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Nr. 26.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

weniger in Betracht. Wichtig ist vielmehr, daß ein alter erfahrener Richter die von Sozialdemo⸗ kraten schon längst hervorgehobene Thatsache des engen Zusammenhangs zwischen Verbrechen und Not bestätigt. Es wäre nur zu wünschen, daß diese Erkenntnis mehr und mehr unter den Richtern Platz greift und auch bei der Urteils⸗ fällung Berücksichtigung findet. Bisher ist davon nur noch wenig zu bemerken. Lehrer gegen Junker und Pfaffen.

Die allgemeine deutsche Lehrerversammlung in Köln a. Rh., die in der Pfingstwoche tagte, nahm nach mehreren scharfen Reden gegen das Pfaffentum in der Schule und die Bildungs⸗ feindschaft der Junker folgende Resolutiou an:

1. Die Volksbildung ist eine der wirksamsten Kräfte für erhöpte wirtschaftlithe Leistungsfähigkeit eines Volkes.

2. Eige gesteigerte allgemeine Volksbildung fördert den Volk wohlstand und bewirkt eine gleichmäßigere Ver⸗ teilung der Arbeitserträge, fördert also neben der wirt⸗ schaftlichen auch die soziale Entwickelung unseres Volkes und bedingt seine Stellung auf dem Weltmarkt.

3. Es ist deshalb a) allen Volksbildungsanstalten und Volksbildungsbetrebungen eine vermehrte Pflege zu widmen; b) allen bildungsfeindlichen Bestrebungen auch um des Wertes der Bildung selbst willen ent⸗ schieden entgegenzutreten.

Wenn der Lehrer dieses erstrebenswerte und notwendige Ziel erreichen wollen, dann müssen sie sich Mann für Mann der Sozialdemokratie anschließen, denn diese ist die energischste Ver⸗ teid gerin der Volksbildung. Sehr oft finden wir aber, daß die Lehrer namentlich auf dem Lande sich als Scozialistenfresser hervorthun und die volks bildungsfeindlichen Parteien unter⸗ stützen, trotzdem jederzeit die Sozialdemokratie für Besserstellung und Unabhängigkeit der Lehrer eingetreten ist.

Die Kirche hat einen guten Magen.

Ueber die Pfaffenwirtschaft in Oester⸗ reich wird der BerlinerVolksztg. berichtet:

Das Kirchenvermögen in Oesterreich hat sich in den fünf Jahren von 189095 um rund 60 Millionen Gulden, also durchschnittlich um 12 Millionen jährlich vermehrt; wie man sieht, erweist sich dietote Hand zum Zusammen⸗ scharren recht lebendig. Wenn man berechnet, daß etwa 5000 Gulden genügen, um einem Bauer oder Handwerker eine Existenz zu gründen, frist demnach die geistlichetote Hand in Oester⸗ reich in einem Jahre 2400 Hauswesen auf. Die Summen, die alsPeterspfennig nach Rom oder an ausländische Wallfahrtsorte, z. B. nach Lourdes, und für französische(politische) Heiden⸗Missionen geschickt werden, sind dabei gar nicht gerechnet. Das arme, kleine Tirol ernährt an Prieftern, Männer⸗ und Frauen- Orden: Im Bistum Brixen 1274 Priester, 861 Ordensmänner, 2790 Ordensfrauen. Im Bis⸗ tum Trient 871 Priester, 786 Ordensmänner, 1242 Ordensfrauen. Im Anteil des Bistums Salzburg 128 Priester, wozu man nach dem oben gekennzeichneten Verhältnis wohl mindestens 300 Ordensleute rechnen darf. Insgesamt er⸗ geben sich für Tirol 8259 geistliche Personen, das ist um etwa 2000 mehr als ganz Böhmen zählt, welches Tirol an Bevölkerung sechs Mal, an Steuerleistung mehr als zwölf Mal übertrifft. In Tirol kommt daher auf je 150 Einwohner ein Ordensmitglied, in Böhmen auf je 2500.

Männerstolz vor Königsthronen. Prinz Albert, der belgische Thronfolger, hat sich mit der Tochter des Augenarztes Herzog Theodor von Bayern verlobt. Aus diesem Anlaß widmet derPeuple, unser belgisches Partei⸗ organ, dem Prinzen einen Verlobungsgruß, aus welchem wir folgende Sätze unseren Lesern vor⸗ führen wollen:

Prinz, Sie haben, soviel wir wissen, nur einen einzigen Fehler, nämlich den, ein Prinz zu sein. Wir wissen gar wohl, daß man Ihnen das schon gesagt hat, aber es hat Sie nicht verbessert. Trotzdem, denken Sie nur, wie schön es von Ihnen sein würde, wenn Sie über die Vorurteile Ihrer Geburt, Ihrer Erziehung und Ihrer Umgebung die Achseln zucken könnten... Wenn Sie eines Tages den Mut finden, der Reaktion die Stirn zu bieten, wenn Sie sich weigern, als die

erkörperung unserer schauderhaften heutigen Gesellschaftsordung gelten zu wollen, wenn Sie im Bunde mit uns der Urheber von Reformen zu werden

bereit sind, und wenn Sie begreifen, daß nichts Sie höher erheben kann, als ein Arbeiter der neuen Gesellschaft zu werden, auch dann, Prinz, wir sagen es Ihnen in aller Loyalität, werden wir niemals auf unsere republikanischen Ueberzeugungen Ver⸗ zicht leisten, aber wir werden niemals unsere Mitarbeit und unsere Hülfe versagen, wo es sich darum handelt, sofortige Erleichterungen, auf welche die ar⸗ beitenden Klassen harren, durchzusetzen... Wenn es wirklich eine Neigungsehe ist, die Sie eingehen, Prinz, so konnten Sie, da man seine Liebste nicht zu belügen vermag, der Herzogin Elisabeth nicht auf eine Krone Hoffnung erwecken; denn Sie wissen selbst sehr wohl, daß die Zukunft der Volkssouveränetät gehört, vor der alle anderen verblassen müssen und der Sie Platz machen werden.... Jugend, Liebe, Güte gehören Ihnen, und so wird die Stunde kommen, Prinz, wo Ihnen nichts mehr zum Glück fehlen wird, denn an dem Tage, wo Sie Ihr Metier nicht mehr betreiben, kennen wir keinen Fehler mehr an Ihnen. Dann sind Sie würdig, ungeheuer glücklich zu werden, und für diesen Zeitpunkt wünschen wir Ihnen alle erdenkbaren Freuden und Wonnen und viele Kinder!

Gewiß eine offene und freie Sprache! Wer sich aber in Deutschland einer solchen be⸗ dienen wollte, würde sehr bald den Häschern verfallen, denn dieunwandelbare Treue des deutschen Volkes zu ihren angestammten Fürsten

bedarf des polizeilichen Schutzes.

Ausländisches.

Erfolge der italienischen Wahlen.

In der italienischen Kammer verkündete der Minister Pelloux, daß das Kabinett zurück trete. Die Kammer wurde darauf vertagt. Vorher schien es noch zu einem Ausgleich kommen zu sollen, da die äußerste Linke geneigt war auf die Obstruktion zu verzichten, falls der Präsident Gallo sich verpflichtete, das neue Geschäftsregle⸗ ment nicht anzuwenden. Hierauf brach der Zwist im Kabinett aus. Die Minister der Rechten bestanden auf konsequentem Festhalten am neuen Reglement. Auch die Mehrheit selbst spaltete sich.

Der Krieg mit China.

An der Stelle des Aufstandes in China ist jetzt der Krieg mit China getreten. Die chinesische Regierung, deren Haltung schon längst verdächtig war, hat sich der Boxerbewegung angeschlossen. Die Forts von Taku haben das Feuer auf die europäischen Kriegsschiffe eröffnet. Das deutsche Volk hat der Chinapolitik der Kapitalistenklasse Blutopfer bringen müssen. Ein vom deutschen Konsul in Tschifu in Berlin eingegangenes Tele- gramm lautet: Die Chinesen legten im Takufluß Torpedos und zogen eine Truppe von Schanhaikwan zusammen. Auf dem russischen Admiralsschiff versammelten sich die fremden Befehlshaber und richteten an den Kommandanten der Takuforts das Ultimatum, seine Truppen bis 2 Uhr nach⸗ mittags des 17. Juni zurückzuziehen. Darauf eröffneten die Forts am 17. Juni 1 Uhr nachts das Feuer, das von den deutschen, russischen, englischen, französischen und japanischen Schiffen erwidert wurde und sieben Stunden dauerte. Angeblich sind zwei englische Schiffe zwischen den Forts im Fluß gesunken; die Telegraphen⸗ und Eisenbahn⸗Verbindung zwischen Taku und Tiensin ist gestört, die Verbindung zu Wasser ebenfalls. Infolge der Beschießung flog das chinesische Pulver- magazin in die Luft. Ein britisches Kriegsschiff wurde beschädigt. Zwei Offiziere und vier Mann wurden verwundet. Nach einem kombinierten Angriff der fremden Kriegsschiffe wurden die Forts von Taku genommen. Bei der Erstür⸗ mung fielen vom deutschen Kriegsschiff Iltis drei Mann, sieben Mann wurden verwundet. Die Fremdenniederlassungen in Tientsin wurden von den Chinesen beschossen.

Ueber die Lage in Peking verlautet nichts bestimmtes. Namentlich weiß man nicht, ob die dortigen Gesandtschaften angegriffen worden sind. Eine aus chinesischer Quelle stammende Meldung besagt, daß der englische Admiral Seymour mit den ausländischen Truppen am 17. Juni in Peking eingetroffen sei und die Gesandtschaften unversehrt gefunden habe.

Deutschland macht bereits mobil. Von Kiel wird gemeldet, daß die beiden Seebataillone

den Mobilmachungsbefehl erhielten. Diese sollen noch durch Mannschaften aus der Linie verstärkt werden. Auch der Panzerkreuzer Fürst Bismarck erhielt Ordre, sich binnen zehn Tagen zur Ausreise fertig zu machen.

*

Wie die Chinesen die europäische Kultur beurteilen, darüber hat sich ein in London lebender, angeblich der Gesellschaft der Boxer angehörender Chinese ausgesprochen. Von diesen in derKöln. Ztg. veröffentlichten Aeußerungen wollen wir folgende unseren Lesern vorführen. Man kann z. B. diesem Chinesen nicht ganz Unrecht geben, wenn er sagt:

Wir wollen allein gelassen werden, wir wollen die Freiheit haben, unser schönes Land und die Früchte unserer alten Erfahrung zu ge⸗ nießen. Wenn wir euch bitten, wegzugehen, so weigert ihr euch und ihr bedroht uns gar, wenn wir euch nicht unsere Häfen, unser Land, unsere Städte geben. Daher sind wir Mitglieder der Gesellschaft der sogenanntenBoxer nach reif⸗ licher Ueberlegung zu der Erkenntnis gekommen, daß die einzige Möglichkeit, euch los zu werden, darin liegt, daß wir euch töten. Wir sind von Natur nicht blutdürstig, aber wenn Zureden und Ueberzeugung und die Berufung an euren Verstand und euer Gerechtigkeitsgefühl versagen, so sehen wir uns der Thatsache gegenüber, daß unsere einzige Rettung ist, euer Dasein auszulöschen.

Nehmen Sie Ihre Missionäre! Sie kommen zu uns mit einer neuen Religion, über deren hauptsächlichste Grundsätze sie selbst unter einander bitterlich uneins sind; sie sagen uns, wenn wir ihre Lehre nicht annehmen, würden wirewige Strafe erdulden. Sie schrecken unsere Kinder und alten Leute und ver⸗ anlassen alle möglichen Zwistigkeiten zwi⸗ schen Familien und einzelnen Personen. Da ist es doch kein Wunder, daß wir sie nicht dulden wollen. Wenn wir eure Eisenbahnen und Maschinen haben wollten, so könnten wir sie ja kaufen; aber wir wollen sie nicht, sie sind uns nichts nutz, wir haben gelernt, ohne sie fertig zu werden. Trotzdem sagt ihr, ihr würdet uns zwingen, sie zu kaufen, ob wir wollen oder nicht. Ist das gerecht? Ich sage, es ist eine Anmaßung, eine Be⸗ schimpfung. i

Und weiter meint der Sohn des Reiches der Mitte:

Viel Wesens wird auch daraus gemacht, daß wir keine Soldaten sind. Wir aber haben aufgehört, Soldaten zu sein, weil wir zivilisiert geworden sind. Der Krieg ist barbarisch. Die Wirkung davon, daß wir auf unserer jetzigen Höhe der Zivilisation angelangt sind, ist, daß wir uns mehr als irgend eine andere Rasse auf der Erde vermehrt und vervielfacht haben.... Wir zählen 400 Mil⸗ lionen menschliche Wesen, und wer könnte uns Widerstand leisten, wenn wir unsere Macht zur Geltung bringen wollten? Glauben Sie, wir seien uns dessen nicht bewußt? Im Gegenteil, wir wissen es zu gut, und nun ist es Sache der weißen Rassen auf der Erde, zu erkennen, daß wir, nicht sie die Herren sind.... Lassen Sie mich wiederholen, daß alle die Dinge, die im Westen die Menschen trennen, in China that⸗ sächlich keinen Daseinsgrund haben. Politik, Religion, persönlichen Ehrgeiz, Aus⸗ dehnungsdrang, Landhunger, Gold⸗ hunger alles das giebt es in China nicht. Ihr meint, der Chinese sei ein Kind, weil er träge, sorglos und einfach ist. Das ist ein großer Irrtum. Er hat das Geheimnis gelernt, glücklich zu sein, sein Leben ist ruhig und nichts stört ihn, so lange sein Gewissen rein ist. In ein Sprichwort zusammengefaßt ist das Bild unseres Charakters: Laßt uns in Ruhe und wir lassen euch in Ruhe!

Der Krieg in Südafrika. Bedentende Zusammenstöße haben nach den vorliegenden Nachrichten in der letzten Woche nicht stattgefunden. Der Krieg scheint immer

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