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Nr. 29.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 3.
wahl im Jahre 1898 erhielt unser Genosse 4159, die gesamten Gegner 10573 Stimmen. Ein Sieg unseres Genossen ist natürlich ausgeschlossen, da in der Stichwahl, die am 16. Juli stattfindet, sich voraussichtlich alle gegnerischen Stimmen auf den nationalliberalen Kandidaten vereinigen werden. *
Auch im Kreise Hofgeismar-Rinteln hat infolge der Mandatsniederlegung des Antisemiten Vielhaben eine Ersatzwahl stattzufinden. Als Nachfolger Vielhabens, der 1898 mit 6035 Stimmen im ersten Wahlgange gewählt wurde, haben die Antisemiten oder vielmehr hat Herr Liebermann v. Sonnenberg im Verein mit einem Dutzend Parteiführern den Fabrik⸗ besitzer Vogel aus Oberweiler(bei Lörrach i. B.) bestimmt. Das Vorgehen Liebermanns hat zum Krach in der antisemitischen Partei geführt. Die „Deutsche Wacht“ des Herrn Zimmermann er⸗ klärt nämlich, daß sie„diese von Herrn v. Lieber⸗ mann betriebene Aufstellung“ bedauert und daß für sie jede Empfehlung der Kandidatur aus⸗ geschlossen sei. f
Im Jahre 1894 veröffentlichte nämlich Herr Vogel in den„Deutsch⸗sozialen Blättern“, auch einem antisemitischen Blatt, verschiedene Artikel, in denen ein Herr Welcker, damals Redakteur der„Deutschen Wacht“ und Reichstagskandidat der Antisemiten im Jahre 1898, der ehren— rührigsten Dinge bezichtigt wurde. Das hat zwar Herrn Welcker in der antisemitischen Partei keinen Abbruch gethan, aber auch Herr Vogel hat seine Freunde behalten.— Die Konser⸗ vativen, die bei der letzten Wahl mit den Anti⸗ semiten stimmten, haben diesmal ihren eigenen Kandidaten aufgestellt, sodaß der Sieg des Anti⸗ semiten im ersten Wahlgange ausgeschlossen ist.
Für unsere Partei sind 1898 zirka 3000 Stimmen abgegeben worden und es ist sehr möglich, daß unser Kandidat, Genosse Garbe in Cassel, in die Stichwahl gelangt.
*
Ferner ist durch die Beförderung des national⸗ liberalen Abg. Dr. Heiligenstadt eine Neu⸗ wahl im Kreise Wanzleben(6. Magdeburg) notwendig geworden. Der bisherige Inhaber des Mandats wurde 1898 in der Stichwahl mit 8870 Stimmen gegen 6974 unseres Ge⸗ nossen Gerlach gewählt, nachdem in der Haupt⸗ wahl 7151 nationalliberale, 6409 sozialdemo⸗ kratische, 2050 Stimmen der Freis Vereinigung und 70 Zentrumsstimmen abgegeben waren. Unsere Genossen werden mit größtem Eifer in die Wahlbewegung eintceten.
Eine weitere Ersatzwahl steht im Kreise Westhavelland bevor. Das Mandat des konservativen Landrats v. Loebell ist wegen amtlicher Wahlbeeinflussung für ungültig erklärt worden, und hier ist für unsere Genossen alle Aussicht vorhanden, den Kreis, den wir schon einmal erobert hatten, wieder zurückzugewinnen. Der Landrat siegte 1898 in der Stichwahl mit nur 160 Stimmen Mehrheit, sein Mandat ver⸗ dankte er dem schofeln Verhalten der Freisinnigen.
Die japanische Sozialdemokratie,
die in der letzten Zeit bedeutende Fortschritte gemacht hat, wird, wie unser Zentralorgan meldet, ebenfalls auf dem Pariser internationalen Arbeiterkongresse vertreten sein. Genosse Murai, der Generalsekretär der sozialistischen Arbeitervereine Japans, ist auf der Reise nach Paris zum Kongreß in San Francisco (Nordamerika) eingetroffen. Er spricht fließend englisch und wird in den Vereinigten Staaten verschiedene Vorträge über die Bewegung in Ivpan halten. Schon zu dem letzten(Londoner) internationalen Kongresse wurde die Beteiligung de japanischen Sozialdemokratie gemeldet; soviel wer wissen, war dieselbe damals aber nicht ver⸗ treten.
Der Krieg mit China. Ueber das Schicksal der Europäer in Peking schwebt noch immer Dunkel. Auf die Nachrichten von der Ermordung aller Fremden und
Einäscherung der Gesandtschaftsgebäude folgten andere, aus chinesischer Quelle stammende, welche berichten, daß alle Fremden in Peking wohlbehalten seien. Diesen wird hinzugefügt, daß der Prinz Tsching mit seiner Armee die Gesandischaften gegen den Prinzen Tuan und die Boxer schütze.— Ebenso bedarf die Nach- richt, daß der Kaiser und die Kaiserin-Witwe ermordet oder zum Selbstmord gezwungen wurden, noch der Bestätigung.—
Gegen Peking kann vorläufig nichts unter⸗ nommen werden. Es bleibt den internationalen Truppen nichts anderes übrig, als gute Witte— rung abzuwarten. Man befindet sich augenblick— lich in vollständiger Regenzeit, es ist keine Mög⸗ lichkeit, durch den Morast, der während dieser Zeit das Thal zwischen Tientsin und Peking erfüllt, irgendwelchen Transport von Truppen, Geschützen oder Gepäck zu bewerkstelligen.
Ueber die Kämpfe um Tientsin berichtet der Chef des deutschen Kreuzergeschwaders aus Taku: Tientsin wird täglich aus den Befestigungen des Arsenals im Westen, den Batterien im Norden und dem Fort in der Chinesenstadt be⸗ schossen; die häufigen Angriffe auf die Fremdenniederlassungen sind bisher, meist unter schweren Verlusten der Chi- nesen abgewiesen worden. Unsere Truppen hatten keine, die der übrigen Nationen nur geringe Verluste. Ein amerikanischer Transportdampfer mit 1200 Mann und ein französischer mit 1400 Mann und einer Feldbatterie sind eingetroffen.
Londoner Abendblätter vom 9. Juli berichten aus Tientsin unter dem 6. Juli: Die Chinesen machten heute früh einen erneuten heftigen Angriff. Die Verbündeten antworteten mit dem Feuer dreier Zwölspfünder vom Kriegsschiff Terrible und zwangen die Chinesen nach einem siebenstündigen Kampfe, sich zurück- zuziehen.
Ueber die Haltung der Mächte ver⸗ lautet, sämtliche Mächte wollten Japan freie Hand lassen, indessen Rußland, Frankreich und Deutschland, jene Mächte, die nach dem chinksisch⸗japanischen Kriege ihr Gewicht in die Wagschale legten, seien dagegen.
Japan ist, wie die Dinge einmal liegen, der einzige Staat, der rasche Hilfe bringen kann; Hilfe nicht für Peking, vielleicht aber für Tientsin oder für jenen Ort, in welchem sich die vereinigten Truppen nach ihrem voraussichtlichen Rückzug von Tientsin verschanzen werden.
Die Vereinigten Staaten lassen durch ihre Gesandten den übrigen Mächten erklären: Die Regierung der Vereinigten Staaten erkennt das Vorhandensein des Kriegszustandes nicht an; sie hat Truppen und Schiffe nicht entsandt, um gegen China Krieg zu führen, sondenn um nach den amerikanischen Bürgern und ihren Interessen zu sehen, die gesetzmäßige Regierung zu unter⸗ stützen, die Ordnung herzustellen und aufrecht zu erhalten und nach Wiederherstellung des Friedens wieder fortzugehen.
Die Vereinigten Staaten sagen ab. Sie wollen den Rache⸗ und Eroberungskrieg nicht mitmachen.—
Die deutschen Panzer schiffe haben am Sonn⸗ tag den Hafen von Kiel verlassen und werden in ca. 40 Tagen in den chinesischen Gewässern eintreffen.
Der Krieg in Südafrika.
Nachrichten aus den südafrikanischen Bergen sind wenig eingelaufen. Die Buren setzen den Kleinkrieg fort. Es gelang ihnen, wie eine in London eingelaufene Depesche Lord Robert's meldet, den General Rundle und einige Offfziere gefangen zu nehmen. Ueber weitere Kämpfe wird berichtet:
Am 4. Juli machten die Buren einen ver⸗ zweifelten Versuch, Ficksburg wieder zu besetzen. Um Mitternacht fand ein heftiges Gefecht statt, das stundenlang dauerte; auch bei Senekal wurde gekämpft.
General Hutton wurde in Heilbron von einer großen Anzahl Buren angegriffen. Es gelang
ihm, sie ohne große Schwierigkeiten zurückzu⸗ schlagen.
Nach einer Meldung aus Pretoria vom 8. Juli machten die Buren einen erfolglosen Angriff auf die britische Eskorte zwischen Standarton und Heidelberg. Der Feind griff den Obersten Mahon in der Nähe von Spring an. General Hutton traf mit Verstärkungen ein und trieb die Buren zurück. Eine Patrouille vom 7. Dragonerregiment hatte ein Geplänkel mit dem Feind. Die Buren sind sehr rührig in der Umgebung von Rustenberg.
Der Staatssekretär des Oranje-Freistaats Blignant nebst einigen anderen Mitgliedern der Regierung soll sich ergeben haben. Präsident Stejn, der sich in die Berge geflüchtet hätte, soll aufgefordert werden sich zu ergeben.— Präsident Krüger hat erklärt, der Kampf werde fortgesetzt, solange noch 500 Buren am Leben blieben; es werde den Engländern nie gelingen, das Burenvolk zu unterdrücken.
Die Burengesandten sind gestern in Paris mit Jubel empfangen worden. Ueber 20000 Personen waren auf dem Bahnhofe versammelt. Die nationalistische Jugend war mit ihrer Fahne erschienen. Zahlreiche Personen warfen den Dele⸗ gierten Blumeasträuße in den Wagen. In der Amsterdamer Straße forderte die Menge einen Hauseigentümer auf, eine englische Fahne zu entfernen. Hochrufe auf die Buren und auf Krüger wurden fortwährend ausgebracht. Die Menge drängte sich an den Wagen heran und drückte den Burendelegierten die Hände.
Bessiseher Landtag. Zweite Kammer.
Am Donnerstag, den 5. Juli, trat die Kammer zu einer voraussichtlich nur kurzen Tagung zusammen.
Einer der wichtigsten Beratun sgegenstände bildet der Gesetzentwurf betreffend die Gehälter der Volks⸗ schullehrer.
Nachdem die Wahl des Abg. Schubart für den Kreis Beerfelden Hirschhorn-Wimpffen für gültig erklärt und die Regierungsvorlage betr. die Verwendung der Uebe: schüsse aus den Eintritts- und Studiengeidern bei der Technischen Hochschure aus den Etatsjahren 1898 bis 1901 im Betrage von 42 320 Mk. angenommen war, wird in die Beratung dieses Gesetzentwurfs eingetreten. In dieser Sache hat die zweite Kammer bereits beschlossen, und zwar wurde am 31. Mai der Antrag Backes ein⸗ stimmig angenommen, dessen Skala um 277 100 Mk. über die Regierungsforderung hinausging.(Siehe Nr. 24 der M. S.⸗Ztg) Die erste Kammer hat diesem Be⸗ schlusse nicht zugestimmt und so mußte hierüber nochmals verhandelt werden. Die Verhandlung bot Vieles des Interessanten.
Namens des Finanzausschusses, der die Vorlage vor der Plenarsitzung nochmals beraten hat, giebt Abg. Möllinger die Erklärung ab, daß selbiger empfiehlt, auf dem früheren Standpunkt stehen zu bleiben und den Antrag Backks hoch zu halten.
Abg. Schmeel erklärt, daß er und seine national⸗ liberalen Parteigenossen keine Veranlassung haben, von dem früheren Beschluß abzugehen. Um jedoch die Er⸗ klärung des Ministers, daß die Finanzlage augenblicklich eine so schwierige sei, näher zu prüfen, bittet er um eine kurze Vertagung des Hauses, in die hierauf eingetreten wird.—
Abg. Ulrich betont nach der Pause, er warne dringend vor Nachgiebigkeit, die er tief bedauern würde. Es komme ihm so vor, als ob der Antrag Molthan nur bestellte Arbeit sei, denn man ersehe jetzt, daß bereits der erste Regierungsentwurf so weit wie dieser gehe. Man könue jetzt nicht mehr zurück und müsse den Lehrern Rechnung tragen. Für die oberen Schulen sei hinreichend gesorgt, deshalb stehe er auf dem Stand⸗ punkt, für die unteren Volksklassen das Geforderte zu bewilligen. Man möge ruhig das Gesetz scheilern lassen und auf dem bisherigen Beschluß stehen bleiben. Die Regierung werde dann schon gezwungen sein, die gewünschten Forderungen zu bewilligen.
Abg. Molthan weist den Ulrichschen Vorwurf der bestellten Arbeit zurück. Er sucht seinen Umfall mit dem Hinweis auf die bestimmte Erklärung der Regierung, welche den Beschluß der Kammer für unannehmbar er⸗ klärt hate, zu beschönigen. Um das Gesetz nicht zu Fall zu bringen, hätten sich seine Parteifreunde auf seinen Antrag verständigt. Ministerialrat Eisenhuth tritt für den Antrag Molthan ein. Bleibe man bei dem ersten Beschluß, so erweise man den Lehrern einen schlechten
Dienst.
Die Beratung wird am 6. Juli fortgesetzt. Vorher bewilligt die Kammer die Regierungsforderung von 50 000 Mark für Anbohrung neuer Salzquellen in Bad Salzhausen.
Abg. Schmidt verwahrt nochmals seine Partei⸗ genossen dagegen, mit dem Antrag Molthan bestellte Regierungsarbeit verrichtet zu haben. Er werde gern für den Antrag Backes stimmen, wenn— die Regierung dafür wäre!


