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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 8

N

r CH e Unterhaltungs-Ceil.

Es hängt Gewicht sich an Gewicht.

Erzählung von Robert Schweichel. 4)(Fortsetzung)

Am nächsten Tage holte Wilm die Hab⸗ seligkeiten seines Vaters von Friedenau ab. Er fand sie vor dem Hause liegend, wohin sie auf Befehl des Gutsherrn geworfen worden. Das Haus war verschlossen. Die Nachbarn halfen ihm die Sachen aufladen und sprachen dabei ihre Entrüstung über die Behandlung seines Vaters aus.Schon gut, rief Wilm bitter,jetzt macht ihr die Faust im Sack. Es geschieht uns recht, daß wir schlechter als das Vieh behandelt werden; denn wir dulden es. Warum dulden wir's? Wär ich ein ehrloser kerl, dann hätt' ich meinen Quälgeist mit den Tressen am Rock nicht niedergeschlagen. Uns Ilft kein Recht, wenn wir uns nicht selbst helfen. Die Anderen seufzten und schwiegen. And wer bezahlt jetzt den Doktor und die edizin, daß mein Alter wieder auf die Beine lommt, wenn's noch möglich ist? fuhr Wilm mit noch größeren Erbitterung fort.Denn was er gestern hat aushalten müssen, das ist über seine Kraft gegangen, und ich kann keinen Doktor holen. Er hieb auf den mageren Gaul, den man ihm im Nachbardorfe gelichen hatte; eine von den Frauen aber hieß ihn noch warten und lief und brachte ihm etwas Mehl, eine Andere ein Stück Speck, eine Dritte einige Kartoffeln. Er dankte ihnen mit den Worten: Ja so weit sind wir jetzt, daß wir betteln müssen, und der dort er wies nach dem Herrenhause lebt wie der reiche Maun im Evangelium und sie Alle.

Das sei Gott geklagt, stöhnten seine Zu hörer, während er langsam wegfuhr, und dann meinte Diese und Jene, daß es mit ihm kein gutes Ende nehmen würde: es stände ihm im Gesicht.

Guste erschrak, als er das nächste Mal zu ihr kam, vor seiner finsteren Miene und seinen brennenden Augen; auch abgemagert war er. Die Kunde von den Vorgängen in Friedenau hatte sich rasch überall hin verbreitet und Guste hatte ihn mit banger Ungeduld erwartet, er aber war ungewöhnlich lange nicht heraufge⸗ kommen. Sie war so ergriffen, daß sie ihm in der Stube vor den Ihrigen weinend um den Hals fiel.Wein' nicht, wein' nicht! bat er mit unsicherer Stimme.Und Dein Vater? fragte sie, sich gewaltsam bezwingend.Ter rappelt sich sachte wieder auf, erwiderte er. Aber das andere Auge wird jetzt noch drauf gehen. Er llaͤgt, daß er alles wie im Nebel sieht. Guste schlug erschreckt die Hände zu⸗ sammen und die Anderen unterbrachen unwill⸗ kürlich ihre Arbeiten. Wilm sagte rauh:Na, das Mitleid macht's nicht anders. Er ging mit dem Mädchen in die Küche, um mit ihr allein zu reden.Du hast keine Arbeit ge⸗ unden? fragte sie zaghaft.Ja, erwiderte er, ohne daß seine Stimme sich aufgeheitert hätte,und ich tret' heut Nacht meine Stellung an. Ich geh' mit Tabak, oder was es sein mag, über die Grenze.

Mit den Paschern hast Du Dich einge lassen? Um Gotteswillen! wehklagte sie und er murrie:Der Mensch muß leben. Erst stoßen sie Einen in den Dreck und nachher soll er sauber sein. Aber ich vergelt's ihnen noch, so wahr ich Wilm heiße. Und darum bin ich gekommen, daß ich von Dir Abschied nehme, Guste! Mit gepreßter Stimme fuhr er fort: Heiraten können wir einander doch nimmer und so ist's am besten, daß ich Dir Dein Wort zurückgeb'. Es wird dann auch Keiner von

Dir sagen, wenn mir was geschieht, daß Du meine Braut bist.

Guste schrie laut auf. Sie wollte nicht frei sein, was auch geschehen möchte. Es würden wieder bessere Zeiten kommen und er dann red⸗ liche Arbeit finden. Sie weinte heiße Thränen. Wilm aber rief:So schlecht bin ich noch nicht, daß ich Dich in meinem Unglück festhalten sollte. An die bessere Zeit glaub' ich nicht, da müßt' eben Alles anders werden. Von seinem Ge⸗ fühl übermannt, nahm er sie in seine Arme, dankte ihr für ihre Liebe und küßte sie wieder und wieder. Gewaltsam riß er sich von ihr los; verzweifelt schrie sie ihm nach.

Er kehrte nicht um und sie sah ihn nicht wieder. Ein unsäglicher Jammer erfüllte das Herz der Armen. Aussprechen konnte sie ihn zu Niemand, denn die Ihrigen waren froh, daß das Verhältnis sich aufgelöst hatte. Sie wußte nicht, zu welchem Zwecke sie noch weiter leben sollte, nachdem der einzige Sonnenblick ihres Lebens erloschen war. Wie ihre jüngste Schwester, so hatte auch sie schon vor ihrem sechsten Jahre bei dem Schachtelmachen mit⸗ helfen müssen. Aus der Schule an die häus⸗ liche Arbeit bis zur späten Schlafensstunde, kein Spielen, kein Herumstreichen in den Bergen, keine Abwechselung, kein Vergnügen, sondern immer nur Arbeit, Arbeit, Arbeit, Tag für Tag, Jahr aus Jahr ein, und dabei kaum das Sattessen! Und das sollte nun immer so weiter gehen bis an ihr Ende! Es war eine fürchter⸗ liche Aussicht; dennoch sagte sie sich, daß sie vor der Zeit nicht ein Ende machen durfte. Entzog sie den Ihrigen ihre Hände, so konnten auch sie nicht mehr leben, wenn ein solches Dasein überhaupt ein Leben genannt werden durfte. Sie erinnerte sich, wie der Verdienst immer geringer und die Lebensführung schlechter geworden war. Schon seit Jahren hatte es kaum noch ein Stück Fleisch auf dem Tische gegeben. Morgens Zichorienwasser mit dünner Milch und einem Stückchen Brot, Mittags Kartoffeln und Abends Kas toffeln bei durch⸗ schnittlich 18 Stunden Arbeit.

Wir werden etwas länger arbeiten und etwas mehr hungern, äußerte Vater Thie⸗ mann, der Schachtel macher, mit einer Art Galgen⸗ humor, als im Lauf des Sommers die Ernte⸗ aussichten immer trüber wurden. Nun sollte er die Probe darauf machen. Zwar waren die Herbstkartoffeln von der befürchteten Krankheit verschont geblieben, allein die Ernte hat nur einen geringen Ertrag geliefert. Der Preis stieg von Tage zu Tage und das Brot wurde immer kleiner. Dazu setzte der Winter unge⸗ wöhnlich früh und mit außerordentlicher Strenge ein. Hohläugig schritt die Not durch das ganze Land und suchte mit besonderem Grimm die Gebirgsdörfer auf, deren Bewohner Hausin⸗ dustrie betrieben. Die kleinen Kinder und die schwachen Alten starben wie die Fliegen dahin. Thiemann verlor sein jüngstes Töchterlein. Die Kirchhöfe bevölkerten sich, die Häuser wur⸗ den leer und die Ueberlebenden glichen den Ge⸗ spenstern. Aus den Städten hörte man von Kartoffelrevolutionen und Erstürmung der Läckerläden, zu denen die verzweifelten Haus frauen und Mütter sich zusammenrotteten. Auch auf dem Lande trieb der Hunger die Leute zu Gewalttätigkeiten und in mancher Nacht rötete der Wiederschein brennender Scheunen den Himmel. Die Großgrundbe⸗ sitzer und Aufkäufer hielten mit ihren Vor⸗ raten zurück, weil ihnen der Preis noch nicht hoch genug war, wenigstens standen sie bei den Armen in diesem Verdacht. Der Inspektor von Friedenau wagte es eines Tages, dem Baron von Rönberg zur Erwägung zu geben, ob es nicht vielleicht geraten wäre, den Be⸗ trich der Brennerei einzusckränken und die Kartoffeln an die Armen abzulassen, sowie die roch vorhandenen Getreidevorräte auf den Markt zu werfen. Ihm mißfielen die Mienen der Törfler ringsum, und es war ihm berichtet worden, daß der junge Balk von Zeit zu Zeit in der Gegend auftauche. Der Varon schalt ihn einen Hosensuß und die winterlichen Ver⸗ gnügungen: Jagden, Spielpartien, Gastmähler, Bälle, gingen nach wie vor die Reihe um auf den Rittergütern.(Schluß folgt.)

Des Heils wunderbare Lehre.

Von Emile Zola. 47 0 Wir sind stolz auf unsere Bildung, aber in ch. kurt! Wirklichkeit sind wir kaum aus dem Zustand ö m der Barbarei heraus. In hundert Jahren 0 u. Fin werden unsere Nachkömmlinge uns und unsere 6 deutsch. Einrichtungen mit der gleichen Verachtung an⸗ sebknecht, sehen, mit welcher wir das Volk des Mittel⸗ hen in der! alters und die rückständige Chineserei betrachten. fd erausge Das ist kein geistreicher Widerspruch. Ich gaukle fal 0 aus 81 nicht vor der Oeffentlichkeit. 5 J o nun, Trotz unserer Selbstgerechtigkeit sammelt sich ir nicht an! die Menschheit bis jetzt erst in der Richtung ez Gall auf wirlliche Zwilisalon. Wir sind wie eine mae daß zusammengewebte Masse Larvenstoff, der aus 1 5 auf dem Dunkel herauskriecht als schleimiges Ge⸗ 15 bilde ol Licht entgegen, welches ihm Schwingen 1 1115 eben soll. 4 90 5 Nur einige wenige Männer haben sich vor⸗ 0 0 wärts gedrängt und stehen im vollen Sonnen-. 1. ls schein der Wahrheit. Der FJortschritt der aalen sch ih Masse geht so langsam, daß wir genug finden, 10 10

das uns mit Mutlosigkeit schlägt, uns, die wir des Lebens Mittagshöhe passiert haben. Wir müssen jetzt erkennen, daß nur wenige von uns und auch die nur wenig von den Veranderungen wahrnehmen, auf die wir gehofft und an denen wir geschafft haben.

Ualeugbar hat sich ein großer Fortschritt in materieller Wohlfahrt und Bequemlichkeit im neunzehnten Jahrhundert vollzogen aber das heißt doch nicht Zivilisation. Besseres Essen, schnellere Schiffe, Terephon und elektri⸗ sches Licht alles das sind mitwirkende Be⸗ standteile der menschlichen Entwicklung. Mittel zur Wohlfahrt sind sie, das ist wahr, aber keine Wohlfahrt. Hat das Telephon des Hungrigen Hunger gestillt?

Unser Gehirn ist noch unklar, unser privates

und öffentliches Leben begründet sich noch auf niederer verbitternder Unwissenheit. Die Ver⸗ nunft, die jetzt von Hunderten von Propheten in jedem Lande verkündigt wird, hat noch die größte Schwierigkeit, sich durch die dicken Falten der Vorurteile zu drängen, welche Personen und Einrichtungen umschweben. f

Die Uebel, unter denen wir leiden und die Uebel, welche wir verursachen, sind unzweifelhaft; in gewissem Maße vermindert worden, aber es scheint mir, als ob die meisten nur die Aeuße⸗ rungsformen und deu Namen verändert haben.

Es geschah einmal nicht so außerordent⸗ lich viele Menschengeschlechter zurück daß Mann und Weib in allen Landen von religiösen und anderen Inquisikoren gepeinigt wurden. Jetzt sind die meisten Lande, nach meiner An⸗ sicht, darüber hinausgewachsen. Aber sind die Zeitungen nicht noch voll von aufregenden Mitteilungen über Kinder, die von ihren Eltern gepeinigt werden, von Ehefrauen, die ein lebens⸗ langes Marterdasein erdulden, von Studenten, die ein rohes Vergnügen daran finden, begabte Kommilitonen auf die eine oder andere Weise zu plagen. Oder wißt Ihr, welche fürchterlichen Dinge noch vorgehen ich will nicht sagen in der Türkei oder in Sibirien sondern in den Gefängnissen und Irrenhäusern der vorge schrittensten Länder? 55

Es gab stcherlich Zeiten, in denen politischer und religiöser Fanatismus allen Fortschritt fesselten, die Wissenschaft auszulbschen suchten und die Männer der Wissenschaft auf dem Scheiterhaufen verbrannten. Wir sind ganz gewiß darüber hinausgekommen. Aber noch heute liegt Tolstoi im Bann der Kirche. Sie warfen mich in Bann schon vor ihm und ver⸗ flucht wurden die Protestanten und Katholiken Darwin, Huxley, Renan und die meisten Ver⸗ künder der Wahrheit der kommenden Tage. Ja, ich habe das direkt von einem hervorragen⸗ den amerikanischen Professor, daß sie in den meisten amerikanischen Universitäten nicht wagen

dürfen, ihre wirkliche Ueberzeugung über religiöse,

politische oder wirtschaftliche Fragen auszu⸗

sprechen, wenn nicht ihre Entlassung sofort fertig

sein soll. Das ist genau ebenso in England

und Deutschland. Auch in Frankreich wurde

einem der Genien des Zeitalters, dem Sozial⸗ demokraten Jean Jaurés, neulich die Er⸗

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