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Nr. 25. Gießen, Sonntag, den 23. Juni 1901. 8. Jahrg. Redaktion: Nedaktionsschluf: Kirchenplatz 11, Schloßgasse. Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.

Abounementspreis:

Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark.

Bestellungen nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Expedition in Gießen, Sonnenstraße 25, die Druckerei Ludwigstr. 30; jede Postanstalt und

Juserate

finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4814) 33 ¼%% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt.

Bei mindestens

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Pflicht

für jeden Denkenden, besonders aber für jeden Angehörigen der Arbeiterschaft ist es, sich den öffentlichen und politischen Angelegenheiten nicht gleichgültig gegenüberzustellen, sondern unab⸗ lässig mitzuarbeiten, damit die großartigen J werden.

Wer an diesem hohen Ziele mitarbeiten will, muß in erster Linie den Einfluß der Arbeiterklasse zu vermehren trachten.

Das geschieht, indem er für größte Ver⸗ breitung der sozialdemokratischen Presse sorgt. Je mehr diese verbreitet ist, um so größer ist ihre Wirkung und um so mehr können die Interessen der Minderbemittelten und Besttz⸗ losen zur Geltung in der Oeffentlichkeit und der Gesetzgebung gelangen.

Für die Volksinteressen stets redlich einge⸗ treten zu sein, darf die Mitteldeutsche Sonntags-Zeitung, das einzige sozialdemokratische Organ Ober⸗ hessens, von sich behaupten.

Ein jeder Freund unserer Sache muß des⸗ halb ein Agitator für die Mitteldeutsche Sonn⸗ tags⸗Zeitung sein. Kein Arbeiter darf ein Blatt durch Abonnement unterstützen, das seine Interessen mit Füßen tritt, seine Partei ver⸗ leumdet und verhöhnt!

Die Mitteldenische Sonntags⸗Zeitung kostet nur 75 Pfennige das Vierteljahr, monatlich 25 Pfennig bei allen Postan⸗ stalten und Spediteuren.

Kulturverbreiter inChina.

Der französische Oberleutnant der Marine und Schriftsteller Pierre Loti wurde in einer militärischen Misfion von Taku nach Peking gesandt. Was er auf dieser Fahrt sah, schildert er anschaulich.

Die Welt am Montag schickt dem Ab⸗ druck von Pierre Lotis Schilderung die viel⸗ sagende Bemerkung voran:Es wird frag⸗ lich bleiben, ob wir jemals die volle Wahrheit über die Führung der europäischen Truppen in dem okkupierten Lande erfahren werden. Darum sei, so sagt das Blatt weiter, der Bericht Pierre Lotis vondoppeltem Ju⸗ teresse.

Das Blatt bezweifelt also nicht, daß Pierre Loti die Wahrheit schreibt. Wir entnehmen der von ihm gebrachten Uebersetzung das Folgende:

Von Taku sagt Pierre Loti, nachdem er die zerschossenen Forts geschildert hat:

Wir fahren weiter den Fluß hinauf, der ein schlammiges und verpestetes Wasser führt, in welchem Leichname von Menschen und Kadaver von Tieren, beide mit kolossal aufgetriebenen Bäuchen, schwimmen. Und die beiden entsetzlichen Ufer zeigen uns im Scheine der Abendsonne ein schauerliches Bild der Verwüstung; nichts als Ruinen, Einstürze, halbverkohltes Trümmerwer k.

Eine kleine Gasse im Zentrum, die in der Eile mit Kotziegeln, mit Fachwerk und Blech wieder aufgebaut wurde, ist fast ganz von unheimlichen Wirtslokalen ein⸗ genommen. Mischlinge aller Rassen, die der Himmel weiß, woher gekommen sind, verkaufen den Soldaten hier Absynth, gesalzene Fische und tötliche Liqueure.

Man betäubt sich hier, und dann pflegt das Messer zu spielen.

Außer diesem improvisierten Teil existiert von Taku nichts mehr. Nichts als Trümmerwerk von Mauern, verkohlte Dächer, Aschenhaufen und daun Kloaken gräß⸗ licher Art, in welchen in entsetzlicher Gemeinschaft Lumpen, verendete Hunde und menschliche Schädel mit den Haaren liegen.

Von der e die er zwischen Taku und Tientsin sah, sagt der Offizier:

Eine zweistündige Fahrt durch ein Feld, in welchem man nichts als Trümmer und Leichen sah. Die überall zerstörten Bahnhöfe wurden von Kosaken bewacht. Man begegnet Waggons, die durch das Feuer verbrannt und verbogen sind. Man hält nirgends an, denn alle Dörfer und Städte auf dem Wege sind nur noch Trümmerhaufen.

Weiter kommt der Schriftsteller nach Tong⸗ Tschan und beschreibt den Anblick der unge⸗ heuren Stadt, die größer und bevölkerter als die meisten Hauptstädte gewesen sei.

Zur Stunde nichts als Ruinen und Trümmer. Was ich in dieser Stadt an Grauen vollem sah, übersteigt alle menschlichen Begriffe. Zuerst waren die Boxer hier, und dann hatte sie den ersten Stoß der Rache der verbündeten Truppen zu erdulden. In der Wut der ersten Rache über die chinesischen Grausamkeiten war kein Stein mehr auf dem anderen geblieben als die übrigen Truppen inkamen! die Ita⸗ liener, die Deutschen, die Truppen aus Oesterreich⸗Un⸗ garn, die Franzosen.

Begleitet von meiner Eskorte verließ ich das Sol⸗ datenquartier, um die Stadt zu besichtigen. Es war entsetzlich. Ich betrat eine Gasse, die sehr schön gewesen sein muß, nach den mit Bildhauerarbeit ge⸗ schmückten und vergoldeten Fassaden zu schließen. Hier befanden sich die Magazine der Porzellanfabriken von Kanton. Alles gähnend offen. Alles zertrümmert. Man wandelt auf kostbarem, in kleine Scher⸗ ben zerschlagenen Email, und unwillkürlich fragt man sich, wer sich die stundenlange Mühe genommen haben mag, all diese rei⸗ zenden Dinge mit Beil und Kolben zu zer⸗ trümmern. In einem Hofe, wo wir eindrangen, sah ich etwas Entsetzliches. Ein räudiger Hund zog etwas hinter einem Haufen zerbrochener Teller hervor; es war die Leiche eines kleinen Kindes mit geöffnetem Schädel, und der Hund ließ sich durch unsere Anwesenheit nicht stören und fraß von dem verwesten Fleische der kleinen Beine.

In diesen Häusern und Gärtchen, wo sich die rei⸗ zende Intimität des chinesischen Lebens noch in dem Arrangement der Blumenvasen, der Beete, der kleinen Lauben erkennen läßt, sieht man Dinge, die einem das Herz zerreißen. Hier liegt eine arme, kleine Puppe, die offenbar jenem Kinde dort gehörte, das mit gespaltenem Kopfe an der kleinen Treppe liegt. Es ist Alles zerrissen, zerbrochen, umhergestreut. Der Inhalt der Kästen und Schubladen liegt auf dem Boden umher, Papiere, Kleider mit großen, roten Blut⸗ flecken, kleine chinefische Damenschuhe mit Blut besudelt; dann Hände, Arme, abgeschnittene Köpfe, Haufen von Menschenhaaren. In einer Laube, die ganz von herrlich blühendem Volubilis eingesponnen war, lag der Leich⸗ nam einer Frau mit einem Bajonettstich in der Brust: in einem Hause, das offenbar einer sehr reichen Familie gehörte und wo die kostbaren Möbel fast unbeschädigt waren, stieß Osman auf etwas, das ihn mit einem Schrei des Entsetzens zurückschrecken mochte. Aus einem großen Schaffe ragten zwei Beine einer Frau heraus, an welchen sich der Unterkörper befand. Der Leib war spurlos ver⸗ schwunden; in unmittelbarer Nähe aber lag unter einem Fauteuil, neben einer verendeten Katze, ein schwar zer Klumpen, der Kopf der Getöteten, mit offenem Munde, schauerlich weißen Zähnen und langen Haaren.

In einem andern sehr eleganten Hause fand der Offizier zwei chinesische Frauen, die dem Gemetzel entgangen waren und sich ver⸗ borgen hielten. Sie warfen sich ihm wahnsinnig vor Schrecken, weinend und schreiend zu Füßen, indem sie ihn angstvoll anflehten:Verzeihung, meine Herren, thun Sie uns nichts zu leide; wir sind unschuldig. Er gab ihnen einige Geldstücke. Ferner berichtet Loti, daß ihm von einem Kameraden erzählt wurde, wie in Tientsin die Soldaten einer andern europäischen Nation, die er nicht nennen wolle, auf einem in der Nähe ihres Lagers befindlichen chinesi⸗ schen Friedhofe die Gräber öffneten, um nach dem Gelde zu suchen, das die Chinesen ihren Toten mit ins Grab geben!

Auf diese Art wurde Zivilisation in China verhreitet! Schlimmer als die Söldner und Marodeure, die im dreißigjährigen Kriege Deutschland verwüsteten, haben die Kulturver⸗ breiter in China gehaust. Den Horden Wallen⸗ steins, Tilly's und Gustav Adolfs steht aber vor dem Urteil der Geschichte als mildernd zur Seite, daß sie in einer ganz barbarischen Zeit lebten und daß der Krieg eben ein Menschenalter hindurch währte. Was aber soll man von der modernen Zivilisation halten, die dem verrohenden Einflusse des Krieges schon im Zeitraum von noch nicht einem Jahre voll⸗ ständig unterliegen konnte! Eine solche Zivili⸗ sation verdient ihren Namen nicht, und daß das uralte Kulturvolk der Chinesen jemals einer solchen Zivilisation sich beugen werde, das ist ganz ausgeschlossen.

Viele in der letzten Zeit veröffentlichte Hunnenbriefe werden von derpatriotischen Presse als Uebertreibungen, als Schwindel be⸗ zeichnet. Wir hielten es für angebracht, die Aeußerungen eines Mannes, dessen Objektivität von niemand angezweifelt wird, wiederzugeben. Sollten aber nur die andern Nationen diese Hunnenthaten vollbracht haben und die Deut⸗ schen so ganz unschuldig sein? Wir glauben es nicht.

Krankenkassen⸗Hetze.

Seitdem die Arbeiter in vielen Orten die Leitung der Ortskrankeukassen in die Hände genommen haben, find diese fortgesetzt Gegen⸗ stand der Angriffe von Seiten der Reaktionäre aller Schattierungen gewesen. In letzter Zeit bietet wieder der gerechtfertigte Kampf der Berliner Krankenkassen gegen den Arzeneiwucher den Scharfmachern erwünschte Gelegenheit, eine ganz infame Hetze gegen die Selbstverwal⸗ kung derselben zu eröffnen. Wurde früher densozialdemokratisch geleiteten Kassen vor⸗ geworfen, daß sie zu wenig für ihre Mitglieder leisteten, so sagt man ihnen jetzt nach, daß sie zu viel leisten! Man höre nur, was die Berl. Pol. Nachr. das Organ des Herrn Schweinburg den Leuten einreden wollen:

Wer die Entwickelung der Berufsgenossenschaften und der Invalidenversicherungsanstalten verfolgt hat, wird mit Freude wahrgenommen haben, daß diese Ver⸗ sicherungsträger ihre Hauptaufgabe nicht in der Zahlung von Renten und Unterstützungen, sondern, abgesehen von der auf Verhütung der Unfälle und Invalidität gerichteten Thätigkeit, in der möglichst intensiven Wiederherstellung