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Mttiteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 4.

bringen wollten. Wird dieser Antrag zu⸗

nächst auch abgelehnt, so muß er in jeder

Session rechtzeitig erneuert werden, wozu

jedensalls größere Berechtigung vorhanden

ist, als für andere alljährlich wiederkehrende

Anträge. Kommt Zeit, kommt Rath.

Daß ein Sozialistengesetzchen auf ewige Dauer, das zugleich die Verbannung der Führer, Konfiskation der Parteilasse, Schlie⸗ ßung der Arbeitervereine, Beseitigung des Reichstagswahlrechts und andere schöne Sachen in sich schließen würde, ein Herzenswunsch der großkapitalisti chen Blutsauger ist, wissen wir ja längst. Ihre Wünsche dürften aber noch nicht in Erfüllung gehen. Vorläufig ist das Centrum noch nicht so weit heruntergekommen, daß es für ein neues Sozialistengesetz zu haben wäre. Und wenn die Ultramontanen einst in ihrem unaufhaltsamen Niedergang für die Apportirung eines Ausnahmegesetzes reif sind, dann wird hoffentlich ihre numerische Stärke und aus⸗ schlaggebende Stellung im Reichstage auch den Weg allen Fleisches gegangen sein. Aber wenn auch ein solches Knebelgesetz wieder über die deutsche Arbeiter⸗Klasse verhängt würde, die Sozialdemokratie ist gerüstet; sie würde sich mit solchen Vergewaltigungen ebenso leicht, noch viel leichter abfinden, als mit dem Bismarck'schen Nobilingsgesetz. Unsere hohen Menschlichkeitsideale triumphiren trotzdem in nicht allzuferner Zeit über Ausbeutungswuth, frömmelnde Heuchelei, Unterdrückungssucht der Kapitals protzen.

DieNoth der Landwirthschaft

die in dem Liebesgaben⸗Geheul der Agrarier eine so große Rolle spielt, erfährt durch die preußischen Steuerergebnisse eine eigen⸗ artige Beleuchtung. Die dem preußischen Ab⸗ geordnetenhause zugegangene Uebersicht der Ein⸗ kommensteuerveranlagung für 1900 zeigt eine stetige Zunahme des Einkommens auf dem platten Lande.

Die Gesammtzahl der Zensiten, d. h. der jenigen physischen Personen, die ein Einkommen von über 900 Mark haben, deshalb steuer pflichtig sind, ist, seitdem das neue Einkommen⸗ steuergesetz eine genaue Statistik ermöglicht, also seit 1892, auch auf dem platten Lende von Jahr zu Jahr gewachsen, und zwar von 5,68 Prozent der Bevölkerung im Jahre 1892 auf 6,86 im Jahre 1900. Auch die veranlagte Einkommensteuer auf dem platten Lande hat sich erhöht von 30,47 Millionen Mark im Jahre 1892 auf 38,85 Millionen Mark im Jahre 1900. Die Steigerung ist namentlich in den beiden letzten Jahren sehr erheblich gewesen.

Das veranlagte Einkommen selbst be⸗ trug 1892 1851 Millionen Mark, 1900 2382 Millionen. Die Veranlagung von 1899 wies ein Mehr an Einkommen gegen das Vor⸗ jahr nach von 134 Mill. Mark, die neue Ver anlagung von 1900 ein Mehr von 157 Mill. Mark gegen 1899.

Wir wollen nu

f ollen neswegs behaupten, daß die Sreuerstatist

umabsoluter Gradmesser für die Vertheilung des Wohlstandes ist. Aber immerhin bed durch die Zahlen bewiesen, daß von einem Notystaude auf dem Lande keine Rede sein kann, wenigstens in den Kreisen nicht, die mit diesem Schlagwort Agitation treiben.

Nothleidende Bäckermeister.

In der Sitzung des Reichstags am 15. Jan. antwortete Genosse Bebe! auf die Ausführungen des Agraxiers Oeriel, der über dieBelästigungen und Nach sheile welche den Bäckermeistern durch die Bäckereiverordnung zugefügt würden, bewegliche Klagen angestimmt hatte. Dabei zitirte er ein von den biederen Meistern auf ihrem Bäckertage abgesungenes Lied, das folgen dermaßen lautet:

Die erste Regel muß es sein,

Das Brot gebacken zierlich klein.

Je kleiner's Brot, je größer dann Ist immer der Verdienst daran.

Bei wenig Mehl und kleinem Brot Leid nie ein Bäckermeister Noth.

Er mästet sich gar wohl und rund, Bis jeder wiegt 200 Pfund!

Die armen, durch die Verordnung ruinirten Bäcker meister!

Zum Kapitel: Handwerksrettung.

Der Niedergang des Handwerks und die Verdrängung des Kleinbetriebes durch den Großbetrieb wird sehr drastisch illustrirt durch eine Gegenüberstellung des Standes der ein⸗ zelnen Handwerkszweige im Jahre 1875 und 1900, die in Aachen borgenommen worden ist. Daraus ergiebt sich für den Stadtbezirk Aachen, daß im Jahre 1875 44 Brauexeten vor⸗ handen waren gegen nur noch 37 im Jahre 1900, ferner 44 Brennereien gegen 39 im Jahre 1900, 90 Drechsler gegen 14 im Jahre 1900, 65 Klempner gegen 33 im ver⸗ flossenen Jahre, 455 Schneider gegen 266 im Jahre 1900, 690 Schuster gegen 479 am Schlusse des abgelaufenen Jahrhunderts, 568 Schreiner gegen 290 im Jahre 1900. Alle angeführten Berufszweige zeigen also eine ganz 0 itende Abnahme der selbstständigen Betriebe. Dafür sind aber an Stelle der verschwundenen Kleinbetriebe der Schneier und Schreiner 72 Fabriken dieser Branchen und 41 Möbelhandlungen getrele; Die vorstehenden Ziffern sind der agrarischen Deutschen Tageszeitung entnommen, die natürlich auch nicht weiß, wie dem Hand werk zu seinemgoldenen Boden verholfen werden soll. Trotzdem aber die Entwickelung mit jedem Tage mehr zeigt, wie das Kapital das Handwerk vernichtet, die Großen die Kleinen auffressen, gehen die Mittelstands⸗ und Hand⸗ werksretter bei den Wahlen immer noch mit Befähigungsnachweis, Meisterprüfung, Arbeits⸗ buch und ähnlichen schönen Dingen krebsen, die den biederen Handwerksmeistern als Mittel zur Hebung des Kleinhandwerks angepriesen werden.

Die Königin Viktoria von England

ist am Dienstag Abend in Osborne(auf der Insel Wight im englischen Kanal) nach kurzem Krauksein in dem hohen Alter von 82 Jahren gestorben. Sie hatte den englischen Königs thron nicht weniger als 64 Jahre inne. Eine politische Bedeutung ist diesem Ereigniß nicht beizumessen, die englische Politik wird in gleicher Weise als bisher weitergeführt werden. Englands Verfassung räumt dem Monarchen wenig oder gar keinen Einfluß auf die Gestal⸗ tung der Politik ein, seine Befugnisse sind sehr eng umschrieben, er ist nach dieser Richtung hin fast absolut machtlos. Darum ist die verstor bene Königin ebeuso unschuldig au der groß⸗ artigen Entwickelung Englands auf allen Ge⸗ bieten während ihrer laugen Regierungszeit, als auch an den politischen Konflikten, dem Krimkrieg, dem Burenkrieg, der indischen Hun gersnoth und soustigem Unheilvollen, was man der englischen Politik oder Verwaltung zur Last legen muß. Dem Nachfolger Viktorias, ihrem Sohne, dem bisherigen Prinzen von Wales, sagt man nichts Gutes nach. Er spielte wohl eine Rolle auf Rennplätzen, in Halbwelts⸗ und Spielerkreisen er war sogar einst in einen Falschspielerprozeß verwickelt aber nie hat man gehört, daß er Verständniß für ernstere Fragen an den Tag legte oder sich irgendwie durch geistige Gaben auszeichnete. Als König wird er seinen bisherigen Gewohnheiten kaum entsagen, sondern sich weiter in der Rolle des Lebemanns gefallen.

Plünderungen der Kreuzzügler.

Trotz aller Ableugnungen dermaßgebenden Stellen und der offtziösen Presse stehlen und plündern die europäischen Kulturverbreiter in China doch ganz unglaublich. Natürlich die Deutschen nicht ausgenommen. Das beweist folgende Mittheilung derNiederrh. Volksztg. aus Duisburg:Viel Kopfzerbrechen machte der hiesigen Steuerbehörde eine kostbare Sen⸗ dung, welche ein hiesiger Händler von seinem als Seesoldat in China mitkämpfenden Sohne erhielt. Die Sendung bestand aus einer

Boxerjacke, einem seidenen Hofbedienten⸗ Anzug und einem prachtvollen Mantel einer chinesischen Hofdame.

Die beiden

letzteren Kleidungsstücke sind vollständig neu und stammen aus einem kaiserlichen Palaste in Peking. Insbesondere ist der Mantel ein Muster chinesischer Kunstferti keit in der Seiden⸗ branche. Er ist ganz aus bunter, feinster Seide hergestellt, mit kostbaren Stickereien versehen und mit echten Goldfäden durchwirkt. Der etwa einen halben Meter breite Saum setzt sich aus schweren seidenen Strängen zusammen. Das Zollamt wußte nicht recht, wie die Sen⸗ dung zu verzollen sei. Der Mantel wurde schließlich nach seinem Seiden⸗ und Goldwerth zu Mk. 1500 taxirt, die Livree zu Mk. 500. Im Ganzen waren Mk. 41.70 Zollgebühren zu entrichten. Der Empfänger der Sendung beabsichtigt, die höchst interessanten Kriegstro⸗ phäen hier öffentlich auszustellen. Wie kommt der Soldat zu diesen werthvollen Gegenständen? Gekauft hat er sie sicher nicht, soviel wird er von seiner Löhnung nicht ersparen können.

Typhus im deutschen Heere.

In letzter Zeit haben sich die Fälle von Typhuserkrankungen im Heere in höchst bedenklicher Weise gemehrt. Besonders von Straßburg und Coblenz wurden zahlreiche Fälle gemeldet. Jetzt sind bei dem Fußartillerieregi⸗ ment in Coblenz wiederum drei Typhuser⸗ krankungen vorgekommen; ein Kranker liegt hoffnungslos darnieder. Man geht wohl nicht fehl, wenn man das Auftreten der Krank⸗ heit, das natürlich auch die Civilbevölkerung gefährdet, auf die schlimmen hygienischen Zu⸗ stände in den Kasernen zurückführt.

Der hessische Landtag,

der auf den 26. ds. Mts. einberufen war, tritt

voraussichtlich erst Mitte Februar zusammen. Es sollen die Vorarbeiten noch nicht so weit gefördert sein, daß ausreichender Stoff für eine längere Tagung vorliegt.

Die hessischen Nationalliberalen.

Bei den politischen Windfahnen im Hessen⸗ lande gehls in auffälliger Weise den Krebsgang. Dem Beispiele des ehemaligen Parteiführers Osann, der sich vor etwa anderthalb Jahren vom politischen Leben zurückzog, und dem Partei- veteran Abg. Dr. Schröder, der sein Mandat vor wenigen Wochen niederlegte, folgte Osanns Erbe in der Führerschaft der Partei, Land tagsabgeordneter Schmeel, der aus plötzlich ein⸗ getretenenGesundheitsrücksichten sein Land⸗ tagsmandat niederlegte. Ferner ist der Abg. Schönberger aus der nationalliberalen Landtagsfraktion ausgetreten. Das letztere ist auscheinend wegen der Angriffe erfolgt, die der DarmstädterTägliche Anzeiger gegen die ländlichen Abgeordneten der nationalliberalen Partei richtete, weil dieselben es gewagt hatten, für die Anträge Ulrich betreffend Uebernahme der Volksschullasten auf den Staat zu stimmen, trotzdem sie dabei doch nur praktischen Erwä gungen folgten. So geht es mehr und mehr bergab. Die Nationalliberalen haben eben jeden Zusammenhang mit dem Volke, seinen Be dürfnissen, Wunschen und Forderungen ver⸗ loren und ihre Partei geht in dem allgemeinen reaktionären Brei unter. Gewisse Blätter, die unternnparteuscher Flagge uationalliberale Politik propagiren, dürften beim Volte damit wenig Glück haben. Nationalliberal wird in jeder Form abgelehnt!

Deutscher Reichstag.

Am Mittwoch 16. Januar setzte der Reichstag die Berathung der Anträge und Resolutionen zum Gle werbegerichtsgesetz: fort. Auf diesem Gebiete gehen selbst die mäßigen Forderungen der Freisinnigen und des Centrums der agrarischen Rechten zu weit, deren Redner, der Agrarier Oertel fürchterliche Witze über die Dienstboten riß und abgeschmackte Redensarten über das Frauenwahlrecht machte. Aber dieser Reaktionär ist noch ein sozialpolitisch vorgeschrittener Mann im Ver⸗ gleich zu dem Herrn v. Kardorff, der unter schallen⸗ der Heiterkeit der Linken von demrasenden Tempo der Sozialpolitik sprach, das Loblied seines geliebten Freundes von Stumm sang. Die Genossen Zubeil und Rosenow, welche noch einmal ausführlich unsere An⸗ träge begründeten, aber auch der Abgeordnete Rösicke⸗

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