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Nr. 29.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 5.
die„Volkswacht,“ als literarisches Meisterwerk ersten Ranges, das nie geschwindelt. Und das schwören wir bei dem gesunden Verstande des Grafen Pückler: wenn uns wieder mal Einer kommt, der unsern Hirschel der Ehrabschneiderei, Verleumdung oder ähnlicher Sachen bezichtigt, den werden wir..
Sozialpolitisches aus Offenbach.
Die Offenbacher Stadtverordneten⸗Versamm⸗ lung, in der bekanntlich unsere Genossen in der Mehrheit sind, genehmigte die Stelle eines Wohnunngs⸗Inspektors. Man hofft dadurch den Auswüchsen und Mißständen auf diesem Gebiete kräftig zu Leibe rücken zu können. — Auf Veranlassung der in Offenbach amtirenden Schulärzte wurden 2000 Mk. bewilligt, um kränklichen und schwächlichen Kindern während der Schulferien Beaufsichtigung und Be⸗ köstigung mit Milch und Brod zu gewähren.— Außerdem wurden noch 3000 Mk. bereitgestellt für Schulbäder der Knaben und Mädchen der Volksschulen, die iu einem dortigen Gesell⸗ schaftsbade eingerichtet werden sollen. Für später projektiert man die Einrichtung eines eigenen Schulbades von Seiten der Stadt. In einem
jetzt im Bau befindlichen Schulhause ist das erste
Schul bad mit vorgesehen. Auch die Errichtung einer kommunalen Apotheke steht demnächst für Offenbach bevor, da die Konzession seitens des Ministeriums ertheilt wird, wenn noch einiges Formelle seine Erledigung gefunden hat.
Gerechte Strafe.
Von den Niederräder Burschen, die am Himmelfahrtstag Morgen das scheußliche Sittlich— keitsverbrechen verübten, wurden vom Frankfurter Schwurgericht der Arbeiter Winterstein, sowie der Karl Kirsch zu 5 Jahren Zuchthaus und zehn jährigem Ehrverluste verurtheilt. Schriftsetzer Thoma erhielt 3 Jahre Gefängniß und 5 Jahre Ehrverlust; dessen Bruder wegen Diebstahls 6 Monate Gefängniß.
„Gebildete“ Rüpel.
Vorigen Samstag erschien bei dem Ober⸗ Bürgermeister in Mainz eine Deputation der technischen Hochschule in Darmstadt, um wegen der von den Darmstädter Studenten verübten Flegeleien Abbitte zu leisten. Die„feinen“ Herrchen benahmen sich bei der Rheinfahrt, die gelegentlich der Gutenbergfeier stattfand, auf dem Dampfer in einer Art, die aller Beschreibung spottet. Nachdem sie ungeheure Quantitäten Alkohol konsumirt hatten, belästigten sie mit⸗ reisende Damen in so unfläthiger Weise, daß sie schließlich mit Gewalt vom Schiff entfernt werden mußten.— Die Herren erlangten die Verzeihung des Festausschusses und der Stadtvertretung und damit ist die An⸗ gelegenheit erledigt. Mit Arbeitern, die sich Aehnliches hätten zu Schulden kommen lassen, wäre man wohl anders verfahren!
Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain.
St. Parteiversammlung. Am Sams⸗ tag, 7. Juli fand bei D. Jesberg eine öffent⸗ liche Parteiversammlung statt, welche, trotzdem viele Genossen sich am Gauturnfest in Kirchhain betheiligten einen recht stattlichen Besuch aufwies. Nach der üblichen Büreauwahl begrüßte der Vorsitzende, anstelle des abwesenden Vertrauens⸗ mannes, die Ver sammlung, speciell den Gen. Krumm⸗ Gießen, welcher statt des durch Krankheit verhinderten Gen. Beckmann ⸗Gießen das Reserat über das Thema„Weltpolitik“ über⸗ nommen hatte. Gen. Krumm entledigte sich seiner Aufgabe in geschickter Weise in ungefähr einstündiger Rede und erntete dafür lephaften Beifall der aufmerlsamen Zuhörer. Eine Dis⸗ lussion über das Referat wurde nicht gepflogen. — Nach kurzer Pause ging man zum zweiten Punkt der T.⸗O.„Partei⸗Organisation in Mar⸗ burg“ über. Der Vorsitzende bemerkte hierzu, daß in letzter Versammlung der Wunsch geäußert worden sei, wieder einen Wahlverein zu gründen, um dadurch unsere Bewegung zu fördern,
den Versammlungsbesuch zu heben usw. Verschie⸗ dene Redner traten aber energisch für Beibe⸗ haltung des jetzigen freien Organisationssystems ein, da bei einer ev. Gründung eines Wahlver⸗ eins viele Genossen demselben fern bleiben würden, um die Existens ihrer Familien nicht zu gefährden. Die Versammlung erklärte sich schließlich für die Beibehaltung des bestehenden Systems. Ein Antrag auf Erhöhung des halb— jährigen, freiwilligen Beitrags von 25 Pfg. auf 50 Pfg. wurde abgelehnt; viele Genossen ent— hielten sich der Abstimmung. Es soll aber zu⸗ künftig ein regerer Markenverkauf als seither stattfinden. Der Vorsitzende brachte nun die Agitation in unserem Kreise zur Sprache und beantragte eine neungliedrige Kommission zu bilden, welche sich der Aufgabe unterziehen soll, in nächster Zeit eine rührige Agitation, besonders auf dem Lande, zu entfalten. Die Bildung dieser Kommission soll eine freiwillige sein, und forderte er die Anwesenden auf, sich bei dem Vertrauensmann hierzu zu melden. Der Antrag wurde einstimmig angenommen. Sodann empfahl Vorsitzende auf die Tagesordnung der nächsten Versammlung„Lokalfrage“ zu setzen, da diese Frage hier nachgerade zu einer brennenden ge— worden sei. Auch versprach er, dem Wunsche mehrerer Genossen bereitwilligst entgegenkommend, eine Besprechung unserer kommunalen Angelegen⸗ heiten ebenfalls auf die T.⸗O. der nächsten Ver⸗ sammlung zu setzen, Gen. Abel erklärte sich bereit, das Referat hierüber zu übernehmen. Die nächste Bersammlung verspricht also, ebenso wie die letzte, wieder eine recht interessante zu werden; hoffentlich wird der Besuch auch ein recht zahl⸗ reicher sein. Der Vorsitzende wünschte alsdann die Meinung der Versammlung darüber zu hören, was mit dem vorhandenen Ueberschuß der Kol— portagekommission geschehen solle; es sei der Wunsch geäußert worden, den größten Teil dieses Geldes verzinslich anzulegen, um bei der nächsten Reichstagswahl Geldmittel bereit zu haben. Dieser Idee traten mehrere Genossen entschieden entgegen, betonend, daß es unsere Pflicht sei, den auf den Parteitagen und auch schon hierorts gefaßten Beschlüssen nachzukommen, wenigstens 10 Prozent unserer Reineinnahmen an den Partei⸗ vorstand abzuführen, dann hätten wir auch bei Wahlen und dergl. von dort Unterstützung zu er⸗ warten. Ebenso müßten nach Frankfurt Beiträge geleistet werden, der Rest könne dann für hiesige Bedürfnisse bereit gehalten werden. Hiermit war die Versammlung einverstanden. Nach Er⸗ ledigung einiger Internita wurde die Versamm⸗ lung gegen 12 Uhr mit einem kräftigen Hoch auf die Sozialdemokratie geschlossen.
Kleine Mitteilungen.
lter Sünder Der 1 jährige Lehrer Kurzrock von Altenhafungen wurde von der Strafkammer in Kassel wegen Sittlich⸗ keits vergehen, an Schulkindern begangen, zu 7 Monaten Gefängniß verurtheilt.
** Gerüsteinsturz. Während eines Ge⸗ witters stürzte in Schönberg infolge heftigen Sturmes das an der Kirche errichtete Gerüst um und traf den an der Kirche beschäftigten Stein⸗ hauer Wetzel aus Heppenheim so unglücklich, daß er sofort verstarb. Wetzel ist 46 Jahre alt und hinterläßt eine Frau und 6 Kinder. Ein aus Fehlheim gebürtiger Mann erhielt eine Verletzung am Kopfe, während die übrigen am Bau be⸗ schäftigten Arbeiter mit dem Schrecken davonkamen.
Arbeiterbewegung.
In Gießen dauert der Ausstand der Maurer noch immer fort.
Die Holzbildhauer in Mainz traten in eine Lohn bdewegung ein. Sie verlangen 9fündige Arbeitszeit, Einführung eines Minimal— lohnes von 24 Mk. und Anerkennung der Stellen— vermittelung.
1 Für beendigt wurde der Maurer streik in Wiesbaden erklärt. Die Forderungen der Arbeiter konnten hier nicht durchgesetzt werden.
Mit den Arbeitern des Gas werkes hat die Stadt Mainz eine Lohnerhöhung und
Festsetzung der Arbeitszeit auf 8 Stunden für Feuerarbeiter vereinbart. Bei der Verhandlung hierüber sprach sich in der Stadtverordneten- Sitzung der Stadtverordnete Dr. Rautert dahin aus, daß sich die Gasarbeiter eines unge⸗ zogenen Verhaltens und einer„Nötigung“ schuldig gemacht hätten, weil sie kurz vor dem Gutenberg⸗ feste in Streik eintraten. Demgegenüber bemerkt unser Mainzer Parteiorgan, daß die Gasarbeiter schon seit drei Jahren um Regelung ihrer Arbeitsverhältnisse gebeten haben nnd weist es entschieden zurück, wenn der erwähnte Dr. Rautert erkläre, die Arbeiter hätten nach dem Grundsatze„das Geld oder das Leben“ gehandelt. Natürlich, in den Augen der Bourgeois sind Arbeiterforderungen immer unberechtigt.— Auch die städtischen Metallarbeiter ver⸗ langen nunmehr eine Reduktion der Arbeitszeit auf 9 Stunden.
Maurer⸗Aussperrung in Frank⸗ furt a. M. Die Baufirma Ambrosius hat etwa 20 Maurern gekündigt und ausgesperrt, weil sie den bekannten Revers nicht unterschrieben, dem Maurerverband nicht mehr anzugehören. Auf die Nachricht von dieser Maßregel kündigten nun die übrigen Maurer, zirka 20-30, der Firma ihrerseits, so daß kein Verbandsmitglied bei derselben mehr in Arbeit steht. Eine gütliche Vermittelung, welche die hiesige Verbandsleitung anbot, wurde rundweg und kurz abgeschlagen. Zuzug ist streng fernzuhalten.
Hannover. Die hiesigen Maurer beschlossen mit 1185 gegen 80 Stimmen den so⸗ fortigen Streik. Die Gesellen verlangen einen Stundenlohn von 50 Pfg. gegen bisher empfangene 45 Pfg.
Eingesandt.
„Niemand kann zween Herren dienen“, heißt ein Bibelspruch, und dieser ist auch bei den Mitgliedern der Turngemeinde in Marburg angebracht. Und warum? Diese Frage soll in Nachstehendem beantwortet werden.
Wie setzt sich der Mitgliederbestand der Turngemeinde in Marburg zusammen? Da kann man sagen, daß er fast nur aus Arbeitern besteht und zwar aus Arbeitern, von denen viele gewerkschaftlich organisiert sind, einige in den Partei⸗Versammlungen das Wort führen. Nun frage ich: Ist es von Mitgliedern der Turngemeinde, die sich doch zum Teil zur Sozialdemokratie bekennen wollen, ehrlich gehandelt, wenn sie außer der sozialdemo⸗ kratischen Partei noch einem konservativen Turn⸗ verein angehören? Daß die Turngemeinde eine reaktio⸗ näre Vereinigung ist, geht schon daraus hervor, daß sie zum„Deutschen Turner⸗Bund“ gehört, welcher jahraus, jahrein über den„Arbeiter⸗Turner⸗Bund“ schimpft, ferner beteiligt sie sich an den„patriotischen“ Festen und Fest⸗ zügen und hilft mit„Hurra“ schreien. Da werden mir jetzt die Mitglieder antworten:„Ja, ich gehöre nur zur Turngemeinde, weil ich gerne turne“. Das ist aber nur eine Ausrede. Wenn ich Sozialdemokrat bin, und das will ein Teil der Mitglieder der Turngemeinde ja sein, und gerne turne, dann soge ich auch frei heraus, daß ich ein freier Turner sein will, mich zum„Arbeiter⸗Turner⸗ Bund“ bekenne und von jetzt ab in der Turn gemeinde dahin wirken werde, daß sie zu einem Arbeiter⸗Turnverein umgewandelt wird; und ich glaube, wenn das geschieht, wird sich die Mitgliederzahl verdoppeln, wenn nicht ver⸗ dreifachen. Wollen die Mitglieder aber nicht dahin wirken, dann mögen sie ruhig bleiben, wo sie sind, aver auch unseren Partei⸗Versammlungen fern bleiben. Denn für solche„Genossen“, die heute Sozialdemokraten sein wollen und morgen konservativ, wird sich die sozialdemo⸗ kratische Partei bestens bedanken.
Die letzte Partei⸗Versammlung legt ein gutes Zeugnis ab davon, daß es auch ohne die Mitglieder der Turn⸗ gemeinde geht. Die„Genossen“ der Turngemeinde waren nämlich auf dem Gauturnfest in Kirchhain und schrieen feste„Hurra“. Wollen die Mitglieder der Turngemeinde aber Sozialdemokraten bleiben, dann mögen sie letz' ere in einen Arbeiter⸗Turnverein umwandeln und die Arbeiter- bewegung in Marburg ist ein gutes Stück vorwärts ge⸗ kommen, und unsere Gegner werden Achtung vor uns haben. Frei Heil! R.
Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 14. Juli: Gießen. Wahlverein abends ½9 Uhr bei Orb'ig. Gießen. Metallarbeiter abends 9 Uhr bei Ocbig. Gießen. Holzarbeiter abends 9 Uhr bei Löb, „Wiener Hof“. Heuchelheim. Arb ⸗Bild.⸗Verein abends 9 Uhr bei J. v faff Versammlung. Montag, 16. Juli: Gießen. Schneider abends 9 Uhr bei Orbig. Dienstag, 17. Juli: Gießen. Kartellsitzung abends ½9 Uhr bei Orbig.
Briefkasten der Expedition.
Quittungen in nächster Nummer.
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