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Nr. 45.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 3.

geben, daß gegenwärtig in Dresden zeine gewisse Be⸗ schäͤftigungslosigkeit, wie sich solche in jedem Winter mehr oder weniger wiederhole, bestehe; zu außergewöhnlichen Maßnahmen jedoch liege kein dringender Anlaß vor.

Daraufhin 5 die Stadtverordneten⸗Ver⸗ sammlung ihren früher gestellten Antrag auf Errichtung öffentlicher Wärmehallen zurück. Zu was denn auch solcheHumanitätsduselei? Mögen die Arbeitslosen auf der Straße oder in ihrer kalten Klause, wenn sie überhaupt eine haben, erfrieren, die Stadt hat keine Veran⸗ lassung,außergewöhnliche Maßnahmen zu ergreifen. Das ist so der richtige sächsische Polizeistandpunkt, der in jedem Arbeitslosen einen Arbeitsscheuen oder Verbrecher sieht. Wer allerdings durch ein Präsidenten⸗Gehalt in den Stand gesetzt ist, sich sein Leben recht behaglich einrichten zu können, wird von den wirklichen Verhältnissen kaum eine Ahnung haben. Für die Arbeiterschaft ist auch das Verhalten der Dresdener Stadtväter höchst lehrreich.

Geistige Waffen.

Kürzlich fand eine Zentrums versamm⸗ lung in Brilon in Westphalen statt, in der auch unser Genosse Hoffmann aus Bielefeld erschien. Er wurde jedoch hinausgeworfen und mit einem Stocke derartig über den Kopf ge⸗ schlagen, daß er sich in ärztliche Behandlung begeben mußte. Der Leiter der Versammlung, der Pfarrer Dr. Broeckhoff, sagte dazu Folgendes:

Wir wollen durch diesen Zwischenfall die Ruhe uns nicht rauben lassen. Solche Leute kommen da mit Velozipeds und mit Beuteln auf dem Rücken, um ihre Lehren in Flugschriften an den Mann zu bringen. Wenn sie wieder in Eure Häuser kommen, so schlagt sie (mit Nachdruck) schlagt sie, schlagt sie so lange, dis der letzte aus Brilon und überhaupt aus dem ganzen Sauerlande vertrieben ist.

Die Art, wie der saubere Pfaffe die Sozial⸗ demokratiewiderlegen will, ist ja in schwarzen Gegenden so ziemlich allgemein üblich. Es giebt Seelenhirten genug, die sicher im Innern lebhaft bedauern, daß die Zeit der Scheiter⸗ haufen vorbei ist, auf den sie jeden schmoren konnten, der sich gegen Herrschsucht des Pfaffen⸗ tums auflehnt. Aber die Broeckhoff, Iskraut, Dreschgraf Puͤckler, werden den Sieg des Sozi⸗ alismus am allerwenigsten aufhalten können!

Bestrafter Spitzel.

Ju Magdeburg schlich sich ein Kriminal- schuzmann Hartmann unter falschen Vor⸗ spiegelungen in ein Vergnügen des Metallar⸗ beiterverbandes ein, um dann Anzeige darüber zu erstatten, daß Karten zu dem Vergnügen an Jedermann verkauft worden, das Vergnügen also öffentlich gewesen sei. In der Verhandlung stellte sich die Unhaltbarkeit dieser Anzeige in glänzender Weise heraus. Der Amtsanwalt erklärte selbst, der vorliegende Fall sei nicht geeignet zu der Annahme, der Metallarbeiter⸗ verband habe das Vergnügen entriert lediglich zu dem Zweck, seine Kasse zu füllen. Die große Zahl der Mitglieder lasse diese Annahme als ausgeschlossen erscheinen. Es sei sehr wohl möglich, daß die Anwesenden Mitglieder des Verbandes wären. Durch die Art, wie der Zeuge Hartmann sich Zugang zum Saal ver; schafft habe, könne man das Vergnügen nicht als ein öffentliches bezeichnen. Aus diesem Grunde beantrage er Freisprechung. Nach stattgehabter Beratung verkündet der Vorsitzende das nachstehende Urteil:Die beiden Angeklagten sind freizusprechen. In Anbetracht der groben Fahrlässigkeit, die sich der Zeuge Hartmann hat zu Schulden kommen lassen, werden dem Zeugen Hartmann sowohl die Kosten des Verfahrens als auch die der Verteidigung auferlegt.

Recht so! So muß es allen Spitzeln ergehen.

Der Gesamt⸗Parteitag der österreichi⸗ schen Sozialdemokratie

trat am Samstag in Wien zusammen. Etwa 150 Delegierte fast aller in Oesterreich vertretenen Nationalitäten waren anwesend; die deutsche Partei entsandte Bebel und Ehrhardt- Ludwigshafen und von der Redaktion des

Vorwärts ist Eisner erschienen, Kautsky ist Delegierter. Hauptzweck des Parteitages ist die Revision des Programms.

Bei der Eröffnung der Hauptversammlung begrüßte Bebel den Parteitag Namens der soztaldemokratischen Partei Deutschlands. Bebel befürwortet, da die Sozialdemokraten keine Dogmenfanatiker seien, die Revision des Partei⸗ programms, dessen einzelne Sätze sich mit den Fortschritten der Entwicklung und wissenschaft⸗ lichen Erkenntnis nicht mehr im Einklang be finden. Er verurteilte in seinen weiteren Aus⸗ führungen den deutschen Zolltarifent⸗ wurf. Weiter sprach sich Bebel über die Ent⸗ wickelung der österreichischen Sozialdemokratie lobend aus, sie habe verhältnismäßig größere Erfolge zu verzeichnen als die deutsche Partei. Aber diese freute sich, wenn die österreichische Partei an Ausehen und Macht gewinne. Großer Beifall begleitete die Rede Bebels. Partei⸗ sekretär Skaret erstattete den Parteibericht, worin auf die Schwierigkeiten, mit denen die Genossen in Oesterreich zu kämpfen haben, hin⸗ gewiesen wird. Für die von der deutschen Partei gewährte finanzielle Unterstützung sprach der Redner den wärmsten Dank aus. Bei den Gemeinderatswahlen waren bedeutende Er⸗ folge zu verzeichnen; einzelne Gemeinden haben sozialdemokratische Majoritäten und ebensolche Bürgermeister. Weniger erfreulich lautete der von Korinek erstattete Kassenbericht. Hier konstatierte der Berichterstatter, daß ohne das Geld der deutschen Genossen überhaupt nichts anzufangen gewesen wäre. In seiner Schlußsitzung beschloß der Parteitag eine Sympathiekundgebung für die Buren, deren Abschlachtung eine brennende Schande und den moralischen Bankrott der britischen Zivilisation und der kapitalistischen Welt bedeute. Zu Gunsten der um ihre Befreiung kämpfenden Arbeiterschaft und Intelligenz Rußlands wurde ebenfalls eine Resolution angenommen.

Französisch⸗türkischer Konflikt.

Ueber Grundstücksfragen und Entschädigungs⸗ forderungen zweier französischer Großspekulanten an die turkische Regierung sind zwischen beiden Staaten Streitigkeiten ausgebrochen. Die Re⸗ publik hat ein Panzer⸗Geschwader in die türki⸗ schen Gewässer entsandt, und die Insel Myti⸗ lene im ägäischen Meer, das alte Lesbos, besetzen lassen, wo man die Hafeneinnahmen beschlagnahmte. Frankreich will die Insel je⸗ denfallspachten.

Li⸗Hung⸗Tschang,

der greise chinesische Staatsmann ist am Mitt⸗ woch gestorben. Bei den Friedens⸗Verhand⸗ lungen hat er eine große Rolle gespielt und zweifellos Erfolge über die europäische Diplo⸗ matie davon getragen. Sein Gesundheitszustand war seit Langem ein ungünstiger.

Krieg in Südafrika.

Eineschwere Niederlage der Engländer wurde am Samstag gemeldet. Danach über⸗ fielen die Buren am 31. Okt. bei Berkeulaagte nordwestlich von Bethel die Nachhut der Kolonne des Obersten Benson bei dickem Nebel. Ben⸗ son selbst, acht Offiziere und 58 Mann find gefallen. 13 Offiziere und 156 Mann verwundet. Zwei Geschütze wurden verloren. Dazu wird noch weiter ge⸗ meldet, daß außer den zahlreichen Verlusten an Toten und Verwundeten auch mehrere Hun⸗ dert die Waffen gestreckt hätten. Die Soldaten seien nach Abgabe der Sachen von den Buren wieder freigelassen, die Offiziere dagegen zurückbehalten worden, um an ihnen Rache zu nehmen für die Hinrichtung ver⸗ schiedener Burenführer. Es herrscht dieserhalb in London die größte Aufregung. Auf Seite der Buren soll in diesem Kampfe Louis Botha selbst kommandiert haben, dessen Heer Kitchener kürzlich völlig zersprengt zu haben glaubte, und der angeblich nur mit knapper Not der englischen Gefangenschaft entronnen sein sollte. Ferner ist die Nachricht eingegangen, daß die Buren das Haupt⸗Pferdedepot der britischen

Armeeverwaltung mit Tausenden von Pferden in unmittelbarer Nähe Kapstadts auf⸗ gehoben haben. Bestätigt sich das, so beweist es die äußerst schlimme Laue der Engländer in der Kapkolonie; sie wären nicht einmal im Stande, die Hauptstadt zu schützen. Repressalien der Buren. Der engl. Leutnant Doyle wurde von den Buren er⸗ schossen. Weitere Erschießungen ge⸗ fangener englischer Offiziere sollen folgen. General Botha verständigte Kitchener in einem besonderen Schreiben, daß für jeden hin⸗ gerichteten Buren ein englischer Offizier erschossen

werde.

König Eduard betet. Er sagte bei einer Festtafel:Leider dauert der Krieg iumer noch fort; aber wir beten inbrünstig um Wiederherstellung des Friedens und der Wohlfahrt. Er wird beten, wie Franz Moor bei Schiller: Ich habe mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben, mein Herrgott!

Auf Genossen werbt Abonnenten für die Mitteldeutsche Sonntagszeitung

Sendet die Petitionslisten ein!

Pon Nah und Lern.

Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit will⸗

kommen. Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste

Gewissenhaftigkett bei Uebermittelung von Nachrichten. Wir

bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben,

Hessisches.

Vom Landtage. Ein vom Abg. Ulrich und Genossen in der zweiten Kammer gestellter Antrag verlangt die Neu⸗ Herausgabe sämtlicher geltenden Verfassung⸗ und Verwaltungsgesetze in übersichtlicher, jeder mann leicht zugänglicher und verständlicher Form. Der vierte Ausschuß beantragt unter nachdrücklicher Betonung der Wichtigkeit der Sache Annahme des Antrags, sowie die Groß⸗ herzogliche Regierung zu ersuchen alsbald das Erforderliche zu veranlassen. Die er ste Kammer war bekanntlich dem Antrage der Abg. Ulrich und Genossen betreffend die En t⸗ schädigung unschuldig Verhafteter nicht beigetreten, will vielmehr an die Regierung das Ersuchen richten, daß sie im Bundesrat für thunlichst baldige Vorlage eines Gesetzesentwurfes wegen Entschädigung unschuldig Verhafteter an den Reichstag wirken wolle. Der Ausschuß der zweiten Kammer beautragt jedoch, bei dem Be⸗ schlusse der zweiten Kammer zu beharren.

Gießener Angelegenheiten.

Die Stadtverordnetenwahl in Gießen ist auf Donnerstag, den 14. No vember, Vormittags 10 Uhr bis Abends 6 Uhr festgesett. Die Wahllokale befinden sich im Bürgermeistereigebäude, Gartenstraße 2 in folgenden Zimmern: Für die Wähler mit den Aufangsbuchstaben:

A bis Go im Zimmer Nr. 10

Gr bis Li im Zimmer Nr. 11

Lo bis Schl im Zimmer Nr. 12

Schm bis Z im Zimmer Nr. 14.. Wählen kann jeder in der Wählerliste verzeichnete Einwohner, vorausgesetzt, daß er mit den Steuern nicht länger als 2 Monate im Rückstande ist, also das

dritte Ziel der Gemeindesteuern entrichtet hat. Wer das dritte Ziel erst en a ch dem 10. No vember bezahlt hat, muß den quittierten Steuerzettel mitbringen!

Parteigenossen! Wähler!

Es trennen uns also nur noch wenige Tage von dem Wahltermin. Jeder Genosse, auch wenn er nicht Wähler ist, sowie Jeder, der nicht will, daß der Geldsack unumschränkt in der Gemeindevertretung herrscht, hat die Pflicht, dafür zu arbeiten, daß die sozialdemo⸗ kratische Liste siegreich aus dem Kampfe her- vorgeht. Auf neun Jahre werden die