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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 26
Der Ausschuß muß hiernach den Vorwurf der Verschleppung der An⸗ gelegenheit, sowie den Versuch einer Aufbürdung einer Verantwortung
für eine angebliche Schädigung ein⸗
zelner Landesteile auf das aller⸗ entschiedenste zurückweisen.“ f
Damit ist ein Konflikt zwischen dem Fin anz⸗ minister Küchler und dem Finanzausschuß der zweiten Kammer gegeben, dessen Abschluß bei der impulsiven Natur des Herrn Küchler nicht vor⸗ auszusehen ist. Sollte er auf diese Abwehr des Ausschusses im Tone seines Angriffs antworten, meint das„Offenb. Abendbl.“, so könnte die Reserve, welche sich der Ausschuß auferlegt, sehr leicht ⸗bei Seite gesetzt werden, und ein lebhafter Austausch der beiderseitigen Anschauungen zu er- warten sein. In diesem Falle dürften auch die einzelnen Mitglieder des Ausschusses persönlich hervortreten und aus ihrer Auffassung der Sach⸗ lage kein Hehl machen, was sicher zu interessanten Ausauseinandersetzungen führen wird.
Warten wir also ab, was Excellenz Küchler
g jetzt thut!
Politische Rundschau.
Gießen, 22. Juni. Die Milliardenflotte genügt noch nicht.
Von unserer Seite ist stets behauptet worden, daß es bei den bisherigen Bewilligungen für die Flotte nicht bleiben werde und daß immer neue Opfer für die Weltmachtspolitik gefordert werden würden. Wie recht wir damit hatten, beweisen die neuerlichen Aeußerungen Wilhelms II. So heißt es in einem Telegramm an den Nord- deutschen Lloyd:
„Nun aber unermüdlich weiter, daß die begonnene Arbeit auch bald vollendet wird. Dann wollen wir auf dem Wasser Frieden gebieten.“
Das kann man nur, wenn man der Stärkste auf dem Wasser ist. Mit 4 Geschwadern sind wir das aber noch lange nicht. Also ergiebt sich aus dem angeführten Telegramm unzweifel⸗ haft die Absicht, noch weitere große Schiffsforde⸗ rungen zu stellen.—
Ferner sagte Wilhelm II. in einer Rede bei der Eröffnung des Elbe⸗Travekanals in Lübeck unter anderem:
„Zuversichtlich hoffe ich, daß unter meinem Schutze Lübeck sich weiter entwickeln wird. Ich würde diese Hoffnung nicht mit der Freudigkeit aussprechen können, wenn ich nicht jetzt vor Ihnen stünde, freudig gehoben, daß wir die Aussicht haben, einmal eine deutsche Flotte zu bekommen. Für eine Seestadt kann der Kaiser nur dann den Schutz über⸗ nehmen, wenn er ihre Flagge, sei es die lübische, sei es die hamburgische, sei es die bremische, sei es die preußische, bis in die entferntesten Fernen der Welt durch seine Kanonen schützen kann. Möge es uns denn vergönnt sein, durch den Ausbau unserer Flotte nach außen den Frieden miterhalten zu können, und möge es uns ge⸗— lingen, durch den Ausbau unserer Kanäle im Innern die Erleichterung des Verkehrs zu er reichen, deren wir bedürfen!“
Man beachte die Form:„Wir haben Aus- sicht, einmal eine deutsche Flotte zu bekommen“; dem deutschen Sprachgebrauch entspricht es, daß man das Wort„einmal“ in dieser Weise nur auf entfernt liegende Dinge anwendet. Daraus ergiebt sich: Die jetzige Flottenbewilligung be⸗ trachtet der Kaiser keineswegs als Verwirklichung des Flottenplanes.„Wir werden einmal eine Flotte haben“, das bedeutet, demnächst wird eine neue Flottenvorlage eingebracht, die eine Verdoppelung der jetzt bewilligten Schiffs⸗ Elen. bringt. Der Appetit kommt mit dem
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Belohnungen.
Aus Anlaß der Flottenbewilligung ist, wie der„Reichsanzeiger“ mitteilt, der Staatssekretär Tirpitz in den erblichen Adelstand er- hoben worden. Außerdem hat sich ein Ordens⸗
regen über die Marine Offiziere und Beamten ergossen. Zivilisten finden wir keine in der Liste der Dekorierten; doch wird der materielle Lohn für die höhere Bourgeoisie auch nicht ausbleiben. Durch die Flottenvermehrung werden eine große Anzahl neuer Offiziersstellen geschaffen und die Flottenlieferanten heimsen gewaltige Profite ein. Aber daß gerade diejenigen, welche in erster Linie dem Flottenrummel zum günstigen Abschluß verhalfen, die auserlesenen Förderer der Welt⸗ machtpolitik, die Herren Müller-Fulda und Gröber leer ausgegangen sind, muß mit Be⸗ dauern vermerkt werden. Und der Flottenmüller hat sicher mehr Anteil am Zustandekommen des Flottengesetzes, als Admiral Tirpitz.— Auch die Thätigkeit der nationalsozialen Agi⸗ tatoren, die sich für die Flotte bald die Lunge wund geredet haben, sollte doch gebührend an⸗ erkannt und entsprechend belohnt werden!
Abg. Köhler und die Flottenvorlage.
Bei der Abstimmung über die Flottenvorlage hat sich der antisemitische Reichstagsabgeordnete für Gießen wiederum gedrückt. Der gute Mann glaubt sich auf diese Art am besten vor Angriffen schützen zu können; den Flotten⸗ gegnern kann er mit gutem Gewissen sagen, daß er nicht für die Flotte gestimmt habe, während er ebenso ruhig und nicht minder wahr den Flottenfexen erklärt, daß es ihm ja nie ein⸗ gefallen sei, gegen die Flotte zu stimmen! Diese Stellung entspricht auch so ziemlich der⸗ jenigen seiner Partei, die in ihren Preßorganen die Flottenvorlage bekämpfte, während ihre Abgeordneten, soweit sie anwesend waren, dafür stimmten. Klare Politiker, diese„teutschen Männer!“
Teutsche Schwindelei.
Von dem antisemitischen Organ in Offenbach wurde kürzlich auf den 31. Mai als den Tag aufmerksam gemacht, da vor zehn Jahren Dr. Böckel zum erstenmale in einer Versammlung in Trebur aufgetreten sei und Böckel wie folgt gelobhudelt:
„... Als zwei Jahre später am 29. Mai hier das erste Mitteldeutsche Bauernvereinsfest abgehalten wurde, da erhielt Dr. Böckel bei seinem Einzuge, der einem wahren Triumph⸗ zuge glich, von den Jungfrauen Treburs einen prachtvollen Lorbeerkranz über⸗ reicht als Verdienst, den sich der mutige Führer in schwerem Kampfe für den Bauern⸗ stand errungen hat. Durch Familienver⸗ hältnisse war er leider gezwungen, seinen Wirkungskreis zu verlassen und siedelte von Marburg nach Berlin über, wo er einige Zeit der Politik entsagte. Heute sehen wir ihn aber, den alten Kämpfer und Rufer im Streit, wie er im deutschen Volks⸗ bunde zu Berlin fortwährend Versammlungen abhält und als außerordentlich begabter Redner gefeiert wird. Ja, wir hoffen und sehen die Zeit nicht mehr fern, wo der von uns so geachtete und verehrte deutsche Mann uns wieder zu dem heiligen gerechten Kampfe aufrufen wird gegen unseren Erb⸗ feind, das alles verpestende internationale
jüdische Gaunertum. Das walte Gott—“
Wer lacht da nicht?! Derartigen Schwindel wagt das Blatt der Hirschel und Köhler seinen Lesern aufzutischen, während doch fast jedes Kind in ganz Hessen weiß, daß Böckel keineswegs „durch Familienverhältnisse“ zur Flucht nach Berlin gezwungen wurde, sondern daß ihn die⸗ selben Leute, die ihn hier in so ekelhafter Weise anschmusen, die Köhler, Hirschel ꝛe. abgesägt und hinausgegrault haben. Und dieselben Leute erklärten damals, daß sie aus Schonung für Böckel die Gründe ihres Vorgehens gegen ihn nicht öffentlich darlegen könnten, weil er sonst moralisch ruiniert wäre! Wie nun? Hat sich Böckel gebessert oder sind die anderen auf ihn heruntergekommen?— Wir verstehen es nun, wenn Böckel seinerzeit gesagt haben soll, daß ihm der schmutzigste polnische Jude lieber wäre als gewisse seiner Parteigenossen. Wir können uns auch denken, wen er damit gemeint hat.
Diäten ⸗Sehnsucht.
Durch Nichtgewährung von Tagegeldern an N it diese bi
Reichstagsabgeordnete glaubte man in erster Linie die Sozialdemokratie aus dem Parlament fernzuhalten. Diese hat jedoch die Schwierigkeit spielend überwunden und bürgerliche Parteien empfinden den Mangel an Diäten weit mehr, wie folgende Aeußerung der agrarischen„Deutsch. Tagesztg“ zeigt:„So kann es nicht weiter gehen. viele Reichsboten, die vor zwei Jahren mit frischen Hoffnungen und Kräften in den Reichs⸗ tag eintraten, beginnen jetzt schon die Lust zu verlieren. Es werden sich, wenn die Sache so fort geht, immer weniger Männer finden, die bereit sind, das große Opfer einer Reichstags⸗ kandidatur zu bringen.“ Es sei zu viel verlangt wenn man den Abgeordneten zumuthet, vom November bis in den Juni hinein ohne Tage- gelder mit wenigen Pausen in Berlin bei der gesetzgeberischen Arbeit zu sein.„Die Ein⸗ führung von Tagegelder oder Anwesenheitsgeldern wird sich nicht umgehen lassen. Es wäre dringend zu wünschen, daß die verbündeten Regierungen den Widerstand gegen diese Einführung aufgeben möchten, der ja sachlich und innerlich jetzt nicht mehr berechtigt ist.“ Kaiserliche Schiffe.
Speziell für den Kaiser ist, wie man dem „Vorw.“ aus Kiel schreibt, neben der„Hohen⸗ zollern“ wieder ein anderes Kriegsschiff einge⸗ richtet worden. Es ist dies das neueste Torpe⸗ doboot, welches den Namen„Sleipnir“ erhalten hat anstatt„8, 97“. Es soll der„Hohenzollern“ als Tender attachiert werden, zum An- und Von⸗ bordgehen, für Fahrten auf Flüssen und in engen und flachen, von der„Hohenzollern, nicht zu besuchenden Fjorden an der norwegische n Küste usw. dienen. Und dieser Aufgabe gemäß ist denn der„Sleipnir“ eingerichtet. Das Schiff ist, abweichend von den bisherigen Topedobooten, auf dem Hinterdeck mit einem Pavillon versehen und weiß gestrichen.
Traurige Hanswürste.
Dem Genossen Liebknecht hat seine letzte vortreffliche Reichstagsrede die übliche Flut von Schimpf⸗ und Drohbriefen eingebracht. Die meisten sind unterzeichnet„Ein deutscher Mann“ oder„Deutsche Männer“. Einer ift auch ein „teutscher Mann“. Keiner der„deutschen“ oder „teutschen“ Männer hat aber seinen Namen ge⸗ nannt. So weit reichte der Mut nicht.
Not und Verbrechen.
Von Seiten der Sozialdemokraten ist schon längst nachgewiesen worden, daß Not und Ver⸗ brechen miteinander in engster Beziehung stehen, daß also überall da, wo die Bevölkerung in besseren wirtschaftlichen Verhältnissen lebt, die Zahl der Verbrechen abnimmt. In Richterkreisen hat sich diese Anschauung, die sich auf statistische Zahlen gründet, bisher noch wenig Bahn ge⸗ brochen. Jüngst hat jedoch bei der Eröffnung des Schwurgerichts in Plauen i. V. der Vor⸗ sitzende desselben den Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Verhältnissen und Verbrechen rücksichtslos anerkannt. Bei dem erwähnten Schwurgericht sind die zur Verhandlung stehenden Straffälle stetig zurückgegangen, und als die Geschworenen zur letztverflossenen Verhand⸗ lungsperiode zusammentraten, lag nur ein ein- ziger Fall vor. Der Landgerichtsdirektor Oeser erwähnte diese Thatsache in der Ansprache an die Geschworenen und führte da unter anderem folgendes aus.„Wie ist dieser erfreuliche Rück⸗ gang zu erklären?“ fragte er.„Ist im Vogt⸗ land die Moral und der Sinn für die Gesetz⸗ lichkeit gestiegen?“ Von einem bloßen Zufall, so führte er weiter aus, könne er nicht reden, denn die Schwurgerichtsfälle hätten sich schon seit einigen Jahren in der Zahl ver⸗ ringert. Das könne nur auf den guten Geschäftsgang im hiesigen Be⸗ zirke zurückführt werden. Infolgedessen seien gewisse Verbrechen, und zwar die auf das Eigentum gerichteten, eigentlich ganz
verschwunden.— Allzu rosig wird wohl dort im Erzgebirge die wirtschaftliche Lage gerade Für uns kommt dies hier aber
nicht sein.
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