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Nr. 13.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

und Ruhe gebot, den Gummischlauch enirissen

und über den Kopf geschlagen.

* Gießen. Daß ein ganzer Gerichts⸗ hof auf Grund des 8 22 der Strafprozeß⸗Ord⸗ nung von der Ausübung des Richterants aus⸗ geschlossen sein kann, kommt gewiß recht selten vor. Der Diener des Gesellschaftsvereins, des bekanntenKlubs, soll Vereinsgelder unter⸗ schlagen haben. Die Richter sind Mitglieder des gesckädigten Vereinz. Der Offtzial⸗Verteidiger des Angeklagten, ein junger Akzessist, erhob die Einrede, daß die fünf Richter der Strafkammer durch die etwaige strafbare Handlung geschädigt seien und daher das Richteramt in dieser Sache nicht ausüben lönnten. Der Fall wurde vertagt Das Oberlandesgericht wird die Rechtsfrage ent⸗ scheiden.

* Lollar. Ein schwerer Unglücksfall hat sich am Dienstag auf der Main⸗Weser⸗Hütte zugetragen. Der Arbeiter Wilhelm Becker geriet unter einen Wagen und wurde derart verletzt, daß er am Abend schon seinen Verletzungen er⸗ legen ist. Der Bedauernswerte hinterläßt eine Frau mit 4 Kindern.

* Hessische Landeslotterie. In einem in hessischen Zeitungen erschienenen Artikel ist behauptet worden, daß rach der demnächft er⸗ scheinenden Geschäftsordnung für die Kollekteure das Hausieren mit Losen der Landeslotterie nur in der Stadt verboten, auf dem Lande dagegen erlaubt sei. Diese Nachricht ist falsch; das Verbot gilt auch für das Land.

* Betbruder. In Niederrad bei Frantfurt a. M. hat eine katholische Ordnungs⸗ stütze, die fleißig zur Kirche ging und auch für eine neue Kirchensteuer eingetreten ist, ein neun⸗ jähriges Mädchen mißbraucht. Die Mutter fand bei der Untersuchung des Kindes noch die blutigen Spuren der Vergewaltigung. Als die Sache ruchbar wurde, bot der Betbruder der Frau erst 250, dann 300 Mark Schweigegeld. Die Frau will die Sache aber zur Anzeige bringen. Bis jetzt befindet sich der Lüstling noch auf freiem Fuße.

* Wetzlar. Der Landrat Dr. Goedecke ist als vortragender Rat in das preußische Finanz⸗ ministerium berufen worden. Dr. Goedecke war etwa 4 Jahre als Landrat hier.

* Mainz. Hier hat sich in der Nacht vom Sonntag zum Montag der Pionier Klos aus Kaub in der Nähe von Nackenheim durch die Eisenbahn überfahren lassen. Der Kopf wurde vom Rumpf getrennt. Am Montgg versuchte der Schuhmachermeister Reinhard seine Frau zu ermorden und dann sich selöft den Hals ab⸗ zuschneiden. Beide sind schwer verwundet in das Spital gebracht worden. Reinhard war schon einmal wegen Irrsinns in einer Heilanstalt.

* Mainz. In einer sozialdemokratischen Volksversammlung wurde eine Protestresolution gegen die Lex Heinze gefaßt, die u. A. der Erwartung Ausdruck giebt,die Beratung der Lex Heirze wöge dazu beitragen, daß die Stadt, von der einst das Licht der Buchdrucker⸗ kunst in die weite Welt ging, bei der nächsten Wahl keinen Vertreter einer Partei mehr in den Reichstag entsendet, welche gerade bei diesem Gesetz die Rückständigkeit ihrer Tendenzen so offenkundig enthüllte. Vertreter von Mainz im Reichstag ift bekanntlich der Zentrumsmann Schmitt, dem unser Genosse Dr. David bei den letzten Wahlen gegenüberstand.

** Eine gescheiterte Existenz. Vor der Aachener Strafkammer hatte sich ein Referendar, der Sohn eines höheren Beamten in Glogau, zu verantworten. Der Referendar, den ein ganz bodenloser Leichtsinn auszeichnet, fiel im Assessorexamen durch und schied Ende 1898 aus dem Justizdienste aus, um im Spiel sei Glück zu versuchen. Wegen viel⸗ facher Schwindeleien, die er bei Rechts anwälten verübte, erkannte das Gericht auf eine Gefängnisstrafe von einem Jahr, der Staatsanwalt hatte drei Jahre beantragt.

Arbeiterbewegung. Als sehr anständig ist das neueste Ver⸗ halten der ihrer sozialpolitischen Einrichtungen wegen auch in Arbeiterkreisen bestens bekannten

Firma Carl Zeiß in Jena zu bezeichnen. Die Fam hat ihre männlichen Geschäftsangehörigen be die Einführung des Achtstundentages abstemmen lassen. Dreiviertelmajorität war zur Bedingung gemacht. Die vorgenommene Ab- stimmung ergab 614 Stimmen für und 105 Stimmen gegen den Achtstundentag, der also an- genommen ist. Die Fragestellung lautete: Wer traut fich zu und ift zugleich gewillt, in der auf 8 Stunden verkürzten Arbeitszeit bei Lohn und Akkord dasselbe zu leisten wie bei der bis⸗ herigen 9stündigen Arbeitszeit. Bei der neuen Arbeitszeit kommen die bisherigen Frühstücks⸗ und Vesperpausen in Wegfall, die Mittagspause ist im Sommer eine 2stündige, im Winter eine 1½stündige. Wir sind überzeugt, daß sich bei dieser Anordnung der Arbeitszeit sowohl die Firma Zeiß, wie auch deren Arbeiter gut stehen werden. Die Scharsmacherorganisationen sollten sich an dem verständigen Verhalten der Jenenser Firma ein Beispiel nehmen. Einstweilen ist dafür allerdings wohl wenig Hoffnung vorhanden, wie die Berliner Möbelindustriellen klärlich beweisen.

Der Wert der Organisation. Der Jahresbericht der badischen Fabrikinspektion ist soeben erschienen. Wie schon früher, wird auch in diesem Bericht darauf hingewiesen,daß es sehr den Verkehr mit den Arbeitern er leich⸗ tert, wenn sie organisiert sind. Die Vor⸗ ftände, die den Verkehr in der Regel vermitteln, orgen auch dafür, daß eine Vorprüfung der Beschwerden stattfindet und nur begründete Dinge an die Inspektion gelangen. Ganz vor⸗ trefflich bewährten sich die Organisatio⸗ nen durch ihre ruhige und dadurch meist erfolgreiche Leitung von Arbeiterbe⸗ wegungen. Diese Organisationen hätten ein sicheres Gefühl dafür und sie erwürben es sich immer mehr, welche Forderungen der Arbeiter nach der ganzen Lage der Verhältnisse durchführbar seien; sie verschmähten unter Umständen kein Kom⸗ promiß und zeigten sich in kluger Weise allen auf den Schein berechneten Augenblickserfolgen abgeneigt. Dieses gerechte Urtheil über die Bedeutung der Arbeiterorganisationen aus dem Munde eines Regierungsbeamten wird den Scharf⸗ machern nicht viel Freude machen.

Zum Absechied.

Den Parteigenossen ift bekannt, daß vom 1. April ab Genosse F. A. Vetters die Re⸗ daktion der M. S.⸗Ztg. übernehmen wird.

Die vorliegende Nummer ist die letzte, die unter meiner Redaktionsführung erscheint. Da drängt es mich, den Freunden und Gesinnungs⸗ genossen in den oberhessischeu Kreisen, in den Marburger und Wetzlarer Bezirken herzlichen Dank zu sagen für treu geleistete Waffen⸗ brüderschaft.

Die heftigen Kämpfe, die wir in den letzten fünf Jahren im Interesse des werkthätigen Volkes zu führen hatten, knüpften die Bande treuer Freundschaft zwischen uns immer fester. Und je verächtlicher sich unsere Gegner, von den geistig beschränkten Antisemiten bis zu den hypergelehrt⸗ profitwütigenLiberalen in Wasserstiefeln und Wadenstrümpfen uns gegenüber benahmen, um so fester wurde der Zusammenhalt in unserem Lager.

»Die Früchte dieses Zusammenhaltens und Zusammenarbeitens sind nicht ausgeblieben. Von Wahl zu Wahl wuchs das sozialdemokratische Heer an.

Und aus der M. S.⸗Ztg., die vor fünf Jahren noch ein gar zartes Kindlein war, das sorgsamster Pflege bedurfte, ist ein kräftiger Bursch geworden, abgehärtet im Kampf mit den Gegnern und gesund an allen Gliedern.

Wie oft ist er den Gegnern in die Parade gefahren! Wie haben sie aufgeschrieen, wenn die Hiebe des gesunden roten Burschen hagel⸗ dicht auf sie niedersausten! Und wie oft haben politische Leisetreter vornehm die Nase gerümpft, wenn die M. S.⸗Ztg. nicht wie die Katze um den heißen Brei herumging, sondern die Dinge beim richtigen Namen nannte, offen heraussagte, was war und was ist. In ein Alt⸗Jungfern⸗ Stift sollten die Politikaster gehen, die das

Klapperwerk kriegen, wenn man mit einem kräf⸗ tigen Donnerwetter zwischen ihre Leisetreterei und Katzbuckelei fährt.

Ich durchblättere die sechs Jahrgänge der M. S.⸗Ztg., von denen der erste auf des Gen. Dr. David, die letzten fünf auf mein Konto kommen... Manche schwere Stunde wird mir da in Erinnerung gerufen. Die schweren Zeiten der Wahlkämpfe mit ihren oft übermenschlichen, aufreibenden Anstrengungen lassen mir manche schlaflose Nacht erklärlich erscheinen. Aber wenn ich dann an die wütenden Ausfälle der Gegner erinnert werde, dann sage ich mir: die Hunderte von Volksversammlungen, die im Kreis Gießen abgehalten, die zahlreichen Artikel und Flug⸗ schriften, die verfaßt und verbreitet wurden, sie müssen ihren Zweck erfüllt haben. Woher sonst die grenzenlose Wut der Gegner?

Doch lassen wir das. Ich wollte ja nur einige Abschiedsworte sagen. Parteigenossen, nehmt meinen Nachfolger, unsern Freund Vetters, den viele unter Euch bereits kennen, gut auf. Erleichtert ihm die Arbeit durch fleißige Unter⸗ stützung. Er wird seine Pflicht nach besten Kräften thun, thut Ihr die Eure.

Und nun: lebt wohl! Bleibt die Alten in Bezug auf die Treue, und suche einer den andern zu übertreffen im Dienste für die Partei.

Lebt alle wohl!

Gießen, den 23. März 1900. Ph. Scheidemann.

Partei⸗Hachrichten.

Versammlungs⸗Kalender.

Samstag, 24. März:

Preßkommission(Gießener Mitglieder) abends pünktlich 9 Uhr bei Orbig.

Wieseck. Arb.⸗Bild.⸗Verein abends 8 Uhr bei Emil Schäfer. Es ist dringend notwendig, daß die Genossen die Versammlungen besser besuchen, als in der letzten Zeit. Mit der Versammlungsschwänzerei kommen wir nicht vorwärts. Also, Parteigenossen, seid in der an⸗ gekündigten Versammlung zahlreich und pünktlich am Platze.

Heuchelheim. Arb.⸗Bild.⸗Verein abends /9 Uhr bei Gastwirt H. Volkmann.

Sonntag, 25. März: Friedberg. Wahlvereinsversammlung in derStadt Newyork, bei Jakob Ihl.

Wahlkreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda. Zu⸗ schriften in Parteia igelegenheit sind von jetzt ab nur noch an den Kreis⸗Vertrauensmann August Bock, Gießen, Dammstraße zu senden.

Wahlkreis Friedberg⸗Büdingen. Vilbel. Alle Filialen des Kreiswahlvereins Friedberg⸗Büdingen, weiche noch nicht vom letzten Quartal abgerechnet haben, werden ersucht, sobald wie möglich die Abrechnung einzusenden, da in nächster Zeit die Generalversammlung des Kreiswahlvereins und die Kreiskonferenz zusammen stattfinde. Der Vorst and.

Glänzende Siege erfochten unsere Genossen bei den Gemeinderats-Wahlen in Weißensen und Pankow. Im ersteren Orte wurden drei, im letzterem zwei unserer Kandidaten mit großer Mehrheit gewählt.

Letzte Nachrichten.

Reichstag. Donnerstagssitzung. Der Reichstag wies die Uebersicht der Reichsaus⸗ gaben und Einnahmen für das Rechnungsjahr 1898 auf Antrag unseres Genossen Singer an die Rechnungskommission zurück. Abg. Singer begründete seinen Antrag damit, daß in der Uebersicht 40000 Mark für den Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Grafen Bülow anläßlich der Orieutreise des Kaisers als Etat⸗ überschreitung angegeben seien. Das sei unzulässig, da die Reise eine Privatsache des Kaisers und seines Gefolges sei.

Burenkrieg. DerFrankf. Ztg. wird berichtet:

Kroonstadt, 22. März. General Gatacre wurde bei Bethulie von den Buren unter großen Verlusten zurückge⸗ schlagen. Viele Engländer wurden gefangen.