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Nr. 18.

Gießen, Sonntag, den 5. Mai 1901.

8. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Mitteldeutsche

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Der Achtstundentag und der Kapitalismus.

Der Achtstundentag ist die größte Kultur⸗ forderung unserer Zeit. Denn darüber besteht kein Zweifel mehr, daß das Schwergewicht der kulturentwickelung in den Volksmassen liegt. In dieser Beziehung ist in der öffentlichen Meinung im letzten Jahrzehnt eine Revolution der Vorstellungen zum Abschluß gekommen.

Wie erinnerlich, hat man den Achtstundentag erst damit bekämpft, daß die Arbeiter ihre freie Zeit zum Wirtshaus hocken benutzen wer den, daß Trunkenheit und Verbrechen sich mehren würden und dergleichen mehr. Kein Mensch, der halbwegs beanspruchen darf, auf die Oeffentlichkeit einen Eindruck zu machen, wagt setzt diese Argumentation. Die bürgerliche Insinuation, daß im Proletariat ein neues Barbarentum erstehe, welches die Kultur be⸗ drohe, ist total verbraucht. Die. Arbeiterklasse hat durch ihre politische Bethätigung sich die Anerkennung ihres kulturellen Wertes errungen. Daß dies nunmehr überall durchgedrungen ist und unanfechtbar dasteht, war bisher vielleicht das wichtigste Ergebnis der Agitation für den Achtstundentag seit dem Pariser Kongreß von 1889. Denn, daß das kulturelle Interesse der Arbeiter einmal zugegeben, zeigt eine einfache Rechnung, welche enormen kulturellen Werte der Achtstundentag auslösen, freimachen würde. Wenn z. B. eine Million Arbeiter um zwei Stunden per Tag weniger in der Fabrik ein⸗ geschlossen bleiben, so sind es im Jahre 600 Millionen Lebensstunden, die neu gewonnen sind, die der freien menschlichen Bethätigung, dem Studium, der Litteratur, der Kunst, dem Sport, der in gewissen Grenzen ein sehr bedeutender Kulturfaktor ist, die der Politik gewidmet werden. Doch das Zahlenexempel giebt nur eine geringe Vorstellung von der kulturellen Tragweite des Achtstundentages..

Es handelt sich nicht allein um die Stunden der Fabrikstaverei, die dem Arbeiter durch den Achtstundentag erspart werden. Die über⸗ mäßige Arbeitszeit raubt dem Arbeiter auch den Lebensgenuß der ihm frei bleibenden knappen Stunden. Müde und abgehetzt, kann er an nichts mehr eine rechte Freude haben. Mancher Familienunfrieden hat seinen Ursprung in den überreizten Nerven, mit denen Mann und Frau aus der Fabrik zurückkehren. Wie viele giebt es noch, die im Nachtdunkel ihr Haus verlasseu und erst im Nachtdunkel zurück⸗ kehren. Die übermäßige Arbeit macht den Arbeiter stumpffinnig und roh. Ein solcher, schlimmer als Lasttier abgehetzter Mensch greift auch am liebsten zur Schnaps⸗ flasche. Erst schuf das Kapital durch über⸗ mäßige Arbeitszeit, durch rücksichtslose Aus⸗ beutung die Verrohung der Arbeiter dann berief es sich auf diese Verrohung, um eine ewige, finstere Arbeitssklaverei zu etablieren. Jedoch die Arbeitermassen fanden in der Organisation die Macht, um sich den Weg zum Licht zu bahnen. f f

Wie den überfüllten Kellerwohnungen Licht und Luft, so fehlt dem Proletariat freie Zeit zum kulturellen Genuß und kulturellen Wirken. Das Proletariat will hinaus aus der stickigen

Luft, hinaus in deu Sonnenschein, wo man erst die Welt kennen lernt, wo man tief aufatmen und frei um sich blicken kann! Das Proletariat, das den materiellen Reichtum der Gesellschaft erzeugt, will mitwirken an der Entwickelung der Zivilisation das be⸗ deutet seine Forderung des Achtstundentags!

Der Achtstundentag ist aber nicht nur eine kulturelle Forderung, er ist das Gebot der sozialen Selbsterhaltung. Die kapitalistische Ausbeutung vererbt Elend, Siechtum und Krankheit. Sie untergräbt die körper⸗ lichen und geistigen Potenzen, die Entwickelungs⸗ fähigkeiten der kommenden Generationen. Sie tötet, verkrüppelt, entkräftet uud entnervt die Kinder.

Zahllose Bände Statistiken und ganze Bibliotheken von Spezialforschungen bestätigen das. Wir wollen ein bezeichnendes Dokument aus den letzten Tagen anführen. In Frank⸗ reich wurde eine parlamentarische Kommission eingesetzt, um die Ursache der Entvölkerung des Landes zu ermitteln. Es geschah aus mili⸗ tärischen Rücksichten, denn die französische Bour⸗ geoisie braucht Soldaten. Der Bericht dieser Kommission findet nun die Haupturfache bes Uebels in der enorm großen Kindersterb⸗ lichkeit. Es stürben jährlich in Frankreich, berichtet sie, 170,000 Kinder unter einem Jahr, mindestens 200,000 Mütter seien ohne Hilfe, 100,000 Säuglinge stürben jährlich in Frank⸗ reich an Hunger, Elend und mangelnder Aufsicht.

So die Kommission, die mit Sozialpolitik und Philanthropie nichts zu thun hat, die die einzige Aufgabe hatte, zu erforschen, warum das Kanonenfleisch zu knapp wird. Die Mütter haben keine Zeit, ihre Kinder zu nähren, zu pflegen, geschweige schon sich selbst, denn ihre Zeit ist vom Kapital mit Beschlag belegt! Die Arbeiterin muß am frühen Morgen in die Fabrik, am späten Abend kehrt sie zurück, ab⸗ gehetzt, todesmüde, überreizt oder schlaftrunken davon, daß sie ihr Kind selbst stillen soll, ist ja von vornherein keine Rede, sie hat nicht einmal Zeit für die primitivste Pflege des Säuglings und wer sieht nach dem Kind, währenddem die Mutter in der Fabrik frohndet? Unsere Leser wissen, wie es dabei zugeht! Als aber in Frankreich der Arbeitstag der Frauen auf zehn Stunden heruntergesetzt werden sollte, erhob das Bürgertum ein Zetergeschrei dagegen, und sie hat es auch bis auf den heutigen Tag verstanden, durch Schwindel und politische Be⸗ einflussung die Durchführung der Maßregel zu hinter treiben.

Kurze Arbeitszeit langes Leben. Kurze Arbeitszeit gesunde Kinder. Der Acht⸗ stundentag ist die erste Voraussetzung der Ent⸗ wicklung eines kräftigen und lebensfrohen Geschlechts.

Der Achtstundentag ist ferner ein wichtiger Faktor der Produktionsentwickelung. Denn einerseits regt die Verkürzung der Arbeitszeit zur Erfindung neuer, arbeitsparender Maschinen an. Die Produktionsverfahren werden vervoll kommnet, die Produktivität der menschlichen Arbeit steigt. Andererseits behält der Arbeiter bei kurzer Arbeitszeit seine geistige und körper⸗ liche Spannkraft und zeigt sich imstande, Auf⸗ gaben zu erfüllen, die für ihn früher unmöglich waren.

Aber trotz dieser materiellen, humanitären und kulturellen Vorteile des Achtstundentags, trotzdem er der kapitalistischen Entwickelung nicht im Wege steht, diese vielmehr fördert, leisten die kapitalistischen Staaten Europas der Forderung des gesetzlichen Achtstundentags einen hartnäckigen, scheinbar unbezwingbaren Widerstand. Im Wege steht eigentlich nur der blinde Geiz der augenblicklichen Besitzer der Fabriken und ihre Gleichgültigkeit gegenüber den Arbeiterinteressen. Aber das genügt! Wenn es sich um ein Profitinteresse handelt, wie flink ist da der Staat bei der Hand, welcher Wagemut und welche Gewalten werden da ins Werk gesetzt! Um die abenteuerlichste, phantastischste Kolonialpolitik durchzuführen, werden Flotten gebaut, die Milliardeu kosten, und blutige Kriege geführt. Die Wüsten Afrikas werden mit Gold gepflastert, um die kapitalistische Ausbeutung der Neger zu ermöglichen. Aber um den Arbeitern Europas ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen, scheut der kapitalistische Staat die geringste Anstrengung, das geringste Risiko. Und weil dem so ist, wird der Kampf um den Achtstundentag zum Kampf um die soztale Neugeburt.

Das Proletariat will nicht mehr der blinde Maulwurf sein, der Schätze gräbt und häuft für das Kapital, das sie sinnlos vergeudet. Das Proletariat will die Werke seines Fleißes genießen und mit seiner Hände Arbeit der Menschheit Zukunft banen. Das bedeutet der Achtstundentag

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Politische Rundschau.

Gießen, den 2. Mai.

Für den Brotwucher

wollte der bekannte Bündlerhäuptling Dr. Dietrich Hahn die Berliner begeistern. Zu dem Zwecke hatte der konservative Wahl⸗ verein eine Volks⸗Versammlung nach der Ton⸗ halle einberufen. Der große Saal sowie auch die Gallerieen waren überfüllt. Die Mehrzahl der Anwesenden waren Freisinnige nud Sozial⸗ demokraten. Nach Hahn, der nicht weniger als drei Stunden sprach, um dadurch eine Diskussion unmöglich zu machen, ergriff Genosse Abg. Ledebour das Wort. Er widerlegte die Hahn'schen Ausführungen aufs Grünblichste und schlug eine Resolution vor, in der Bundes⸗ rat und Reichstag ersucht werden, für Beseitigung aller Zölle einzutreten. Auf einen Zuruf aus der Versammlung wurde gleich über die Reso⸗ lution abgestimmt. Unter großem Jubel stimmten fast alle Anwesenden mit wenig Ausnahmen dafür und schließlich wurde noch Herr Dr. Hahn beauftragt, die Protest resolution dem Reichs⸗ tage einzureichen! Als nach Ledebours Aus⸗ führungen der Vorsitzende(der Antisemit Ulrich) dem Bündler Hahn das Wort erteilen wollie und nicht dem Nationalsozialen v. Gerlach, entstand großer Lärm und der Vorsitzende schloß die Versammlung.

Von ben Drohnen.

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