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Beilage zur Mitteldeutschen Sonntags- Scitung.
Ar. 51.
Deut seher Reichstag.
Am Donnerstag wurde die am Montag ab⸗ gebrochene Debatte über die Kohlennoth fortgesetzt, aber auch noch nicht beendigt. Vor⸗ her ereignete sich ein heiteres Intermezzo, in⸗ dem bei der Exledigung des schleunigen An- trages, das gegen unseren Genossen Thiele schwebende Verfahren wegen Majestätsbeleidi⸗ gung einzustellen, Dr. Arend wiederholt ver⸗ suchte, auf frühere Aeußerungen Thieles über den Steiger Rothe zurückzukommen; unter stets wachsender Heiterkeit des Hauses machte der Präsident Graf Ballestrem ihn darauf aufmerk⸗ sam, daß es sich heute um etwas anderes handle, so daß er, der Noth gehorchend, nicht dem eige⸗ nen Trieb, die Tribüne unverrichteter Sache verlassen mußte.— Nach einigen Aeußerungen der Minister Brefeld und Thielen erhielt unser Genosse Sachse, welcher als früherer Bergmann die Verhältnisse des Kohlenbergbaues genau kennt, das Wort. Er zeigte, wie ohn⸗ mächtig unsere Gesellschaft den mächtigen Syn⸗ dikaten gegenübersteht, welche durch Ein⸗ schränkung der Produktion und aller⸗ hand sonstige Praktiken die Preise künstlich er⸗ höhen. Besonders wies er die thörichte Be⸗ hauptung zurück, daß die Bergarbeiterstreiks die Kohlentheuerung verschuldet hätten. Im Zwickauer Steinkohlenrevier, führte Sachse aus, war der Streik nur von kurzer Dauer, und Hunderte haben wegen der Theilnahme am Streik die Abkehr erhalten. Nicht also der Streik ist schuld, sondern eventuell der Mangel an Förderung, d. h. die Berg⸗ verwaltung, die die Leute aus Rache ablegte. Die massenhafte Ausfuhr deutscher Kohlen ins Ausland ist die hervor- ragendste Ursache der Kohlennoth und Kohlen- theuerung. Aus Sachsen sind ganz unge⸗ heuere Quantitäten über die deutsche Grenze gegangen. Die Steigerung der Löhne hält mit der der Kohlenpreise nicht Schritt. Redner weist dies ziffernmäßig nach und bemerkt, daß besonders die Hausbrandkohle durch die Preissteigerung betroffen wurde.— Auch der preußische Fiskus hat mit seinen Gruben horrende Geschäfte gemacht. Die Ge⸗ sammtüberschüsse betrugen 1899 über 20 Mil⸗ lionen Mark gegen etwa 9 Millionen in den Jahren 1895/96. Den größten Vortheil von der günstigen Lage der Kohlenwerke haben natürlich die Vorstände der Gruben. Herr v. Kardorff bezieht ein Gehalt von 27000 Mark als Aufsichtsrath der Laurahütte. Das Parla⸗ ment müsse auf die Regierung einwirken, daß die fiskalischen Gruben die Kohlen zu angemessenen Preisen lieferten und den Kohlenwucher nicht mitmachen. Aber dazu sei der Reichstag nicht zu haben. Redner schließt, wenn das Zentrum wirklich einer Kohlennoth vorbeugen und den Arbeitern bessere Lebensbedingungen schaffen will, müsse es mit für die Verstaatlichung der Kohlen⸗Bergwerke eintreten. Der sächsische Ministerialdirektor Fischer bestreitet, daß die sächsische Regierung nicht den Muth ge⸗ habt habe, gegen die Kohlenmagnaten vorzu⸗ gehen. Ausfuhrverbote hätte die Regierung nicht erlassen können.— Nach weiteren Aus⸗ führungen Gam p's Rp., des Polen Czar⸗ linski, sowie des eisinnigen Pachnicke wird die Debatte auf Freitag,. Nov., ver⸗ tagt, an welchem Tage sie zu Ende geführt wurde. Das Resultat der dreitägigen Debatte ist gleich Null. Von allen Seiten wurde zwar anerkannt, daß eine Kohlennoth besteht, daß einzelne Privatleute durch die unerhörte Preissteigerung Millionen verdient haben; aber von dem radikalen Heilmittel, diese Naturschätze der privaten Ausbeutung völlig zu entziehen, wollte außer unseren Genossen Niemand etwas wissen. Der Pelz sollte den Kohlensyndikaten eben gewaschen werden, ohne ihn naß zu end Die Regierung wollte überhaupt einen Nothstan nicht zugeben, sondern der Handelsm im z Brefeld meinte, die Preise würden von se ö bald zurückgehen. Und selbst der n Stephan sprach sich ähnlich aus, trotzdem 1 0 gerade das Zentrum durch seine Interpella 5 die ganze Debatte angeregt hatte. Wie W hatte doch Genosse v. Vollmar, als er 555 anderer Gelegenheit darauf hinwies, 7 5 1125 Zentrum Anträge stellen müsse, um seine Voltsr freundlichkeit zu zeigen, selbst wenn sein here nicht bei der Sache ist.— Hübsche Arbeiter⸗ freundlichkeit legte der Handelsminister Bre⸗
Gießen, Honntag, den 16. Dezember 1900.
feld an den Tag, indem er für alle Gruben und Fabrikanten das Recht der Streikklausel ge⸗ wahrt wissen wollte; er betrachte unter allen Umständen einen Streik als„höhere Gewalt“. Natürlich, die Herren haben als„Bediente der herrschenden Klassen“ die Verpflichtung, das Un⸗ ternehmerinteresse nach jeder Richtung hin zu wahren. Samstag fand keine Sitzung statt.
(Fortsetzung im Haupiblatt.)
Fünfter Parteitag der bayrischen 3ozialdemokratie.
In Fürth hielten am Sonntag und Montag die bayrischen Genossen ihren Parteitag ab. Es waren 89 Delegirte aus 50 Orten, außerdem 9 Mitglieder der Landtagsfraktion, sowie je ein Delegirter aus Baden und Coburg anwesend.— Den Bericht über die Thätigkeit des Landesvorstandes erstattet Abg. Scher m, der konstatirt, daß mit der neuen Organisations⸗ form die besten Resultate erzielt wurden. Nach lebhafter Diskussion des Berichtes beschloß man, daß in Zukunft der Ausschluß eines Genossen nur nach dem für die deutsche Ge⸗ sammtpartei geltenden Organisationsstatut ge⸗ regelt werden könne. Von Wichtigkeit ist der Beschluß, der endlich einmal vorschreibt, daß ein bestimmter Prozentsatz(20 Prozent) der bei den Gauverbänden eingehenden Gelder an die Par⸗ teikasse in Berlin abzuführen sind. Fer⸗ ner soll für 1902 ein Parteikalender her⸗ ausgegeben werden, die Höhe der Auflage soll von den Gauvorständen abgeschätzt werden.— Vollmar erstattete den parlamentari⸗ schen Bericht. Er weist auf die Vermehrung unserer Partei bei der letzten Landtagswahl hin und bespricht die Kompromisse mit dem Zen⸗ trum, die keine Kompromisse, sondern taktische Augenblicksverbindungen seien. Derartige Mit⸗ tel seien wohl gefährlich und um solche anzu⸗ wenden, müsse die Partei schon eine gewisse Stärke und Reife erlangt haben, um sich damit die Finger nicht zu verbrennen. Wir haben gezeigt, daß durch solche Mittel der Partei der größte Erfolg gesichert werden kann. Uebrigens sei dies das einzige Mittel, das uns zur Ver⸗ fügung steht, um uns die Vertretung zu sichern, die uns gebührt. Das liegt an dem reaktio⸗ nären Wahlgesetz, das uns zur Anwendung solcher Mittel zwingt.— Müller behandelt hierauf die Wahlrechtsfrage. Allgemein wird in der Diskussion eine bessere Bericht⸗ erstattung über die Landtagsthätigkeit verlangt, die vom Landesvorstand zugesagt wird. Nach einem Referate vom Abg. Ehrhardt über: Unsere Aufgabe in den Gemeinde⸗ vertretungen wird der Landesvorstand be⸗ auftragt, ein RKommunalprogramm aus⸗ zuarbeiten. Hierauf erfolgt Schluß des Partei⸗ tages mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie.
Arbeiterbewegung.
Die Differenzen in der„Leipz. Volkszeitung“ sind leider noch immer nicht beigelegt. Auch die stehengebliebenen und neu⸗ eingetretenen Mitglieder der„Gewerkschaft“ versenden ein Flugblatt, in demssie sich gegen den Vorwurf des Streikbruches vertheidigen und es für ihre parteigenössische Pflicht be⸗ zeichnen, das ungestörte Weitererscheinen des Leipziger Parteiorgans zu ermöglichen.— Das Korrespondenzblatt der Generalkom⸗ mission bemerkt:
„So bedauerlich es ist, daß von Seiten der Druckerei nicht Alles versucht wurde, um den Parteigenossen einen solchen Konflikt überhaupt zu ersparen, so wenig ist es zu rechtfertigen, eine Abwehraktion der bisherigen Arbeitskol⸗ legend urch Stehenbleiben illussorisch zu machen. Zum Allerwenigsten können die Rausreißer⸗ dienste Berliner Gewerkschaftsmitglieder durch den Mantel der Parteipflicht gedeckt werden. Ein Parteigebot, seine Arbeitskraft gerade einem Parteiunternehmen zur Verfügung zu stellen, existirt nicht. Wenn die gewerkschaftlich orga- nisirten Arbeiter schon in jedem Privatbetriebe bestrebt sind, den Unternehmer zu zwingen, sich den Arbeitsforderungen seiner Arbeiter anzu⸗ passen, so trifft dies in noch höherem Maße für
der Eintritts-, Arbeits- und Entlassungs⸗Be⸗
7. Jahrg.
dingungen in Frage kommt. Das Stehenbleiben der verbandsgegnerischen Setzer ist daher nicht anders zu bewerthen, als bei jedem anderen Parteiunternehmungen zu, soweit die Regelung Arbeitswilligen.“
Wir geben diese Aeußerung wieder, ohne uns mit derselben ganz einverstanden zu er⸗ klären.— Von der Geschäftsleitung der„Leipz. Volksztg.“ ist bisher noch keine weitere Erklä⸗ rung in dieser Sache erfolgt.
Krach im Hirsch⸗Dunkerschen Ge⸗ werkverein. Zwischen dem Ortsverbande Düsseldorf und dem Zentral rath des Gewerkvereins besteht schon seit Langem eine Spannung. Die Düsseldorfer Verbandsmit⸗ glieder hatten sich entschieden gegen die sonder⸗ bare Stellungnahme Dr. Hirsch's zum Straßen⸗ bahnerausstand im Landtag ausgesprochen, sie sind ferner nicht einverstanden mit der Aufrechterhaltung des bekannten Reverses, durch den Sozialdemokraten vom Gewerkverein ausgeschlossen sind, sie wünschen im Ganzen eine energischere Vertretung der Arbeiterinter⸗ essen seitens des Verbandes. Die Differenzen sind nun so weit gediehen, daß der Zentralrath in seiner Sitzung vom 29. November mit 26 gegen 4 Stimmen beschlossen hat, den Orts⸗ verein Düsseldorf aufzulösen.— Allzu tragisch werden die Düsseldorfer diesen Be⸗ schluß nicht aufnehmen; sie hatten schon vorher die Gründung eines eigenen Organs für das Rheinland angeregt, da sie mit der Haltung des Verbandsorgans längst nicht mehr einver⸗ standen waren.
Handschuhmacher. Eine Massenkündi⸗ gung der Handschuhmacher in Halbe r⸗ stadt erfolgt, weil die Gehilfen sich weigerten, mehr als zwei Lehrlinge auszubilden. Eine Handschuhmacher⸗Versammlung beschloß, den Kampf aufzunehmen. Alle Gehilfen, denen nicht gekündigt wurde werden nun selbst kündigen.
Von Nah und Fern.
Die neue Rheinbrücke bei Worms. ist vorige Woche feierlich eingeweiht und dem Betrieb übergeben worden. Ueber das Werk wird berichtet: Vom ersten Spatenstich bis zur Eröffnung sind 2 Jahre 6 Monate! Tage ver⸗ flossen. Die zweigeleisige eiserne Brücke über⸗ setzt den Strom mit drei Oeffnungen, zwei seit⸗ lichen von je 101,2 Meter und einer mittleren von 116,8 Meter Stützweite, und zwar in. Bogenfachwerken. Die ästhetische Wirkung der ganzen Konstruktion ist eine recht günstige. Kräf⸗ tige Steinthürme markiren die Zugänge. Das rechtsseitige Vorland zeigt 17 Oeffnungen von je 33 Meter lichter Weite, die durch 34 ein⸗ geleisige Fachwerke mit parallelen Gurtungen von 34,5 Meter Stützweite überdeckt sind. Die Brücke hat eine Gesammtlänge von Achse zu Achse der Endauflager gemessen, von 930,5 Mtr., also beinahe einen Kilometer. Beiderseits der zweigeleisigen Fahrbahn befinden sich durch, Geländer abgeschlossene Fußsteige außerhalb der Hauptträger. Der genehmigte Kostenanschlag schloß mit Mk. 3 495 000 ab; wirklich veraus⸗ gabt wurden, ausschließlich der staatlichen Ver⸗ waltungskosten für Bauleitung ꝛc. 3223 664,76. Mark, davon für die Pfeilerbauten 970 000 Mk. für die Eisenkonstruktion Mk. 1 963 846,86, an allgemeinen Kosten 289 818 Mk. Beiderseits namentlich zur Linken, waren große Anschüt⸗ tungen erforderlich, wozu das Material durch Baggerungen aus dem Rhein gewonnen wurde. Hinrichtung. Der Mörder Gönc zi, der seiner Zeit zwei Frauen, die„Gypsschulzen“ und ihre Tochter in Berlin ermordete, dann nach Brasilien ent⸗ floh, wo er nach zweijährigem Aufenthalt ent⸗ deckt, nach Deutschland gebracht und hier zum Tode verurtheilt wurde, ist am vorigen Frei⸗ tag im Strafgefängniß zu Plötzensee hinge⸗ richtet worden. Er betheuerte bis zum letzten Augenblick seine Unschuld. Ansehnliche Lohnerhöhung.
Das Gehalt des Mainzer Bischofs wurde in der Sitzung des Kirchenvorstandes der Diözese Mainz einstimmig von 13 700 Mk. auf 20 000 Mk. erhöht.— Ohne daß er nöthig hatte zu streiken, wurde diesem geistlichen Würdenträger der Lohn um 6300 Mk. erhöht. Besser kann man es wohl kaum haben, wenn einem bald nach Antritt eines solchen Amtes eine derartige Freude gemacht wird.
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