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Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
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Nr. 5.
Seite 6.
Unterhaltungs-Teil.
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Liberal.
Du bist nicht klug, du bist nicht dumm, Du bist nicht grad, du bist nicht krumm, Du bist nicht schlecht, du bist nicht gut, Hast weder kalt's, noch warmes Blut.
Du liebst die Freiheit nur für dich, Du übst die Knechtschaft— gegen mich; Nach oben bückst den Rücken du,
Nach unten schärfst die Krallen zu.
Und Gleichheit willst für Jedermann, Der solche Gleichheit achten kann, Wo Einer schafft, der Andre praßt, Wo Eine blüht, die Andre blaßt.
Und Menschenliebe übst du auch, Doch darf's nichts kosten deinen Bauch— Dein Schwert ist stumpf, dein Witz ist schal; Wie ist dein Name:„Liberal!“ W. Hasenklever.
Es hängt Gewicht sich an Gewicht.
Erzählung von Robert Schweichel.
Keine menschliche Seele war in den Gassen des Bergvorfes zu erblicken und anstatt der Kinder spielte der Westwind in ihnen und wirbelte den Staub auf. Man hätte das Dorf für aus⸗ gestorben halten kännen, wenn nicht aus den meistens einstöckigen Häusern, die mehr oder weniger verkommen aussahen, das dumpfe, man⸗ nigfache Geräusch der Arbeit vernehmbar ge⸗ wesen wäre. Allerwärts pochte und hämmerte es hinter dem kleinen, glanzlosen Fenstern. Die Judustrie hatte den kargen, steinigen Boden, dem der Schweiß des Laudmannes keine Ernte abzugewinnen vermochte, in Besitz genommen. Nirgends ragten jedoch die schlanken, hohen Schlote von Fabriten zu dem grauen Septem⸗
berhimmel auf; die Menschen, die hier, unweit
der Landesgrenze, hausten, rangen mit dem er⸗ barmungslosen Dampf und der Maschine um ihr Dasein durch die Handarbeit. Ein ver⸗ zweiselter, aussichtsloser Kampf! Die Mehrzahl von ihnen bestand aus Schachtelmachern, auch Puppen wurden bossiert, angestrichen, bekleidet, und Geigen und Flöten angefertigt. Die Luft im Gebirge war kräftig und rein: aber die Leute hatten keine Zeit, sie einzuatmen. Vom kühen Morgen bis in die sinkende Nacht saßen sie Tag für Tag in den Stuben, die von den Aus ünstungen der Menschen und dem Geruch des Gewerbes erfüllt waren, zusammengepfercht, Eltern und Kinder, schnitzten, malten, leimten, hämmerten. Die Geißel der Not trieb lie unbärmherzig an. Unzerreißbar war die Hungerketie, die sie alle an die Galeere der Ar⸗ beit schmiedete. Alle diese Menschen, Groß und Klein, hatten ein hungerblasses, kränkliches Aus⸗ sehen, wie Pflanzen, die in einem Keller er⸗ wachsen sind. Auch in der Stube des Schachtel⸗ machers Thiemann gab es keine rote Wangen, keine strahlenden Augen. Die Familie bestand außer den Eltern aus einem Sohne und einer Tochter, die bereits erwachsen waren, und drei jüngeren Mädchen von 12, 10 und 6 Jahren. Die Mutter und ihre alteste Tochter, Guste leimten die Läuse, Vater und Sohn fertigten die Böden und Deckel an, die jüngeren Mädchen setzten sie ein und schlossen die Schachteln. Das kleinste Kind that dieselbe Arbeit an den Schächtel⸗ chen für Safran, Salben, Pomade, wozu kleine, feine Finger als Werkzeug unerläßlich sind. Die Zahl der fertigen Schachteln vermehrte sich wie durch Zauber, und dennoch, wenn der Vater am Abend den Extrag eise ac tzehnstün⸗ digen Arbeit überschlagen wird, wird er zufrieden sein, 50 Pfennige verdient zu haben— fünfzig Pfennige, um sieben Menschen zu erhalten! Guste war von den Geschwistern die Aelteste. Sie hatte reiches, blondes Haar, das nur nach⸗ lässig aufgesteckt war. Es fehlte ihr die Zeit,
und
es sorgfältig zu ordnen, und wohl auch der An⸗
trieb dazu. Aber so war es nicht immer ge⸗ wesen. Damals hat sie Freude an dem schönen Haar gehabt; damals hatte es geschienen, als ob ihre hageren Glieder sich rundeu wollten und des junge Blut hatte einen rosigen Hauch, frei⸗ lich nur einen ganz leisen Hauch über ihre eben⸗ mäßig gebildeten Züge verbreitet; damals hatten ihre blauen Augen geglänzt und ihre schmalen, blutarmen Lippen das Lachen gekannt. Menschen⸗ frühling! Herzensfrühling! Aber der Reif der Not und des Weh's hatten die Blüte des einen wie des andern verkümmert. Sie zählte kaum vierundzwanzig Jahre, sah jedoch älter aus. Sie hatte die Gewohnheit, die Brauen zusammen⸗ zuziehen und die Lippen fest zu schließen, was ihren Mienen einen mehr trotzigen als entschlos⸗ senen Ausdruck gab. Auch jetzt stand eine Falte auf ihrer schmalen Stirn, über die das Haar wirr hereinhing, während sie mit einer fast fieberhaften Hast arbeitete, bis der schwin⸗ dende Tag eine Pause erzwang. Da holte ste sich aus der Stube nebenan, welche der ganzen Familie zum Schlafraum diente, ein Tuch nnd warf es uber Kopf und Schultern.
„Ich bin gleich wieder da, Mutter“, sagte sie und verließ das Haus.
Der Vater machte ein verdrießliches Gesicht. „Was das dem Alten helfen soll? Und sie ver⸗ saumt darüber die Arbeit. Vor einer Stund' kann sie nicht wieder hier sein.“
„Laß sie doch“, beschwichtigte ihn die Frau. „Sie hat vorgearbeitet und wird's wieder ein⸗ bringen. Dem alten Mann thut es gut und ihr auch, wenn—“. Sie brach mit einem Seufzer ab.
„Wenn ihr Weiber nur eins schwätzen könnt, darüber geht Euch nichts“, murrte noch der Mann, erhielt aber keine Antwort.
Guste Thielmann huschte unterdessen durch die öde Dorfgasse und zwischen zwei Zäunen fort, an deren Ende ein Fußpfad zu Thal führte. Auf den Bergen lag seitwärts noch das letzte Tageslicht, aus der Ebene begannen die Herbst⸗ nebel empor zu wallen. Die Luft war rauh und feucht, wie sie es sonst gegen Ende des Oltober zu sein pflegt. Es war ein ungewöhn⸗ lich nasser und kalter Sommer gewesen und der Herbst trug denserben Charakter. Dunkelgraue Regenwolken zogen in die Ebene hinaus, wo Guste Thiemann hier und dort ein Licht auf⸗ kommen sah. Es mochte von den Abendfeuern herrühren, die in den Insthäusern des Ritter⸗ gutes Friedenau angezündet worden. Den Hof selbst verbarg der hastig Fortschreitenden noch eine Berglehne zu ihrer Rechten. Jetzt tauchte das Herrenhaus auf und Guste blieb eine Se⸗ kunde lang stehen. Sämmtliche Fenster des zweistöckigen Hauses oder Schlosses waren hell erleuchtet. Guste dachte an ihr eigenes Heim, wo die Mutter unterdessen wohl die qualmende Petroleumlampe angezündet hatte und die Ar⸗ beit wieder aufgenommen wurde. Langsamer ging sie weiter.
Sie trat in eine der ersten Gutskaten.„Ist Keiner da?“ fragte sie, die Stube öffnend, in der es dunkel war. Eine männliche Stimme antwortete:„Ja, ich bin hier!“
„Und noch im Finstern?“
„Ach, Du bist's, Guste?“ ertönte wieder die⸗ selbe Stimme, dieses Mal jedoch wie mit einem frohen Klang.„Ich kann auch im Finstern mein Gliederreißen fühlen. Wart', ich will Licht machen.“
Guste hieß ihn ruhig sitzen bleiben. Sie mußte wohl sehr bekannt in der Stube sein; denn sie fand ohne Mühe das Feuerzeug auf der vorspringenden Leiste über dem Kochkamin in der Wand. N
„Ihr habt keinen Brief, Vater Balk?“ fragte sie, Stahl und Stein handhabend.
„Nichts! Sonst wär' ich schon zu Dir rauf⸗ gekommen. Aber seine Zeit ist jetzt bald um.“
„Gott geb's!“ seufzte sie.„Aber wer weiß—“
Der Zunder hatte gefangen.
„Ach ja, wer weiß?“ ächzte auch der Mann und fuhr fort, als das blaue Flämmchen des Schwefelfadens sichtbar wurde:„Steck' man gleich das Holz auf dem Herd an! Ich hab's schon zurechtgelegt, als es noch hell war. brauch' kein anderes Licht.“
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Sie verfuhr nach seinen Worten. Das Reisig war aber feucht, und sie mußte ihre Lungen anstrengen, ehe es Feuer fing. Die Anstrengung und der Rauch verursachten ihr einen schmerz⸗ haften Husten und sie preßte die Hand auf die flache Brust. Der Mann hatte sich unterdessen von der Bank bis an dem kalten Ofen, wo er bisher gesessen, mühsam erhoben und sich einen Stuhl so nahe wie möglich an den Herd gerückt. Mit einem tiefen Aufatmen ließ er sich nieder und breitete die hornartigen Flächen seiner erd⸗ farbenen Hände gegen das Feuer aus, dessen Schein über ein von Runzeln und Furchen zer⸗ pflügtes Gesicht flackerte. Lange, graue Bart⸗ stoppeln starrten um Lippen, Kinn und Wangen.
„Ah, das thut wohl! Wie gut von Dir, daß Du wieder einmal gekommen bist,“ sagte er nach einer Weile und richtete das rechte Auge freundlich auf seine Besucherin. Auf dem linken Auge war er seit einiger Zeit erblindet.
„Ihr wißt schon, daß ich gern komme, wenn ich kann,“ versetzte das Mädchen.„Aber ich muß gleich wieder gehen.“ Sie sah in den Kessel, der an einer Kette über dem Feuer hing, und als sie ihn mit Wasser gefüllt fand, blickte sich in der Stube um, ob ihr Hülfe irgendwo not thäte. Das Bett war noch nicht gemacht — Balk, der Wittwer war, machte es sich so selten wie möglich— und sie begann es zu ordnen. Plötzlich hielt sie aufhorchend inne: auf dem Dache zischte und rauschte es mächtig. „Herr Gott, wie das wieder regnet!“
„Und dabei soll einer sein Gliederreißen los werden,“ grämelte Balk.„Bei dem Unwetter 111 Du nicht fort. Na, es geht wohl bald über.“
Guste sah ein, daß sie es abwarten mußte, wie unangenehm ihr auch die Verzögerung ihrer Heimkehr war. Sie setzte sich auf einen Schemel neben den Alten.„Und auf dem Schloß scheint es wieder einmal hoch herzugehen,“ sagte sie, die Gedanken an die Ihrigen abbrechend, oder richtiger, sie durch den Gegensatz, der sich in ihrer Frage unwillkürlich verriet, vollendet.
„Na und ob, aber heut ist's was Besonderes,“ versetzte Balk, und indem er sich aus seiner zusammengekrümmten Haltung ein wenig auf⸗ lichtete, fuhr er fort:„Dem gnädigen Herrn sein Aeltester, der Premierlieutenant, ist gestern angekommen und auch der Andere, wo Student in Berlin ist. Der Lieatnant hat seine Braut mitgebracht, ich war just auf den Hof, als der Wagen kam, der sie von der Station geholt
hatte. Es ist ein jüdisches Weibsbild, was er heiratet, und sie sagen, daß es unmenschlich reich ist. Und er ist nicht älter als mein Wilm!
Sie haben zusammen als Kinder gespielt und sich geprügelt, wie es kam. Der Wilm war immer der Stärkere, und der Junker Adolf, was jetzt der Lieutenant ist, hat seine Faust manches liebe Mal zu fühlen gekriegt. Aber so geht's, auf dem einen trampeln sie herum und der Andere heiratet den Geldsack.“
Er seufzte. In den blauen Augen Guste's aber, die ihm gespannt zugehört hatte, blinkte es ein wenig spottisch. Die Erinnerungen, die der alte Tagelöhner zurückrief, gemahnten sie an einen Auftritt, bei welchem sie die Ursache gewesen, weshalb Wilhelm Balk den jetzigen Lieutenant von Rönberg unbarmherzig zerbläut hatte. Damals war derselbe ein frischgebackener Fähnrich gewesen und hatte auf dem Gute seines Vaters und deren Umgegend auf die Mädchenjagd sich eingeübt. Kühn und verwegen war er auch Gusten's Spur gefolgt, aber er war dabei nicht besser fortgekommen. Auf den Hülferuf der Geängstigten war Wilm Balk her⸗ beigesprungen und hatte die Liebesglut des jugendlichen Herrn Barons durch einen Hagel von Faustschlägen abgekühlt. Aus dieser Helden⸗ that war zwischen dem schwachen halbwüchsigen Mädchen und den Buben eine innige Freund⸗ schaft entsprungen.
(Fortsetzung folgt.)
Der Militarismus selber ist es, der bald nicht mehr wird weiter können, weil er des Guten bereits zuviel gethan hat und an Hyper⸗ trophie(Uebersättigung) leidet. ö
B. Carneri.
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