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Nr. 29.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 7.

Das Junftwesen. Von X. Y.

(Fortsetzung.)

Um den kolossalen Aufschwung zu verstehen, müssen wir bedenken, wie gering bevölkert Deutschland war. Ungeheuere Waldungen be deckten es noch in 1050. Die Stadt hat noch immer den Eindruck einer ländlichen Nieder⸗ lassung gemacht. Unter den Mauern eines königlichen oder bischöflichen Hofes lagen die Gutshöfe mit den Hütten der Handwerker, alle noch mit Stroh, Holz und Schindeln gedeckt; darüber Kirchen und Pfalzen mit gleicher Deckung, dazwischen Weinberge, Gärten, selbst Feld inner⸗ halb des Mauerrings. Das Land war fast wertlos. Allmählich gingen die Bürger zu Handel und Verkehr über. Stadtluft macht frei nach einem Jahr. Der Schultheiß drängte den königlichen Vogt bei Seite, sie gaben sich Bürgermeister. Es gab Pfalzstädte, Bischofs⸗ städte, Burgstädte, Landstädte. Ein neuer Stadt- adel war entftanden, unter dem die Zünfte standen und welcher letzteren die Meister liefecte. Die Zünfte standen noch außerhalb der Ge meinde, sie hatten an Rat- und Schöffen⸗ kollegien keinen Anteil. Darüber entstanden gewaltige Kämpfe von furchtbarer Grausamkeit Zunächst unterlagen die Zünfte, dann aber drangen sie mehr oder weniger durch. Sie be⸗ nutzten hier und da die Zwietracht der Patrizier. In Köln nötigten sie sogar letztere zum Ein⸗ tritt in die Zünfte. Allen voran die Weber. Als diese aber zu übermütig wurden, verbanden sich die übrigen Zünfte mit den Patriziern und es kam im November 1371 zu der fürchterlichen Weberschlacht, bei welcher 33 hingerichtet, 800 mit Weib und Kind der Stadt verwiesen wurden. Als dann daraufhin die Patrizier, wieder zur Macht gelangt, die Zünste zu unterdrücken suchten, überwältigten letztere die Verschworenen, ließen zwei hinrichten und die anderen festsetzen.

Die Zunft war also eine gewerbliche, in ge wissem Sinne sozialistisch gestaltete Vereinigung, eine Erwerbs genossenschast, verbunden mit Bei trittszwang. An einer bestimmten Zahl von Meistern wurde meistens nicht festgehalten. Zweck dieser Vereinigungen war, eine gleich mäßig gute Beschaffenheit der Waren bei geringer Massenerzeugung herbeizuführen. In Bethätigung dieser Bestrebung gelangte das Kunsthandwerk zu großer Blüte und entwickelte sich ein ehren⸗ fester, wohlhabender, seines Verdienstes sicherer Mittelstand. Neueintretende mußten sich unter Beobachtung allerhand Formeln mit den Prin- zipien der Genossenschaft einverstanden erklären, ihnen zuschwören. In Frankfurt z. B. lautete der beim Eintritt zu leistende Schwur:Lieb'

und Leid zu teilen, bei der Stadt und wo es

ohne Not geschehe. Keiner sollte die Arbeit übernehmen, die schon ein anderer übernommen habe, keiner dem anderen einen Knecht abspenstig machen.

II.

Die Wiedereinführung der Zünste wird von den kleinen Handwerkern, weil sie glauben, daß die Zunft sie vor der Konkurrenz der großen Kapitalisten schützen könne, die, ohne das Ge⸗

werbe gelernt zu haben, mit Hilfe ihres an⸗

geworbenen Personals sich der Produktion und des Verkaufs bemächtigen. Mit einem Wort: Der Schwache sucht Schutz vor dem Starken, und zu den Schutzmitteln rechnet er auch die Zunft oder Innung. Es hat auch eine Zeit gegeben, wo die Zunft das Anwachsen des Einzelnen über die Genossen verhinderte und den reichgewordenen Zunftangehörigen zwang, aus ihr auszutreten. Aber selbst der kühnste Träumer wird sich nicht einbilden, daß man der Zunft diese Form wiedergeben kann. Auch wollen unsere Zünftler die Zunft nicht in dieser Weise wieder einführen, sondern in der Form, wie sie in der letzten Zeit ihres Bestehens war, zur Zeit der Entartung und Erstarrung, als sie nur noch der kapitalistischen Erwerbssucht Einzelner diente. Doch auch diese Zeit kommt nicht wieder; diese schöne Zeit, wie sie die älteren Leute noch gesehen haben, wo die Zunftmitglieder niemand zur Auzübung ihres Handwerks zuließen, den

sie nicht wollten, wo die Gesellen zu langen, laugen Wanderjahren verpflichtet waren, um sie recht lange von dem selbständigen Betrieb fern⸗ zuhalten, wo man ganze Bevölkerungsklassen für unehrlich erklärte, um ihre Mulieder über⸗ haupt von dem Handwerksbetrieb ausschließen zu können. Diese späte Form, welche die Zunft angenommen hat, als ihre Blütezeit vorbei war, wollen unsere Zünftler wieder eingeführt haben, aber um des Himmels willen nicht die Zunft in ihrer ältesten und eigentlichen Form.

Die Zunst zu ihrer Blütezeit hat, wie schon vorher gezeigt, manches, was jetzt dem modernen Sozialismus angehört, vor allem die Ab- hängigkeit des Einzelnen von der Ge samtheit, die genossenschaftliche Regu⸗ lierung der Arbeitszeit und Beschaffung des Materials, die Gemeinsamkeit der Pro- duktion. Der Einzelne war der Gemeinschaft verpflichtet, er genoß aber auch ihren Schutz.

Der Geselle in der ältesten Zeit war der Genosse des Meisters, der Name besagt dieses schon, dennGeselle kommt von sala und bedeutet der Saalgenosse. Er ist dem Meister zugesellt; der Name Meister kam übrigens nur dem Vorsteher der Zunft zu. Das Lehrlingswesen spielte keine Rolle. Die ses Verhältnis zwischen Meistern und Gesellen nützte ersteren auch sonst. Denn die Zünfte hatten in der ältesten Zeit keinen Anteil an der Stadt⸗ verwaltung, diese war in den Händen derGe schlechter. Die Zünfte erstarkten allmählich und verlangten Anteil an der Stadtverwaltung, worüber es, wie schon bemerkt, in einzelnen Städten zu furchtbaren, blutigen Kämpfen kam. Die Gesellen halfen den Meiftern in den Straßen die Schlachten mit schlagen, wie sie zu Hause auch das Schicksal der Zunftgenossen teilten.

Das Verhältnis änderte sich aber allmählich; die Zünfte wurden kapitalistisch, der eine wurde reicher, der andere ärmer. Früher sah man darauf, daß die Zunft recht viele Mit⸗ glieder habe, jetzt suchte man recht viele draußen zu halten, um die Arbeit für sich kap talistisch auszubeuten. Der Zunftzwang erhielt eine andere Bedeutung. Früher mußte jeder, der ein Hand⸗ werk betreiben wollte, einer Zunft beitreten, man vervot ihm das Handwerk nur dann, wenn er nicht zünftig werden wollte. Auch jetzt mußte jeder der Zunft beitreten, wenn er das Hand⸗ werk betreiben wollte, aber man ließ nicht jeden zu, man verlangte ein Meisterstück von dem Bewerber, also einen Befähigungs- nachweis, sowieAbstammung von ehrlichen Leuten. Zuerst war der Zunftzwang ein Mittel, recht viele Genossen zu haben, dann recht wenig. Ferner trennten sich Meister und Geselle. Die Gesellen wurden zum wandernden Volt, sie hörten auf, Haus⸗ und Schicksals⸗ genossen zu sein, sie wohnten allerdings noch im Hause des Meisters, aber das Verhältnis wurde ein kühleres, sogar gegensätzliches.

Immer allgemeiner gelangte die Arbeits- teilung zur Einführung. Denn die Zünfte haben lange vor der Maschinenarbeit die Teilung der Arbeu besorgt: wer z. B. Handschuhe aus Leder machte, durfte an manchen Orten keine Sammethandschuhe anfertigen; die Schuhmacher zerfielen je nach Art und Material der Schuhe in verschiedene Abteilungen, ebenso die Schmiede u. s. w. Nun wachten die Zünftler ängstlich darüber, daß ihnen keiner in das Handwerk pfuschte. Es gab immerhin noch Handwerker, die, ohne zünftig gelernt und das Meisterrecht erworben zu haben, außerhalb der Zunft ihr Gewerbe betrieben. Man suchte ängstlich nach solchen Pfuschern, die manBöhnhasen nannte, weil sie sich aus Furcht vor den Ueberfällen der Zünftigen, die öfters solcheHaseniagden ab⸗ hielten, auf den Speicher, dieBöhn(Bühne) des Hauses zu verstecken pflegten.

Das Zunftwesen erstarrte und die Mitglieder der Zunft wurden so engherzig, daß jede gedeih⸗ liche wirtschaftliche Weiterentwickelung zur Un⸗ möglichkeit wurde. Schon im 18. Jahrhundert waren sie zu einem Hemmnis für die gewiß einfachen Lebensbedingungen der damaligen Ge⸗ sellschaft geworden und die ersten, die dieses

einsahen, an ihre Auflösung dachten, waren die preußischen Könige.

Es gab eine Zeit, wo die Zünfte sich der Stadt gegenüber verhielten wie gegenwärtig die Sozialdemokraten gegen die bürgerliche Gesell schaft. Der bürgerlichen Gesellschaft von damals, derStadt, derGemeinde, bestehend aus Kaufleuten Geschlechtern, standen drohend die Organisierten, d. h. die Zünfte, gegenüber. Nur hatten sie ursprünglich sich nicht selbst organisiert, sondern die unfreien Arbeiter waren bereits von den großen Herren organisiert worden, sie waren aber frei geworden und zur Macht gelangt nur durch ihre Organisation. Sie erzwangen sich die Zulassung zur Gemeinde, aber sie wurden dann von dieser doch nicht als vollbürtig behandelt, die Zünftler spielten eine traurige Rolle in ihrer Verbindung mit den Geschlechtern, dem Patriziat. Mit dieser traurigen Rolle befreundeten sie sich, und weil auch sie der kapitalistischen Selbstsucht anheimfielen, ver⸗ knöcherten sie in trauriger Weise.

Berichtigung. Im vorhergehenden Artikel in unserer letzten Nummer ist in der ersten Zeile des dritten Absatzes ein Fehler stehen geblieben. StattWesen

muß es dort heißen: Um das Werden der städtischen Einrichtungen zu verstehen ꝛc.

Sprüche zur Lebensweisheil.

Es giebt keinen Sklaven, der nicht von ehe⸗ maligen Hörigen, keinen König, der nicht von ehemaligen Sklaven abstammte, da ja der Zeit⸗ lauf und das Schicksal alle menschlichen Ver⸗ hältnisse durcheinander schüttelt und rüttelt.

Giordano Bruno. *

Es kommt eine Zeit, wo es deutlich hervor⸗ tritt, daß die duldende Unterwerfung größere Uebel hervorbringt, als die des Widerstandes sind; wo die Furcht selbst eine Art von Mut erzeugt; wo ein krampfhafter Ausdruck der Wut und Verzweiflung im Volke Tyrannen als War⸗ nung dienen sollte, die Geduld der Menschheit nicht auf eine zu vermessene Probe zu stellen.

Macaulay.

*

Ueb' immer Treu' und Redlichkeit, Die Worte sind ja schön;

Doch Untreu' und Unredlichkeit Wird dennoch fortbesteh'n.

Humoristisches. Einigkeit.

Einig seid Ihr über China, Mächte! Da ist keine, die nicht China mochte. *

Der Prozeßhausl. Bekannter:Was fangen Sie nun mit dem vielen Geld an, was Sie in der Lotterie gewonnrn haben, Huberbauer?

Huberbauer:Was werd' ich damit anfangen an Prozeß werd' ich anfangen!

*

Neugierde. Einem kleinen Jungen wurde gesagt, daß sein eben angelangtes Schwesterchen vom Himmel gekommen sei. Er betrachtete das Kind nachdenklich, dann flüsterte er ihm zu:Bitte, sag' uns doch gleich, wie es im Himmel aussieht, bevor Du es vergißt.

Neu eingelaufene Schriflen.

Besprechung wichtigerer Erscheinungen behalten wir uns vor

Von derNeuen Zeit(Stuttgart, Dietz' Verlag) ist soeben das 40. Heft des 18. Jahrgangs erschienen. Aus dem Inhalt heben wir hervor: Miquel. Die Neutralisierung der Gewerkschaften. Von K. Kautsky. Das Rheinisch⸗westfälische Kohlensyndikat. Von Otto Hué. Pariser Weltausstellung 1900. Von Dr. Felicie Nossig. Das Stimmrecht der Frauen in Schweden. Von Maria Cederschiöld. Die Betriebsunfälle von 1887 bis 1897. Von A. Winter. Litterarische Rund⸗ schau: Dr. Lazarus Schweiger, Philosophie der Geschichte, Völkerpsychologie und Soziologie in ihren gegenseiti zen Beziehungen. Korfiz-Holm, Arbeit. Feuilleton: Ent- stehung neuer Arten durch aktive Anpassung. Von Kurt Grottewitz.

Auch auf die im selben Verlage erscheinende Gleichheit, Zeitschrift für die Interessen der Ar⸗ beiterinnen, machen wir unsere Leserinnen wiederholt aufmerksam. DieGleichheit erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfg., durch die Post bezogen leingetragen in der Reichspost⸗Zeitungsliste für 1900 unter Nr. 3122) beträgt der Abonnementspreis

vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfg.; unter Kreuzband 85 Pfg.