemeinden, welche dies beantragen, auf den Gemeindesteuerzetteln die lokale Kirchensteuer auf Kosten der betreffenden Kirchengemeinde erkennbar gemacht werde. Das Ministerium hat auf dieses Ersuchen unterm 5. November 1896 erklärt, daß es demselben aus allge⸗ meinen Zweckmäßigkeitsgründen nicht näher zu treten ver⸗ möge. Man habe sich nun im vorigen Jahre zu helfen gesucht, so fährt der Oberbürgermeister fort, dadurch, daß man jedem Steuerzahler neben dem Steuerzettel auf einem besonderen Zettel eine Notiz zugesandt habe, woraus er⸗ sichtlich wurde, wie hoch die Kirchensteuer sei. Der Ausschlag dieser Steuer pro 1897/98 sei mit 42000, nicht viel höher als für das laufende Finanzjahr und wird vorgeschlagen, die Angelegenheit wieder so zu be⸗ handeln wie im Vorjahr. Die Versammlung giebt hierzu ihre Zustimmung.— Stadtv. Em melius frägt an, ob bei diesem Ausschlag der lokalen Kirchensteuer berücksich⸗ tigt sei, daß infolge ein Ausfall bei dieser Steuer zu verzeichnen sein werde dadurch, daß die Offiziere unserer Garnison hierzu nichts mehr beitragen würden. Der Oberbürgermeister kann darüber nichts berichten, er habe privatim davon gehört, daß die Offiziere nach dieser Rich⸗ tung steuerfrei werden würden, er denke, daß der dadurch bedingte Ausfall an Kapital von den übrig bleibenden Steuerzahlern getragen werde. Auch werde wohl die Kirchengemeinde mit der Garnisonverwaltung wegen der
Benutzung ihrer Einrichtungen, wegen des Ausfalls der Steuern der Offiziere, ein Abkommen treffen können, was diesen Ausfall ausgleicht. Fest stehe nur, daß der Aus⸗ schlag der lokalen Kirchensteuern die Höhe von 42 000 4 betrage und daher wohl nicht zu beanstanden sei.— Dem Heinrich Benner II wird die pachtweise Weiterbe⸗ lassung einer städt. Wiese an der Lahn für die Zwecke seiner Badeanstalt für die Summe von acht Mark auf ein weiteres Jahr genehmigt.— Der Austausch von Gelände vor dem Mattheißschen Hause Frankfurterstraße mit dem Staate wird genehmigt. Es hat sich die Notwen⸗
digkeit der Beaufsichtigung des städtischen Lager- platzes(Geräteschuppen) an Oswalds-Garten heraus⸗ gestellt. Zu dem Zwecke soll im Gerätehaus oberer
Stock eine Wohnung für einen Straßenwart oder Stra⸗ ßenmeister errichtet werden. Es werden von der Ver⸗ sammlung zu diesem Zweck 2800, bewilligt und ge⸗ nehmigt, daß die auszubauende Wohnung für den Miets⸗ preis von 150&,(10 Prozent seines Gehaltes) dem Straßenmeister Bommersheim überlassen wird. Das Ge⸗
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Mächte der Finsternis. Roman von Helmuth Wolfhardt. (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.) Zehntes Kapitel.
Auf den Deichen kämpften Hunderte Stunde um Stunde gegen die rohe, raubgierige Naturge—
walt den wildesten Verzweiflungskampf um ihr Hab'
und Gut, um die Früchte ihres Jahrzehnte langen Mühen, um ihre eigene und ihrer Kinder Zukunft. Die Nacht und ein Teil des Tages waren vorüber— gegangen, ohne daß die gefürchtete Katastrophe ein— getreten wäre; aber die Gefahr hatte sich nicht ge— mindert, sie schien vielmehr noch immer in stetigem Wachsen. Gerade bei Rothhaide machte der Fluß eine scharfe Biegung nach Osten, und wenn sich das Wasser über seinen gewöhnlichen Stand erhob, hatte der hier errichtete Damm den vollen Anprall der ungestümen Wogen auszuhalten. Jeder Fuß Erde mußte da mit fast übermenschlicher Anstrengung ver⸗ teidigt werden und die Aussichten auf einen günstigen Erfolg dieses furchtbaren Ringens verminderten sich trotzdem mit jeder weiteren Stunde. Die Leute waren durchweg bis auf die Haut durchnäßt, vor Kälte fast erstarrt und zum Tode erschöpft. Nur die Hoffnung, daß ihnen bald die erbetene mili— tärische Hilfe aus der benachbarten Garnison kommen würde, hielt sie noch aufrecht bei ihrer harten Arbeit. Und doch wußten Rodewald und der Bürgermeister von Rothhaide— die beiden Männer,
die als die angesehendsten der Gegend idie Leitung der Schutzmaßregeln übernommen hatten und durch ihr heldenmütiges Beispiel das sinkende Vertrauen der Uebrigen immer wieder neu zu beleben suchten — schon seit mehreren Stunden, daß auf diese Hilfe vorläufig nicht zu rechnen war. Man hatte die wenigen Mannschaften, die dort überhaupt zur Ver— fügung waren, an einen anscheinend uoch mehr ge— fährdeten Punkt senden müssen und die Bewohner von Rothhaide blieben ganz auf ihre eigenen Kräfte angewiesen.
Rodewald war nicht erst nach Sandhofen zurück— gekehrt. Als ihn gegen Mittag die Müdigkeit über— wältigte, legte er sich in einem Tagelöhnerhause nahe dem Deiche für wenige Stunden zum Schlafen nieder und beim Einbruch der Dunkelheit war er wieder auf seinem Posten, um den ebenfalls völlig erschöpften Bürgermeister abzulösen. Er fand die Situation auf das Bedrohlichste verändert, denn der Fluß war nicht nur weiter gestiegen, sondern von dem unterwaschenen Erdreiche des Dammes war auch eine so beträchtliche Menge abgestürzt, daß in jedem Augenblicke der völlige Durchbruch zu befürchten war. Die Leute hatten jetzt die Hoffnung aufge— geben, daß die Soldaten kommen würden, und sie waren zu einer Fortsetzung der aussichtslosen Auf— schüttungsarbeiten nicht mehr zu bewegen. Umsonst bot Rodewald all' seinen Einfluß und seine Ueber— redungskunst auf, umsonst griff er selbst zum Spaten und schaffte, daß ihm trotz des scharfen Windes der Schweiß auf der Stirn perlte. Es folgten doch
nur Wenige seinem Beispiel, und auch diesen war
es anzusehen, daß sie mehr ihr Gewissen zu be— ruhigen, als einen Erfolg zu erzielen hofften.
Unterdessen wurde der schützende Wall mit jeder Viertelstunde schmäler und schwächer; das auf— schäumende Wasser spritzte bereits zu den Arbeitenden empor, und ihre Thätigkeit, die eine so mühselige war, begann auch zu einer lebensgefährlichen zu werden. N
Ermattet ließ jetzt auch Rodewald die Arme finken. Da vernahm er plötzlich an seiner Seite eine tiefe, wohlklingende Männerstimme, deren er sich gut genug zu erinnern wußte, und als er sich umwandte, erkannte er im flackernden Lichte der Fackeln Bernhard Milows hohe, breitschulterige Ge— stalt. Der Ingenieur hatte mit einem einzigen Blicke die Situation überschaut und die Größe der Gefahr erkannt. Er gab nichts verloren, so lange noch eine schwache Möglichkeit der Rettung vor— handen war. Und in seinem mutigen, mannhaften Wesen, in dem energischen Klange seiner Stimme, in der ruhigen, zielbewußten Bestimmtheit, mit welcher er ohne weiteres seine Befehle und Anord— nungen erteilte, war für die ermutigten und er— schöpften Männer etwas wundersam Belebendes und unwiderstehlich mit sich Fortreißendes. Außer Rode— wald erkannte in dem stattlichen Manne Niemand den Sobn des ehemaligen Packmeisters. Er war Allen ein Fremder, und gerade dem Fremden, den sie mit solcher Zuversicht und solchem Feuereifer für die Rettung ihrer bedrohten Habe eintreten sahen, brachten die fast Verzweifelten neue Hoffnung und
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Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
such des Ausschusses für Errichtung eines Kriegerdenkmals um Ueberlassung des Marktplatzes für das Denkmal, wird, nach Zersteuung der Bedenken des Stadtverordneten Wallenfels, daß dieses Denkmal an der Stelle den Verkehr hindern könne, durch den Oberbürgermeister gegen die Stimme des Stadtv. Orbig angenommen, dieser bittet, im Protokoll festzustellen, daß er dagegen stimme. Die Frage des Oberbürgermeisters, ob er vielleicht die Gründe seiner Abstimmung entwickeln wolle, verneint Herr Orbig.— Hierauf bittet Stadtv. Grünewald um das Wort und giebt folgende Erklärung ab: Er habe das Wort erbeten zu einer die vorgestrige Verhandlung betreffende Bemer⸗ kung mit der er aber keine Debatte hervorrufen, sondern lediglich dem Oberbürgermeister Anlaß geben wolle, zur Richtigstellung eines Irrtums. Dieser habe in jener Sitzung die Behauptung aufgestellt, es würde durch die Verlegung des den Viehmarktplatz betreffenden Beschluß Pascoesches Geläude berührt. Er habe sich inzwischen informiert und gefunden, daß für den Viehmarkt hinter dem Güterbahnhof kein Quadrat⸗Zentimeter Pascoesches Terrain in Aussicht genommen gewesen sei. Soweit das⸗ selbe in Anspruch genommen werde, solle es für die zu errichtenden Lagerhäuser und Lagerplätze dienen und dieser Zweck bestehe nach wie vor. Die Anträge der Inter⸗ pellanten hätten, wie ausdrücklich vorgestern gesagt worden sei, nur Beseitigung der Viehmarktsverlegung verfolgt, nur diese sei auch beschlossen. Er könne deshalb feststellen, daß das Interesse jenes Angehörigen, seines Schwiegervaters, keines Falles durch den vorgestrigen Be⸗ schluß berührt werde und er sei der Ansicht, daß die 11 Kollegen, welche die Frage, ob Art. 43 auf ihn Anwen⸗ dung finde, bejaht haben, unter dem Eindruck gestanden hätten, es stehe Pascoesches Gelände in Frage.— Ober⸗ bürgermeister Gnauth bemerkt, daß der Antrag der Herren Grüneberg und Genossen, zu denen auch der Vor⸗ redner gehöre, dahin gegangen sei, daß der Beschluß der Sicherung event. durch zwangsweise Enteignung von Ge⸗ lände zum Zweck der Errichtung eines Viehhofes und Lagerhäuser ꝛc. aufzuheben und durch erneuten Beschluß die Verlegung des Viehmarktes hinter das Schlachthaus be— stimmt werden solle, allerdings hätten die Petenten die Frage betreffend der Lagerhäuser resp. ob und wohin diese ge⸗ legt werden sollen offen gelassen, aber doch betont, daß sie eine erneute Beratung auch dieser Frage für nötig hielten. Allerdings sei es richtig, daß Herr Grünewald auf seine Frage, was denn betreffs der Lagerhäuser beantragt werde, erklärt habe, er habe gegen die Ausführung des früheren Beschlusses der Versammlung betreffend der Lagerhäuser nichts einzuwenden. Richtig sei auch, daß das Pascoesche Gelände für die Lagerhauszwecke gebraucht werde.— Stadtv. Dr. Gut⸗ fleisch tritt in kurzer Ausführung dafür ein, daß er heute noch, selbst nach dieser Aufklärung, als Jurist die Meinung vertreten, der Art. 48 der St.⸗O. habe bei der vorgestrigen Beratung auf Herrn Grünewald Anwendung finden müssen. Es handle sich dabei nicht um Personen⸗ fragen, sondern darum, ob die Städteordnung auch richtig
geschehen.— Dr. Gaffky: Er wolle erklären, als einer der Stadtverordneten, welcher vorgestern ein Privatinter⸗ esse für berührt erachtet hätte, daß er es für seine Pflicht halte, darzuthun, daß er allerdings dabei unter dem Ein⸗ druck gestanden habe, als ob Pascoesches Gelände für die Viehmarktszwecke in Betracht komme. Stadtv. Grünewald: Wenn Dr. Gutfleisch dem Oberbürger⸗ meister zustimme und keinen Irrtum eingestehen wolle, so wundere ihn das nicht; er könne aus der Angelegenheit den Schluß ziehen, daß man die thatsächlichen Grund⸗ lagen der Angriffe, die jeweils gegen ihn erhoben würden, mit großer Vorsicht prüfen müsse. Der Oberbürgermeister weist es entschieden zurück, daß gegen den Stadtv. Grüne⸗ wald jemals Angriffe gerichtet gewesen seien.— Damit
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Zudem mußten sie auch bald genug erkennen, daß er nicht nur den redlichen Willen besaß, der Gefahr des Augenblicks zu begegnen, sondern auch die dazu erforderlichen Fähigkeiten. Was er ver— langte, stellte viel höhere Anforderungen an die Kräfte und den Eifer der Arbeitenden, als die Weisungen Rodewalds und des Bürgermeisters es gethan hatten; aber es war unverkennbar auch viel zweckmäßiger und versprach ungleich größeren Erfolg. Darum spannten die Leute ihre Muskeln zur äußersten Austrengung an und verrichteten ohne Murren, was der Fremde von ihnen heischte.
Für Bernhard Milow aber gab es in diesen Stunden des Kampfes keinen anderen Gedanken und keine andere Empfindung, als das Bewußtsein der verantwortungsvollen Pflicht, welche er da auf seine Schultern genommen hatte. Vor einer Viertel— stunde erst war er angekommen, und er hatte kaum einen raschen Blick auf die irdische Hülle seines toten Vaters geworfen, um auf die Kunde von dem drohenden Unheil ohne Verzug in seinen Reise— kleidern auf den gefährdeten Posten zu eilen. Nun ging er ganz und rückhaltlos in seine große Auf— gabe auf. All' seine Sehnen spannten sich, und seine Augen blitzten. Wo es not that, legte er selber Hand an und die arbeitsgewöhnten Männer erstaunten über seine stählerne Kraft. Aber bei der Sorge um das Einzelne ging ihm doch niemals der Ueberblick über das Ganze verloren. Zuweilen war es, als verfüge er über die Fähigkeit, an zehn ver schiedenen Stellen zugleich zu sein.
neues Vertrauen entgegen.
Fortsetzung folgt.)
Anwendung finde und daß sei nach seiner Meinung nicht


