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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 13.
verstand der Massen mit erneuter Energie aufgenommen werden. N
Es muß dem arbeitenden Volke in Stadt und Land zum Bewußtsein gebracht werden, daß alle sogenannten„staatserhaltenden“ Parteien, mögen sie sich nun konservativ oder freisinnig, antisemitisch, nationalliberal oder sonstwie nennen, durchweg kapitalistische Parteien sind. Daß die einen mehr das industrielle, die andern mehr das landwirtschaftliche Kapital vertreten, ändert nichts an der Thatsache, daß sie alle Vertreter der Großen sind.
Unversöhnlich steht diesen Parteien gegen⸗ über die Sozialdemokratie. Sie ist die einzige Volks partei, die Vertreterin des ar⸗ beitenden Volkes in Stadt und Land, die Vertreterin der Kleinen!
Und zu den Kleinen gehören alle diejenigen, die sich durch ihre Arbeit ernähren müssen, sei es Kopf⸗, sei es Handarbeit. Alle die Mil⸗ lionen Arbeiter, Kleinbauern, Handwerker, Unter⸗ und Mittelbeamten, Kleinkaufleute und Gewerbe- treibende— das sind die Kleinen. Sie
müssen überzeugt werden, daß man durch gem ein⸗
sames und entschlossenes Protestieren nicht nur drohende Gefahren abwenden, son⸗ dern daß man durch gemeinsames und entschlossenes Fordern auch bessere Zustände herbei⸗ führen kann.
Für Aufklärung muß gesorgt werden. Und da müssen alle Genossen mithelfen. Jeder ist im stande, das beste Aufklärungsmittel, die Parteipresse, in immer weitere Kreise zu bringen. Und dazu soll hier aufgefordert werden.
Mit heutiger Nummer schließt das erste Quartal des 7. Jahrgangs der M. S.⸗Ztg. Die Gelegenheit zur Werbung neuer Abonnenten ist also günstig. Deshalb an die Arbeit, Partei⸗ genossen!
Sorgt dafür, daß die Zahl der Leser der M. S.⸗Ztg. immer größer wird. Je größer die Verbreitung des Blattes, um so größer ist auch sein Einfluß. Was uns die Parteipresse schon genützt hat, wißt Ihr; es steht bei Euch, die Zeitung in die Lage zu versetzen, daß sie in Zukunft mehr leisten kann.
Politische Bundschau. Gießen, 23. März. Der 18. März ist von den klassenbewußten Proletariern überall gefeiert worden. Auf dem Berliner Friedhof, der die Opfer des blutigen 48 er Märztages birgt, wurden mehrere Hundert Kränze mit ent⸗ sprechenden Inschriften niedergelegt. Manche dieser Inschriften auf dem Friedhof mit dem Portal ohne Inschrift fanden so wenig den Bei⸗ fall der heiligen Hermandad, daß sie mit der— Schere abgeschnitten wurden. Ja, die Schere, das ist das richtige Zeichen unserer Zeit, das Zeichen des Krebses, der Rückwärtserei.
Aus mehreren Orten wird berichtet, daß die Märzfeiern verboten wurden, so auch aus Dresden, der sächsischen Metropole, und aus Marburg in Hessen, wo man plötzlich entdeckt hatte, daß vor⸗ mittags keine Versammlungen mehr stattfinden dürfen.
In unserem engeren Vaterlande, so in Mainz, Darmstadt, Offenbach, Gießen u. s. w., wie auch in dem benachbarten Frankfurt, in Cassel und anderen Orten, haben die Märkzveranstaltungen den schönsten Verlauf genommen. Ueber Mar⸗ burg und Gießen berichten wir weiter unten ausführlicher.
Kaiserworte vom Jahre 1890.
Bei der Paradetafel für die Marineoffiziere im Gravensteiner Schlosse am 6. September 1890 bemerkte der Kaiser in einem Trinkspruch:
„... Ich hege die feste Ueberzeugung, daß bei dem Grad der Ausbildung, bei der Hingabe, der Disziplin, der Treue, mit der die Herren arbeiten, meine Flotte im Stande sein wird, jede auch noch so ernste Aufgabe, die ich ihr stellen werde, zu meiner vollen Zufriedenheit und zum Wohl und Heil
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des Vaterlandes, sowie zu dessen Rahm zu lösen.“
Am 26. Februar 1894 rachte Wilhelm II. anläßlich des 25jährigen Jubiläums des Panzer⸗ schiffes Konig Wilhelm einen Toast aus, in dem er u. A. sagte:
„Durch angestrengten Eifer und unermüd⸗ liche Arbeit an sich selbst i st die Marine nun⸗ mehr auf eine Höhe gelangt, der von der ganzen Welt aufrichtige Bewunderung ge⸗ zollt wird.“
Seither haben wir noch die Vermehrung der Flotte in Folge des Gesetzes von 1898 und daraus folgt denn mit zwingender Logik, daß die Marine jetzt allen Anforderungen genügen muß und die neuen Panzerkähne überflüssig sind.
Einwickelpapier!
Ein offiziöses Organ der badischen Regierung, die„Karlsruher Zeitung“, empfiehlt eine Flot⸗ tenbroschüre zur Verbreitung, von der sie rühmend sagt, sie wende sich„nicht an die po⸗ litischurteils fähigen Kreise des deutschen Volkes.“— Gewiß ein gewaltiger Vorzug, wenn eine Agstationsschrift sich an die politisch Unzu⸗ rechnung fähigen wendet. Die Broschüre, welche hier so wohlwollend rezensiert wird, ist die auch in Gießen massenhaft verbreitete Schrift:„Warum hat Jedermann im Volk ein Interesse an einer starken deutschen Flotte?“ Ver⸗ fasser derselben ist ein gewisser Hans Hartmann, der sich gewiß ungemein geschmelichelt fühlen wird, wenn er liest, daß man von befreundeter Seite seiner Schrift daß Zeugnis ausstellt, sie appelliere an den Unverstand.
Zündholzfteuer.
Was alles herhalten soll, um die nötigen Milliarden für die uns„bitter notwendige“ Flotte herbeizuschaffen, zeigte ein Vortrag, den ein Nationalliberaler, Dr. Wetzke in Lübeck gehalten hat. Wetzke's Ausführungen gipfelten in dem Vorschlage, durch eine Zündholzsteuer große Summen für den Flottenbau zu beschaffen.
Die Nationalliberalen werden sich mit ihrem Flottenspektakel die Finger verbrennen, auch wenn ihr Zündholzsteuer⸗Vorschlag nicht verwirklicht werden sollte. Die nächsten Wahlen werden's zeigen.
König Stumm's Dementi.
Seit Wochen wird über die großen Gewinne debattiert, die von Krupp und Stumm an den Bauten der Kriegsschiffe gemacht werden. Jetzt plötzlich erklärt die„Post“, das Organ Stumm's, das Folgende:
Gegenüber den wiederholten Behauptungen einer flottenfeindlichen Presse sind wir in der Lage, zu konstatieren, daß Freiherr v. Stumm⸗ Halberg Panzerplatten überhaupt nicht herstellt. Herr von Stumm besitzt lediglich eine Anzahl Aktien der Dillinger Hüttenwerke, des ältesten Panzerplattenwerkes in Deutschland, gehört aber nicht einmal dem Aufsichtsrate desselben an.
Das klingt wie ein Dementi, i st aber keines. Es wird die märchenhafte Höhe der nicht in der Presse, sondern in der Budgetkom⸗ mission festgestellten Gewinne nicht bestritten, es wird natürlich auch die Beteiligung der Dillinger Hüttenwerke an den Lieferungen nicht bestritten und ebenso wenig die Beteiligung Stumm's an den Dillinger Werken. Bestritten soll anscheinend nur werden, daß Stumm Eigentümer der Dillinger Werke sei, was nirgends behauptet wurde. Hätte die„Post“ angegeben, wie hoch Stumm's Anteil an den Dillinger Aktien ist, dann würde man beurteilen können, ob sein Inter⸗ esse an den Gewinnen mehr oder minder groß ist; vielleicht holt die„Post“ diese Unterlassung nach. Wenn übrigens Stumm nicht selbst im Aufsichtsrat ist, ist es vermutlich sein Schwager.
Musterpatrioten.
In der Freisinnigen Zeitung lesen wir:„Ein unserem Gewährsmann seit Jahren bekannter Großindustrieller, Konkurrent von Krupp, der sich in letzter Zeit von diesem lossagte, teilte auf einer Reise in den letzten Tagen dem Ersteren folgendes mit: In der Budgetkommission des Reichstags hat man den Geschäftsgewinn
der Firma Krupp aus den Lieferungen für das Reich noch viel zu gering geschätzt. Vor einiger Zeit lieferte Krupp Rohre zu Feldge⸗ schützen mit 4800 Mk. Die Konkurrenz erhielt dann einen Auftrag für die gleiche Sorte mit 1950 Mk.(11) Darauf setzte Krupp seinen Preis von 4800 auf 1900 herab.(111) Granaten liefert Krupp mit 8.50 Mk., die Konkurrenz hat sie mit 5 Mk. geliefert. Es ist ein Irrtum, daß Krupp allein Nickelstahl für die Flotte liefern könne. Die Fabrikationsmethode ist kein Geheim⸗ nis und stammt aus Frankreich. Jeder intelligente Fabrikant kennt die Methode. Wenn nur eine Konkurrenz geschaffen würde für Krupp und Stumm, so könnte der Bedarf um die Hälfte biliger gegen den an Krupp gezahlten Preis gedeckt werden. Aber das Reichsmarine⸗ amt stellt Bedingungen, welche das Aufkommen einer Konkurrenz unmöglich machen. So verlange das Reichsmarineamt die Einrichtung eines Schieß⸗ platzes zu Proben in demselben Umfange, wie der Kruppsche Schießplatz. Der letztere aber ift der Firma Krupp vom Staate gegen eine Pachtsumme überweesen worden. Diese Ein⸗ richtung für Schießproben verlangt für 24 Zenti⸗ metergeschütze zwei bis drei Millionen, für 15 Zentimetergeschütze 300 000 Mark. Ohne be⸗ stimmte Zusicherung der Regierung kann niemand so große Summen von vornherein riskieren. Stumm macht selbst wenig Nickelstahl, aber er wird von Krupp mit hohen Summen für die Unterlassung einer Konkurrenz abge⸗ funden.(11!) Würde die Regierung sich mit einem oder mehreren Fabrikanten in Verbindung setzen und sie mit Aufträgen versehen, bezw. für den Anfang mit Kapital unterstützen, so könnten den Steuerzahlern viele Dutzend Millionen erspart werden, die jetzt in die Taschen von Krupp fließen.“
Die Herren Musterpatrioten verstehen das Schröpfen aus dem ff. Man braucht nur daran zu erinnern, daß Krupp auch seine Patente noch an das Ausland rerkauft hat, um den Ge⸗ schäftssinn dieses selbstverständlich am Kriegs⸗ handwerk Gefallen findenden Herrn in bengalischer Beleuchtung erstrahlen zu sehen.
Zur Lex Heinze.
Eine prächtige Demonstration gegen die Annahme des Kunstparagraphen der lex Heinze durch den Reichstag hat die Buch- und Kunst⸗ handlung Fleischhauer in Stuttgar tveranstaltet: eine Venus und ein Apollo von Belvedere sind mit Trauerflor und schwarzem Ge⸗ wand bekleidet. Von einem Bild sieht man nur den Kopf, das übrige ist bedeckt durch ein Plakat: lex Heinze. Daneben befinden sich zwei deutsche Fahnen. Vorne am Schaufenster sieht min das Bild Leos XIII., segnend. Der Andrang des Publikums zu dem Schaufenster ist sehr groß.
Ein Staatsanwalt gegen die lex Heinze.
In Freiburg i. B. fand kürzlich eine Protest⸗ versammlung gegen die lex Heinze statt. Der Erste Staatsanwalt Dr. Junghanns begründete die Resolution in einer glänzenden, von lebhafter Zustimmung begleiteten Rede, die in dem mit stürmischem, langanhaltendem Beifall aufgenom⸗ menen Ausspruch gipfelte: Die Herrschaft der Finsterlinge muß beendet werden.— Nur der Unstand, daß dieser Staatsanwalt in Baden amtiert, dürfte ihn wohl vor dem Schscksal be⸗ wahren, das erste Opfer der lex Heinze zu werden.
Die Unbestechlichkeit der Richter.
Zu dem Ketzergericht, das in Form eines Disziplinarverfahrens dem Prof. Lipps in Mün⸗ chen wegen seiner Aeußerungen über die deut sche Rechtspflege bevorzustehen scheint, gibt nun auch die„Münchener Freie Presse“, eine Lesart der Lipps'schen Bemerkungen, die mit dem, was darüber seither berichtet wurde, im wesentlichen übereinstimmt. Prof. Lipps hat danach gesagt: „Wenn man Unbestechlichkeit nicht nur im groben materiellen Sinn auffaßt, sondern darunter die Unzugänglichkeit für unberechtigte Ein⸗ flüsse jeder Art und die unerschütterliche Wider⸗ standsfähigkeit auch gegenüber mächtigen Tages⸗ strömungen verstehe, so sei das Wort von der
Unbestechlichkeit des deutschen Richterstandes zur
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