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Gießen, Freitag, den 11. Dezember

1896.

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Posiztg. Nr. 3239a. Telephon⸗Nr. 112.

Redaktion:

Ausgabe

Gießen.

Postztg. Nr. 3239a. Telephon⸗Nr. 112.

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Kreuzplatz Nr. 4.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn⸗ und Feiertagen. Preis der Auzeigen: 10 Pfg. für die Ispaltige Petitzeile.

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Expedition: 2

Kreuzplatz Nr. 4.

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ales und Provinzielles. Ich. Gießen, 10. Dez.(Ortskranken ise Gießen.) Wie wir schon in einer Airer letzten Nummern berichteten, findet die für die Vertreter der Arbeitgeber und geitnehmer zur Generalversammlung am Fenstag, den 15. Dezember d. J., nach⸗ Altags von 4 bis 8 Uhr, im Saale des Lenz⸗ n Felsenkellers statt. Ergänzend fügen noch hinzu, daß laut Beschluß des Vor⸗ sudes die Wahl in der Weise vorgenommen d, daß jedes wahlberechtigte Mitglied seinen smmzettel an die ernannte Wahlkommisston oben genannten Lokale abgiebt. Stimmzettel Ii beide Telle sind vorher bei Herru Rechner gidt, sowie am Wahltage im Wahllokale er⸗ Altlich. Sämtliche Mitglieder der Kasse, che volljährig sind, sind wahlberechtigt, und det die Wahl der Arbeitgeber und Arbeit⸗ mer getrennt statt. Die Arbeitgeber wählen 4 und die Arbeitnehmer 98 Vertreter. Jedes ahlberechtigte Mitglied übe am genannten Tage In Stimmrecht aus, und empfiehlt es sich, N 1 0 solche Personen zu wählen, welche hier ate sind, und von denen man annehmen n, daß sie ihrer Pflicht als Vertreter voll

id ganz nachkommen. Gießen, 10. Dez.(Stadttheater.) uf das morgen Freitag den 11. d. Mts. hier itfindende Gastspiel des Fräulein Cela urtei vom Frankfurter Stadttheater

hiermit nochmals empfehlend hingewiesen. Gießen, 9. Dez. Fahrendes Volk, gie man es heutzutage noch selten zu sehen be bmmt, ließ sich gestern Vormittag vor Jung und Alt auf der Ostanlage sehen: Ein Mann

git der Trommel, die er ab und zu rührte, ein

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1 Herrengar und Ausbesth 1 Preisen, 30 Nen Bir

J leiner Italiano, der das Einsammeln der Münze besorgte, ein mit einem Gäulchen be⸗ ö 5 Affenkäfig auf Rädern, mit/ Dutzend Jusassen, 1 Ziege, 1 Kameel, 1 Esel und ein Bonny, sie alle ließen auf offener Straße ihre flünste sehen, zum Jubel der zahlreichen Kinder,

die einen Kreis um die Gruppe bildeten.

Wenige Schritte davon, in dem im Justizgebäude

1 Treppe hoch belegenen Strafkammersaal pro⸗ buzierte sich etwa eine halbe Stunde später auch in Künstler und erregte während der Verhand⸗ lungen nicht nur bei den zufällig im Zuhörer⸗

kaum Anwesenden schallende Heiterkeit, sondern

die sonst so ernsten Richter, der Sekretär, der

Staatsanwalt selber, der gegen diesen Künstler die Anklage vertrat, sie alle lachten, sie lachten, bis die Beweisaufnahme beendet war. Eugen Traber, ohne festen Wohnsitz, z. Zt. in Unter⸗ suchungshaft, giebt an, er sei Bauchredner, Zauberer, Schwarzkünstler und Jongleur. Seine Kunst sei kein Schwindel, keine Hexerei, sondern

ganz reelle Schnelligteit. Er ist beschuldigt, in

derschiedenen Wirtschaften jungen 1820jährigen Leuten, von der Sorte, welche nie alle werden,

im Kümmelblättchen das Geld abgenommen zu

haben. Staatsanwalt Zimmermann hatte, damit auch der Gerichtshof sich an der Kunst des An⸗ geklagten verlustieren sollte, ein Spiel Karten zur Stelle und nun zeigte der Zauberer auf dem Gerichtstisch, wie er die Gimpel gefangen. Er legte die drei Karten ganz regelrecht und bat

den Vorsitzenden zu raten wo Pique- liege. Ich würde sagen diese Karte und richtig der Herr Vorsitzende hatte recht. So hatte der An⸗ geklagte auch die Gimpel gefangen, so lange es ohne Einsatz ging nur so zum Spaß hatten dieselben die Lage der Karten genau bestimmen können, sobald sie aber eine Mark setzten, klappte die Sache nicht und ihr Geld war futsch. Den Gerupften war die Sache heute noch unbegreiflich und mit einem komischen Ernst, über den selbst der Angeklagte lachen mußte, schilderten sie dem Gerichtshof ihr sonderbares Pech. Der Ange⸗ klagte wurde wegen verbotenen Glücksspiels in idealer Konkurrenz mit Betrug zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt.

Bad Nauheim, 10. Dezember. In der gestrigen Sitzung des Gemeinderats, dem auch der Vorstand der Badedirektion beiwohute, wurde beschlossen, die 50jährige Jubi⸗ läumsfeier desgroßen Sprudels am 22. Dezember in würdigster Weise durch einen Fackelzug und ein Bankett am Abend vorher, sowie einen Gottes dienst am Festtag zu begehen. Eine aus fünf Herren bestehende Kommission wurde gewählt, welche die Aufgabe hat, sich mit den Vereinen zur gemeinsamen Abhaltung des Festes in Verbindung zu setzen. Auch soll die Festzeitung, die am Jubiläumstage heraus- gegeben wird, an Aerzte des In⸗ und Aus⸗ landes verschickt werden. Schon seit Wochen giebt sich ein reges Interesse für die seltene Feier kund.

* Friedberg, 9. Dezember. Die hiesigen Bäckermeister hatten sich geeinigt, nur für solche Leute Kuchen zu backen, die bei ihnen den Mehlbedarf decken. Sie hatten die Rechnung aber ohne die Konkurrenz der Genossenschafts bäckerei im nahen Fauerbach gemacht, die fast stündliche Abfuhren nach Friedberg veranstaltet, ohne Anspruch auf den Mehlverkauf zu erheben. Weiter ist, wie dieKl. Pr. meldet, beabsich tigt, hier am Platze Backöfen zu mieten, und so den Bäckermeistern direkt ein Paroli zu bieten.

* Mainz, 9. Dezember. Zwischen der süd⸗ deutschen Eisenbahngesellschaft und der städtischen Verwaltung schweben soeben Unterhand⸗ lungen wegen Umwandlung des seitherigen Straßen- und Nebenbahnbetriebs in einen elektrischen Betrieb; die Verhand- lungen sollen so beschleunigt werden, daß mit den elektrischen Betriebsanlagen im Frühjahr be⸗ gonnen werden kann.

Schwurgericht. W. Gießen, 9. Dezember. (Fortsetzung.)

Der Angeklagte bestreitet, einen Meineid geleistet zu haben. Er ist am 28. Oktober 1861 geboren und un⸗ bestraft.

Der Thatbestand der Anklage ergiebt das Folgende: Am 21. Ottober 1894 sagte auf der Kirchweih zu Ober⸗ Gleen der Metzger Siegfried zu dem Briefträger Wahl aus Kirdorf:Du hast mir 22 Mark gestohlen. Sieg⸗ fried wird hierauf von Wahl im Privatklageweg wegen Beleidigung verklagt und vom Amtsgericht Homberg zu 30 Mark Geldstrafe verurteilt. Am Tage der Urteils⸗ verkündung beleidigte Siegfried den Wahl von neuem, und es kommt zu einer weiteren Beleidigungsklage, welche

aber vom Kläger zurückgenommen wird, nachdem der Be⸗ leidiger eine öffentliche Ehrenerklärung erlassen hatte. In der Erbitterung der üblen Nachreden des Siegfried be⸗ leidigte der Briefträger Wahl den Siegfried, der hierauf jenen verklagt, sodaß Wahl vom Schöffengericht Homberg zu 5 Mark Geldstrafe verurteilt wurde. Der Verurteilte vermutete, daß hinter diesem Prozeß der Landwirt Georg Ludwig Pauli II von Kitdotf steckte, von dem er wußte, er sei Siegfrieds bester Freund(Wahl hatte nämlich in seiner Eigenschaft als Landbriefträger sein Perd nicht, wie der Amtsvorgänger, von Pauli II entliehen, sondern hielt sich ein eigenes Pferd). Nun hörte er von einem gewissen Konrad Meß, der Landwirt Eckstein habe ihm mitgeteilt, er habe an Pauli II dafür, daß ihm die Bullenhaltung zu Kirdorf übertragen wurde, eine Vergütung von 200 Mark bezahlen müssen. Wahl beleidigte hierauf den Pauli II in öffentlicher Wirtschaft und nannte ihn u. A. einen schlechten Gemeinderat. Von Pauli II verklagt, will der Briefträger Wahl den Beweis der Wahrheit des Gesagten führen und läßt den Eckstein II als Zeugen laden. Hier sei nun erwähnt, daß Eckstein II und Pauli II in den Jahren 1885 bis 1894 bei der Ver⸗ gebung der Bullenhaltung die einzigen Reflektanten in Kirdorf waren. Bis zum Juli 1885 hatte Pauli II den Gemeindebullen gegen ein Entgeld von jährlich 800 Mark zu unterhalten übernommen. Bei der Vergebung im Jahre 1895 boten sich die beiden konkurrierenden Parteien bis auf 595 Mark für die weitere Haltung von drei Gemeindebullen herunter. Eckstein II, der heutige Angeklagte, erhielt für diese Summe den Zuschlag, und wurde somit Bullenhalter der Gemeinde Kirdorf. Im Februar 1888 brannte dem Pauli II eine Scheuer nebst Futtervorräten, sowie ein Teil eines Stalles ab, wodurch er vorübergehend wenigstens außer Stand gesetzt war, die Bullenhaltung weiter führen zu können. Es fehlte ihm an Platz und Futter für die Tiere. Pauli II war des⸗ halb gezwungen, wegen der Bullenhaltung mit der außer ihm allein in Betracht kommenden Person, nämlich Eck⸗ stein II, zu unterhandeln. Da trat Herz Löwenstein in Aktion. Dieser mußte bei seinem guten Bekannten an⸗ fragen, ob er Eckstein die Bullen nicht übernehmen wolle. Dieser erklärte sich unter der Bedingung bereit, daß Pauli II ihn bei der demnächst, im Juli 1888, stattfindenden neuen Versteigerung der Bullenhaltung nicht unterbiete. Löwenstein soll nun den Pauli II von dem Resultat seiner Vermittlung Kenntnis gegeben haben, jedoch sei auf deren Basis keine Einigung erzielt worden. Die Parteien sollen sich vielmehr ohne den Vermittler dahin geeinigt haben, daß Eckstein die Bullenhaltung unter den gleichen Bedingungen wie Pauli II mit Wirkung vom 17. Februar 1888 übernehmen, das Entgelt für die Zeit vom 25. Januar bis 25. Juli 1888, also bis zum Schluß der Vertragszeit des Pauli vereinnahmen und als Entschädigung dem Letzteren zwei Bullen zum Preise von 600 Mark abkaufen solle. Diese Bullengeschichte wurde immer komplizierter, es kam zu Streitigkeiten und schließ⸗ lich zum Prozessieren. Der Angeklagte soll dann am 4. Februar 1896 vor dem Schöffengericht in Homberg einen wissentlichen Meineid geleistet haben, dessent⸗ wegen er sich heute zu verantworten hat.

Neueste Telegramme.

* Berlin, 10. Dez. Regierungsrat Dr. Bumüller, der Attaché des Majors Wißmann, ist aus dem Kolonialdlenst ausgetreten und beabsichtigt, in Berlin ständig Wohnung zu nehmen.

Hd. Paris, 10. Dez. Gestern Abend brach in einem Zimmerhofe zu St. Denis Feuer aus. Der Schaden beträgt eine halbe Million Franks. Mehrere Personeuunfälle sind zu ver- zeichnen.

Hd. Paris, 10. Dezember. Der Marine⸗ Minister hat eine untersuchung an⸗ geordnet behufs Feststellung der Seeun⸗ fälle, welche sich während des letzten großen Sturmes ereignet haben. Aus Nantes wird der Verlust von sechs Fischerbooten und zwei Küsten⸗ wächtern gemeldet. 12 Fahrzeuge haben Havarie erlitten. Aus Havre wird der Verlust von vier Fahr⸗ zeugen gemeldet; sechs sind beschädigt. Ein Schiffsjunge ist ertrunken. Zu Calais wurde ein Fischerboot an die Küste geworfen und zertrümmert. Zu Quimper sind 24 Fahrzeuge verloren gegangen und 12 beschädigt. Drei Einwohner von Quimper sind er⸗ trunken. Aus Saint⸗Lazaire wird der Verlust von zwei Schiffen ge⸗ meldet; von einem dritten ist die Be⸗ satzung verschwun den.

Paris, 10. Dez. In einer gestern statt⸗ gefundenen Konferenz zwischen dem Präsi⸗ denten des Ministerrats, dem Marine⸗ Minister und dem Präsidenten der Bud⸗ getkommission wurde die Ausdehnung der französischen Marine-Ausrüstung diskutiert.

Hd. Brüssel, 10. Dez. DemSoir zu⸗ folge soll die Regierung entschlossen sein, den Gesetzentwurf bezüglich der Reorganisation der Bürgergarde im Monat Februar in der Kammer zur Diskussion zu bringen. Der Ent⸗ wurf soll zahlreiche Gegner unter den Re⸗ gierungs-Anhängern und besonders unter den Abgeordneten der Provinz Antwerpen haben. Nach der Versicherung eines Abgeordneten darf die Regierung auf eine Majorität in der Kammer bezüglich des Gesetzes auf Seiten der Rechten nicht zählen.

Hd. Belgrad, 10. Dezember. In Jagodina fanden in der letzten Zeit wiederholt starke Erdstöße statt. Der direkte Bahn⸗Verkehr nach Konstantinopel ist wegen starker Schneefälle unterbrochen.

Hd. Madrid, 10. Dezember. Ju politischen Kreisen ist man der Ansicht, daß der Aufst and auf Cuba bis zum Frühjahr vollstäudig niedergeworfen sein wird.

Privattelegramme derHessischen Landesztg.

Bremen, 10. Dez., 3 Uhr uchm. Der Norddeutsche Lloyd erhielt aus Coruna die Mitteilung, es herrsche daselbst die Befürchtung, daß der nach Laplata bestimmte, am 7. Dezember von Coruna nach Villa⸗ garcia abgegangene Dampfer Salier, mit 200 Passagieren an Bord, infolge eines schweren Or⸗ kans an der Küste verunglückt sei. Nähere Angaben fehlen noch.

Verleger: Paul Bader in Marburg, Verantw. Redak⸗ teur: Wilhelm Sell, Drucl von E. Ottmann, beide in Gieben.

Mächte der Finsternis.

Roman von Helmuth Wolfhardt. Olachdruck verboten.) (Fortsetzung.) n g

Rodewalds schreckliche Vermutung hatte ihn nicht betrogen. Auch ohne den hellen Laternenschein würde er jetzt, wo er sich über den leblosen Körper hinab⸗ geneigt, sein unglückliches Kind erkannt haben. Ju⸗ sofern wenigstens hatte sich das grausame Geschick barmherzig erwiesen, daß es das Autlitz der Toten weder durch irgend eine gräßliche Verletzung noch durch einen Ausdruck des Kampfes entstellt hatte. Das schmale, marmorweiße Gesicht der etwa sechs; zehnjährigen jungen Dame war so ruhig und friedlich, als hätten sich ihre Augen nur zu sauftem Schlummer geschlosseu. Das schreckliche Ereignis mußte so unerwartet über sie hereingebrochen und ihr junges Leben, das wohl ohuedies nur mit schwachem Flämmchen gebrannt hatte, mußle le plötzlich erloschen sein, daß Eutsetzen und Todes- angst sich ihrer nicht erst hatten bemächtigen können. Es war begreiflich genug, wenn der bejammerus⸗ werte Vater trotz der Eilstälte der schmalen Hand, welche er in die seinige nahm, und der bleichen Lippen, die er mit seinen Küssen bedeckte, bei diesem friedvollen Anblick noch 1 5 das Aeußerste, urchtbarste zu glauben vermochte.* 8 ele in nicht tot Ihr seht doch, daß sie nicht tot ist! wiederholte er einmal über das

andere, und erst als einer der herbeigerufenen Aerzte in sanften, schonenden Worten die traurige That⸗ sache bestätigte und den an der Bahre seines Kindes knieenden Vater bat, sich mit männlicher Fassung in das Unabänderliche zu fügen, sank der hoffnungsvolle Zweifel des armen Mannes in Trümmer.

Es schien fast, als sei ihm zugleich mit der Ge⸗ wißheit auch der Mut gekommen, sie zu tragen. Er richtete sich auf und sagte zu den Mannern, die ihn umstanden, in einem rauhen, befehlenden Tone:

Dies ist meine Tochter, und ich werde nicht dulden, daß man sie dort in den Wagen zu den Andern legt! Keiner soll wagen, sie mir zu eut reißen.

Verlegen sahen sich die Leute an. Niemand hatte den Mut, zu diesem unglücklichen Vater von der Unerfüllbarkeit seines Verlangens zu sprechen. Da kam raschen Schrittes noch ein Anderer heran, dessen Erscheinen sie dieser traurigen Notwendigkeit überhob.

O Herr, so ist es also doch geschehen! rief der alte Kutscher, als er seinen Gebieter mit starrem, schmerzdurchfurchteu Gesicht neben der Leiche stehen sah. Er hielt die Mütze in den gefalteten Händen, und seine Uppen bewegten sich, als sprächen sie für das Seelenheil der Toten ein lautloses Gebet. Rodewald aber machte einen Schritt auf ihn zu und ergriff ihn am Arme.

Wir müssen sie heimbringen, Christian, sie darf hier nicht länger bleiben. Hilf mir, sie zum Wagen zu tragen, denn Niemand soll sie berühren, als Du und ich!

Mit trauriger Miene schüttelte der treue Diener den Kopf.

Es geht nicht, Herr. In dieser Nacht wenigstens geht es nicht mehr. Die Braunen sind vollständig abgetrieben nicht eine Viertelstunde weit würden wir mit ihnen kommen. Der Peter lahmt so arg, daß ich den Wagen mitten im Felowege stehen lassen mußte, weil er nicht mehr weiter zu bringen war.

Die einfache Erklarung aus dem Munde seines Kutschers wirkte überzeugender auf Rodewald ein, als es alle Vorstelluugen der Fremden vermocht hätten, und er fuhr nicht mehr zornig auf, als der Beamte, welcher ihn vorhin geführt hatte, in freundlich überredendem Tone sagte:

Wir erkennen die Berechtigung Ihrer Wünsche vollkommen an, mein Herr, aber Sie sehen selbst, daß es für den Augeablick unmöglich ist, denselben Erfüllung zu verschaffen. Ich erwarte indessen in jedem Augenblicke das Eintreffen eines zweiten Sonderzuges, mit welchen die beklagenswerten Opfer, sowelt sie bisher aufgefunden werden konnten, nach Hollingstadt zurückgebracht werden sollen. Viel⸗ leicht begleilen Sie in diesem Zuge die irdische Hülle Ihrer Tochter nach jener Stadt, um dann morgen

nach Ihrem Belieben weitere Bestimmungen zu treffen.

Der Gutsbesitzer antwortete nicht; aber sein Schweigen war wohl für eine Zustimmung zu nehmen. Und auf einen Wink des Beannten ver zichtete man darauf, ihn vor dem Eintreffen des er⸗ warteten Sonderzuges von der Leiche seines Kindes zu trennen. Die Träger gingen wieder zu ihrer raurigen Arbeit und ließen den gebrochenen Mann in der Gesellschaft seines alten Dieners bei der Bahre zurück, über die jetzt nur noch der halbver schleierte Mond seine gedämpften, geisterhaften Lichter warf,

Noch in derselben Viertelstunde tauchten die feurigen Augen des angekündigten Zuges in der Ferne auf. Die wackeren Männer, welche seit mehr als zwei Stunden an der Unglücksstätte thätig ge wesen waren, hatten sein Erscheinen inbrünstig er⸗ sehnt, denn ihre Kräfte waren nahezu erschöpft und sie bedurften dringend der Ablösung durch neue Hilfsmaunschaften. Der Wagen mit den Toten und den Verwundeten, denen man die ersten Not verbände angelegt hatte, wurden an die Lokomotive des zweiten Zuges angehängt, und innerhalb eines Zeitraumes von laum zehn Minuten war Alles zur Abfahrt bereit.

Einer der jetzt abgelösten Aerzte wollte eben den Zug besteigen, als er sich von einem hoch und schlant gewachsenen jungen Menschen angehalten sah.

(JFortsetzung folgt.)