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Nr. 13.

Gießen, Sonntag, den 25. März 1900.

7. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Mitteldeutsche

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Die Arbeitskraft in der kapi⸗ talistischen Produktion.

GEs ist eine Eigentümlichkeit der kapita⸗ listischen Produktion, daß sie die Produktivität der Arbeit ins Fabelhafte steigert und dabei dem Erzeuger des Produkts nur das zum Leben notwendige zuweist. Die kapitalistische Produk tien hat den Arbeiter von dem Produkt seiner Arbeit getrennt, das Erzeugnis seines fleißigen Schaffens den Kapitalisten und Unternehmern vorbehalten. Dies wirtschaftliche Verhältnis ist das Ergebnis einer langen geschichtlichen Ent wickelung.

Von der einfachen Produktion der erften kommunistischen Gemeinwesen bis zum kapitalisti⸗ schen Industrialismus welche ungeheure Steige rung der Produktivität menschlicher Arbeit, der Beherrschung und Dienstbarmachung der Natur- kräfte! Keine der bisherigen Produktionsformen hat ähnliche Erfolge aufzuweisen, aber auch tein Elend gezüchtet, wie die kapitalistsche. Das aus dem Gemeineigentum sich entwickelnde Privat eigentum ist der Boden, auf welchem der Kopitalismus gedieh, ja, er setzt dies sogar als eine Grundbedingung voraus. Deshalb der Kampf gegen alle Vorrechte der Feudalherrschaft.

Mit dem 16. Jahrhundert begann das Zeit⸗ alter des Kapitalismus. Die kapitalistische Pro⸗ duktion brauchte zu ihrer Lebensfähigkeit Arbeiter, die frei über ihre Person verfügten, die weder, wie die Leibeigenen und Hörigen, an der Scholle klebten, noch durch den Zunstzwang im Gebrauch ihrer Kräfte behindert waren, die aber durch diese Vorbedingungen auch gezwungen waren, ihre Arbeitskraft dem Kapital zu verkaufen.

Eine der Ursachen, welche im Mittelalter Arbeiter frei machte, war die mit List und Gewalt hervorgerufene Vertreibung der Bauern von Grund und Boden und die Ver wandlung dieses Bodens in Privat⸗ eigentum des Adels. Die von Haus und Hof vertriebenen Bauern mußten ihre Arbeitskraft verkaufen oder sie verfielen dem Vagabundentum. So nahm die kapitalistisch betriebene Landwirt⸗ schaft ihren Anfang. Das in den Städten sich entwickelnde, mächtig aufstrebende Handelskapital machte die Zünfte immer mehr abhängig und nahm schließlich die Produktion von Gebrauchs- werten selbst in die Hand. Es entstand die sog. Manufaktur, d. h. Werkstätten, in denen noch vorherrschend handwerksmäßig, aber bei eingeführter Teilung der Arbeit produziert wurde, bei welchem Verfahren sich die Artikel billiger herstellen ließen, als von Einzelhandwerkern.

Die Manufaktur war die erste Stufe der heutigen großindustriellen Produktion mit Ma⸗ schinen. f

Ein Umstand machte sich in der Manufaktur

schon geltend. Während der zünftige Handwerks⸗

geselle noch Aussicht hatte, seloständig zu werden, war dies bei dem größten Teil der Manufaltur⸗ arbeiter ausgeschlossen. Sie waren dazu ver⸗ dammt, ihr Leben lang Lohnsklaven zu bleiben.

Nur war ihr Los nicht so unsicher, wie das der heutigen großindustriellen Arbeiter: es gab noch

eine Maschinen, welche Arbeitskräfte fleisetzten.

Die Haltung dieser Arbeiter war noch selbst⸗

bewußt gegen das Kapital, da dieses von ihnen wesentlich abhängig war. Um diesem Ueber⸗ gewicht der Arbeiter im Interesse der Kapstalisten entgegenzutreten, wurden gesetzliche Verordnungen erlassen, ein sicheres Zeichen, daß schon damals das Kapital danach trachtete, die Staatsgewalt seinen Interessen dienstbar zu machen. Heute herrscht der Kapitalismus unumschränkt. Der Arbeiter findet ihn überall, wohin er kommt, und sein Schicksal ist überall das gleiche. Das Kapital hat die Arbeit unterjocht, den Staat sich dienstbar gemacht: die Scharfmacher, die Großindustriellen Stumm, Krupp und Genossen, die Grubenbesitzer lassen Polizei und Gerichte für sich arbeiten.

Mit der völligen Trennung der Arbeiter von den Produktionsmitteln war auch der Grund zur Abhängigkeit der Arbeiterklasse gelegt. Aver eins blieb ihm: dieFreiheit, seine Arbeitskraft zu verkausen wo er wollte. Ihr Preis regelt sich nach Angebot und Nachfrage. Aber diese Trennung des Arbeiters hatte noch eine andere Seite. Seine Arbeitskraft war dadurch, daß sie Gebrauchswert geworden war, für ihn ohne Nutzen, sie gelangte erst durch den Austausch an das Kapital zu ihrer Ver wendung, zu ihrer Be⸗ stimmung als Gebrauchswert.

Nun wissen wir, daß alle Gebrauchswerte erst dadurch, daß sie für den Bcsitzer dieses nicht sind, eine Ware darstellen, welche durch den Handel ausgetauscht wird. Die kapi⸗ taliftische Produktion ist ohne Ausnahme Waren⸗ produktion. Sie ist dies im Gegensatz zur kom⸗ munist schen und feudalen, welche vorherrschend eine solche zum bloßen Selbngebrauch war.

Dadurch, daß die Arbeitskraft eineWare geworden, war ihr Besitzer Warenbesitzer! Ja, ja, famos! War der Arbeiter nicht frei und unabhängig? Stand er nicht auf gleicher Stufe mit dem Kapitalisten und Unternehmer? Das Reich der Gerechtigkeit und Freiheit, das goldene Zeitalter der Lohnarbeitware war damit gerechtfertigt.

Nun wird man fragen: wenn die Arbeits kraft eine Ware ist, wie hoch ist dann ihr Wert? Nichts einfacher. Er wird bestimmt gleich jeder anderen Ware durch die zu ihrer Herstellung bezw. Wiederherstellung gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Der Arbeiter als Besitzer derselben braucht dazu einer bestimmten Menge Lebens mittel. Die zur Herstellung der Arbeitskraft nötige Arbeitszeit ist gleich der Au beitszeit, die gesellschaftlich notwendig, um diese Menge Lebens- mittel herzustellen.

Wir haben gefunden, daß menschliche Arbeits kraft in der kapitalistischen Produktion zum toten Werkzeug der Arbeiter geworden ist. Die Lob redner des Kapitals hätten die Aufgabe, zu be⸗ weisen, wie sich dies mit menschlicher Würde vereinigen läßt. Aber freilich, die Moral hat in der bürgerlichen Gütererzeugung keinen Patz, alles wird g schäftsmäßig betrieben, unbekümmert um die Folgen, die daraus entstehen. Und in diesem Verhältnis wird nicht eher eine Aende rung eintreten, als bis der Kapitalismus beseitigt ist. Dies Ziel zu erreichen müssen die Arbeiter politisch und gewerkschaftlich thätig sein.

In dem Kampfe gegen den Kapitalismus sind sie

lediglich auf sich selbst angewiesen, denn das Bürgertum hat an dem Fortbestand ihrer Ab⸗ hängigkeit das größte Interesse.

Einigkeit macht stark!

* Die schlimmsten Dinge müssen wir über uns ergehen lassen, weil ein kleines Häuflein Mucker, Kraut⸗ und Schlotjunker über die politische Macht verfügt.

Wir müssen uns den Leibriemen enger schnallen, weil man uns künstlich zum Vor⸗ teil der Großgrundbesitzer das Brot verteuert. Millionen werden in Zukunft auf den so schon geringen Fleischgenuß noch mehr, vielleicht gänzlich verzichten müssen, weil uns künstlich zum Vorteil der Agrarier das Fleisch noch weiter ver⸗ teuert werden soll!

Das sind Raubzüge der Krautjunker auf die Taschen des arbeitenden Volkes. Aber auch die Schlotjunker wollen noch mehr Profite herausschinden. Sie wühlen zu gunsten abenteuerlicher Flottenpläne, welche ihnen Millionen einbringen würden, die gleich⸗ falls das arbeitende Volk zahlen müßte.

Jedoch nicht nur leiblich, nicht nur am Geldbeutel, auch geistig soll das Volk ge⸗ schunden werden. Wo die Kraut⸗ und Schlot⸗ junker ihren Rebbach machen, da will die Muckerei nicht leer ausgehen. Das Volk soll vermuckert, gewaltsam dumm gemacht, ins Mittelalter zurückgeführt werden, auf daß der Weizen finsteren Pfaffentums wieder aufblühen kann.

Die lex Heinze zeigt deutlich genug, wo⸗ hin des Wegs wir geführt werden sollen.

Mehr Soldaten uad Kanonen weniger Brot! so hieß es seither. Mehr Schiffe weniger Fleisch! so wird es binnen kurzem heißen.

Und weil dieser schmachvolle Zustand die Zustimmung des Muckertums gefunden, so werden sich die Junker vom Kraut und vom Schlot erkenntlich zeigen und den Mucker⸗ wünschen entgegenkommen müssen.

Die Gefahr wird immer größer!

An einen zeitgemäßen sozialpolitischen Fort⸗ schritt ist unter den obwaltenden Verhältnissen gar nicht zu denken. Das deutsche Volk muß froh sein, wenn es ihm wenigstens gelungen ist, einige der schwärzesten Pläne durch millionen⸗ stimmigen Protest beseitigt zu haben. Man denke nur an die Umsturzvorlage und an das Zuchthausgesetz!

Diese erfolgreichen Proteste geben uns aber auch gleichzeitig einen beachtenswerten Fingerzeig. Warum waren sie erfolgreich? Weil das Volk einmütig zusammenstand und durch Einmütigkeit stark geworden war! Darin besteht das ganze Geheimnis! Das Häuflein der oberen Zehntausend ist sich einig und daher seine Macht. Die Masse des Volkes hat sich in zahlreiche Parteien zersplittern lassen durch Söldlinge der Mächtigen und daher seine Schwäche.

Klarheit über die herrschenden Zustände muß geschaffen, der Kampf gegen den Un-