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Beilage eur Mitteldeutschen Sonntags-Teitung.

Nr. 49.

Gießen, Honntag, den 8. Dezember 1901.

8. Jahrg.

Lassalle und die Gräfin Hatzfeldt.

Vorige Woche meldete ein Telegramm aus London, daß dort der bisherige deutsche Bot⸗ schafter Fürst Hatzfeldt am 22. Nov. gestorben sei. Wenige Tage vorher hatte er seinen Posten oe d und dieser Umstand gab unserm Genossen Mehring Veranlassung, die Kämpfe in Erinnerung zu bringen, die vor einem halben Jahrhundert Ferdinand Lassalle führte, um der Mutter des Verstorbenen und diesem selbst 1 ihrem Rechte zu verhelfen. Für die sozial⸗

emokratischen Parteiangehörigen sind diese Dinge wichtig und interessant genug, daß wir es für angebracht halten, einen Teil der Ausführungen Mehrings in derNeuen Zeit auch in unserm Blatte wiederzugeben.

Geboren am 8. Okt. 1831, ist Graf Melchior Paul Hatzfeldt das dritte und jüngste Kind aus der Ehe, die Graf Edmund von Hatzfeldt⸗ Kinsweiler am 9. August 1822 auf dem Schlosse Allner mit der Gräfin Sophie Hatzfeldt, einer Tochter des Fürsten Hatzfeldt, geschlossen hatte. Diese Heirat war einer jener Kaufkontrakte, die der bürgerlichen Ehe nach der Meinung ihrer Bewunderer eine so besondereHeiligkeit ver⸗ leihen. Die Braut vollendete am Trauungstage 3 ihr sechzehntes Lebensjahr: in so zarter

ugend, noch kindisch, geistig und, wie spätere ärztliche Zeugnisse feststellten, auch körperlich unreif, wurde sie dem Grafen Hatzfeldt über⸗ antwortet, der landauf landab am Rhein als sardanapalischer Wüstling berüchtigt war. Majoratsstreitigkeiten zwischen der fürstlichen und der gräflichen Linie des Hauses Hatzfeldt, die sich auf den Revenuengenuß und die Admi⸗ nistration der Herrschaften Trachenberg und Schönstein⸗Wildenburg bezogen, hatten es als ein erwünschtes Auskunftsmittel erscheinen lassen, daß der damalige Status quo*) fortbestehen solle, der Graf Edmund Hatzfeldt aber eine Tochter des Fürsten Hatzfeldt zu ehelichen und mit ihr in Gütergemeinschaft zu treten habe. Der Graf wählte die sechszehnjährige Sophie, obgleich ihre beiden älteren Schwestern noch unverheiratet waren.

Was ihn zu dieser Wahl bewog, war ein öffentliches Geheimnis. Seine Hauptmaitresse, eine Gräfin Nesselrode-Ehreshoven, hatte ver⸗ langt, daß er sich für die kindische, unentwickelte und allgemein für beschränkt geltende Sophie entscheiden sollte, um desto ungestörter ihr Ver⸗ hältnis mit dem Grafen fortsetzen zu können. Sogar die Eltern der Braut wußten, woran sie waren, doch bei den Moralbegriffen, die in den Kreisender Edelsten und Besten herrschen, begnügten sie sich, in den Ehepakten, festzusetzen, daß der Graf seiner Gattin mit der reinsten, zärtlichsten Liebe und Treue lebenslänglich bei⸗ wohnen solle, und ihm das feierliche Ehrenwort abzunehmen, daß er seine Hauptmaitresse mit der Ehe verabschieden werde.

Natürlich dachte der Sünder nicht daran, seine Versprechungen zu halten. Vielmehr machte er seiner jungen Gemahlin vom ersten Tage der Ehe an das Leben zu einer Hölle, deren ausgesuchte Foltern jeder Beschreibung spotteten. Sie ertrug es lange, bis die raffiniertesten Kränkungen ihrer Mutterliebe endlich etwas von der Löwin in ihr erweckten, die um ihre Jungen kämpft. Es gelang dem Grafen, den äͤltesten Sohn als den Majoratserben ganz von ihr abzusperren, und die Tochter, das zweit⸗ geborene Kind, in ein Wiener Kloster zu ver⸗ graben. Um so furchtbarer entbrannte der Kampf um das letzte Kind, den Sohn Paul, der mit ärtlicher Liebe an der Mutter hing. Vergebens suchte ihn der Vater erst in einem Freiburger Jesuttenkloster, dann in der Potsdamer Kadetten⸗ austalt zu einer willenlosen Puppe zu dressteren; vergebens wandte er jedes Mittel der List und der Gewalt an, den Sohn von der Mutter zu trennen.

) Bisherige Zustand.

Aus diesem vieljährigen Kampfe mögen hier nur zwei Episoden erwähnt werden, die zugleich für vormärzliche Zustände höchst bezeichnend find. Indem der Graf Hatzfeldt die viehische Verleumdung verbreitete, seine Frau sei eine Messaline, die den siebenjährigen Knaben zu unnatürlichen Ausschweifungen verleite, ließ er das Kind in Baden-Baden, wo sich Paul mit seiner Mutter aufhielt, durch einige Banditen von der Promenade rauben. Sobald die Gräfin durch das Ausbleiben des Kindes und seiner bestochenen Wärterin Verdacht schöpfte, suchte und fand sie schnell entschlossen die Spur der Entführer, sandte Estafetten voraus, um die Poststationen zu benachrichtigen, jagte selbst mit den schnellsten Gäulen hinterher, die sie auf⸗ treiben konnte, holte die Verbrecher in Hatters⸗ heim ein und rief die schnell zusammen strömende Bevölkerung an, vor deren drohenden Haltung die Banditen das Kind wieder herausgaben.

Gefährlicher war ein zweiter Ueberfall. Die Gräfin war mit dem Kinde zu ihrem Bruder, dem Fürsten Hatzfeldt in Breslau geflüchtet. Der Graf aber hatte eine Kabinettsordre des Königs Friedrich Wilhelm IV. erwirkt, wonach ihm das Kind ausgeliefert werden sollte; eine so gottesfürchtige Majestät, wie dieser Monarch, nahm natürlich die Partei des sardanapalischen Wüstlings und nicht die Partei der schändlich verschacherten Frau.

Kaum war aber die Kabinetsordre ausge⸗ führt und das Kind von Militär- und Polizei- Beamten gewaltsam aus seinem Asyl entführt worden, wandte sich der Bruder der Gräfin in einem energischen Schreiben an den König, in welchem er die Herausgabe des Kindes ver⸗ langte, andernfalls wolle er den offenen Rechts⸗ weg betreten. Das wirkte. Der König gab klein bei, die Gräfin erhielt ihren Sohn zurück.

Gleichwohl wäre sie auf die Dauer unter⸗ legen, wäre sie den Tod der Infamie gestorben unter der unerschöpflichen Flut von Verleum⸗ dungen, die von den litterarischen Lakaien ihres Mannes gegen sie verbreitet wurden und in der lakaienhaften Presse des vormärzlichen Deutsch⸗ lands ein bereitwilliges Echo fanden. Was sie allein retten konnte, hatte ihr Bruder richtig erkannt, aber wenn deroffene Rechtsweg diesem Feudalherrn gut genug war, um damit seinen angestammten König einzuschüchtern, so war er ihm längst nicht gut genug, um darauf seine unglückliche Schwester zu retten. Lieber mochte sie langsam hingemordet werden, ehe die Brandmarkung des Mörders den feudalen Glanz des Hauses Hatzfeldt befleckte! Wie die Gräfin und ihr Sohn dennoch gerettet wurden, das ist bekannt genug. Der junge Lassalle wurde der Mutter zum treuesteu Freunde und dem Sohne zum sorgsamsten Erzieher; er beschritt den offenen Rechtsweg, und in einem achtjährigen aufreibenden Kampfe rettete er der Mutter und dem Sohne das große Allodialvermögen des Hauses, das ihr natürlicher Beschützer eben seinen Dirnen zu verschreiben beflissen war.

Es sind Zeugnisse genug dafür vorhanden, daß Graf Paul Hatzfeldt von schöner Dankbar⸗ keit gegen seinen und seiner Mutter Retter erfüllt war. Man braucht nur dieNeue Rheinische Zeitung aufzuschlagen, um zu er⸗ kennen, wie frisch und munter der achtzehnjährige Jüngling in den Jahren 1848 und 1849 an Lassalles Seite den revolutionären Emanzipa⸗ tionskampf der rheinischen Arbeiter mitgemacht hat. Wenn er später andere Wege gegangen ist, so verdient er deshalb so wenig einen Vorwurf, wie er dadurch der Sache geschadet hat. Junker bleiben doch immer Junker, und selbst die frischeren Zweige solcher vermorschten Stämme pflegen keinen Samen zu zeitigen, der in revolutionärem Erdreich gedeiht. Die Gräfin Hatzfeldt war sicherlich eine ungewöhnlich ge. scheite Frau und jede Faser ihres Herzens war von dankbarer Gesinnung gegen Lassalle getränkt,

aber doch hat sie nur Unheil gestiftet, als sie nach Lassalles Tod sich in die Arbeiterbewegung

mischte. Sie ist dadurch selbst, wider ihren Willen, undankbar gegen ihren Retter geworden, indem sie die ihr testamentarisch vermachten Briefschaften und Papiere Lassalles nur denen zur Einsicht anvertrauen wollte, die sich der unmöglichen Bedingung unterwarfen, von vorn⸗ herein auf jede konfuse Vorstellung der Gräfin zu schwören. Diese Briefschaften und Papiere nun herauszugeben hält Mehring für eine An⸗ standspflicht des Grafen Hatzfeldt gegen seinen Beschützer. Durch seinen plötzlich erfolgten Tod sind die Dokumente wieder in andere Hände übergegangen und es besteht nur wenig Aussicht, daß sie je ans Tageslicht kommen.

Von Nah und Fern.

Wie das Volk lebt.

Von entsetzlichem Elend zeugt folgende Mitteilung derDresdener Zeitung, die wahr⸗ scheinlich aus Lehrerkreisen stammt: In einer sächsischen städtischen Bezirksschule(eine nähere Bezeichnung giebt das Blatt leider nicht) ver⸗ anstalteten mehrere Lehrer durch Befragen der Kinder eine stille Zählung, wie viel Kinder jetzt kein warmes Mittagessen haben, und was die jenigen, die ein solches haben, meistenteils mittags essen. Es stellte sich heraus, daß un⸗ gefähr 25 bis 30 Prozent seit Monaten kein Mittagbrot haben, sondern statt dessen eine trockeneBemme, das ist ein trockenes Stück Brot. Das sogenannte Mittagbrot der Glück⸗ lichen bestand in rund 50 bis 60 Prozent aus Kartoffeln mit Leinöl; Fleisch, Speck, Wurst gab es nicht. Zu diesem herzergreifenden Bericht gehören folgende Begleitworte der Herren Aerzte und Lehrer, durch deren Hände er gegangen ist:Und von dem armen Volke wollen unsre Agrarier und Konservativen jetzt erhöhte Lebens- mittelzölle nehmen! Sie mögen sich schämen! Es sind in verschiedenen Teilen Sachsens solche Zählungen vorgenommen worden; sie werden Aufsehen erregen, denn man wird sie nicht ver borgen halten.

Kommunalwablen in Hessen.

Bei der am 30. Nov. stattgefundenen Stadt⸗ verordnetenwahl in Darmstadt wurden zum ersten Male zwei sozialdemokratische Kandidaten, die Gen. Cramer und Stephan gewählt. Von den zwei bürgerlichen Listen, die in Vorschlag kamen, berücksichtigte die der Bezirksvereine alle Parteien, während die Nationalliberalen Sozial⸗ demokraten ausschlossen. Daraufhin stimmten unsere Genossen auch für keinen Nationalliberalen. Bei der Wahl in Alzey wurde einer unserer Genossen gewählt. Dort hatten sich merk⸗ würdiger Weise sämtliche Parteien mit Ein⸗ schluß der sozialdemokratischen gegen die Frei⸗ sinnigen vereinigt. Die Wahl in Mainz geht am 9. Dezember vor sich; dort gehen unsere Genossen mit den Nationalliberalen, Freisinnigen und Demokraten zusammen gegen das Zentrum. Die Wahl in Bürgel bei Offenbach ist beanstandet worden, weil der Bürgermeister verschiedene Verfehlungen beging. Es muß eine Neuwahl stattfinden, wobei der Bürgermeister die auf die Gemeinde entfallenden Kosten übernimmt. Den gemachten Fehlern lag keine unlautere Absicht zu Grunde.

Nachspiel zum Sternberg Prozeß.

Während des großen Prozesses gegen den Bankier Sternberg war sehr oft von einem Kapitän Wilson die Rede, dessen Existenz aber eine zeitlang zweifelhaft war. Später stellte sich jedoch heraus, daß unter dieser Flagge ein gewisser Adolf Kühne segelte, der als Agent Sternbergs mehrere Zeuginnen durch Geldge schenke zu falschen Aussagen zu Gunsten Stern⸗ bergs verleitete. Für diese Thättgkeit hatte Kühne Monate lang 20 Mk. Diäten von demGeschäftsführer Sternbergs, Luppa, be⸗ zogen. Der Verleitung zum Meineid angeklagt, wurde Kühne am 29. Nov. von der Straf⸗ kammer beim Berliner Landgericht 1 zu Jahren Zuchthaus verurteilt.

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