4

Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 50.

Anterhaltungs-Ceil.

Agitator Winter.

Nun, Freunde, laßt gemach das Reden sein,

Ein Agitator kam, derüber doch uns allen: Wo er erscheint, da schlägt er sicher ein,

Mag seine Art auch manchem nicht gefallen,

Es schert ihn kein Verbot der Polizei,

Der peinlichen, der leicht gekränkten Dame,

Und unter off'nem Himmel hält er frei Versammlung ab, und Winter ist sein Name.

Wen sonst kein Wort, kein Mahnen auch vielleicht Aus seines Elends dumpfem Traum gerüttelt, Er fährt empor, wenn ihn sein Arm erreicht, Wenn seine Hand mit rauhem Griff ihn schüttelt. Er ruft ihm zu: Was bist du arm und blos, Und sind doch andre warm und weich geborgen? Ist's deine Schuld, daß Elend nur dein Cos, Krankheit und Not und Thränen heut' und morgen d

Was frierst du, sprich, und hungerst, arbeitslos? Wuchs Brot genug nicht allen Menschenkindern? Birgt Kohlen nicht genug der Erde Schoß,

Den harten Frost durch heiße Glut zu mindern P Wohl manchem schon mein Hauch zum Tode traf, Der gleich verhaßt bei Armen wie bei Reichen, Doch wer auch sank vor mir in Todesschlaf, Stets war's ein Armer, stets nur deinesgleichen.

Noch drang ich ein in keines Reichen Haus;

Der schlug mir zu die Thüre vor der Nase.

Nur sucht ich manches Opfer schon mir aus

Auf offnem Feld, auf schneeverwehter Straße.

Doch ob auch rauh und häßlich meine Art,

Und hundert schon vor mir am Wege starben,

Nicht ist mein Herz, wie das der Menschen hart,

Die fühllos seh'n, wie ihre Brüder darben.

Und also mahnt der Winter hier und dort,

Und wo keinRetzer noch bisher erhob die Stimme,

Da predigt er und wär's der fernste Ort,

Ein Agitator nun mit scharfem Grimme.

Da kündet er des Volkes bittre Not

Trotz Polizei, Gendarm und Feierstunde;

Kein Staatsanwalt, der ihm das Wort verbot,

Und weiß es doch, daß er mit uns im Bunde.

D.

Ein Wunder. Eine Dorfgeschichte.

Die alte Geschichte hatte sich auch da zu⸗ getragen. Das alte, ewig neue, so vielfach wechselnde Lied: Verliebt verführt ver⸗ lassen! WerSie undEr waren, ist für diese Geschichte völlig belanglos; genug an dem, daß sie auf einer Lustreise mit dem, zur Zeit noch, Geliebten darauf kam, wie niederträchtig er an ihr zu handeln im Begriff stehe. Ein junges, impulsives Geschöpf, das sie ist, verführt, aber nicht schlecht, entflieht sie ihm, und, sozu⸗ sagen, auch sich selbst und rettet sich mit ihrer sichtbar werdenden Schande mitten aus der luxuriösen Reise heraus in ein weltvergessenes Gebirgsnest. Dort bleibt ste, bis das Kind am Leben ist, und hat in der Zeit sich selbst wieder gefunden. Ob er sich die Mühe gab, sie zu finden, weiß sie nicht und frägt nicht danach. Diese seelische und körperliche Leidenszeit hat klärend auf sie gewirkt. Sie erkennt, daß seine Liebe nur Genußsucht war und die ihre nicht viel mehr.

Da sie mit dem Kinde am Arm sich nur schwer durch das Leben sinden konnte, so beschließt sie, das Kind hier in dem Orte, bei der Frau, wo es zur Welt kam, zu lassen und sich allein einen Platz zu erringen, der es ihr möglich macht, das Kind zu holen. Das ist so ihr Plan für die nächste Zukunft, und sie führt ihn aus. Was sie an Geld entbehren kann, läßt sie zurück für das Kind, und mit dem

schen Mute wiedererlangter Gesundheit geht

e zurück iu die Welt. Sie schlägt sich tapfer urch und hat Erfolg. Bald glaubt sie, das Kind holen zu können, als sie die Nachricht trifft, daß es gestorben ist. Zeit und Umstände aller

Art erlauben 11 für den Moment nicht, selbst zu dem Begräbnis zu eilen. Sie sendet also Geld für ein hübsches Grab mit einem Kreuze, auf welchem der Name des Kindes, Geburts- und Todestag stehen sollen. Zeit und Umstände halten sie immer länger ab von der beabsichtigten Reise, aus der auch nach Jahresfrist nichts wird. Wohl sendet sie ab und zu Geld zur Erhaltung des Grabes; die Nachrichten von dort werden aber immer seltener, und die letzte, von fremder Hand, meldet ihr den Tod der alten Pflegerin ihres Kindes. Nun hat sie niemand mehr in dem weltvergessenen Neste, völlig ausgelöscht ist die schmerzlichste Episode ihres Lebens, und sie kann, ruhig den Besuch des kleinen Grabes hinausschieben, bis ihre Existenz eine so unab⸗ hängige ist, daß sie, ohne jemand Rechenschaft über das Wohin und Warum geben zu müssen, hinreisen kann.

Da tritt die Liebe das zweite Mal in ihr Leben. Diesmal ist es die echte, und selig schaut ste zu dem Manne auf, der bereit ist, ihr seinen Namen zu geben, der kein höheres Glück kennt als ihren Besitz. Sie könnte zugreifen, sich mit einem Worte eine glückliche Zukunft sichern, aber sie ist zu ehrlich, sie erzählt ihm die Geschichte des kleinen Grabes in dem weltvergessenen Neste. Er aber bleibt fest in seiner Liebe. Er frägt nicht nach der Vergangenheit, er hofft alles von der Zukunft und will die Gegenwart genießen. Sie heiraten, und er selbst schlägt ihr nach einiger Zeit die Reise zu dem kleinen Grabe vor. Er selbst ist es auch, der sich in dem Bahnhof ein⸗ findet mit einer lieben Ueberraschung für die geliebte Frau. In einer Schachtel, wohlverpackt, bringt er eine herrliche Blumenspende für das kleine Grab.

So geht denn die Reise erst mittels Bahn in das kleine Landstädtchen und von dort des anderen Tages mit Wagen hinauf in das Gebirgsnest. Ein prächtiger, kühler Herbsttag und ein Sonntag dazu. Berg und Wald ein⸗ gehüllt in den feinen, grausilbernen Nebelduft, tiefe Stille ringsum, so fahren sie dahin, Hand in Hand, und die Herzen voll Glück. Je näher

in ihrer Brust die Erinnerung an die dort verlebte kummervolle Zeit. Nöllig ausgestorben scheint das Dorf, als sie einfahren. Alles war wohl in der Kirche dort oben auf dem steilen Hügel, und dort oben, um die Kirche herum, lag auch der Friedhof. Am Fuße des Hügels hielt der Wagen, und sie bat ihren Mann, hier unten zu bleiben. Allein wollte sie sein, allein all' des Schmerzlichen gedenken, das nun ver⸗ gangen war. Einen langen, weißen Spitzen⸗ schleier um den Kopf, zum Schutze gegen Staub und Wind auf der Fahrt, die Blumen unter dem wallenden, hellen Staubmantel verborgen, so schritt sie den Hügel hinan und betrat den völlig einsamen Friedhof. Aus der Kirche quollen die Orgeltöne und ungeschulte, aber frische Stimmen sangen dazu. Die Sonne hatte nun auch den Nebelschleier zerrissen, und die nassen Gräser und Blumen funkelten in ihrem Lichte. Still schritt sie dahin, froh, un⸗ bemerkt zu sein, und forschte nach dem kleinen Grabe mit dem Kreuze. Wie genau sie aber auch suchte, nichts war zu finden. Kein Kreuz, kein Hügel, und sie mußte wohl daran glauben, daß die Zeit jegliche Spur verwischt habe oder die Pflegerin das bestellte Kreuz gar nicht auf⸗ richten ließ. Danach forschen bei Pfarrer oder Bürgermeister wollte sie nicht, und so stand sie da, nicht wissend, was sie mit der kostbaren Blumenspende in der Hand beginnen solle. Im Begriff, fortzugehen, war sie auch zu dem hinter der Kirche belegenen Beinhaus gekommen. Die Thür war offen, und man sah drinnen in dem feuchtkühlen Raume auf einer Tragbahre einen geschlossenen Sarg. Er beherbergte wohl einen Toten aus armer Familie, denn das Bahrtuch war arg abgebraucht und geflickt. Die Leiche sollte wohl noch heute beerdigt werden, und ste erinnert sich jetzt auch, ein aufgeworfenes Grab gesehen zu haben. Rasch entschlossen holte sie ihre Blumen hervor und legte das farbenprächtige, duftige Gewinde andächtig auf den ärmlichen Sarg. Dann kniete sie nieder zu einem kurzem, innigen Gebet. Von der Kirche tönte das Glocken⸗

zeichen des Sanktus, und ste wußte, daß die

sie dem kleinen Orte kamen, desto lauter wird

Messe nun schnell beendet sein würde. Noch einmal überflog sie andächtigen Blickes den ärm⸗ lichen Sarg, auf dem die kostbaren Blumen sich seltsam genug ausnahmen, und dann schritt sie leicht hinaus, zwischen den Gräberreihen durch, hinab zu dem wartenden Wagen. Daß aus einem Winkel des Friedhofes des alten, stumpf⸗ sinnigen Totengräbers Blicke ihr überrascht folgten, hatte ste nicht bemerkt. Dieser traute seinen Augen nicht, als er die lichte, schlanke Erscheinung über die Schwelle des Beinhauses und durch den Friedhof gleiten sah. Eben als sie wieder aus dem stillen Dörfchen hinausfuhren, war oben die Messe zu Ende.

Tief aufatmend verließ die Schar der An⸗ dächtigen die Kirche. Wie wohl that die milde Herbstsonne gegen die fröstelnde Luft in der Kirche. Sie hatten auch noch eine andere Ursache, aufzuatmen. Der Herr Pfarrer hatte heute gar bös über sie alle losgezogen, und zwar wegen einer Sache, in der sich fast alle die jungen Leute schuldig fühlten. Ach ja! Die Jugend und die Liebe! Sie gaben oft und oft Ursache zu einer Predigt, und der Herr Pfarrer war gar streng. Freilich, heute hatte er wohl Grund, zu zürnen, der Herr Pfarrer. Ein Selbstmord war vorgekommen! Ein Selbstmord in dem kleinen Neste! Das dachten die ältesten Leute nicht. Und so ein junges Ding, wie die Anna Marie! Da lag sie jetzt im Beinhaus unter der vielgeflickten Sargdecke. Nachmittags sollte sie ganz still eingegraben werden, ohne Ein⸗ segnung, und auch das Geleite der Gespielinnen hatte der Pfarrer soeben verboten. f

Gruppenweise schritten die Leute den Kirchen⸗ hügel hinab, und die Jugend besprach es flüsternd ob sie nicht doch teilnehmen sollten an Anna Maries Begräbnis. Sie that ihnen ja so leid, wenn freilich dieses Leid auch mit etwas Grauen gemischt war, Grauen vor dem selbstgewählten Tode. Auch hier das alte Lied: Verliebt, ver⸗ führt, verlassen! Nur hatte es hier anders geendet als bei jener, die eben an der Seite ihres Mannes hinausfuhr, dem Glücke entgegen. Die arme Anna Marie hatte nicht wie jene mit ihrer Schande flüchten können, nicht genesen an Leib und Seele, und daher auch nicht wieder zurückfinden in das Lebeu, aus dessen stumpfer Eintönigkeit sie ja nicht herausgekommen war. Feinfühliger als viele ihrer Kameradinnen, ohne Hülfe von außen oder innen, hatte ste sich der Verzweiflung hingegeben und war ihr erlegen. Ja, das alte Lied! Nur wieder mit einem anderen Schlusse, der dem Herrn Pfarrer Stoff gab zu einer gar wirksamen Predigt. Wie hatte die Mutter der Selbstmörderin geweint bei des Herrn Pfarrers Worten, die allen Anwesenden die Teilnahme am Leichenbegängnis verbot. So sang⸗ und klanglos sollte sie begraben werden, shre arme Tochter, deren Sünde die Mutter nicht so recht begriff. Freilich, die biblischen Worte, den Wortlaut der Sünde verstand ste schon, das hatte ihr der Herr Pfarrer ja oft genug erklärt, aber der Jammer, den die Arme mitgemacht hatte, galt denn der gar nicht? Aber eben in der Ursache dieses Jammers, in der sündigen Liebe lag ja das Vergehen! wurde ihr geantwortet. Wollte die Alte das garnicht ver⸗ stehen?! Freilich, ja freilich, sie verstand schon, aber so thaten sie fast alle, die jungen Leute und so gingen die Gedanken in ihrem armen, alten Kopfe immer rundum und sie wußte. keinen Rat. Vergeblich redete ihr der Schul⸗ meister zu, der sie eben den Hügel herab leitete. Er war nicht ganz mit dem Herrn Pfarrer et verstanden, der Schulmeister. Mit allem Respe natürlich meinte er, man müsse milder sein gegenüber so viel Herzeleid. Und aus fen milden Herzen heraus tröstete er die Alte 12 sprach ihr von Gottes Güte und Barmherzigkeit und von Gottes Engel, der ganz gewiß

Anne Maries Grab stehen würde, damit sie

nicht so verlassen sei in der tiefen Grube. So tröstend und zuredend kamen sie alle 1 im Dorfe an und eilten in die Häuser, das Mittag⸗ essen zuzurichten.

Auch der Totengräber war mit seiner Arbeit

a 3 zu Ende und ging, seine Geräte ins Beinhau zu tragen. Dee helle Erscheinung von fen spuckte noch in seinem Hirne, und er schritt 55 Sinnes über die Schwelle. Ein starker

fee einem auf de boran Schult shrer hurch alle b hgeraue der B i da zart fl duften freilich gescher einma Unter Grube W Uinset ein N geben, dachte lünfti

Den

Jed