Seite 6.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 22.
84
AUnkerhaltungs-Ceil.
—————
Der Freiheit werk.
Der Freiheit Werk, getrost! es muß gelingen; Dem Strome gleicht es, der dem Berg entsprossen. Wie klein und hilflos hat er sich ergossen!
Die Erde, meint man, sollte ihn verschlingen.
Doch wie er fließt, da kommen ihm mit Klingen Viel junge Bruderquellen nachgeschossen;
Er wächst, im Arm die schwellenden Genossen, Und stolz entfaltet er die feuchten Schwingen.
So der Gedanke: ist er erst verkündet, Wälzt er sich fort im eigenen Gewichte,
Und tausend Kräfte sind ihm bald verbündet.
Er gräbt sein Bett und macht den Damm zunichte, Er braust und strebt, bis er, ein Gott, sich mündet Mit Jubelschall ins Meer der Weltgeschichte.
Ludwig Pfau.
Eine Lahrt durch Estelbien. Von Hans Ost wald, Nachdruck verboten. IJ. Sitten bilder.
In Küstrin wurde es lebendig, Landleute nen herein und ein blinder Harmonikaspieler. Ce stellte sich in die Mitte des Wagens— ein rundlich, aufgeschwommenes Gesicht mit zen leeren Augen nach der Decke und dann qatschte er den Donauwalzer. Einer von den Jandwirten erzählte mir, daß er den Blinden schon zwanzig Jahre kenne. Solange fahre der bereits die Strecke von Berlin nach Frank— furt aun der Oder und die nach Küstrin. Ja, der könne spielen. Aber das sei auch ein In⸗ trument! So eins finde man nicht alle Tage. Na, und dann habe ja auch so ein Blinder immer ein besseres Gefühl in den Fingern, als ein Anderer.
Aber loben müsse man den Blinden trotz⸗ dem. Er wolle wenigstens nicht umsonst leben. Er wolle sich auf seine Weise nützlich machen. Und wenn er schon mit seinen fetten Augen nicht arbeiten könne— so verdiene er sich doch auf auständige Art seinen Lebensunterhalt; er erfreue doch die Menschen und falle ihnen nicht zur Last.
Damit stand der Landwirt auf, nahm seine Mütze ab und sammelte.
Und es war Keiner da, der nicht seinen Nickel für den Blinden gesteuert hätte.—
In der Mittagssoane ging's an der Warthe und an der Netze entlang. Die Wiesen unter Wasser, die Wege nur durch die Baumreihen angedeutet, deren rehbraunschim mernde Wipfel sich verdichteten von den schwellenden Knospen.
Zur anderen Seite in schier endloser Kette
die Gehöfte der Niederungbauern. Frisch ge— weißt, sauber, mit wohlhabendem Ausdruck.
Jeder Fuß breit Garten oder Acker der Niederung und den sie umsäumenden Hügeln abgerungen. Licht eine Spanne verschwendet oder unbenutzt. Und die Pferde, die schräg die nußbraunen Hügel mit dem Pflug durch die Erde ziehen, kräftig und wohlgepflegt. Aber bei Kreuz hört zas schon auf. Große weite Flächen beginnen gier. Und dazwischen Haide, dürres vertrocknetes Land. Ungepflegt. Krüppelige Kiefern gedeihen daum. Auf vielen kahlen Stellen treibt Haide— gras seine starren Büschel aus dem ärmlichen Zoden.
Selten Bauernhäuser. Aber weit auseinander große Komplexe: Güter. Und fast bei jedem Gut ein Schornstein: eine Ziegelei oder eine Brennerei.
Aber nicht allein das Land wird anders, auch die Menschen.
Waren bisher alle Reisegefährten mit der deutschen Sorgfalt und Sauberkeit gekleidet— selbst die Landwirte und Taglöhner— auf den nächsten Stationen kamen ganze Schwärme Landarbeiter und kleine Geschäftsleute herein. Die Stiefel seit Monaten nicht geputzt. Den Rock voll Staub und Schmutz gesogen— nie
geklopft, nie gebürstet, und da, wo der jenseits der Netze Wohnende sofort einen Fleck aufsetzt, auf den ausgefranzten Hosen und den durchscheuerten Knien— schimmert blaukes Fleisch durch.
Diese Menschen sehen auch nicht so ruhig, gefichert und selbstbewußt drein: Wehmut liegt um den Augen— oder der Mund lacht in voller Ausgelassenheit. Müde erzwungene Gleich⸗ giltigkeit liegt über diesen ganzen Gruppen, Es ist, als sagten ihre vernachlässigten Kleider, ihre stumpfen Gesichter:
„Wozu sollen wir das pflegen? Was hätten wir davon?... Es gehört ja doch alles dem Herrn, dem Gutsbesitzer!...“
Hinter Schneidemühl holte einer der Tag⸗ löhner aus einem Kasten eine neue Harmonika hervor. Ein kleines, kreischendes Ding. Und mit seinen verschnapsten Augen selig lächelnd, spielte———„Ach, Ewald nach dem Spree— wald!“———
Und dann nahm er aus der Zigarretten⸗ schachtel, die ihm sein zwölfjähriger Sohn hin⸗ hielt, eine Gedrehte, zerfaserte sie halb mit den bläulichen Lippen und kicherte dann zu dem Kleinen hinab:
„Was du, das war doch'n feines Schnäpschen. fehl wird sich freuen, wenn sie die Flasche ieht!“
Der Junge nickte, nahm seinem Vater das Instrument aus der Hand und spielte, die Zigarrette zwischen den Lippen, ebenfalls einen Gassenhauer— während der Vater stillvergnügt vor sich hinlächelte, ganz selig vom Schnaps.
Solche Sittenbilder sah ich durchaus nicht vereinzelt hier— im preußischen Osten, im e der Mirbach, Kanitz und Klinkow⸗ tröm.
Vor allem muß ich eine Legende zerstöreng Die Schwärmerei von der Mäßigkeit und Ehr⸗ barkeit der ländlichen Jugend im Gegensatz zur Großstadtjugend ist nur eine Schwärmerei. Viel Trauriges mag das Großstadtleben er— zeugen. Aber das Land ist auch nicht eine Brutstätte aller Verfeinerung, aller Schlichtheit und Reinheit. In Großstädten dürfte man verhältnismäßig kaum mehr Kneipen finden, als in den Landorten. Das Oertchen Fried⸗ heim hat bei seinen tausend Einwohnern allein 11 Schänken!
Und wie verstanden es die kaum aus der Schule entlassenen Burschen, mit den Aeltesten um die Wette zu trinken. Niemand hatte etwas dagegen einzuwenden. So war es nicht nur in dem einen Ort. Auf allen meinen Eisenbahn⸗ fahrten traf ich in den Wagen angetrunkene und auch betrunkene Jungen, die hin- und her⸗ torkelten. Und schalt mal einer über diese Burschen, so nahmen die Aelteren sie noch in Schutz.
Es ist auch kein Wunder bei den entsetzlichen Beispielen, die die hier herrschende Klasse giebt. Am besten sah ich das auf der letzten Pferde⸗ auktion in Trakehnen. Im oberen Saal des Gasthauses ist eine Anzahl Tafeln schneeweiß gedeckt. Und wer nicht ganz flink ist, der be⸗ kommt keinen Platz.
Ein paar junge Offiziere wissen das. Zur Sicherheit sind sie lieber erst gar nicht zur Auktion gegangen, sondern nach dem Kaffee⸗ trinken gleich sitzen geblieben. Und— sie leeren immer wieder ein ganzes von ihrer Mischung.
Diese Mischung— das ist so ein richtiges Auktionsgetränk. Eine Citrone— eine Flasche Selters und drei oder vier Flaschen Sekt. Und das so für zwei, drei Herren.
Che die Teilnehmer der Auktion heraufkamen, stand ein großer Tisch brechend voll mit rot⸗ und gelbgekapselten Flaschen. Aber wie das nun schwirrt von allen Seiten:„Eine Halbe! — Zwei Monopol— Vier Margeaux!“ Da reicht die Flaschenparade nicht.
Ja— wenn so eine Auktion nicht anstrengen würde! Unterdessen sitzen unten an der Chaussee in einem kleinen Holzhäuschen kleine Besitzer und Händler. Der Wirt und der Kellner achten nicht auf ihr Rufen. Die wollen ja nur ein Töppchen Bier. Und schwitzend schleppt der dicke Wirt immer neue Flaschen aus dem Keller nach dem Saal hinauf.
Durch die geöffneten Fenster kommt die
nach Veilchen und dem Harz frisch aufbrechender Knospen duftende Frühlingsluft. Hinaus aber strömt ein ekler Dunst von Wein aus Wasser⸗ kannen, Gläsern, Flaschen und den Kehlen der Trinkenden.
Und immer wieder schallt es zu den Fenstern, in den Frühling hinaus: N
Kellner! ne Mischung!
*
Merkwürdig ist auch die von vielen zuver⸗ lässigen Männern mir verbürgte Erscheinung, daß die Gutsmädels sich Sonntags bei den jungen Handwerkern und Kaufleuten einen
Nebenverdienst verschaffen. Die geschlechtlichen
Beziehungen, die soust auf dem Lande wohl freier und natürlicher, gesünder, als in der Stadt bestehen, werden also hier auch durch die wirtschaftliche Lage entwürdigt.
*
In dem durch die Ermordung des Ritt⸗ meisters von Krosigk bekannt gewordenen Re⸗ gierungssitz Gumbinnen muß man des abends in den Spatzenkrug gehen. Da sitzen in einem dicht verhängten Hinterzimmer die jungen Offi⸗
ziere. Sie werden von der hübschesten Kellnerin bedient. Der Eine stützt die Ellenbogen auf
den Tisch und stiert mit verquollenen Augen vor sich hin, den Kopf in den Händen. Der Andere lehnt sich an die Schulter des Mädchens, zeigt mit unsicheren, hin- und herschwebenden Finger auf seinen Kameraden:
„Du mußtest unter die Sandlatscher; Stromer einfangen!“ Und dann fragt er: „Was, dem hab ich's gegeben? Was?!“„Ja, ja,“ sagt die Kellnerin und streichelt ihm lächelnd die Backe, ohne auf die neidischen Blicke der andern zu achten, die mit weinroten, gedunsenen Köpfen dasitzen, dichtgedrängt im Schimmer der Flamme.
***
Bald darauf fuhr ich von Gumbinnen nach Eydtkuhnen, der letzten deutschen Eisenbahn⸗ station. Da klagte ein Mütterchen, es könne sich gar nicht mehr durchbringen. Und ob ihr niemand helfen wolle. Sie wolle das nicht für umsonst. Sie könne ja nicht mehr viel. Aber wenn mau ihr für das Pfund geschmug⸗ geltes Fleisch zwanzig Pfeunige gebe, wolle sie soviel unter ihren Röcken herüberschaffen, als man brauche. Drüben koste es zwanzig Pfennige, dazu die zwanzig Pfennige für's Schmuggeln — da habe man immer noch das Fleisch um 15 Pf. billiger, als diesseits.—
—
Ein Tropfen. Humoreske von Frieda Pechvogel.
„Es ist unglaublich, wie die armen Leute ihre Kinder verziehen! Da sollte man meinen, sie hätten tagelang richts zu essen, so ein La⸗ mento wird jetzt überall angeschlagen— und
nichts hört man mehr als bon lauter Ver⸗
besserungen für die Arbeiter, von allen möglichen Wohlthätigkeitsanstalten, Volksbädern und der⸗ gleichen... Ja, ja, man wird Alles so lang verbessern, bis es den Leuten zu wohl wird und sie noch Alle rebellisch werden!“
Also lamentirte die Frau Amtmännin und
ihre Schwester, die Jungfrau Thekla, sekundirte
fleißig, indem sie eifrigst mit ihrem grauen Haupte nickte oder kurze Bemerkungen einwarf wie:„Ja, früher, Mathilde, Gott, wenn ich bedenke, die gute alte Zeit— es ist gut, daß wir schon so alt sind— die Welt wird immer schlechter, Alles, Alles ist anders, sogar die Sonne schien viel wärmer als jetzt! Ach, wenn ich denke, wie wir damals schwitzen mußten
— so, so— vor vierzig Jahren und jetzt, kaum
daß man noch warm wird
Trotzdem die Sonne nicht mehr so warm schien wie früher, kamen die Beiden doch so in die Hitze bei ihrem Gespräch, daß der Herr Amtmann, welcher soeben eintrat, seine tevre Gattin sofort fragte:„Na, na, Mathilde, was ist denn los? Ist denn etwas passirt, daß Du so aufgeregt bist? Du hast ja rote Wangen wie ein junges Mädchen!“
Nun wurde das schreckliche Ereigniß erzählt.
Leider ging das nicht so glatt, der Herr
————
ihm sein und wer Brot we Nun einem es seine gehabt essen. wie die mand männif daß er hätte. noch ge der Fr. burscher Wa der Sck gute Ef — iu — das


