seitherigen Stammwirtschaft gefunden.
Seit. 4.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 35.
Von Nah und Lern.
Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns Jederzeit will⸗
kommen., Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste
Gewissenhaftigkeit bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir
bitten, alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf ei ner Seite zu beschreiben.
Parteigenossen! Sorgt für zahlreiche Unter⸗ schriften der Petition gegen den
Brotwucher!
Sießener Angelegenheiten.
— Gegen die Lebensmittelver⸗ teuerung! Die Volks versammlung am Montag erfreute sich eines außerordentlich guten Besuches, der sicher noch viel stärker ge⸗ wesen wäre, wenn wir in Gießen über ein größeres geeignetes Lokal verfügten. Ein anderes zu erhalten war nicht möglich; über kurz oder lang wird die Arbeiterschaft Mittel und Wege suchen müssen, diesem Mangel ab⸗ zuhelfen.— Eine Diskussion schloß sich an die klaren und überzeugenden Ausführungen des Genossen Dr. David, die wir im zweiten Leitartikel wiedergeben, nicht, es wurde nur zum Anschluß an die politische und gewerk⸗ schaftliche Organisation und zur Unterzeichnung der Petionslisten aufgefordert.— Zu einer nachdrücklichen Protestbewegung liegt auch wahrlich alle Ursache vor, schon jetzt wird all⸗ gemein über gradezu unerschwingliche Fleisch⸗ preise geklagt und thatsächlich ist für viele Familien Fleisch ein Luxusartikel, wie David ganz mit Recht sagte.
—„Meinetwegen kann das Pfund Brot eine Mark kosten!“ Mit diesen Worten lehnte es ein Gießner Straßenkehrer ab, die Petition gegen den Brotwucher zu unter⸗ zeichnen, wozu ihn einer unserer Genossen auf⸗ forderte. Der Mann scheint sich's also leisten zu können. Befänden sich alle Straßenkehrer und städtischen Arbeiter in solch' glänzender Lage, brauchten sich unsere Genossen in der Stadtverordnetenversammlung nicht so sehr um die Besserung ihrer Arbeitsverhältnisse zu be⸗ mühen.
— Alle Kautabak konsumierenden Arbeiter machen wir wiederholt darauf auf⸗ merksam, daß zu den Firmen welche in Nord⸗ hausen den Arbeitern der Tabakbranche das Koalationsrecht rauben wollen, auch die Firma Saalfeld und Stein gehört. Inhaber dieser Firma ist die Firma Georg Philipp Gail in Gießen. Kauft nur die Fabrikate der Firmen, die sich mit ihren Arbeitern ver⸗ ständigt haben! Die Namen derselben haben wir wiederholt bekannt gegeben.
— Zehn Arbeiter des Gail'schen Thonwerkes erklären im„Gieß. Anz.“ die von uns s. Z. gebrachte Mitteilung über die Rück⸗ sichtslosigkeit eines Aufsehers als unwahr. Die Berichtigung hat, wir wiederholen es, den An⸗ schein der Mache. Die Arbeiter kämen zu uns, wenn sie etwas zu berichtigen hätten, gingen nicht an den Anzeiger.
Ein kleiner Hirschel.
Kurz nach der letzten Landtagswahl ging unserm Genossen Seipp in Leihgestern der folgende Brief eines Antisemiterichs zu, den wir erst jetzt zu veröffentlichen für gut halten. Der Trabant Hirschels schrieb:
Leihgestern, am 16. Nov. 1899. Geehrter Herr„Wahlmann Seipp“!
Soviel mir soeben bekannt ist, hat Ihr wohlver⸗ könntes(2) Stammglas, keine bleibende Stätte, in Ihrer Es ist Ihnen somit heute am 17. Nov. höflichst in„Ihr neues
Stammlocal“ überbracht wurden. Ich hätte manchmal die„Wirtschaft zur Krone“ gern besucht, aber so oft ich
in Fabers Stube kann, verspürte ich heimlich ein Zu⸗ rückschreck, in dem Anblicke„Ihres wohlverkönnten Stammglases“. Ich wünsche nun, daß es Ihnen bei den neuen„unreligösen Witzen“ so gut schmeckt, wie seither auch also„Prosit Scheidemann“ 000 und
fühle mich ordentlich wohlbehaglich beim Verweilen„Zur Krone“ ohne„Ihre— löbliche Anwesenheit“ der
Stuhl, den Sie seither vielleicht öfters besetzten, ist bis
dahin noch nicht penstoniert worden, sondern steht noch treu im Dienste, vielleicht in einem etwas bessern, wie seither, denn wenn er hören und reden könnte, würde er Vieles sagen Was Ihm nicht gefallen hätte. Ich sage Ihnen für Ihr ferneres Fernbleiben im Voraus „Meinen besten Dank“. Eure Gutherzigkeit hat sich ja schon oft ausgewiesen()— wie und wo brauch ich Ihnen nicht zu sagen, das wissen Sie ja selber noch besser. Noch viel Glück, langes Leben und— Appetit hat er wohl genug? Was wird wohl die Sozialdemo⸗ kratie— noch all erreichen?? 2 Ist doch Seipps Witz so keck und frei So tritt doch vor— die Heuchelei! Mit wohlwollendem Gruß „Ein Schwarzer.“
Dieser Geistesheld soll nun zum Gemeinderat in L. kandidieren; wäre es nicht besser, diesen Hanswurst dem Professor Sommer in Gießen zur geeigneten Behandlung zu überweisen? dort dürfte er eher am Platze sein als im Gemeinderat in Leihgestern.
Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen.
— n. Stadtverordnetenwahl in Friedberg. Nächsten Montag, den 2. Sept. vormittags von 9—12 und nachmittags von 2—6 Uhr findet auf den Rathäusern in Fried⸗ berg und Fauerbach die erste gemeinsame Stadtverordnetenwahl statt. Zur Ueberraschung Aller wurde dieser frühe Termin gewählt. Vielleicht glaubt man von oben herab besser im Trüben fischen zu können. Umsomehr müssen wir jetzt auf dem Posten sein. Unser Kandidat ist unser Kreisvertrauensmann Gen. Busold. Leider ist es uns vorläufig noch nicht möglich, weitere Kandidaten aufzustellen. Desto mehr muß aber jeder Arbeiter und Parteigenosse auf Sonntag und Montag auf dem Posten sein. Haben sich doch schon ein⸗ flußreiche Gegner dahin ausgedrückt, daß sie die Kandidatur unseres Genossen mit allen Mitteln bekämpfen werden. Das muß uns umsomehr anspannen, damit am Montag der Sieg unser wird.— Montag Abend von halb 9 Uhr ab Zusammerkunft in der Stadt New⸗ York, dabei Verkündigung des Wahlresultats.
Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach.
H. Parteiversammlung. Vorigen Sonntag tagte in Lauterbach eine Partei⸗ versammlung, die nur mäßig besucht war. Zum ersten Punkte der Tagesordnung:„Lan⸗ deskonferenz“ meinte der Vorsitzende, ob man nicht in Rücksicht auf die finanziellen Verhältnisse im Kreise eine Beschickung der Konferenz unterlassen solle. Gen. Schmidt⸗ Preungesheim erklärte eine solche für un⸗ bedingt nötig, da es sich dabei um Dinge handele, die auch für die Organisation im Kreise von größter Bedeutung sind. Im gleichen Sinne sprechen sich noch mehrere Genossen aus und es werden die Genossen Reining und Hiendlmayr delegiert.— Zum zweiten Punkte der Tagesordnung:„Reichstags⸗ kandidatur“ legte unser bisheriger Kandidat, Genosse Schmidt- Preungesheim dar, welche Gründe ihn nötigten, die fernere Kandidatur abzulehnen. Er bittet die Genossen, seine Gründe anzuerkennen und im Verein mit dem Landeskomitee geeigneten Ersatz zu suchen. Im Weiteren weist er auf die Schwierigkeiten hin, die sich der Agitation in diesem Kreise entgegen⸗ stellen. Die Genossen Dechert und Reining bedauern die Ablehnung, doch erkennen ander⸗ seits sie die Gründe als stichhaltig an. Sie sprechen Schmidt ihren Dank für die bisher geleistete Arbeit aus.— Zum dritten Punkte: „Agitation gegen den Hungerzol!“ teilte Dechert mit, daß demnächst Flugblätter gegen den Brotwucher zur Verteilung gelangen müßten und fordert die Genossen zur energischer Thätigkeit auf. Schmidt weist noch auf die Schädlichkeit der Zölle und die Notwendigkeit energischen Protestes hin, und hofft, daß die Verteuerung der Lebensmittel manchen indiffe⸗ renten Arbeiter aufrütteln und auf den Kampf⸗ platz rufen werde.
Aus dem Kreise Wetzlar.
th. Die Kreiskonferenz für unsern Wahlkreis findet diesmal am 15. Sept. und zwar im Lokale Orbig in Sießen statt.
Zahlreiche Beteiligung an dieser ist notwendig; alle Parteiorte müssen für Vertretung sorgen. N
Tagesordnung siehe Inserat.
Defizit in der Koblenzer Hand.
werkskammer. Nach dem Tode des Kasstrers der Handwerkskammer, Schlossermeister Hau⸗ bach, stellte sich ein Fehlbetrag in der Kasse von Mk. 5568.61 heraus. Die Bücher waren äußerst un ordentlich geführt. Trotzdem der Nachlaß des Kassterers mit zur Deckung
herangezogen wurde, bleibt noch ein Manko
von ca. 2000 Mk., das die Innungs mitglieder decken sollen. Den Betrag auf diese umzulegen, hat der Vorstand sicher kein Recht, zunächst haben doch die Kontrolleure einzutreten. Mit der Kontrolle scheints aber windig ausgeschaut zu haben.
— In der Gießener Klinik ver⸗ storben ist der vorige Woche in Wer dorf durch Messerstiche verletzte Bahnarbeiter Lenz. Gegen diese Messerhelden sollte mit aller Schärfe vorgegangen werden, womit N ausgiebigere Sorge für bessere Bildung der Jugend Hand in Hand gehen müßte. So lange Hunnenthaten als verdienstvoll hingestellt werden, wirds nicht besser.
Gemeinderatswahlen in Hessen.
Eine Niederlage erlitt unsere Partei bei der am Freitag stattgefundenen Gemeinde ⸗ ratswahl in Urberach. Von unseren Kandl⸗ daten erhielten Rink 143, Schöpp 142, Braun 136 Stimmen. Geschlossene Stimm⸗ zettel erhielten wir 120, unsere Gegner 140. Dagegen erfochten unsere Genossen in Sprend⸗ lingen einen glänzenden Sieg. Unsere sämtlichen Kandidaten wurden trotz der An⸗ strengungen des gegnerischen, als„vereinigten Bürgerpartei“ auftretenden Kuddelmuddels mit großer Mehrheit gewählt. Es erhielten Stimmen: Jakob 326, Weilmünster III. 307, Leonhardt 288, Kuch 277, Pfaff III. 260. Die Gegner erhielten nur 148 bis 197 Stimmen. Unsere Partei hat nunmehr 12 Vertreter im dortigen Gemeinderat.— Auch bei der Wahl in Bürgel, die am Montag stattfand, errangen unsere Genossen einen glänzenden Sieg über die Zentrumspartei. Fünf unserer Kandi⸗ daten, die Genossen: Sutor, Mater, Henß, Möllinger und Gottwald wurden gewählt, von der gegnerischen Liste nur ein einziger. Die Wahlbeteiltgung war eine äußerst lebhafte, von beiden Seiten war mit allem Nachdruck agitiert worden. Mit dieser Wahl ist die bisherige Uebermacht des Zentrums im Gemeinderat ge⸗ brochen, die Scharte von Urberach gut ausge- wetzt worden.
Die Mainkanalisation
ist nunmehr bis Offenbach durchgeführt und am 24. August die Großschifffahrt bis dorthin eröffnet worden. Die Rheinfrachtschiffe, die bisher nur bis Frankfurt gingen, können jetzt bis Offenbach fahren. Später soll der Kanal bis Aschaffenburg weiter geführt werden. Die Herstellung dieses für Handel und Gewerbe hochbedeutsamen Werkes wurde schon seit 1888 gefordert, es ging aber damit nicht so schnell, als wenn es sich um neue Kanonen oder Panzer⸗ kähne gehandelt hätte.
Dampfkesselrevisionen auf den Rhein ⸗ dampfern.
In der letzten Session der zweiten Kammer brachte Genosse Haas⸗Mainz Klagen vor über das Ueberlasten der Dampfkessel bei den Rheindampfern, worauf auch die in den letzten Jahren vorgekommenen Kessel⸗ explosionen zurückgeführt wurden. Diese Be⸗ schwerden haben doch etwas genützt, denn das Ministerium hat soeben besondere Vorschriften über die Vornahme außerordentlicher Fahrtrevisio nen hinsichtlich der Schiffsdampf⸗ kessel erlassen. In diesen Vorschriften heißt es, daß„zur lieberwächung des Betriebs der Schiffs dampfkessel auf dem Rhein Fahrtenrevistonen vorzunehmen sind, welche sich auf alle Dampf⸗ schiffe, welche innerhalb des hessischen Hoheitz⸗ gebietes in Fahrt begriffen sind, ohne Unkerschied
der Nationalität zu erstrecken haben. Hierbel 1
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