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um täg⸗ tlich bei ler Art.

Nr. 38.

Gießen, Sonntag, den 16. September 1900.

7. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Mitteldeutsche

Atags⸗Zeitun

Redaktionsschluf: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr⸗

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Zum Parteit age.

Zum elften Male seit dem Falle des Sozia⸗ listengesetzes werden sich an diesem Sonntag die gewählten Vertreter der deutschen Sozialdemo⸗ kratie zum Aurbeiterparlament in dem prächtigen Riesensaale der Mainzer Stadthalle vereinigen. Aus allen Enden des Reiches strömen sie herbei, um zu berathen und zugleich auch zu lernen, wie der Kampf gegen Unterdrückung, Ausbeutung und Knechtschaft, für Freiheit, Gerechtigkeit und Wohl- fahrt aller Menschen wirksamer zu gestalten und zu führen sei. Jeder Einzelne, der an den Berathungen theilnimmt, weiß, fühlt, daß es sich dabei um den Kampf für hohe Kultur⸗ ideale handelt, deshalb beherrscht Würde und Sachlichkeit die Verhandlungen. Platzen auch oft die Geister bei untergeordneten Fragen lebhaft aufeinander, in Bezug auf das Ziel herrscht volle Einmüthigkeit.

Ein reiches Arbeitsprogramm liegt vor. Wir sind überzeugt, es wird pünktlich erledigt werden, kein Punkt der Tagesordnung wird zu lang⸗ wierigen Auseinandersetzungen Veranlassung geben. Ueber die meisten der zur Entscheidung kommen⸗

den Fragen herrscht Uebereinstimmung in der

Partei, höchstens gehen bezüglich des Organisa tionsstatuts und der Frage der Betheiligung an den preußischen Landtagswahlen die Meinungen auseinander. Aber auch hierin wird sich leicht eine Verständigung erzielen lassen.

So wird auch die Tagung in Mainz Zeug⸗ niß ablegen von der inneren Geschlossenheit und der wachsenden Stärke der deutschen Sozialdemo⸗ kratie; es wird sich zeigen, daß der sozialistische Gedanken im Volke tiefe Wurzeln geschlagen hat. Der Sozialismus ist unüberwindlich.

Wir begrüßen herzlich die Vertreter der Partei, und wünschen ihren Arbeiten besten Fort⸗ gang zum Segen der gesammten Menschheit!

Die Aohlennceth.

Gegenwärtig werden fast alle anderen Sorgen durch die sich täglich steigernde und allen Kreisen immer fühlbarer werdende Kohle n noth zurückgedrängt. So lange nur die är meren Schichten der Bevölkerung darunter zu leiden hatten, hat man sich nicht groß aufgeregt, kein Mensch hat daran gedacht, etwa von Staats- wegen einzuschreiten. Die Kohlennoth hat aber immer größere Ausdehnung angenommen und der Winter wird die Verhältnisse noch weiter ver schlimmern.

Die industriellen Unternehmungen jeder Art, zum guten Theil auch die Landwirthschaft, kurz der ganze Besitz fängt an, die Kalamität zu fühlen, die die ärmeren Klassen schon lange er- tragen haben. Und nun auf einmal wissen auch die staatlichen Organe etwas von der Kohlennoth und nehmen Veranlassung, sich mit derselben zu beschäftigen. In verschiedenen Einzelstaaten sollen Berathungen der Ministerien stattgefunden haben und auch die Reichsregierung soll die Absicht haben, zu untersuchen, wie sich Hilfe bringen lasse.

Doch ist damit nicht geholfen und wir freuen uns, in dieser Frage Gleichgesinnte in hoch- konservativen Kreisen zu finden. DieKreuz- zeitung verlangt als Geringstes vom Staat ein Aus fuhrverbot für deutsche Kohlen und die agrarischeDeutsche Tageszeitung geht

noch einen kleinen Schritt weiter, sie verlangt Verstaatlichung der Kohlengruben! Da hätten wir uns mit einem Male getroffen. Die größten Feinde des Sozialismus treten für eine unserer Grund forderungen ein, sobald ihnen die Noth ernstlich an den Kragen geht. Wir brauchen keine Sorge um unser Endziel zu haben, wenn sich das Kapital erst soweit ver dichtet und verbunden haben wird, daß es sich so gemeingefährlich äußert, wie hier bei der Kohlenproduktion, dann werden die Leute der junkerlichenKreuzzeitung und der Knuten⸗ Oertel von derTageszeitung froh sein, wenn sie sich den Sozialisten anschließen dürfen. Hier bei der herrschenden Kohlennoth zeigt sich einmal unverhüllt die Gefahr, welche der Ge sammtheit von dem zusammengeschlossenen Ka pital droht. Die Kohlennoth ist keineswegs durch die Natur verschuldet.

Im Schooße der deutschen Erde sind reiche Kohlenlager vorhanden und an Arbeitskräften und Arbeitsmitteln zu deren Förderung ist keinerlei Mangel. Alle Welt ist darüber einig, daß nur der skrupellose Interessen-Egoismus der Kohlenbarone eine raffinirte, preistreibe rische Ausbeutung der Konsumenten ins Werk gesetzt hat.

Unser Genosse Otto Hue hat kürzlich in der Neuen Zeit ziffernmäßig nachgewiesen, wie stark das Rheinisch⸗Westfälische Kohlen-Syndi⸗ kat, diese von Mammons Gnaden mächtige Koa lition bald hätten wir gesagt Räuberbande die den deutschen Kohlenmarkt beherrscht, auf Grund ihres Vertrages mit den Zechen die För- derung geflissentlich hintertrieben und dafür ge⸗ sorgt hat, daß dieselbe den Bedarf nur noth dürftig zu decken vermag, um so das Angebot schwächer zu halten als die Nachfrage und an⸗ geblich wegenKohlenmangel die Preise höher und höher zu schrauben.

Erst auf die energischen Reklamationen der Oeffentlichkeit sah sich das Syndikat genöthigt, für die laufenden Monate des ersten Semesters dieses Jahres jede Förderungsbeschränkung auf- zuheben, was jedoch ein künstliches Zurückhalten des Verkaufs der Vorräthe keineswegs aus⸗ schließt.

Des weiteren wird den Kohlenbaronen vom Syndikat wie von den Zechen, die mit einander unter einer Decke spielen, vorgeworfen, daß sie, Patrioten, die sie sind, große Kohlenmengen ins Ausland liefern, natürlich in profitsüchtiger Absicht, unbekümmert um den inländischen Be darf. Man hat ihnen sogar nachgewiesen, daß sie in die ausländischen Konkurrenzgebiete die Kohle weit billiger liefern als den heimischen Konsumenten, die deutsche Kohle in das Ausland verschleudern und dafür die Inländischen tüchtig schröpfen. Genau wie die deutschen Zuckerbarone, die ja in England den Zucker auch um die Hälfte billiger verkaufen als in Deutschland.

Angesichts der wachsenden Verstimmung gegen das Syndikat innerhalb der Industriellen und Handelskammern hat sich dasselbe neuer dings veranlaßt gesehen, aus seiner protzigen Zugeknöpftheit herauszutreten, seine Hände

isäis Unschuld zu waschen und die Schuld auf die herrschendeKohlenangst zu schieben, die von den Händlern und außerhalb des Syndikats stehenden Zechen ausgenutzt wor den sei. Daß eine solche Kohlenangst bestand, ist richtig. Händler und Industrielle machten ganz enorme Bestellungen, um die voraussichtliche Preissteigerung nicht bezahlen zu brauchen. Aber diese Angst wurde ihnen großentheils von Kohlenblättern eingespritzt. Und es gehört eine starke Dosis Leichtgläubigkeit zu der Annahme,

die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 4312 a.) 33 ¼% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt.

dies sei gänzlich ohne Wissen und Willen des Syndikats geschehen.

Ueber die Riesenprofite, welche die Kohlen barone erzielen, giebt Hue folgende Ta⸗ belle, welche die typischen Dividenden(in Prozenten) nachbenannter Ruhrgrubengesell⸗ schaften in den Jahren 1894 bis 1899 zusammen⸗ tellt. 3. 20 f 1894 1895 1896 1897 1898 1899

Arenberger 35 40 50 0 65 75 Konkordia RWF¶aw 19 19 21 Konsolidat. 8 12 15 18 22 25 Gelsenkirchener 70 0 10 10 Harpener 6 8 9 10

6 5 Köln. Vergw.⸗Ver. 6 12 1% V König Wilhelm 5 5 12 15 1 20 Vorzugs⸗Aktien 10 10 17 20 20 28 Masener 2 4 4 6 9 Nordstern 4. 7 10 10 14 16

Man beachte die wenn auch nicht stetige Stei⸗ gerung dieser Dividendensätze innerhalb der sechs Jahre. Die höchste Dividende erzielte die erst⸗ genannte Gesellschaft mit 75 Prozent. Wenn der Geldverleiher sich mehr als 6 Prozent Zins zahlen läßt, so nennt man das Wucher, wo⸗ gegen eventuell der Strafrichter einschreitet! Wenn aber der Kohlenbaron für 100 Mark Kapi⸗ tal 175 Mark einstreicht, so ist dasehr⸗ licher Gewinn.

Die Kohle ist unserem Wirthschaftsleben so nöthig wie dem physischen Leben das tägliche Brod. Sie ist die unentbehrliche Speise der Dampfmaschinen und Lokomotiven wie der Oefen und Herde. Dank der bestehenden Gesellschafts⸗ ordnung sind ihre noch immer unerschöpf lichen Lorräthe im Alleinbesitz einer ka pi⸗ talistischen Minderheit, in deren Macht und Willkür es liegt, sie maßlos zu ver⸗ theuern, um immer tollere Profite zu er⸗ zielen, sozusagen eine künstliche Kohlen⸗ hungersnoth über das allgemeine Wirth⸗ schafts- und Privatleben zu verhängen.

Ogöttliche Weltordnung!heiliges Pri⸗ vateigenthum!

Politische Bundschau.

Der Reichstag

sollte, wie verschiedene Blätter berichteten, in Bälde einberufen werden. DieTägl. Rund⸗ schau, die dann und wann mit Regierungs- treisen in Verbindung steht, wollte sogar aus zuverlässiger Quelle wissen, daß die Einbe rufung des Reichstags auf den 16. Oktober vor⸗ gesehen sei. Jetzt kommt der Bülow-Offiziosus mit der Erklärung, daß die Einberufung der Volks⸗Vertretung auf keinen Fall im Oktober möglich sei, weil bis dahin die Kosten des heiligen Krieges noch nicht zusammenaddirt sein könnten. Dann betheuert er:

An den verfassungsmäßigen Rechten des Reichstags soll um keinen Preis gerüttelt werden dafür steht die Reichsregierung wie ein Mann ein. Wenn die Zeit gekommen ist, wird dem Reichstag volles Vertrauen entgegengebracht und klar Rechenschaft abgelegt werden.

Das heißt also, wenn die Steuergroschen ver pulvert sind und Niemand mehr einen rothen Pfennig zur Fortführung des asiatischen Aben teuers pumpt, wird dem Reichstag volles Ver trauen entgegengebracht und die Erlaubniß ge währt werden, die weiteren Mittel zur Durch führung der glorreichen Weltpolitik reichlich und prompt zu bewilligen. An diesem verfassungs⸗ mäßigen Rechte des Reichstages wird um keinen Preis gerüttelt werden bei Leibe nicht!