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ousgebeutet werden, ohne etwas zu lernen.
Bitte meine Schaufenster
Beilage zur Mitteld eulschen Gonntags-Sceitung.
Ur. 22.
Gießen, Lonntag, den 27. Mai 1900.
Die Besehränkung der Freizügigkeit.
hy. Nachdem das Junkertum Jahrhunderte lang darauf ausgegangen ist, sich in den Besitz des Grund und Bodens zu stzen, nachdem es seine großen Güter zusammen geräubert,-ent— eign t und ⸗gekauft hat, sicht es sich jetzt infolge der wirtschaftlichen Entwicklung in einer Lage, in dem es mit seinem Besitz nichts rechtes an fangen kann. Den Grund und Boden besitzt es; was aber diesen Grund und Boden erst nutzbar macht, die Arbeitskraft, fehlt mehr und mehr.
Zu einem intensireren und auch heute noch lohnenden landwirtschaftlichen Betrieb fehlt den Junkern das Geld nnd die Kenntnisse Ihre verschwenderische Lebens haltung wollen sie nicht aufgeben und so erklären sie mit eiserner Stirn, daß sie höhere Löhne nicht zahlen können. Aber selbst, wenn sie ihre Leute besser bezahlen wollten, so würdeu ihnen diese doch noch vielfach davon gehen, Auch die Landarbeiter verlangen heute als Menschen behandelt zu werden. Die Junker müßten schon ihren brutalen Herrendünkel, der einen Teil ihres Wesens ausmacht, aufgeben, und die Arbeiter als gleichberechtigt ansehen lernen; das aber werden sie niemals thun.
Dazu kommt, daß dem Landarbeiter das Gesetz die Mittel zur Erkämpfung besserer Lebens⸗ bedingungen und einer menschenwürdigen Be⸗ handlung, nämlich das Koalitionsbecht, vorenthält. Die Industrie aber, die zwar auch den Arbeiter ausbeutet, ihn jedoch nach außen hin freier macht, zieht immer mehr die ländlichen Arbeitskräfte an sich. Dazu kommt, daß die Industrie, von Krisen abgesehen, mehr dauernde Arbeitsgelegen— heit bietet, während die Landwirtschaft immer mehr zur Saisonarbeit wird.
Die Regierung versucht mit allen möglichen „Heinen Mitteln“ ihren Lieblingen zu Hülfe zu kommen. Die Einwanderung ausländischer Ar⸗ beitskräfte wird so weit als möglich und mehr als es in nationalen Interessen liegt, wenigstens, wie die Regierung sie auffaßt, erleichtert. Die Arbeitskraft der Gefangenen und Zuchthäusler wird an die Agrarier verkauft, Soldaten werden sogar in Manöverzeit zu Ernkearbeiten abkom⸗ mantiert. Trotz alledem wird das Geschrei der Agrarier„Leutennot“ lauter und lauter. Sie verlangen statt der kleinen Mittel große Mittel, sie fordern das große Mittel: die Beschränkung der Freizügigkeit.
Einen Vorschlag dieser Art macht in der agrarischen„Deutschen Tageszeitung“ ein Dr, C. R. Er verlangt, daß den jungen Leuten von 14—18 Lebensjahre der Abzug vom Lande verboten wird. Er begründet diese Forderung damit, daß 14 jährige junge Leute noch nicht das Mindest⸗ maß der notwendigen Erziehung haben. Das ist freilich richtig! Will man dagegen Maß⸗ nahmen treffen, so muß man die Ausdehnung der Bildungszeit der Jugend bis zum 18, Lebens⸗ jahre fordern und für einen geeigneten Erziehungs⸗ und Lehrplan Sorge tragen. Eine solche Er⸗ ziehung wird jedoch die Jugend auch dem Groß— grundbesitz keinesnegs erhalten. Hier wird sie lediglich als billige und willige Arbeitskraft Was die Agrarier verlangen ist nicht mehr und nicht
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1 7. Jahrg.
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weniger als ein staatliches Monopol auf die Kinder- und Jugendausbeutung!
Angenommen, sie würden ihre Forderungen durchsetzen, so wäre ihnen damit noch lange nicht geholfen. Die Landarbeit verlangt je länger je mehr eine intelligente und sorgsame Arbeits— kraft, während die Arbeit jugendlicher Personen vielfach das Gegenteil von Sorgsamkeit ist. Auch weiter gehende Beschränkungen der Freizügigkeit würden dem Junkertum dauernd nicht helfen. Der Großgrundbesitz in seiner heutigen Form und mit seiner heutigen partriarchalischen Knecht tungs- und Ausbeutungsweise steht im Wider— spruch zu der heutigen kapitalistischen Entwicklung, er wird sich den Gesetzen dieser Entwicklung fügen müssen, also vor allen Dingen die Bindung des Besitzes aufheben und die Arbeiter frei machen, oder er wird zu Grunde gehen: Gegen⸗ über den ehernen Entwickelungsgesetzen sind große wie kleine Mittel gleich machtlos.
Re ehtssprechung.
Ein für Krankenkasseu wichtiges Urteil wurde dieser Tage vom Oberverwaltungs— gericht gefällt. Für die Arbeiter der Firma Weise u. Komp. n Halle wurde am 1. Januar 1899 eine Betriebs⸗Krankenkasse errichtet. Ihre Mitgliedschat bei der Ortskrankenkasse hörte damit auf. Verschiedene dieser Arbeiter waren bereits vorher wegen Krankheit von der Ortskasse unterstützt worden. Auf Verlangen der Aufsichtsbehörde mußte die Ortskasse die betreffenden Leute auch noch nach dem Inkraft⸗ treten der Betriebskasse unterstützen. Sie ver⸗ langte dann jedoch von der letzteren im Klageweg Ersatz in Höhe von 578 Mark. Der Bezirks⸗ aus schuß verurteilte auch die Betriebskasse und führte aus: Wenn eine Bezirkskrankenkasse ins Leben trete, dann gehe die Unterstützungspflicht in dem Moment, wo die Mitgliedschaft wechsle, auch bezüglich der bereits vorher er- krankten und unterstützten Kassenmit⸗ glieder von der alten Kasse auf die Betriebskasse über. Voraussetzung sei, daß das Arbeitsver— hältnis fortdauere. Das sei hier der Fall ge⸗ wesen, denn die betreffenden Leute seien bis zum 1. Januar 1899 nicht ausdrücklich entlassen worden, obwohl die Kündigung ausgeschlossen ge- wesen sei. Der Vertreter der Betriebskasse legte Revifion ein und berief sich auf ein Urteil des höchsten bayerischen Verwaltungsgerichtshofs, das der Entscheidung des Bezirksausschusses direkt widerspricht. Das Oberverwaltungsgericht verwarf die Revision mit der Begründung, daß der Bezirksausschuß ohne Rechtsirrtum geurteilt habe. Verschiedene Rechtsgelehrte hätten sich ähnlich ausgesprochen. Daß der höchste bayerische Verwaltungsgerichtshof einen anderen Standpunkt einnehme, köune nicht entscheidend sein.
Aleines Feuilleton. Tolstoj über deu Selbstmord.
Ein südrussisches Blatt veröffentlichte dieser Tage einen Auszug aus einem Privatbriefe Leo Tolstoj's, worin sich der Philosoph von Jassnaja⸗ Poljana über den Selbstmord äußert, den er als unsittliche That entschieden verurteilt
„Die Frage, ob der Mensch überhaupt das Recht habe, sich zu tödten“, schreibt Tolstoj,„ist unrichtig gestellt.
Von einem Recht kann gar
nicht die Rede sein. Man kann nur fragen, ob es vernünftig und sittlich ist(das Vernünf⸗ tige und das Sittliche sind immer identisch), sich zu tödten? Nein, es ist unvernünftig, ebenso unbernünftig, wie wenn man die Triebe einer Pflanze abschneidet, die man vernichten will: sie wird nicht umkommen, sondern nur anfangen, unregelmäßig zu wachsen. Das Leben ist unzer⸗ störbar— es ist unabhängig von Zeit und Raum, und deshalb kann der Tod nur die Form des Lebens verändern, seine Aeußerung in dieser Welt aufheben. Ist aber das Leben in dieser Welt zu Ende, so weiß ich erstens nicht, ob seine Aeußerung in einer anderen Welt mir an⸗ genehmer sein wird, und zweitens beraube ich mich der Möglichkeit, für mein Ich alles das zu ergründen und zu erwerben, was es in dieser Welt erwerben konnte. Außerdem, und das ist der Hauptgrund, ist es unvernünftig, sich zu tödten, da ich, wenn ich meinem Leben ein Ende mache, weil es mir unangenehm erscheint, dadurch zeige, daß ich einen verkehrten Begriff von der Bestimmung meines Lebens habe, indem ich an⸗ nehme, daß meine Lust seine Bestimmung ist, während diese einerseits die Vervollkommung meines Ich ist und anderseits ich dem dienen muß, worin das Leben der ganzen Welt besteht. Deswegen ist eben der Selbstmord unsittlich: dem Menschen ist mit dem Dasein die Möglich⸗ keit gegeben, bis zum natürlichen Tode zu leben, aber nur unter deu Bedingung, daß er dem Leben der Welt dient. Er aber hat das Leben nur so lange benutzt, als es ihm angenehm ist, während aller Wahrscheinlichkeit nach dieses Dienen gerade dann begann, als ihm das Leben unangenebm erschien. Jede Arbeit ist anfangs unangenehm. In einem russischen Kloster lag mehr als 30 Jahre lang ein durch einen Schlag⸗ anfall gelähmter Mönch, der nur seine linke Hand bewegen konnte. Die Aerzte sagten, er müsse sehr leiden, er aber klagte nicht nur nicht über seinen Zustand, sonden äußerte, indem er sich bekreuzigte und die Heiligenbilder anschaute, beständig Gott seine Dankbarkeit und Freude über den Funken von Leben, der in ihm glühte. Viele Zehntausende von Besuchern kamen zu ihm, und man kann sich nur schwer vorstellen, wie viel Gutes von diesem Menschen, dem die Möglichkeit, eine Thätigkeit auszuüben, ganz genommen war, in die ganze Welt ausgegangen ist. Gewiß hat dieser Mensch mehr gutes gethan, als Tausende und Abertausende von gesunden Menschen, die sich einbilden, daß sie in allen möglichen Beziehungen der Welt dienen.“
„So lange im Menschen Leben ist“, schließt Tolstoj seine interessanten, kaum anfechtbaren Aeußerungen,„kaun er sich vervollkommnen und der Welt dienen. Aber der Welt dienen kann er nur, indem er sich vervollkommnet, und sich ver⸗ vollkommnen kann er nur— indem er der Welt
dient.“
Christlicher Trost. Als die allgemein beliebte Frau des Bürger- meisters in Ascholtshausen(Niederbayern) zu Grabe getragen wurde, tröstete der amtierende katholische Priester den schmerzgebeugten Gatten, mit folgenden Worten:„Da liegen sie friedlich nebeneinander in diesem Friedhöfe, die auf Erden neidisch, verleumderisch, ehrabschneiderisch waren, da können sie nicht mehr streiten.“ Das Christen⸗ tum in der Pfarrei Ascholtshausen scheint hier⸗ nach nicht gerade die Religion der Liebe zu sein.
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