Seite 4.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 13.
der 48 er Märzstürme im Lokale des Genossen Orbig arrangirt. sammlung nahm ein Referat des Gen. Vetters entgegen, der ausführte, daß alle Fortschritte, deren wir uns heute in politischer, sozialer und wirtschaftlicher Beziehung erfreuen, erst in heißen Kämpfen den herrschenden Gewalten abgerungen werden mußten. Und diese mäßigen Errungen⸗ schaften werden heute noch stets von der Reaktion bedroht. Redner weist hin auf die Knebelungs— versuche, welche die aufstrebende Arbeiterklasse in den letzten Jahren abzuwehren hatte; die Um— sturz⸗Vorlage, Zuchthausgesetz und jetzt die Lex Heinze seien Beweise dafür, daß der reaktionäre„Ordnungs“brei nichts gelernt und nichts vergessen habe und immer wieder durch brutale Gewaltmittel alle freiheitlichen Bestre— bungen niederzuhalten suche. Umsomehr haben wir die Pflicht, das Banner der Freiheit hoch- zuhalten. Unsere Organisationen müßten geftärkt, unsere Genossen geschult werden, damit die Be— freiung der Menschheit von dem Drucke des Kapitals endlich herbeigeführt werde.„Indem wir vorwärts streben, ehren wir am Besten das Andenken der Märzkämpfer!“
Dem beifällig aufgenommenen Referate folgten Lieder⸗Vorträge des Gesangverein„Eintracht“ und der Bedeutung des Tages entsprechende Deklamationen, mit denen die würdige Feier ihren Abschluß fand.
Die Lesehalle in Gießen hat sich in ganz erfreulicher Weise entwickelt. Die Zahl der Mitglieder beträgt über 300. Trotzdem arbeitet der Verein mit Defizit, da die
Buchbinderarbeiten große Summen verschlingen. Bedauerlich ist, daß die Leseh elle nicht genug von Wir empfehlen den Be⸗
such bestens. Die Lesehalle ist jeden Abend von
Arbeitern benutzt wird.
6 bis 10 Uhr für Jedermann unentgeltlich geöffnet. Es werden auch Bücher in die Wohnung mitgegeben. Im Lesezimmer liegen zahlreiche politische Zeitungen auf, darunter der„Vorwärts“ und die„M. S.⸗Ztg.“
Genesungshäuser in Hessen.
* Die„Darmst. Ztg.“ veröffentlicht einen
Aufruf, der sich mit einer von der Großher— zogin angeregten Umgestaltung des„Viktoria⸗ Melitta⸗Vereind“ beschäftigt Der Verein soll ein allgemeiner Lande verein zum Bau von Lungen⸗ heilstätten und Genesungahäusern werden und sich die folgenden Aufgaben stellen: 1) für Lungen- kranke des Großherzogtums ohne Unterschied des Standes und des religiösen Bekenntnisses Heil⸗ stätten, 2) allgemeine Genesungsheime zu errichten und zu unterhalten, 3) für hilfsbedürftige Ange⸗ hörige der in die Heilstätten und Genesungsheime aufgenommenen Personen Fürsorge zu üben und 4) den aus Anstalten des Vereins entlassenen Personen zur Erlangung geeigneter Arbeit be⸗ hilflich zu sein. Der Mttglliederbeitrag ist min⸗ destens Mk 2, für Körperschaften, Vereine u. s. w. mindestens Mk. 25. Der vorbereitende Ausschuß fordert die Einwohner des Landes, die Kreise, Gemeinden, Krankenkassen, gewerbliche Unter- nehmen u. s. w. zum Eintritt auf. So anerkennenswert derartige Bestrebungen sind, so unzulänglich sind sie! Wenn wirklich etwas durchgreifendes anf dem erwähnten Gebiete geschaffen werden soll, so muß der Staat ein— greifen, so müssen die so zialdemokratischen Forderungen verwirklicht werden.
Zur Wohnungsfrage in Hessen.
Im Finanzausschuß der Ersten Kammer wurden am Mittwoch die Anträge der Frei⸗ herren von Heyl und Riedesel betr. Erweiterung des Zweckes der Landeskreditkasse und Errichtung gesunder, kleiner, billiger Wohnungen einer ein⸗ gehenden Besprechung unterzogen, die eine voll⸗ kommene Uebereinstimmung des Ausschusses mit der Regierung im Sinne dieser Anträge ergab. Auch ergab sich die Zustimmung der Regierung zu zwei von dem Ausschuß beschlossenen Reso⸗ lutionen, die die Erbauung von Wohnungen für niedere Bedienstete und Arbeiter der Eisenbahn und die Erweiterung des Wohnungs⸗ gesetzes durch Erlaß besondere Bestimmungen uber die Enteigung von ungesunden und polizeilich
Die zahlreich besuchte Ver⸗
stattfinden dürfen.
geschlossenen Wohnungen in's Auge fassen. Von der Regierung wurde bei dieser Gelegenheit die Mitteilung gemacht, daß sie sich zur Zeit mit der Prüfung der Frage beschäftigte, ov eine Aenderung der Landeskreditkasse und die Grün⸗ dung einer hessischen Pfandbriefbank unter Be— teiligung des Staates und der Sparkasse des Landes möglich sei, wobei dieser Bank die Be— friedigung des privaten Immobilienkredits mir Annuitätenzwang überwiesen werden würde. Die Gründung der Pfandbriefbank soll einerseits den Staatskredit vor einer auf die Dauer unerträg⸗ lichen Inanspruchnahme für private Kreditbe— dürfnesse bewahren und andererseits die Landes- kreditkasse in ausreichendem Maße kräftigen für die ihr verbleibenden zahlreichen Ausgaben allge— meinen Interesses, zu denen nicht an letzter Stelle die Fördernng des Wohnungswesens Minder— bemittelter zu rechnen ist.
Aus Marburg.
W. Die zum 18. März anberaumte Fest⸗ Versamm ung zur Märzfeie r wurde polizeilich untersagt, da nach einer uns gänzlich unbekannt gewesenen Verordnung von 1896 Versammlungen an onntagen erft von nachmittags 3 Uhr an Die Parteigenossen hielten an Stelle der Versammlung inen Frühschoppen ab.
Nachmittags fand in Ockershausen eine Zusam menkunft der Parteigenossinnen und Genossen statt und verlief die für unseren Genossen Scheidemann arrangierte Abschiedsfeier auf das Schönste. Sogar aus verschiedenen Nachbardörfern hatten die Genassen trotz des schlechten Wetters den sehr beschwerlichen Weg nach Ockershausen nicht gescheut, um an dieser Feier teilzunehmen. Zwei Genossen ge— dachten in warm empfundener Weise der Wirk⸗ samkeit des von uns scheidenden Freundes und riefen ihm namens der Arbeiter des Kreises Marburg herzliches Lebewohl zu. Genosse Scheidemann erwiderte, daß er Marburg gewiß nicht vergessen werde. Wie in Gießen die arbestsreichsten, so habe er in Marburg die schönsten Jahre verlebt. Genosse Scheidemann schloß mit einem Hoch auf die Arbeiterschaft im Kreise Marburg. Bei gemeinsamen Gesängen ver— liefen die Nachmittagsstunden auf das angenehmste. Besonderen Beifall fanden die von unseren länd⸗ lichen Freunden dem Scheidenden zu Ehren ge— sungenen Bauernlieder. Abends fand noch eine gemütliche Sitzung beim„Vater Conrad“ statt, welche wohl allen Teilnehmenden noch lange im Gedächtnis bleiben wird.
Sonntag, 25. März, nachmittags 4 Uhr, findet im Schloßgarten eine Nachfeier des Gewerkschaftsfestes statt. Der Vortrags- künstler Caspar Heyer aus Kassel wird einen Vortrag übern„Freiligrat als Dichter und Mensch“ halten. Hoffentlich sind die organisierten Arbeiter alle auf dem Posten. (Siehe Inserat.)
Junkerbundsparade in Marburg.
* Im Marburger Saalbau hat der„Provin⸗ zialverein Hessen- Nassau des Bundes der Landwirte seine Generalversammlung abge— halten. Der bekannte Abg. Dietrich Hahn spielte die erste Violine und geigte so, wie es den er⸗ schienenen Landwirten am besten gefiel. In der Diskussion versuchte Herr von Gerlach zu reden, schnitt aver schlecht ab. Wahrscheinlich ging es den anwesenden„Notleidenden“ doch über die Hutschnur, daß ihnen ein„Politiker“ Mores lehren wollte, der selbst Mitglied des Bundes war, bis er hinausg flogen wurde, der gleichzeitig Verleger der national-sozialen Hessi⸗ schen Landeszeitung in Marburg und Redakteur der demokratischen„Welt am Montag“ in Berlin ist.
Zahnärztliche Behandlung.
„Eine für Krankenkassen wichtige Entscheidung hat der Minister für Handel und Gewerbe einer Mitteilung der„Berliner Wirtschaftl. zahnärztl. Vereinigung“ zufolge unter dem 2. März d. J. gefällt:„Der Herr Minister hat dahin entschieden, daß die Krankenkassen auch bei Zahnkrankheiten verpflichtet sind, die Heilbehandlung der Kassenmitglieder darch approbierte Zahn-
ärzte vornehmen zu lassen. Eine Ausnahme hiervon ist nur dann zulässig, wenn das er- krankte Mitglied sich mit der Behandlung durch eine nicht approbierte Person(Zahntech⸗ niker) einverstanden erklärt....“
Ein Mufterantisemit.
Aus Hamburg wird berichtet„Der antise— mitische Schriftsteller Alexander Wald wird be— schuldigt, im Jahre 1895 sich hierselbst des Be- trugs und der Urkundenfälschung schuldig gemacht zu haben. Nach Eingang der hier er- schenenen antisemitischen Zeitung:„Die Abwehr“ gründete der völlig mittellose W. im Jahre 1895 hier die„Norddeutsche Volkszeitung.“ Für dieses Uaternehmen engagierte W. Kassierer, Boten, Expedienten ꝛc., die sämtlich Kaution stellen mußten. Er erhielt im Ganzen etwa 900 Mk. Als Sicherheit für ihre Kautionen gab W. den Engagierten Wechsel in Höhe der hinterlegten Beträge, die das Accept des Goldschmieds Panz und die Indossos eines Möller und Gerner trugen. Als das Erscheinen der W'schen Zeitung schon nach zwei Monaten eingestellt wurde, war W. nicht in der Lage, die hinterlegten Kautionen zurückzugeben. In einem dann gegen ihn ange⸗ strengten Civilprozeß stellte es sich hꝛraus, daß die sämmtlichen Unterschriften auf den Wechseln gefälscht waren. W. zog es dann am 25. November 1895 vor, Hamburg den Rücken zu kehren. Man nahm an, daß er nach Amerika geflüchtet sei. Thatsächlich war er aber seit dieser Zeit unter falschem Namen Mitarbeiter einer Zeitung in Dresden. Dem steckbrieflich verfolgten W. glückte es auch, sich seit 1895 unerkannt und unangemeldet in Dresden aufzuhalten, bis er am 30. Oktober 1899 dort verhaftet wurde. W. räumt ein, sich in der Not der Wechselfälschung und des Betrugs schuldig gemacht zu haben. Er wird zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängnis, 2 Jahren Ehrverlust verurteilt. 3 Monate der erlittenen Untersuchungshaft wurden in Anrechnung gebracht.
Re ehtsspreehung.
§ Bedenkliche Praktiken moderner Juristerei bringen die Münchener „Neu sten Nachrichten“ an's Tageslicht in der Mitteilung, daß zu einer Frau, die ein Straf— mandat erhalten und dagegen Einspruch er⸗ hoben hatte, einige Zeit darnach ein Schutzmann kam und ihr folgendes Schreiben zur Nachachtung vorlegte:„An die kgl. Polizeidirektion, hier, kurzer Hand mit der Weisung, die Einspruchs⸗ einlegerin zu„belehren“, daß ihr Einspruch aussichtslos erscheint. Dieselbe ist zur Zurücknahme desselben gegen Unter⸗ schrift anzuhalten.— Gez. und ges.: Der Amtsanwalt K. am kgl. Amtsgericht München.“ Das grenzt an vormärzliche Zustände. Erft vor Kurzem wurde es, wie ein Berichter⸗ statter der„Frankf. Ztg.“ hierzu ergänzend be⸗ merkt, offenkundig, daß in Beleidigungsprozessen der Amtsrichter durch einen Schutz nann die von den Parteien vorgeschlagenen Zeugen(Er⸗ klärungszeugen) auf suchen und fragen läßt, was sie von er Sache wüßten. Je nachdem die Meldung des Schutzmanns ausfalle, ordne der Amtsrichter die La ung an oder lehne sie a b.(1) Bei dem Augsburger Krawallprozeß ist es bekanntlich auch herausgekommen, daß die Staat sanwaltschaft oder die Polizei Schutzleute, die Be lastungszeugen waren, zu Ent lastungs⸗ zeugen ins Haus schickte, um sie zu fragen, was sie wüßten. Diese Dinge müssen im bayerischen Landtag zur Sprache gebracht werden. Und unsere Genossen werden mit ihren Ansichten über derartige Juristerei nicht hinterm Berge halten.
Kleine Mitteilungen.
** Gießen. Die Strafkammer verurteilte den praktischen Arzt Dr. Friedländer von Bad⸗ Nauheim in der Berufsinstanz wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt zu zwei Monaten Ge⸗ fängniß. Das Schöffengericht Nauheim hatte vorher nur auf fünf Tage erkannt. Dr. Fried⸗
länder hatte einem Schutzmann in Zivil, der in den Anlagen des Badeortes ihm entgegentrat
hat sic zugettage unter ein daß el, a legen ist Frau ni * 9 einem in ist behau schemnende das Hau in der 8 erlaubt das Ver ** U Franffur stütze, d eine neu jähriges fand be blutigen Sache Frau e Die Fi bringen noch au K* 9 ist alz v. minister etwa 4 * Sonnta Kaub Eisenbe vom R der Sc ernor zuschnei das S schon ei K* 0 Vollzor gegen! Erwart Len Stad kunst Vall Nicht Gesch N Michl Schmit lezten K Vor d Rees n Gl. 99 iel in 8 Spiel sacher wl cle Staat


