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8. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
Gießen, Sonntag, den 24. Februar 1901.
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Mebaktionsschluß Donnerstag Nachmittag 4 Uh
Abounementspreis: Mitteldeutsche
Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.
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Arbeiter, Genossen!
Arbeitet unablässig mit an der För⸗ derung der Sache des werkthätigen
olkes! Werbt neue Streiter zum Kampfe! Die Löhne werden herabgedrückt; un⸗ aufhörlich steigen die Lebensmittel im Preise! Gegen die Blutsauger-Politik der Krautjunker und Schlotbarone muß sich die Arbeiterschaft energisch zur Wehr setzen. Das beste Kampfmittel ist unsere Parteipresse; des⸗ halb werbt immer neue Abonnenten für die
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Hohe Getreidezölle oder blutige
Revolution.
M. V. Es wankt in dem so sehr gerühmten festen Gefüge der Monarchien im deutschen Staatengebilde, die blutige Revolution erhebt ihr Haupt und schwere, unheilvolle Schicksals⸗ schläge suchen das mächtige deutsche Reich heim, wenn— nun wenn es nicht gelingen sollte, die Getreidezölle derart zu erhöhen, daß die„notleidenden“ Agrarier vollauf befrie⸗ digt werden. Kein Geringerer als der Häupt⸗ ling der hessischen Antisemiten hat Obiges vorausgesagt und zwar in der Be ründung eines an die Zweite hessische Ständekammer gerichteten Antrages. Dieser von Herrn Reichs⸗ tags⸗ und Landtagsabgeordneten Köhler, Bürgermeister von Langsdorf, gestellte Antrag will, daß die zweite Kammer durch einen Be⸗ 5 95 die Regierung ersucht, ihre Bundesrats⸗
itglieder anzuweisen, gelegentlich der Handels⸗ vertrags⸗Verhandlungen für einen Minimalzoll von mindestens sieben Mark auf 100 Kgr. der vier Hauptgetreidearten zu stimmen.
In der Begründung dieser selbstsüchtigen Forderung wird ausgeführt, daß im Interesse des Großkapitals arbeitende in⸗ und auslän⸗ dische Journalisten und Politiker bestrebt seien, die verbündeten Regierungen ein zuschüchtern, die öffentliche Meinung zu fälschen und Städter wie Proletariat gegen die Bauern aufzuhetzen. Es sei daher heilige Pflicht jedes wahren Freundes des Volkes und des Vaterlandes, in dieser entscheidenden Zeit durch Stellungnahme zu den demnächst zur Verhand⸗ lung stehenden Handelsvertrags⸗Entwürfen über
Leben und Tod des deutschen Bauern⸗ standes und damit über Stehen und
Fallen der Monarchie, also über Frieden oder blutige Revolution zu entscheiden.
Was würde der Herr Bürgermeister von Langsdorf, was würden seine Freunde, die Agrarier sagen, wenn Sozialdemokraten bei Vorlage irgend welcher ausnahmegesetzlichen Bestimmungen gleiche oder ähnliche Drohungen anwendeten? Arme Sozzen, der ganze Justiz⸗ Apparat würde gegen solche„Hetzer“ in Be⸗ wegung gesetzt werden!— Doch Herr Köhler versucht der Welt weis zu machen, daß mög⸗ lichst teures Brot im Interesse Aller liege, denn er will, daß die deutschen Bundes⸗ fürsten im Allgemeinen und hier speziell der Großherzog darüber aufgeklärt werden, daß das werkthätige Volk in Stadt und Land und nicht etwa das Großkapital und dessen Träger die Fundamente des Staates bilden, natürlich in erster Linte der Bauern⸗ stan d. Den Fürsten,„die da stehen und fallen mit dem Bauernstand“, sei zugleich zur Er⸗ kenntnis zu bringen, daß der Bauernstand „weder ein Spielzeug für Riesen, wie der Dichter sagt, noch ein Versuchsobjekt für aller⸗ hand Staatskünstler sei.“
Weil das Großkapital und besonders der Großhandel die Regierungen auf Wege dränge, die zum Verderben führen, sei es Pflicht der Einzellandtage, auf Bundesrat und Reichs⸗ tag nachdrücklichst einzuwirken, daß so, wie seither der Bauernstand mißhandelt wurde, nicht fortgefahren werden dürfe. Im Reichstag führte infolge der Diätenlosigkeit neben dem Proletariat nur das Großkapital das Wort, während das wirkliche Volk(also der Bauernstand! Red.) wegen Mittellosigkeit nicht zur Geltung komme.
Herr Köhler, der sich anläßlich der An⸗ wesenheit der nunmehr unter der Haube be⸗ findlichen Königin Wilhelmine von Holland in König im Odenwald durch seinen schwulstigen Aufruf an die Bauern so unsterblich bla⸗ mierte, wird keinen Anspruch darauf echeben, daß er mit seinen Drohungen auch nur den geringsten Eindruck mache. Daß sein Antrag in der Zweiten Kammer trotzdem eine Majorität findet, steht bei der großen Zahl von landwirt⸗ schaftlichen Vertretern und der Gefolgschaft von ultramontanen und nationalliberalen Ab⸗ geordneten außer Zweifel.
Trotzdem dürfte sich die mündliche Begrün⸗ dung im Landtage durch den Langsdorfer Bürgermeister ziemlich heiter gestalten, wenn er die in seinem Antrage niedergelegten Ge⸗ danken weiter ausspinnt. Wie wir an anderer Stelle mitteilen, haben unsere Genossen einen Gegenantrag eingebracht, der die Regierung auffordert, im Bundesrat gegen jede Zoller⸗ höhung zu wirken.
Beide Anträge gelangen am 27. Febr., auf welchen Tag der Landtag wieder einberufen ist, zur Verhandlung.
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Liebermann v. Sonnenberg in antisemitischer Beleuchtung.
Seinem früheren Parteigenossen und Waffen⸗ bruder, dem allzeit streitbaren Kämpen des Antisemitismus, Abg. Liebermann von
Sonnenberg, sagt der Geschäftsführer der „Deutsch-sozialen Reformpartei“, Dr. Giese, recht unangenehme Dinge nach. Die„Deutsch⸗ soziale Reformpartei“ das sind die um Zimmer⸗ mann, zu denen auch die hessischen Antise⸗ miten gehören. In einer Schrift behandelt Dr. Giese die Vorgeschichte der Zer⸗ würfnisse zwischen den alten Deutsch-Sozialen und Reformern, die schließlich zur Spaltung der Partei im vorigen Jahre geführt haben. Dr. Giese schildert des Abg. Liebermann v. Sonnenberg unbeschreibliche Hilfslosigkeit bei jeder sachlichen Debatte.„Selbst die That⸗ sachen, die nur kurze Zeit zurückliegen, und an denen er selbst beteiligt gewesen ist, beherrscht er so wenig, daß sie in seiner Darstellung stets in seinen augenblicklichen Bedürfnissen, aber nicht oft der Wirklichkeit entsprechendes Aus⸗ sehen bekommen, und sein mangelhaft entwick⸗ elter Sinn für das objektive Wahre ist die Ursache mancher Zusammenstöße zwischen ihm und mir gewesen.“ An anderer Stelle erzählt Giese den Streit v. Sonnenbergs mit Bindewald, der in einem Gedicht der Anti⸗ semitischen Korrespondenz später, wie erinnerlich, als„Hans Pinsel“ verspottet wurde,„daß Herr v. Liebermann sogleich im Sitzungssaal eine Auseinandersetzung mit Herrn Bindewald vornahm, in der er sich schließlich zu den sehr laut herausgestoßenen Worten hinreißen ließ: „Nun, wenn Sie nicht austreten wollen, so werden wir Sie hinauswerfen.“ Giese erzählt weiter, daß Liebermann v. Sonnenberg als Ehrenmitglied des Vereins deutscher Stu⸗ denten gestrichen worden ist. Ueber das jetzige Verhältnis zwischen den beiden antisemitischen Richtungen sagt Giese:„So sehr ich um der antisemitischen Sache willen die eingetretene Spaltung auch bedauere, persönlich empfinde ich es als eine Erleichterung, daß ich die Ur⸗ heber all dieser Verdrehungen, Uebertreibungen, Unwahrheiten und Gehässigkeiten nicht mehr Parteigenossen zu nennen brauche.“
Taugen aber die um Giese und Zimmer⸗ mann mehr? Vielleicht noch weniger. Dr. Böckel kann sich nicht von dem Vorwurf reinigen— für einen Antisemiten ist das ein Vorwurf— daß er jüdischen Berichterstattern gegen Bezahlung Berichte lieferte; dem Abg. Werner wird das Gleiche nachgesagt; Hir— schel erklärt vor Gericht seine früheren, feier— lichen Behauptungen für unwahr und so weiter!
Man sieht, auch mit der andern Seite ist kein Staat zu machen. Und diese Gesellschaft, deren„hervorragenden“ Mitgliedern man mit Recht den Vorwurf der Gesinnungslum⸗ perei machen kann, will andern Leuten Moral predigen!
Ein Muster⸗Volksvertreter.
Zuweilen mag es vorkommen, daß sich das Volk bei den Wahlen vergreift und Männer als seine Vertreter in das Parlament entsendet, die nach keiner Richtung hin über genügend Kenntnisse, Fähigkeiten und Wissen verfügen, um ihren Platz auszufüllen, die Interessen des Volkes wahrnehmen zu können. Fälle dieser


