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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 38.

Die 1000 Taels. In der bürgerlichen Presse wird jetzt merk⸗ würdigerweise die Frage der kaiserlichen Beloh⸗

nung gar nicht mehr erwähnt; während man über Waldersees Reisevorbereitungen, sogar über

seine Wäschekäufe genau unterrichtet wurde, ver⸗ lautet gar nichts über die Vorarbeiten zur Ver⸗ theilung der vom Kaiser für die Rettung jedes Europäers aus Peking versprochenen 1000 Taels. Im Volke ist man aber wirklich allgemein ge⸗ spannt auf die Regelung dieser Angelegenheit.

Wirthschaftliche Folgen des Kreuzzeuges. Der ungünstige Einfluß der China⸗Wirren macht sich, wie der„Voss. Ztg.“ aus Erfurt geschrieben wird, ganz besonders in Mittel⸗ deutschland und Thüringen bemerkbar. Die sächsisch-thüringische Eisen⸗Maschinen⸗ und Mühlenbauindustrie, die Holzbearbeitungs⸗ fabriken, die Spezialfabriken von Waagen, Fil⸗ tereinrichtungen, hölzernen Riemen- und Seil⸗ scheiben, Radkämmen usw. leiden außerordent⸗ lich unter den wirthschaftlichen Folgen der Chi⸗ na⸗Wirren. Nicht nur stockt der Absatz nach dem eigentlichen China, sondern vor Allem nach Südasien und ganz besonders nach Indien. Letz⸗ teres richtete seit mehreren Jahren Reismühlen ein und bezog die maschinellen Einrichtungen vielfach aus Thüringen. Seit dem Ausbruche der Unruhen und Feindseligkeiten in China ist aber der Bau dieser Reismühlen gänzlich ein⸗ gestellt worden. Wie in Indien und Südasien der Bau von Reismühlen, so stockt in Japan der Bau von Zuckerfabriken, die ihre maschinellen Einrichtungen zu einem großen Theile aus der Halle Zeitzer Maschinenfabrik und anderen Werken in Mitteldeutschland erhielten. Ganz besonders schwer von den Chinawirren sind die Wilhelmshütte zu Saalfeld, das Thüringer Eisenwerk zu Mühlhausen, die v. Dreyseschen Werke in Sömmerda, Fabriken in Suhl, Ruhla, Gotha und anderen thüringischen Städten be⸗ troffen. Viele Etablissements haben ihren Be⸗ trieb eingeschränkt und einen Theil ihrer Ar⸗ beiter entlassen. Auch der Holzhandel wird da- durch ungünstig beeinflußt, da dieser, insbe⸗ sondere der Hartholzhandel, bedeutenden Ab⸗ satz bei Maschinenfabriken hat. Maul halten.

Jedenfalls infolge der Veröffentlichung der zahlreichen„Hunnenbriefe“ deutscher Soldaten in China, die von einer erschreckenden Verwilderung der Letzteren zeugten, ist den Soldaten, die mit dem jetzt eingetroffenem Transport von dort zurückgekehrt sind, dienst lich befohlen worden, in keiner Weise und gegen keine Personen sich über das in China Gesehene oder Be⸗ kantgewordene irgendwie aus zu⸗ lassen. Warum wohl? Man,zwar doch bisher nicht so schweigsam! Vielleicht schämt man sich der Hunnenthaten, was immerhin schon ein Fortschritt wäre.

Befohlene Begeisterung.

Zu dem jüngsten Kaiserbesuche in Stettin war die dortige Schutzmannschaft von Berlin aus mit mehr als hundert Mann verstärkt worden. Das so bewachte„Volk“ war vorschrifts— mäßig„begeistert“. Der Magistrat der Stadt hatte in einer öffentlichen Bekanntmachung die Einwohner aufgefordert, während der Anwesen— heit des Kaiserpaares zu illuminiren. Da⸗ bei wurde erklärt, daß unbemittelten Be⸗ wohnern auf Antrag die benöthigten Lichte für die Illumination unent⸗ geltlich zur Verfügung gestellt werden sollen. Hoffentlich hat nun Alles geklappt und die Majestäten den besten Eindruck vom treuen Stettin gewonnen.

Neue Liebesgaben für die Zuckerbarone.

Eine Ermäßigung der Fracht für Ausfuhrzucker ist vom preußischen Staats⸗ ministerium beschlossen worden. Also in einem Augenblick, wo die Vereinigung der Zuckerpro⸗ ducenzen den inländischen Konsumenten den Zucker in unverschämter Weise vertheuert, erleichtert die preußische Regierung noch diese Ausbeutung des Publikums, indem sie zu den hohen Aus⸗ fuhrprämien für Zucker nochbilligere Aus⸗ nahmefrachten für den ausgeführten Zucker bewilligt.

Auch ein Wahl, recht“.

Nach den jetzt ausgelegten Wählerlisten der wahlberechtigten Bürger der Stadt Essen wird die erste Wählerklasse von ganzen 3 Mann und zwar von den Herren Krupp, Dr. Ham⸗ macher und noch einem Kommerzienrath Beer gebildet, die zusammen 1567659 Mk. Steuern zahlen, gebildet. Die zweite Abtheilung umfaßt 401 Personen, die von 55 400 bis 1255 Mk. Gesamtsteuern zahlen. Die dritte Abtheilung zählt 18991 Wahlberechtigte. Da in der zweiten Abtheilung viele Krupp'sche Beamte und sonst unter Krupps Einfluß stehende Personen wählen, so ist hier die ganze Stadt⸗ verordnetenwahl die reine Farce. Krupp be⸗ stimmt; der Geldsack regiert.

Abgeblitzt.

Es ist bekannt, daß seit Monaten von dem Verband der Baugewerkstreibenden eine rege Agitation ausgeht, in ihren Verträgen mit Be⸗ hörden und Privaten die sogenannte Streik⸗ klausel einzuführen. Die Vertragsbestimmung will, daß bei allen Streiks oder Aussperrungen, einerlei ob sie von Arbeitern oder Unternehmern ausgehen, die Lie ferungszeiten für die Bauten um die Dauer des Streiks verlängert werden. Der Unternehmerverband hat sich be⸗ sondere Mühe gegeben, bei den Behörden diese Ansprüche durchzusetzen. Für den nächsten Monat⸗ haben die Herren des Baugewerbes ihren Ver⸗ bandstag nach Süddeutschland einberufen. Sie erstatten schon jetzt ihren vertraulichen Be⸗ richt über das Ergebniß ihrer Bemühungen.

Trotz der„strengen Vertraulichkeit“ ist der Vorwärts in der Lage, über das Ergebniß dieser Umfrage nähere Mittheilungen zu machen und theilt zahlreiche Antwortschreiben staatlicher und Gemeinde⸗Behörden mit. Viele bekunden zwar den Verlangen des Unternehmerthums gegenüber bereitwilliges Entgegenkommen, jedoch ist nicht eine einzige Behörde be⸗ dingungslos auf die Streikklausel einge⸗ gangen. Die Bemühungen der Herrn sind völlig fehlgeschlagen.

Unternehmer⸗Gemeinheit.

Einer unserer Gegner, von dem mon sagen kann, daß er der sozialdemokratischen Partei vorurtheilslos gegenüber steht und sich im Kampfe gegen dieselbe nur anständiger Mittel bedient, ist der wildliberale Abgeordnete Rösicke. Er hat seiner Toleranz wegen denn auch öfters An⸗ griffe von Seiten seiner Klassengenossen auszu⸗ halten. So wird er von dem Unternehmer⸗ organ:„Deutsche Bau⸗Industrie“ wegen seiner Betheiligung an Liebknechts Begräbniß in folgender schofeln Weise verdächtigt:

„Richard Rösicke, General⸗Direktor der Schul⸗ theiß⸗ und Tivoli⸗Brauerei Aktien⸗Gesellschast ꝛc. und Reichstags⸗Abgeordneter in Berlin, betheiligte fich an der Leichenfeier für den verstorbenen Sozialde⸗ mokraten Liebknecht, die nach dem allgemeinen Ur⸗ theil den Charakter einer sozialdemokratischen De⸗ monstration trug. Den unter Leitung Richard Rösickes stehenden Brauereibetrieben dürfte damit eine Mehrproduktion von mindestens 100, 0000 Hektoliter für das kommende Geschäftsjahr gesichert sein.“

Nach der Anschauung des Unternehmerthums muß eben jede Handlung des Einzelnen von Profitsucht diktirt sein.

Landarbeiterfutt er.

In dem Berliner Blatte„Die Welt am Montag“ hat Herr v. Gerlach kürzlich einen „amtlichen Küchenzettel der Ansiedelungskommission für Posen und Westpreußen“ mitgetheilt, d. h. eine Anweisung über die Beköstigung der länd⸗ lichen Arbeiter, welche von der Kommission beschäftigt werden. Danach soll es möglich sein, mit 40 Pfennigen täglich eine Person— wohlgemerkt einen angestrengt thätigen Landar⸗ beiter—„gut und ausreichend“ zu er⸗ nähren! Wenn die Leute nur dabei nicht noch

die Fettsucht bekommen! Fleisch soll es Mittags dreimal in der Woche geben, und zwar pro Person 100 Gramm, d. i. ein Fünftel Pfund. An solchen Tagen soll das Mittagessen im Ganzen pro Person 16,05 Pf. kosten, von den Tagen ohne Fleisch 12,05 Pf., ferner das Frühstück Morgens 2,05

Pf., das Abendessen 2,57 Pf., bezw. 3,21 Pf. Weiter heißt es in diesem Küchenzettel:

Der Verbrauch bezw. Bedarf an Salz und Gewürz stellt sich für den Tag und Kopf auf 40 Gramm Salz und 0,4 Pf. Gewürz, an Essig 3 bei Gerichten, für die Essig erforderlich ist— für den Kopf auf 0.4 Liter. Außerdem ist für den Kopf und Tag bis 1 Klgr. gleich 2 Pfund Brot, sowie 40 Gramm Schmalz und an den langen Arbeitstagen, für die eine Vesperpause zugestanden ist, noch eine Portion Kaffee zu ver⸗ abfolgen. An hohen Festtagen kann etwas mehr Fleisch zugetheilt werden. Dazu bemerkt das ge⸗ nannte Blatt noch:

Dieser Küchenzettel datirt vom 26. März 1900 und ist vom Präsidenten der Ansiedlungskommission an sämmt⸗ liche Gutsverwalter mit einer Verfügung geschickt worden. Schon am 3. März war derselbe Küchenzettel, nur etwas weniger spezialisirt, versandt worden. Daraufhin hatte eine Reihe von Gutsverwaltern Einspruch erhoben. Diese Männer, die mitten im praktischen Leben stehen, kennen einigermaßen die Bedürfnisse der Arbeiter. Die Einen von ihnen wenden ein,„daß die zu beköstigenden Leute gewöhnt seien, mehr Fleisch zu erhalten, als ihnen im Küchenzettel bewilligt würde, sie also mit der neuen Be⸗ köstigung nicht zufrieden seien und den Dienst verlassen würden.“ Darauf erwidert der Präsident, daß die Leute, die an 500 Gramm Fleisch wöchentlich gewöhnt seien, dies auch erhalten könnten. Die dadurch entstehenden Mehrkosten könnten ja„an den ausgesetzten Brot⸗ und Fettrationen eingespart werden“! Eine zweite Einwend⸗ ung der Gutsverwalter ging dahin, daß„eine Beköstigung in der angeordneten Weise überhaupt nicht möglich sei, und es beim Alten bleiben müsse“, worauf sich der Prä⸗ sident folgendermaßen vernehmen läßt:„Ich verlange, daß meine Verfügung strickte durchgeführt wird. Die Erfahrung hat gelehrt, daß es sehr wohl möglich ist, für den Durchschnittspreis von 40 Pfg. täglich, welchen der Küchenzettel vorsieht, einen erwachsenen Arbeiter gut und ausreichend zu beköstigen.“

So werden Leute in staatlichen Land⸗ wirthschaftsbetrieben verpflegt. Die Sträflinge unserer Gefängnisse dürften sich bald nicht viel schlechter stehen als die freien Arbeiter der königlich preußischen Ansiedlungskommission. Und es soll noch immer Leute geben, die sich über die„Leutenoth“ wundern.

Ju der Aufstellung solcher und ähnlicher Speisekarten— für den Arbeiter natürlich— haben sich übrigens schon früher auch andere Leute hervorgethan. Wir erinnern nur an die Sparrezepte des Herrn Kaplan Hitze— Mit⸗ glied des Reichstags— der in dieser Beziehung die Ansiedelungskommission noch übertrumpft. Er empfiehlt z. B. als Mittagsmahl für vier Er⸗ wachsene:

2 Pfund grüne Bohnen in Suppe 11 Pfg. 2 Pfund Kaxtoffern n. 2 Pfund fr. Schweinekno chens 4 Ferner: 33 Pig.

½ Pfund Gries in Super 5 Pfg. 5 Pfund Kartoffeln„„% 1 Liter Wurstbrühe. 1 28 Pfg.

Für Pfarrer und Kapläne hat dieser Speisezettel keine Gültigkeit.

Wieder ein sozialdemokratischer Pfarrer!

Ueber das Thema:„Kann ein Christ Sozialdemokrat sein?“ sprach in einer von unseren Parteigenossen in Danzig ein⸗ berufenen Versammlung Herr Konsistorial⸗ rath a. D. Frank. Der Vortragende bejahte die als Thema gestellte Frage und bemerkte einleitend:

Es ist wohl ein ungewohntes und seltsames Ding, daß ein Geistlicher, der 40 Jahre im Amte der Landeskirche gestanden hat und über 10 Jahre Mitglied des Kirchenregiments ge— wesen ist, in einer Versammlung der Sozial⸗ demokraten einen Vortrag hält. Es ist noch auffallender, daß eine große Schaar von Sozial⸗ demokraten sich einfindet, um zu hören, was ein solcher ihnen zu sagen hat. Meistens ge⸗ hen die zwei, die Sozialdemokraten und die Männer der Kirche, einander aus dem Wege, oder wo sie sich treffen, giebt es harte Worte und scharfe Ausfälle. Ich bin der Meinung, daß dieses Verhältniß nicht das richtige ist und nicht der Sachlage entspricht. Und eben diese Ueberzeugung hat mich bewogen, der freundlichen Aufforderung Ihrerseits nachzu⸗ kommen und über Sozialdemokratie und Christenthum zu Ihnen zu reden. Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß nur ein Mißverständniß

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